Keystone Kapitel 2 - Panorama

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Der Raum war still, beinahe zu still nach den Stunden in der Zelle. Er war irgendwann ohne Erklärung hierhergebracht worden, durch Gänge, die er nur verschwommen wahrgenommen hatte. Jetzt saß er auf einem schlichten Stuhl vor einem Schreibtisch aus dunklem Holz, die Hände locker im Schoß, den Blick schweifend. Das Büro wirkte wie ein Fremdkörper innerhalb der Union Academy. Es gab keine sterilen Metallflächen und keine kalten Lichtstreifen. Stattdessen standen in allen Ecken, auf Regalen, auf der Fensterbank und sogar auf dem Boden Pflanzen. Ihre Blätter warfen weiche Schatten an die Wände. Zwischen ihnen stapelten sich Bücher, alt und neu, manche offensichtlich mehrfach gelesen. Es roch nach Erde. Er hatte sich inzwischen im Schneidersitz auf den Stuhl gesetzt. Seine Jacke lag über seinen Knien, das Brandloch sorgfältig nach innen gedreht, als ließe es sich so verstecken. Die Tür öffnete sich leise.

Tsok trat ein. Sie bewegte sich schnell und zielgerichtet, als hätte sie immer mehrere Gedanken gleichzeitig. Tsok war eine Aurelianerin, eine Spezies, die man nur selten sah. Ihre obsidianfarbene Haut schimmerte matt im Licht und war von feinen goldenen Linien durchzogen, die sich wie natürliche Verzierungen über ihren Körper zogen. Manche behaupteten, die Aurelianer stammten aus Eldorado, einem Ort, der mehr Legende als Realität war. Niemand wusste, ob es ihn je gegeben hatte. Ihr Haar bestand aus dünnen, goldenen Fasern, die sich bei jeder Bewegung leicht mitbewegten. Als sie sich ihm gegenüber auf den Stuhl setzte, glitten sie über ihre Schultern und fingen das Licht ein. Sie musterte Kodai einen Moment lang.

„Du warst bisher noch nie hier, oder?“, fragte sie.

Kodai schüttelte den Kopf. „Nein, bisher nicht“, antwortete er ruhig. Sein Blick wanderte kurz durch den Raum. „Sieht ganz nett aus. Die Pflanzen. Und die Bücher.“

Tsok erhob sich wieder, fast augenblicklich, als hätte sie Schwierigkeiten, stillzusitzen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Ja, ich liebe Pflanzen. Und jegliche Literatur.“ Im Vorbeigehen strich sie sanft über ein Blatt, als würde sie es beruhigen, dann drehte sie sich wieder zu ihm um. Ihr Blick fiel auf die Jacke in seinen Händen. Genauer gesagt auf die Stelle, an der der Stoff leicht dunkler war.

„Sag mal“, begann sie, den Kopf leicht schieflegend, „warum liebst du deine Jacke eigentlich so sehr?“

Kodai zuckte kaum merklich zusammen. Stattdessen hob er die Schultern.

„Sie ist mir halt wichtig“, sagte er knapp.

Tsok hakte nicht nach. „Soll ich sie dir eben flicken?“, fragte sie beiläufig, fast so, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Kodai blinzelte überrascht. Mit dieser Frage hatte er in all dem, was heute passiert war, nicht gerechnet.

Er zögerte einen Moment. Seine Finger hielten den Stoff fester als nötig, als müsste er sich erst davon überzeugen, dass er sie wirklich loslassen konnte. Schließlich reichte er sie Tsok wortlos.

Die braune Lederjacke war alt. Das Material war an den Nähten weich geworden und an manchen Stellen leicht aufgeraut. Über der Brust prangte ein rotes Adlerabzeichen, das zwar ausgeblichen, aber sorgfältig gepflegt war. Sie hatte schon bessere Tage gesehen. Und schlechtere. Man sah ihr an, dass sie getragen worden war.



Tsok nahm sie entgegen, prüfte das Brandloch mit einem kurzen, geübten Blick und holte ohne zu zögern ein kleines Reparaturset aus einer Schublade. Ihre Bewegungen waren ruhig, sicher und beinahe beiläufig. Während sie arbeitete, setzten sich die goldenen Fasern ihres Haares sanft in Bewegung. Kodai beobachtete sie schweigend.

„Weißt du“, sagte Tsok schließlich, ohne aufzusehen, „Erinnerungen können auch ohne Gegenstände weiterleben.“ Kodai verdrehte die Augen und lehnte sich zurück.

„Den Spruch kenne ich“, antwortete er trocken. „Der steht so oder so ähnlich in jedem zweiten Kalender.“

Tsok hielt kurz inne, dann lächelte sie. Es war kein spöttisches Lächeln, sondern eines, das Verständnis verriet.

„Ich kenne dich“, sagte sie ruhig. „Und ich weiß, dass du das nicht wirklich so meinst.“

Sie setzte ihre Arbeit fort, zog den Faden fest und schnitt ihn sauber ab. Das Brandloch war kaum noch zu erkennen. Die Jacke sah fast aus wie zuvor, nur ein kleines bisschen stabiler.

„Aber nun gut“, fuhr sie fort und reichte ihm das Kleidungsstück zurück. „Ich bin schon fertig.“ Kodai nahm die Jacke entgegen und betrachtete sie einen Moment lang. Dann zog er sie wieder an, schloss den Reißverschluss und atmete leise aus.

Nachts war die Akademie ein anderer Ort. Die Gänge lagen verlassen da, das künstliche Licht war gedimmt. Kodai saß in einem der alten, längst nicht mehr genutzten Räume, weit entfernt von den Wohntrakten. Hierher kam niemand mehr. Er war immer noch überrascht, dass Tsok nicht wirklich gefragt hatte, warum und weshalb er in der Mensa so gehandelt hatte.

Er hatte Orin nichts von den gefährlichen Dingen erzählt, die er erfahren hatte. Von Artefakten. Von Terra. Von dem, was heimlich bewegt wurde. Orin wäre aufgeregt und neugierig gewesen.

Der Raum war groß und leer, bis auf ein paar fest verankerte Konsolen und das breite Panoramafenster, das fast die gesamte Außenwand einnahm. Dahinter spannte sich das Universum auf, tief und grenzenlos. Sterne lagen wie verstreute Splitter im Schwarz, ferne Nebel zogen träge ihre Bahnen.

Kodai saß auf dem Boden, die Knie angezogen und den Rücken an die Wand gelehnt. Seine Jacke lag neben ihm. Einmal hatte er sie ausgezogen.

„Mum?“ Seine Stimme war leise, kaum mehr als ein Gedanke, der den Weg nach draußen gefunden hatte.

„Dad?“

Natürlich kam keine Antwort. Das wusste er. Trotzdem fühlte es sich richtig an. Sein Blick verlor sich im All.

„Ich werde nachsehen, was sie gelagert haben“, sagte er ruhig und sachlich, als würde er einen Plan vor sich selbst rechtfertigen. „Wenn ich weiß, womit wir es zu tun haben, habe ich vielleicht eine Chance, hier rauszukommen.“ Er machte eine kurze Pause.

„Und dann suche ich nach dem Keystone Rift“, fügte er hinzu. „Im Abyss.“ Niemand antwortete.

Kodai sagte diesmal nichts mehr. 


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