Keystone Kapitel 4 - Flucht
Kodais Schreie durchdrangen den Lagerraum und durchbrachen die nächtliche Stille mit roher, unkontrollierter Gewalt. Tsok befand sich noch immer im Raum. Sie hatte sich instinktiv an eine der Wände zurückgezogen und verfolgte mit angespanntem Blick, wie sich die Umgebung um sie herum veränderte. Mit lautem Krachen kippten mehrere Kisten um, Metall schlug auf Metall, während lose gelagerte Geräte klirrend über den Boden rutschten. In der Luft flackerte unstet und nervös Energie, sodass die Leuchtstreifen an der Decke für Augenblicke aussetzten und wieder aufflammten. Nach einer unbestimmten Zeitspanne schleppte sich Kodai aus dem separaten Raum zurück in den Gang. Seine Schritte waren unsicher, sein Gang schwankend, als trüge er mehr Gewicht, als sein Körper verkraften konnte. Schweiß rann ihm über die Haut, durchnässte Kleidung und Haar, das ihm schwer ins Gesicht hing. Sein Atem ging stoßweise, tief und angestrengt, als hätte er einen langen, erbarmungslosen Kampf hinter sich. Noch bevor Tsok die sichtbare Veränderung wahrnahm, wusste sie, dass etwas nicht stimmte.
An seinen Händen und Füßen begann ein Leuchten aufzublühen. Ein grelles, neonblaues Licht brach aus seiner Haut hervor und breitete sich rasch aus. Es war so intensiv, dass es die Schatten aus den Ecken des Raumes verdrängte und jede Kante der umgestürzten Kisten scharf nachzeichnete. Die Energie pulsierte unruhig, als würde sie nach einem stabilen Zustand suchen, den sie nicht finden konnte. Kodai starrte fassungslos auf seine Hände, während sich das Licht verdichtete und unter seiner Haut Formen annahm. An seiner rechten Hand nahm es plötzlich Gestalt an. Aus dem Leuchten heraus entstand ein Schwert, dessen Klinge vollständig aus den gleichen blauen Strahlen bestand. Sie war klar umrissen und doch instabil, als halte sie sich nur mit Mühe zusammen. Ein leises Summen lag in der Luft, begleitet von einem Flackern, das die Fragilität dieser Erscheinung verriet. Kodais Arm spannte sich unwillkürlich an, als müsse er ein Gewicht ausgleichen, das physisch kaum existieren dürfte. Noch bevor er begreifen konnte, was geschah, begann sich die Form erneut zu verändern. Das Schwert zerfiel und löste sich in flackernde Lichtfäden auf. Gleichzeitig bildete sich an seinem Unterarm eine neue Struktur, die kantiger und massiver war. Sie war grob angedeutet und doch unvollständig. Es wirkte, als würde sich eine Blasterkanone aus der Energie herausformen; Lauf und Gehäuse waren nie ganz ausgeprägt und befanden sich in stetigem Wandel. Das Licht pulsierte nun schneller und unkontrollierter, bis auch diese Gestalt zu zittern begann. Die Formen brachen zusammen, entstanden neu und zerfielen wieder, als wäre sein Körper nicht in der Lage, die Energie zu halten oder zu lenken. Schließlich zog sich das Leuchten zurück, verblasste allmählich und erlosch, sodass nur noch das matte Licht der Deckenstreifen den Raum erfüllte. Keuchend stand Kodai im Gang, leer und ausgelaugt, während um ihn herum das Chaos lag, das seine unkontrollierte Kraft hinterlassen hatte. Tsok schwieg. Ihr Blick ruhte ernst und aufmerksam auf ihm, voller Fragen, für die es in diesem Moment keine Worte gab.Nach kurzem Zögern setzte Kodai sich wieder in Bewegung und ging den kurzen Gang entlang, der zu den Sicherheitskapseln führte. Die Lichter über ihm flackerten noch immer leicht, als hätten sie sich von der vorangegangenen Entladung nicht vollständig erholt. Jeder Schritt kostete ihn spürbar Kraft, doch er zwang sich, aufrecht zu bleiben, getragen von dem klaren Gefühl, dass es kein Zurück mehr gab. Vor der Kapsel hielt er inne und aktivierte das Bedienfeld. Mit einem dumpfen Zischen öffnete sich die Tür und er kletterte ins Innere, wobei er sich kurz an der Kante abstützen musste. Ein letztes Mal drehte er sich um und sah Tsok an, die reglos im Gang stand, eingerahmt vom Chaos des Lagerraums.
„Auf zum Keystone Rift“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, in dem mehr Entschlossenheit als Zuversicht lag. Beim Lachen musste er husten und sein Körper erinnerte ihn schmerzhaft daran, was er gerade hinter sich hatte. Noch bevor sie reagieren konnte, drückte er den Startknopf, ließ sich erschöpft in den Sitz der Kapsel fallen und zog die Beine an. Die Tür schloss sich mit einem harten, endgültigen Geräusch, das den Raum für einen Augenblick vollständig von ihm abschnitt. Sekunden später durchzuckte ein gewaltiger Impuls die Kapsel, und sie wurde mit brutaler Beschleunigung ins Schwarze hinausgeschleudert – fort von der Station und allem, was er zurückließ.
Im selben Moment öffnete sich die Tür hinter Tosk, und mehrere Trupps der Union stürmten mit erhobenen Waffen und angespannten Gesichtern in den Lagerraum. Doch die Kapsel war längst verschwunden.

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