Kapitel 117 - Grau

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„Willkommen bei ‚Kings Speech‘. Hier ist wieder eure Lena.“ Die Stimme klang vertraut und selbstbewusst aus den kleinen Lautsprechern. „Heute haben wir endlich die lang erwartete Folge über Saint Veronika für euch. Die Stadt von Talon – der grauen Rächerin.“ Theresa hörte aufmerksam zu. „Doch das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der Talon noch als Barnowl unterwegs war. Und damals sorgte vor allem eine andere Gestalt für Schlagzeilen: der Dämon von Saint Veronika, Nitechore. Monatelang hat er Gegner nach Gegner ausgeschaltet und sie am Ende alle ins Gefängnis gebracht.“

Eine kurze Pause folgte, als würde Lena bewusst Spannung aufbauen.

„Doch sein letzter Kampf liegt inzwischen viereinhalb Jahre zurück. Damals besiegte er den Velvet King und sorgte dafür, dass dieser ins Gefängnis kam. Danach verschwand Nitechore einfach. Kein Abschied, kein Zeichen, nichts.“ Ihre Stimme wurde etwas ernster. „Seitdem hat sich die Stadt verändert. Saint Veronika ist heute in vier Gebiete aufgeteilt: die Rats, die Greens, die Snakes und die Velvets. Vier kriminelle Gruppierungen, die sich nach ihren jeweiligen Vorbildern benannt haben und mit kleineren Aktionen immer wieder für Chaos sorgen.“

„Als Reaktion darauf sind inzwischen acht offiziell lizenzierte Maverick-Heldenteams entstanden, die von großen Firmen finanziert werden. Sie sind professionell ausgerüstet und werden öffentlich gefeiert - zumindest auf dem Papier.“ Lena schnaubte hörbar. „Aber seien wir ehrlich: Diese neuen Helden reichen nicht an Talon und Nitechore heran, die die Stadt damals waren.“

Ein leises Lächeln huschte über Theresas Gesicht.

Sie saß auf dem flachen Dach eines Wohnhauses und ließ die Beine über die Kante baumeln. Vor ihr breitete sich Auburn aus, einer der ruhigeren Vororte von Saint Veronika. Die Dächer zogen sich in Reihen bis zum Horizont, nur unterbrochen von vereinzelten Straßenlaternen und dem fernen Schimmer der Innenstadt. Der Abendwind strich kühl über die Ziegel. Theresa hielt ein noch warmes Scharwarma in der Hand, biss genüsslich hinein und hörte weiter zu. Lena verstand ihr Handwerk. Sie wusste genau, wie man Geschichten erzählte, wie man Spannung aufbaute und Menschen in ihren Bann zog. Und Theresa musste zugeben, dass sie es durchaus genoss, in dieser Geschichte so gut davonzukommen.

Ein lauter Knall zerriss die Abendruhe. Zehn Straßen weiter blitzte es zwischen den Gebäuden auf und kurz darauf rollte eine Explosion durch die Häuserschluchten. Die Druckwelle hallte über die Dächer hinweg und ließ einige Fenster klirren. Eine Sekunde später folgten die Schreie. Theresa hielt inne. Sie stand am Rand des Daches und blickte in die Richtung der Explosion. Für einen Moment sah sie auf das angebissene Scharwarma in ihrer Hand. Dann seufzte sie leise.

Ohne Eile biss sie noch einmal ab, kaute kurz und ließ sich anschließend rückwärts über die Dachkante fallen.

Der Wind griff sofort nach ihr, als sie in die Tiefe stürzte. Während sie fiel, stopfte sie sich das letzte Stück Scharwarma in den Mund und schluckte hastig. Gleichzeitig aktivierte sie ihren Anzug. Die glatte, graue Maske schob sich lautlos über ihr Gesicht und versiegelte sich mit einem kurzen, kaum hörbaren Klicken. Dünne Energielinien flackerten über den Stoff, als die Systeme hochfuhren. Im nächsten Moment öffnete sich zwischen ihren Armen und ihrem Torso ein schimmerndes Energiefeld. Der Energiegleiter entfaltete sich.

Theresas Sturz verlangsamte sich abrupt und sie ging in einen gleitenden Flug über. Mit kleinen Bewegungen ihrer Arme lenkte sie sich durch die enge Gasse zwischen den Gebäuden. Immer wieder pulsierten kurze Energieschübe aus dem Anzug, die sie in der Luft hielten und ihre Höhe stabilisierten. So glitt sie weiter durch die dunklen Straßenschluchten, dem Rauch entgegen. Als sie die Stelle erreichte, senkte sie sich langsam zur Straße hinab. Der Asphalt lag unter einer dichten Rauchwolke verborgen. Graue Schwaden zogen zwischen den parkenden Autos hindurch und behinderten die Sicht.

Theresa landete lautlos.

Plötzlich wurde eine Gestalt aus dem Rauch geschleudert.

Eine junge Frau prallte einige Meter vor Theresa auf den Asphalt und rutschte über die Straße. Sie keuchte und versuchte sofort, sich wieder aufzurichten. Aus der Rauchwand hinter ihr tauchten mehrere Rats auf.

Sie bewegten sich schnell und zielgerichtet durch die grauen Schwaden. In ihren Händen hielten sie Energiegewehre, deren Läufe bereits auf das Mädchen gerichtet waren. Doch etwas fiel Theresa sofort auf: Die Männer trugen Einsatzmasken und kompakte Energieschilder an den Unterarmen.

So gut ausgerüstet hatte sie die Rats noch nie gesehen. Ohne zu zögern trat Theresa nach vorne und stellte sich zwischen die junge Frau und die Angreifer. Die Rats reagierten sofort. Mehrere grelle Energieschüsse zuckten durch den Rauch und trafen Theresa direkt. Die Einschläge blitzten über ihren grauen Anzug, doch statt sie zurückzuwerfen, zerstreuten sich die Schüsse in flackernden Energiewellen. Der Anzug absorbierte die Treffer und leitete sie über seine Oberfläche ab. Theresa bewegte sich keinen Schritt.

„Geh!“, sagte sie knapp, ohne den Blick von den Rats zu nehmen.

Hinter ihr kämpfte sich die Fremde langsam auf die Beine. Sie wirkte jung, vielleicht Anfang zwanzig. Sie trug ein schlichtes Outfit: einen übergroßen schwarzen Kapuzenpulli, eine enge Leggings und abgenutzte Sneaker. Über ihren Augen trug sie eine schmale Maske, die den oberen Teil ihres Gesichts verdeckte.

Für einen Moment sah sie Theresa an. Dann schnaubte sie.

„Ach, fuck it.“

Anstatt wegzulaufen, machte sie drei Schritte nach vorne, direkt an Theresa vorbei. Sie stellte die Füße fest auf den Boden, holte tief Luft und spannte den ganzen Körper an.

Dann schrie sie.

Der Laut war kein normaler Schrei. Eine sichtbare Druckwelle brach aus ihrem Mund hervor und raste durch die Gasse. Der Schall riss den Rauch auseinander, schleuderte Mülltonnen gegen die Wände und traf die Rats mit voller Wucht. Die Männer wurden mehrere Meter weit durch die Luft geschleudert, als hätten sie einen unsichtbaren Hammer getroffen. Ihre Energieschilder flackerten kurz auf, bevor sie zusammen mit ihren Trägern gegen den Boden und die Hauswände krachten. Als der Rauch sich wieder legte, bewegte sich keiner von ihnen mehr.

„Talon, Danke, dass du mir geholfen hast.“

Die junge Frau lächelte leicht, noch immer etwas außer Atem von dem Schrei.

Theresa drehte den Kopf zu ihr.

„Wer bist du?“

Die Fremde zuckte mit den Schultern, als wäre das keine besonders wichtige Frage. „Nenn mich einfach Howl“, sagte sie. Theresa musterte sie kurz. Der übergroße schwarze Kapuzenpulli hing locker an ihr und trotz der einfachen Kleidung wirkte sie nach dem Angriff erstaunlich ruhig.

Plötzlich knackte es in Theresas Ohr. Der Podcast „The King's Speech“, der noch immer über ihren Anzug lief, sprang wieder an. Ein kurzes Rauschen ging durch die Leitung, dann ertönte eine fremde Stimme.

„Hallo, Saint Veronika.“

Theresa aktivierte sofort den externen Lautsprecher ihres Anzugs, damit Howl mithören konnte. Die männliche Stimme klang ruhig, fast gelassen.

„Mein Name ist Hardline. Und ich werde diese Stadt übernehmen.“

Für einen Moment war nur das entfernte Knistern der Übertragung zu hören.

„Ihr hofft jetzt wahrscheinlich auf Nitechore, auf Talon oder auf die Mavericks“, fuhr Hardline fort. „Aber ich fürchte, nichts davon wird euch helfen. Nichts hat eine Chance gegen Hardline.“

Ein kurzes, kaltes Lachen folgte.

„Und nun zu etwas Persönlichem. Die süße Lena, meine Damen und Herren, wird mich jetzt an einen ganz besonderen Ort begleiten.“

Plötzlich brach die Übertragung ab.

Stattdessen waren Lenas panische Schreie zu hören, bevor das Signal wieder in statisches Rauschen überging. Theresa verengte die Augen.

Neben ihr spannte sich Howl sofort an. „Ich bin dabei“, sagte sie ohne zu zögern. Theresa nickte langsam.

„Hm“, murmelte sie, „dann sollten wir los.“


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