Keystone Kapitel 3 - Eis

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Am nächsten Morgen hatte sich etwas verändert. Schon auf dem Weg durch die Gänge fiel es Kodai auf. Gespräche verstummten, sobald er näherkam. Die Schüler wichen ihm aus, manche machten einen Bogen um ihn und andere taten so, als hätten sie ihn nicht gesehen. Es gab keine offenen Blicke, keine Kommentare. Orin lief neben ihm her und musterte die Umgebung mit sichtlicher Genugtuung.

„Du hast die anderen mit deiner Kraft echt beeindruckt, Kodai“, sagte er leise, während sie sich durch die Menge bewegten. „So schnell hat hier lange niemand mehr für Ruhe gesorgt.“ Kodai schnaubte.

„Beeindruckt ist das falsche Wort“, erwiderte er. „Sie wissen nur nicht, wohin mit sich.“ Sie bogen um eine Ecke und waren außer Sichtweite der Hauptgänge. Kodai blieb abrupt stehen, packte Orin am Ärmel und zog ihn in eine kleine Abstellkammer. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem leisen Klicken. Der Raum war eng und roch nach Reinigungsmitteln und altem Metall. An den Wänden standen Stapel von Kisten, über ihnen flackerte ein schwaches Notlicht. Kodai beugte sich vor, seine Augen funkelten.

„Ich werde in der nächsten Nacht ins Lager einbrechen“, flüsterte er.

Orin riss die Augen auf.

„Was?“ Er blinzelte, dann schüttelte er den Kopf. „Bist du jetzt komplett ...“

„Hör zu“, unterbrach Kodai ihn. „Die haben irgendetwas gelagert. Etwas richtig Krasses. Ich habe es gehört. Das Zeug kommt von Terra.“

Orin wich einen Schritt zurück, seine Schuppen spannten sich leicht.

„Was … wieso … und warum sollte ich da mitmachen?“, stammelte er. „Das klingt nach einem verdammt schlechten Plan.“

Kodai ließ nicht locker.

„Ich muss mir das ansehen. Wenn ich weiß, was das ist, habe ich vielleicht endlich eine Möglichkeit, hier wegzukommen.“ Seine Stimme wurde leiser, aber auch entschlossener. „Und dann kann ich nach dem Keystone Rift suchen.“

Orins Blick senkte sich.

„Du jagst einem Hirngespinst nach“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang traurig, nicht vorwurfsvoll. „Es gibt einen Grund, warum du von allen gemobbt wirst, Kodai. Du willst immer zu weit hinaus.“

Kodai verdrehte die Augen.

„Das ist mir egal“, sagte er scharf. „Ich werde das Keystone Rift finden. Und dort werde ich einen perfekten Wohnort gründen. Für eine perfekte Gesellschaft.“ Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Wart es nur ab! Du kommst dann nach.“

Orin antwortete nicht sofort. Er sah Kodai lange an, als würde er etwas sagen wollen, das ihm selbst Angst machte. Kodai wusste es ohnehin. Orin würde nicht mitkommen. Das war ihm schon sehr lange klar.

Die Sterne warfen ein fahles, kaltes Licht in den Gang vor dem Lagerraum, das durch das transparente Deckenfeld sickerte und den Nachthimmel erhellte. Kodai bewegte sich ruhig darauf zu, seine Schritte leise, fast selbstverständlich, als hätte er diesen Weg schon unzählige Male im Kopf beschritten. Er legte die Hand auf die Klinke und drückte sie nach unten, doch sie rührte sich nicht. Die Tür war verschlossen. Einen Moment lang blieb er stehen, dann sammelte er seine Kraft, setzte sie gezielt ein und riss die Klinke mit einem dumpfen, metallischen Knacken ab, sodass das Schloss nachgab und sich die Tür knarrend öffnete.

Der Lagerraum dahinter war ein Widerspruch in sich. Für eine Organisation, die sich selbst als unfehlbar betrachtete, herrschte hier ein beinahe beschämendes Chaos. Kisten standen ungeordnet übereinander, offene Container versperrten die Wege, Kabel hingen lose von den Wänden und Warnmarkierungen waren halb abgerissen oder verblasst. Alles wirkte hastig verstaut.

Kodai ging langsam durch die Gänge und ließ seinen Blick über fremdartige Symbole, versiegelte Behälter und technische Vorrichtungen gleiten, deren Zweck sich ihm nicht sofort erschloss. Je weiter er vordrang, desto deutlicher wurde sein Gefühl, dass hier Dinge lagerten, die nicht für seine Augen bestimmt waren. Am Ende eines schmalen Ganges entdeckte er schließlich einen separaten Raum, dessen Tür zu seiner Überraschung offenstand. Gerade als er eintreten wollte, erklang hinter ihm eine ruhige, ihm vertraute Stimme.

„Manche Träume sollten gelebt werden, Kodai.“

Er drehte sich um und sah Tsok im Gang stehen: reglos und aufmerksam. Das schwache Licht hob die goldenen Linien in ihrer Obsidianhaut hervor. Sie wirkte weder überrascht noch alarmiert, sondern eher so, als hätte sie diesen Moment erwartet.

„Bitte mach weiter“, fügte sie mit einem leichten, beinahe amüsierten Unterton hinzu. 

Kodai brauchte einen Augenblick, um die Worte einzuordnen, dann sah er sie skeptisch an.

„Halten Sie mich also nicht auf?“, fragte er schließlich.

Tsok schüttelte langsam den Kopf und trat ein kleines Stück näher.

„Nicht jeder steht auf der Seite der Union“, sagte sie ruhig. „Und nicht jeder glaubt, dass Kontrolle gleich Sicherheit ist. Ich denke progressiver. Seien wir ehrlich, du wirst gleich abhauen. Ich will nur an dich appellieren.“

Ein schmales Lächeln huschte über Kodais Gesicht, doch es erreichte seine Augen nicht ganz.

„Warum sollte ich?“, entgegnete er. „Jedes Mal, wenn ich es getan habe, habe ich dafür bezahlt. Gewonnen habe ich nie etwas.“

Tsok ließ ihren Blick nicht von ihm.

„Weil der Mut, etwas erreichen zu wollen, essenziell für lebendige Wesen ist“, antwortete sie leise. „Nicht der Erfolg. Der Mut.“

Kodai sagte nichts mehr. Er wandte sich ab, trat über die Schwelle in den separaten Raum und ließ den Blick in die Dunkelheit dahinter gleiten.

Auch dieser Raum war bis unter die Decke mit Kisten gefüllt, die dicht an dicht standen. Dadurch wirkte der Ort beklemmend, als hätte man alles nur zwischengelagert, um es möglichst schnell aus dem Blick zu schaffen. Das schwache Licht der Deckenstreifen spiegelte sich auf den Metallflächen und ließ den Raum noch kälter wirken. Kodai bewegte sich langsam zwischen den Kisten hindurch, ließ den Blick über unmarkierte Deckel und fremde Verriegelungen gleiten, bis er schließlich vor einer unbeschrifteten Kiste stehen blieb. Nachdem er den Verschluss gelöst hatte, hob er den Deckel an und fand im Inneren eine metallene Kugel, glatt und vollkommen makellos. Er nahm sie vorsichtig in die Hand, wog sie einen Moment lang und drehte sie im Licht. Doch weder Symbole noch Nähte verrieten etwas über ihren Zweck, sodass er sie schließlich wieder zurücklegte und die Kiste schloss. Danach fiel sein Blick auf zwei besonders große Behälter, die hochkant an der Wand standen. Sie unterschieden sich deutlich von den übrigen Kisten, sowohl in ihrer Größe als auch in der Art, wie sie getrennt gelagert waren.

Als sich der Verschluss löste, entwich kalte Luft. Hinter einer dicken Glasscheibe offenbarte sich eine eingefrorene Frau. Sie stand aufrecht, war reglos und wirkte beinahe friedlich, als hätte man sie mitten aus einem Atemzug gerissen. Feine Frostmuster zogen sich über das Glas und Kodai spürte, wie ihm die Kehle trocken wurde, während er ungläubig auf das Gesicht hinter der Scheibe starrte.

Ein leises Fluchen entkam ihm, kaum mehr als ein Hauch, während er einen Schritt zurückwich und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Doch Neugier und Entsetzen trieben ihn weiter, sodass er auch die zweite Kiste öffnete, obwohl sein Körper sich bereits dagegen sträubte. Wieder Glas, wieder Kälte. Doch diesmal stand ein Mann hinter der Scheibe: eingefroren in einer angespannten Haltung, als hätte er im letzten Moment noch versucht, sich zu bewegen oder zu wehren. Der Anblick ließ Kodais Gleichgewicht schwanken. Er stolperte rückwärts, prallte gegen die zuvor geöffneten Kisten und stürzte zu Boden. Der Aufprall war schmerzhaft. Doch noch bevor er ihn vollständig wahrnehmen konnte, durchzuckte ein heftiges Gefühl seinen Körper, das sich unkontrolliert ausbreitete und seine Muskeln verkrampfen ließ. Sein Blick verschwamm, der Atem wurde stoßweise und schließlich begannen seine Glieder unwillkürlich zu zucken, während er die Kontrolle über seinen Körper verlor.


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