Keystone Kapitel 1 - Wer ist Kodai?
„Kodai Sato. Natürlich finde ich dich ausgerechnet zwischen all den Vollidioten.“
Die Stimme klang rau, tief und hatte eine selbstgefällige Lautstärke, die Menschen instinktiv dazu brachte, unauffällig den Kopf einzuziehen. Die graue Kreatur, die diese Worte ausgesprochen hatte, war grob gebaut und humanoid. Doch jeder Versuch, sie mit einem Terraner zu vergleichen, scheiterte spätestens am Kiefer. Der Mund spannte sich über beinahe fünfundzwanzig Zentimeter – eine breite, harte Linie aus Knochen und Muskeln, geschaffen zum Beißen, Drohen und Lachen zugleich.
Kodai saß an einem der langen Metalltische in der Mensa der Union Academy. Vor ihm stand ein Tablett mit Essen, das selbst aus Hunger kaum genießbar wirkte. Die Halle war erfüllt vom dumpfen Stimmengewirr Dutzender Spezies, vom Klirren von Geschirr und dem konstanten Summen der Energiefelder an den Decken. Neben dem Riesen wirkte Kodai beinahe unscheinbar. Seine schlanke, drahtige Statur verlor sich zwischen breiten Schultern und massigen Körpern. Seine rotorangenen Haare fielen ihm wirr ins Gesicht, ungepflegt, als hätte er seit Tagen keinen Spiegel mehr gesehen oder keinen Grund dazu. Sein Blick war ruhig, beinah müde. Langsam schob er den Stuhl zurück und erhob sich. Erst jetzt wurde der Größenunterschied deutlich. Kodai reichte dem Grauen gerade einmal bis zu den Schultern. Dennoch lag nichts Unterwürfiges in seiner Haltung. Er stand gerade und locker, als wäre der Raum um ihn herum plötzlich still geworden. Mit einer beinahe spielerischen Leichtigkeit hob er den Blick und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. Ein schmales Lächeln legte sich auf sein Gesicht.
„Natürlich findest du mich immer zwischen den Vollidioten“, sagte er ruhig. „Vor allem, wenn du direkt neben mir stehst, Kont.“
Das Lächeln erstarrte auf Konts breitem Gesicht. Seine Mundwinkel zuckten, seine graue Haut spannte sich. Für einen Moment schien er zu überlegen, ob Worte ausreichen würden. Dann griff er in die Innentasche seiner Jacke und zog einen kleinen Lasercutter hervor. Das leise Aufheulen des Geräts war kaum lauter als ein Flüstern, doch es schnitt durch die Atmosphäre wie ein Messer. Es roch stechend nach verbranntem Stoff. Am Ärmel von Kodais Jacke erschien ein kleines, schwarzes Brandloch, das langsam ausfranste. Er sagte nichts. Sein Blick glitt zur Seite, hinüber zu Orin, der noch immer am Tisch saß. Orin war ein Luxtra. Seine orangene, schuppige Haut reflektierte das kalte Licht der Mensa. Der Kopf seines humanoiden Körpers bestand fast nur aus Stirn; die übrigen Gesichtszüge waren so dezent, dass es schwerfiel, darin Emotionen zu erkennen. Er bewegte sich nicht, doch seine Haltung spannte sich an. Kodai senkte kurz den Blick zum Boden. Ein Atemzug. Vielleicht zwei.
Dann holte er aus.
Trotz seines unscheinbaren Äußeren war Kodai kein gewöhnlicher Terraner. Der Schlag traf Kont mit einer Wucht, die für einen Herzschlag lang jeden Ton in der Mensa verschluckte.
Der Riese wurde regelrecht durch den Raum katapultiert. Tische kippten um, Tabletts flogen durch die Luft und es hallte ein metallisches Scheppern durch die Halle, als Kont mehrere Meter entfernt schwer zu Boden ging. Kodai stand noch immer dort, die Faust langsam sinkend, der Atem ruhig. Erst jetzt spürte er die Blicke. Die kalten, prüfenden Augen der Unionstruppen, die am Rand der Mensa postiert waren. Und die schockierten Gesichter der Schüler. Drei Lehrer kamen bereits auf ihn zu, ihre Mienen eine Mischung aus Wut, Überraschung und einer Spur Vorsicht.
Stunden waren vergangen. In der Einzelzelle hatte die Zeit ihre Bedeutung verloren. Es gab kein Fenster, nur glatte Wände aus dunklem Verbundmaterial, das das Licht schluckte und jedes Geräusch dämpfte. Kodai saß auf der schmalen Pritsche, den Rücken an die kalte Wand gelehnt, und starrte auf das Loch in seiner Jacke. Der verbrannte Rand war inzwischen ausgefranst, schwarz und brüchig. Er fuhr mit den Fingern darüber und spürte die raue Kante. Der Ärger war längst verraucht. Die Luft in der Zelle roch nach Metall und Reinigungsmitteln. Irgendwo summte ein Energiefeld.
Dann hörte er Stimmen.
Zunächst waren es nur gedämpfte Laute, kaum mehr als ein Murmeln hinter den Wänden. Kodai richtete sich auf. Langsam und beinahe lautlos stand er auf und ging zum Gitter der Zellentür. Er stellte sich so, dass sein Schatten nicht in den Gang fiel, und lehnte den Kopf leicht zur Seite.
Die Stimmen wurden klarer.
Er erkannte eine davon sofort.
Es war Schulleiter Heberius Gock.
Seine Stimme war unverkennbar: ruhig, kontrolliert und mit einer Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Die zweite Stimme klang hingegen härter, tiefer und war von militärischer Disziplin geprägt. Ein Unionsgeneral, daran bestand kein Zweifel.
„… wir haben die Artefakte aus dem Angriff geborgen …“
Die Worte kamen gedämpft, fast geflüstert. Kodai konnte nicht erkennen, wer von beiden gesprochen hatte. Schritte hallten leise über den Boden des Ganges, kamen näher und entfernten sich wieder.
„Sie dürfen nicht hierbleiben“, folgte die andere Stimme. „Wir müssen sie außerhalb von Terra verwahren. Der Transport wird in einer Woche abgeholt.“
Kodais Herzschlag beschleunigte sich unmerklich. Er hielt den Atem an.
Einen Moment lang herrschte Stille, dann erklang Heberius Gocks Stimme erneut, nun deutlich näher an der Zelle.
„So etwas Gefährliches?“, fragte er. Kein Zweifel, kein Zögern, aber eine Spur von Sorge lag darin. „Selbst unter Unionsaufsicht?“
Die Schritte hielten genau vor seiner Tür inne.
Kodai wich einen halben Schritt zurück und richtete seinen Blick auf das Gitter.
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