Kapitel 116 - Jahr 2312
Mit einem schrillen, unangenehmen Piepen entriegelte sich die schwere Gittertür am Ende des Sicherheitsgangs. Metall rieb über Metall, als sie langsam zur Seite glitt und den Weg freigab. Theresa trat hindurch, dicht gefolgt von Richard Corbin. Hinter ihnen fiel die Tür wieder ins Schloss, und das Echo des Mechanismus hallte durch den langen Korridor.
Der Gang war schmal und aus blankem Beton gebaut. Kaltes Neonlicht flackerte in regelmäßigen Abständen von der Decke herab und tauchte alles in ein blasses, fast kränkliches Weiß. Die Luft roch nach Reinigungsmitteln, Metall und der abgestandenen Schwere eines Ortes, an dem Menschen über lange Zeit eingeschlossen waren.
„Danke, dass Sie mich begleiten“, sagte Theresa, während sie nebeneinander den Gang entlanggingen.
Corbin schob die Hände in die Taschen seines Mantels und ließ ein breites Grinsen aufblitzen. „Deine Mutter hat mich sehr nett darum gebeten“, antwortete er mit einer Selbstverständlichkeit, die fast zu locker wirkte.
Theresa warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Meine Mutter ist verheiratet.“
Für einen Moment verlor Corbins Lächeln an Sicherheit. Er räusperte sich, hustete in den Kragen seines Oberteils und hob beschwichtigend eine Hand. „Ja, ich weiß“, murmelte er und versuchte, seine Miene wieder unter Kontrolle zu bringen.
Sie bogen um eine Ecke des Korridors, an der sich eine Reihe identischer Zellen aneinanderreihten. Jede Tür bestand aus dicken Metallstreben. Dahinter lagen kleine Räume, die kaum mehr als das Nötigste enthielten. Schließlich blieben sie stehen. Vor ihnen hing eine schlichte Metalltafel an der Wand. Darauf war eine Zahl eingeprägt, nüchtern und ohne jede Verzierung: einundvierzig. Einundvierzig.
Corbin blieb vor der schweren Zellentür stehen und zog einen kleinen Schlüsselbund aus der Tasche. Das Metall klirrte leise, während er den passenden Schlüssel suchte. Schließlich schob er ihn in das Schloss, drehte ihn mit einer geübten Bewegung und öffnete die Tür einen Spalt. Dann trat er zur Seite und hielt sie für Theresa auf.
„Bitte“, sagte er schlicht.
Theresa nickte ihm kurz zu und trat in die Zelle. Der Raum war klein und karg eingerichtet. An der Wand stand eine schmale Pritsche, daneben ein fest verschraubter Tisch aus grauem Metall und zwei einfache Stühle. Das Licht kam von einer einzelnen Lampe in der Decke, deren blasses Leuchten den Raum gleichmäßig ausfüllte, ohne ihm Wärme zu verleihen.
Samuel saß bereits an dem Tisch. Als sich die Tür öffnete, hob er den Kopf und blickte zur Tür. Für einen Moment sagten beide nichts. Theresa musterte ihn aufmerksam, während sie einige Schritte auf ihn zuging. Sein Bart war deutlich länger als früher, wuchs ungleichmäßig und war etwas zu wild, um noch gepflegt zu wirken.
„Rasieren ist nicht mehr dein Ding?“, fragte sie schließlich trocken.
Samuel stand langsam auf. In seinen Augen lag ein müdes Lächeln, das jedoch ehrlich wirkte. „Ich warte noch auf den richtigen Anlass“, antwortete er.
Theresa blieb einen Moment vor ihm stehen, dann trat sie vor und umarmte ihn fest. Für einen kurzen Augenblick verschwand die Enge der Zelle und beide hielten sich einfach nur fest, als wollten sie die verlorene Zeit wenigstens für diesen Moment überbrücken.
„Ich glaube, den haben wir in ein paar Wochen“, sagte Theresa leise, als sie sich wieder löste.
Samuel nickte, und sie setzten sich einander gegenüber an den Tisch.
„Ich habe dich vermisst, Samuel“, sagte Theresa schließlich.
Er hielt ihren Blick einen Moment lang fest, dann nickte er langsam. „Ich dich auch, Tessa.“ Der alte Spitzname klang vorsichtig.
Samuel griff nach dem Plastikbecher vor sich und nahm einen Schluck Wasser. Seine Finger ruhten noch einen Moment am Rand des Bechers, während er nach Worten suchte.
„Ich würde dir ja gern …“
Theresa hob sofort eine Hand und unterbrach ihn. „Ich weiß.“
Samuel lächelte schwach, als hätte er genau mit dieser Reaktion gerechnet. „Du und Eve“, setzte er trotzdem an, „ihr macht einen guten Job.“
Theresa lehnte sich etwas zurück und strich sich mit beiden Händen über die Unterarme – eine kleine, unruhige Bewegung, die verriet, dass sie sich unwohl fühlte.
„Ich habe meinen Sport aufgegeben“, sagte sie nach einem Moment. „Es wurde einfach zu viel.“
Samuel sah sie an und die Freude über das Wiedersehen wich für einen Moment einer spürbaren Traurigkeit. „Es tut mir leid“, sagte er ruhig. „Wirklich.“
Samuel schwieg einen Moment und ließ den Blick über die Oberfläche des Tisches wandern. Das Metall war übersät mit kleinen Kratzern und Kerben – Spuren von Jahren, in denen andere Gefangene hier gesessen, gewartet und ihre Ungeduld oder Frustration in das Material geritzt hatten. Gedankenverloren folgte er mit den Fingern einer dieser Macken, während sich ein nachdenklicher Ausdruck in seinem Gesicht festsetzte.
„Wieso eigentlich Talon?“, fragte er schließlich und sah Theresa wieder an.
Sie blinzelte kurz, als hätte sie die Frage nicht erwartet. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Ich habe ihn mir nicht ausgesucht“, erklärte sie ruhig. „Der Name ist irgendwann einfach entstanden. Die Leute haben angefangen, mich so zu nennen, und irgendwann blieb es dabei.“ Samuel hob eine Augenbraue.
Theresa grinste schief. „Und wenn wir ehrlich sind, klingt Talon auch einfach besser als Barnowl.“
Samuel musste leise lachen. Das Geräusch wirkte ungewohnt in der stillen Zelle, fast so, als hätte der Raum selbst vergessen, wie sich echtes Lachen anhört. Seine Hand strich weiter über die verkratzte Tischplatte, während er kurz über ihre Worte nachdachte. „So wie dein Outfit“, meinte er schließlich und nickte in ihre Richtung. Theresa lehnte sich etwas zurück und für einen Moment erschien ein stolzes Lächeln auf ihrem Gesicht. „Ja, mein Design“, sagte sie und richtete sich ein wenig auf. Dann stockte sie plötzlich.
„Ähm.“
Der Laut blieb einen Augenblick in der Luft hängen. Ihre Miene veränderte sich leicht, als würde sie überlegen, wie viel sie sagen sollte.
„Also“, setzte sie schließlich an, „wir haben alles vorbereitet. Genau deswegen bin ich hier.“
Samuel verstand sofort, was sie meinte, auch wenn sie es nicht vollständig aussprach.
Noch bevor einer von beiden etwas hinzufügen konnte, ertönte ein kurzer elektronischer Ton aus dem Gang. Das Signal war knapp und unmissverständlich. Besuchszeit beendet. Theresa und Samuel wechselten einen kurzen Blick. Beide wussten, dass ihnen keine Minute mehr blieb.
Samuel stand langsam auf. „Danke“, sagte er ruhig. „Ehrlich.“
Theresa trat zu ihm und umarmte ihn noch einmal fest. Für einen Moment schloss sie die Augen. Der vertraute Geruch seiner Kleidung – eine Mischung aus Seife, Metall und etwas, das einfach nur Samuel war – ließ Erinnerungen in ihr aufsteigen, die sie lange verdrängt hatte. Dann löste sie sich wieder. Ohne ein weiteres Wort ging sie zur Tür, trat hinaus in den Gang und ließ die Zelle hinter sich.
Sie saß bereits im Skidcar, als sich die Tür hinter ihr mit einem leisen Zischen schloss. Das Fahrzeug stand noch im Schatten der Betonmauern des Gefängniskomplexes. Draußen strich ein kalter Wind über den Parkplatz und trieb Staub in kleinen Spiralen über den Asphalt. Für einen Moment legte sie beide Hände auf das Lenkrad und atmete tief durch, als müsste sie erst wieder in die Welt draußen zurückfinden. Dann aktivierte sie das Bordpanel. Mit einer kurzen Bewegung wischte sie über die Konsole und startete den Podcast „Kings Speech“. Die Stimme der Moderatorin füllte sofort den Innenraum: ruhig, selbstsicher und mit jener Mischung aus Ironie und Ernst, die der Sendung ihre große Zuhörerschaft eingebracht hatte.
Der Podcast beschäftigte sich fast ausschließlich mit Mavericks und Irregulars, mit Helden, Vigilanten und all jenen Menschen, die sich irgendwo zwischen Gesetz und Rebellion bewegten.
„Heute wurden erneut zwei Irregulars verhaftet“, erklärte der Moderator. „Die Behörden bestätigten, dass in Viktoria die Vigilantin Redrevenge festgenommen wurde. Augenzeugen beschreiben sie als außergewöhnlich athletisch und äußerst effizient bei ihren Einsätzen. Ihre Aktionen richteten sich überwiegend gegen organisierte Kriminalität, doch das hat die Behörden offenbar nicht davon abgehalten, einzugreifen.“
Theresa startete den Motor. Das leise Summen des Antriebs vibrierte durch das Fahrzeug, während sie den Blick auf die Ausfahrt des Geländes richtete.
Die Stimme aus dem Lautsprecher sprach bereits weiter.
„Darüber hinaus wurde in Novoslavia eine weitere bekannte Irregularin verhaftet. Drove wurde gestellt, nachdem sie versucht hatte, einen lokalen Oligarchen mit einem Scharfschützengewehr zu erschießen. Laut ersten Berichten plante sie, das Vermögen ihres Ziels anschließend an verschiedene Organisationen der Unterschicht umzuleiten.“ Theresa schnaubte leise.
Sie ließ das Fahrzeug langsam vom Parkplatz rollen und lenkte es auf die Straße, während die Nachricht weiterlief, als wäre sie nur eine von vielen.
„Jeden Tag werden welche festgenommen“, murmelte sie vor sich hin.
Ihre Worte klangen nicht wütend, sondern müde. Der Verkehr war um diese Zeit noch ruhig und die Straßen der Stadt lagen in einem grauen Zwischenzustand – weder richtig belebt noch wirklich leer. Theresa fuhr einige Sekunden schweigend weiter, während die Moderatorin bereits zum nächsten Thema überging. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf.
„Wann war eigentlich der Tag, an dem alles so geworden ist?“, fragte sie sich leise.
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