Kapitel 112 - Palmer Industries

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Die Seeluft von Auburn traf Theresa unvermittelt, kühl und salzig, als sich die Türen des Skidtrains öffneten. Auburn, ein Vorort von Saint Veronika, lag direkt an der Küste. Sie stieg aus, blieb einen Moment stehen und ließ den Blick über den Hafen schweifen, an dessen Rand sich das neue Gebäude von Palmer Industries erhob. Die Glas- und Metallflächen des Baus reflektierten das fahle Licht und fügten sich so in die Umgebung ein. Ohne zu zögern ging Theresa auf den Eingang zu. Die automatischen Türen glitten geräuschlos auseinander und gaben den Blick ins Innere frei. Von außen wirkte das Gebäude dunkel und fast abweisend. Schwarze Wände, glatte Böden und präzise gesetzte Lichtlinien prägten die Eingangshalle. Alles war funktional und frei von überflüssigen Elementen. Der Hafen lag direkt hinter den Glasflächen und das stetige, gedämpfte Geräusch der Wellen schien bewusst Teil der Atmosphäre zu sein. Theresa trat weiter hinein und ließ die Umgebung auf sich wirken. In der Mitte der Halle erschien eine holografische Grafik, die sich langsam aufbaute. Die gestochen scharfe Darstellung zeigte das Gesicht von Evelyn Warren. Theresa erkannte sie sofort. Die ehemalige Assistentin von Samuel hatte inzwischen die Geschäftsführung übernommen – ein Schritt, der innerhalb der Branche aufmerksam verfolgt worden war. Die Projektion wirkte sachlich, beinahe kühl.

Während Theresa noch auf die Grafik blickte, bemerkte sie Bewegung am anderen Ende der Halle. Mehrere Meter entfernt stand Evelyn selbst, nicht als Projektion, sondern real, in ein schlichtes, dunkles Kostüm gekleidet. Sie wirkte konzentriert und vollkommen präsent.

Sie gingen langsam aufeinander zu. Als Evelyn Theresa erkannte, hellte sich ihr Gesicht auf, und ohne zu zögern trat sie näher. Die Umarmung war kurz, kontrolliert, aber nicht unpersönlich. „Schön, dich zu sehen“, sagte Evelyn ruhig. „Wie fühlt es sich an, jetzt einen Schulabschluss zu haben?“

Theresa senkte den Blick und ließ ihn für einen Moment auf dem dunklen Boden ruhen. Ihre Schultern spannten sich leicht an, bevor sie antwortete. „Ja, schon gut“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Jetzt beginnt wohl der Ernst des Lebens.“ Sie versuchte zu lächeln und fügte ein leises, fast mechanisches Lachen hinzu.

Evelyn musterte sie einen Augenblick lang, ohne dabei hart zu wirken. „Das schaffst du schon“, sagte Evelyn schließlich sachlich. „Wir fangen direkt an, und am Ende sehen wir weiter.“ Ihre Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass dies weniger eine Frage als eine Feststellung war. Gemeinsam gingen sie auf eine seitliche Tür zu, auf der in klaren Lettern „Nur für Mitarbeiter“ stand. Evelyn öffnete sie ohne zu zögern und dahinter begann ein langer, schmaler Flur. Die Wände waren hell, der Boden glatt und das Licht kam aus schmalen Leisten an der Decke. Ihre Schritte hallten gedämpft wider, während sie nebeneinander hergingen. Theresa sah sich um und nahm die Umgebung aufmerksam wahr, ohne etwas zu sagen.

Am Ende des Flurs blieben sie vor einem Aufzug stehen. Die Anzeige über den Türen leuchtete ruhig, und für einen Moment herrschte Stille. „Wie geht es dir?“, fragte Evelyn schließlich, ohne den Blick von der Aufzugstür abzuwenden.

Theresa atmete tief ein. „Ich bin aufgeregt“, gab sie zu. „Mehr, als ich gedacht hätte.“

Evelyn nickte leicht und lächelte. „Was sollte dich schon verunsichern, Talon?“ Der Name fiel beiläufig, fast selbstverständlich.

Theresa hob den Kopf und sah sich irritiert um, als hätte sie befürchtet, jemand könnte sie gehört haben. Der Flur war leer, es war kein Geräusch zu hören. „Niemand bekommt das hier mit“, sagte Evelyn ruhig, als hätte sie Theresa Gedanken gelesen.

In diesem Moment öffneten sich die Aufzugtüren. Evelyn trat als Erste ein. Der Innenraum war ebenso nüchtern gestaltet wie der Rest des Gebäudes. Sie hob die Hand, hielt sie kurz an einen Scanner, der mit einem leisen Ton reagierte, und wählte anschließend die Fläche mit der Beschriftung „Werkstatt“. Die Türen schlossen sich lautlos und der Aufzug setzte sich in Bewegung.

Die Werkstatt wirkte auf den ersten Blick genau so, wie Theresa es erwartet hatte: weitläufig, funktional und klar strukturiert. Weitläufig, funktional und klar strukturiert. Der Raum war hoch, die Decke war von Trägern und Leitungen durchzogen, aus denen gleichmäßiges Licht fiel. Maschinen arbeiteten mit gedämpftem Brummen, Displays zeigten technische Daten und der Geruch von Metall, Öl und Reinigungsmitteln lag in der Luft. Im hinteren Bereich des Raumes waren zahlreiche Custodians beschäftigt. Ihre Bewegungen wirkten präzise und routiniert, jeder Handgriff schien einem festgelegten Ablauf zu folgen. Im vorderen Teil der Werkstatt standen mehrere Personen, die sich deutlich von den arbeitenden Custodians abhoben. Theresa erkannte sofort, dass es sich um die Bereichsleiter handeln musste. Aus den Unterlagen wusste sie bereits, dass hier Add-ons für Custodians sowie Komponenten für das Synect entwickelt und gefertigt wurden. Dennoch wirkte die tatsächliche Größe und Komplexität des Raumes überwältigender als erwartet.

Evelyn blieb stehen und deutete auf einen Mann, der etwas abseits an einem Arbeitstisch stand und Daten auf einem transparenten Bildschirm überprüfte. „Das ist John Neslund“, sagte sie ruhig. „Er kümmert sich um Biotechnik.“

Theresa sah ihn genauer an. Er war sehr schmal gebaut und wirkte beinahe zerbrechlich. Seine Haut war auffallend hell und seine roten Haare waren kurz geschnitten. Er bewegte sich vorsichtig und zurückhaltend und schien sich seiner Umgebung eher anzupassen als sie zu dominieren. Sein Gesichtsausdruck wirkte konzentriert, aber auch scheu, als ziehe er es vor, im Hintergrund zu bleiben.

Evelyn ließ ihren Blick weiter durch den Raum wandern und zeigte auf zwei Männer, die miteinander sprachen und dabei auf ein geöffnetes Gehäuse deuteten. „Das ist Sebastian Scott“, sagte sie. „Er ist zuständig für Militärtechnik. Und das ist sein Partner Shazad Hajar, zuständig für unbekannte Technik.“

Sebastian war mittelgroß, trug eine schlichte Brille und hatte kurze schwarze Haare. Er wirkte sachlich und kontrolliert, seine Gesten waren knapp und zielgerichtet. Er schien jedes Detail im Blick zu behalten. Neben ihm stand Shazad, der deutlich älter und erfahrener wirkte. Sein schwarzes Haar und der volle Bart waren bereits grau meliert, was seinem Gesicht einen ernsten, abgeklärten Ausdruck verlieh. Er hörte aufmerksam zu und sagte wenig. Jeder von ihnen schien einen klar definierten Platz in dieser Umgebung zu haben.

Sie waren gerade auf dem Weg zum ersten Büro, als sich plötzlich eine Gestalt vor ihnen aufbaute. Theresa blieb unwillkürlich stehen. Es war ihr Vater, der ihnen in Arbeitskleidung entgegenkam. Er wirkte ruhig und vertraut. Evelyn verzog leicht die Lippen zu einem sachlichen Lächeln und sagte in nüchternem Ton: „Ich glaube, du kennst deinen Vater. Er ist wirklich ein herausragender Hausmeister.“ Er reagierte ohne jede Umständlichkeit, lächelte kurz und nickte. „Danke, Evelyn“, sagte er ruhig und beinahe beiläufig. In seiner Stimme lag keine falsche Bescheidenheit. Theresa trat einen Schritt vor und umarmte ihn. Die Geste war kurz, aber herzlich.

„Süße, du schaffst das“, sagte er leise. „Ich bin stolz auf dich.“

Theresa nickte nur, hielt den Moment einen Augenblick fest und löste sich dann wieder von ihm.

Kurz darauf betraten sie das Büro. Der Raum war sachlich eingerichtet mit mehreren Arbeitsplätzen, Bildschirmen und klar strukturierten Ablagen. Theresa erkannte sofort ihren Bruder Elias, der an einem der Tische stand und mit konzentriertem Blick auf einen Monitor sah. Neben ihm stand seine Freundin Lisa Betram. Beide waren für die Informatik zuständig und wirkten tief in ihre Arbeit vertieft.

Evelyn stellte Theresa die Anwesenden nacheinander vor. Danach wurde Theresa Doug Henderson vorgestellt, der für die Werbung verantwortlich war. Er wirkte selbstbewusst. Er begrüßte Theresa charmant. Anschließend lernte Theresa Gabriel kennen, der den Beinamen „Corto“ trug und als Akquisiteur arbeitete. Er wirkte wacher und beweglicher als die anderen und schien mit seinem Blick den ganzen Raum erfassen zu können. Zuletzt wurde ihr Scott Hanley vorgestellt, der als Anwalt für das Unternehmen tätig war. Er sprach wenig, wirkte aber aufmerksam und kontrolliert, als würde er jedes Detail registrieren.

Schließlich saßen sie in Theresas Büro, das direkt neben dem von Evelyn lag. Der Raum war nicht groß, aber klar strukturiert. Ein schlichter Schreibtisch stand nahe der Fensterfront, daneben ein Terminal und mehrere eingebaute Regale. Die Einrichtung wirkte funktional und neu, ohne persönliche Elemente. Alles schien darauf ausgelegt zu sein, konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen. Durch das große Fenster fiel gedämpftes Licht vom Hafen herein und in der Ferne waren die Bewegungen der Schiffe zu erkennen.

Evelyn blieb einen Moment stehen und ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen, als prüfe sie, ob alles an seinem Platz war. „Hier kannst du dich um Social Media und deine Vorstandsaufgaben kümmern“, sagte sie ruhig. Der Tonfall machte deutlich, dass diese Aufgaben nicht als Übergang, sondern als fester Bestandteil ihrer Rolle gedacht waren. Theresa nickte langsam.

Evelyn erhob sich schließlich wieder. „Schau dir alles in Ruhe an“, sagte sie. „Wir haben Zeit, uns alles Schritt für Schritt anzusehen.“ Dann hielt sie kurz inne und fügte hinzu: „Kommst du heute Abend mit essen?“ Die Frage klang beiläufig.

Theresa trat näher an das Fenster und blickte nach draußen. Der Hafen lag ruhig da, das Wasser bewegte sich gleichmäßig, und für einen Moment ließ Theresa die Eindrücke des Tages sacken. „Nein“, sagte sie schließlich und lächelte leicht. „Ich treffe mich heute Abend mit meinem Bruder. Er hat seinen ersten Tag als Streifenpolizist. Wir wollten das ein bisschen feiern.“

Evelyn nickte verstehend. „Das hört sich nach einem tollen Plan an“, sagte sie, bevor sie in ihr eigenes Büro ging.

Theresa blieb allein zurück. Sie stand noch einen Moment am Fenster, dann drehte sie sich langsam um und sah sich erneut in ihrem Büro um. Der Raum wirkte still und fast neutral. Schließlich setzte sie sich an den Schreibtisch und ließ die Hand kurz über die glatte Oberfläche gleiten.


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