Kapitel 111- Wochen

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„Ist das die nächste Befragung, Sabine?“, fragte Patrick am Eingang des Gefängnisses, während sie ihren Ausweis wieder einsteckte. Seine Stimme klang ruhig und routiniert, wie bei all den anderen Malen zuvor.

Sabine nickte knapp, ohne stehen zu bleiben, und ging an ihm vorbei. Patrick drehte sich ihr nach und wirkte dabei sichtbar irritiert. Normalerweise wechselten sie ein paar Worte, besprachen den Ablauf oder kommentierten beiläufig den Stand der Ermittlungen. Heute jedoch sagte sie nichts. Ihr Blick war nach vorn gerichtet, ihre Schritte gleichmäßig und bestimmt. Sie hatte weder Lust auf Smalltalk noch Energie für Erklärungen.

Der Gang lag still vor ihr. Die Neonlichter an der Decke warfen ein gleichmäßiges, kaltes Licht auf den Boden. Zu beiden Seiten reihten sich geschlossene Zellentüren aneinander, jede nummeriert, jede identisch. Sabine ging an ihnen vorbei, ohne nach links oder rechts zu schauen. Hinter einigen Türen war Bewegung zu hören, gedämpfte Stimmen oder das metallische Geräusch von Gegenständen. Die meisten Zellen blieben still.

Sie hatte im Vorfeld ein privates Gespräch beantragt, ein Einzelgespräch ohne Beobachter im Raum. Die Genehmigung war nach mehreren Rückfragen erteilt worden. Sabine wusste, dass solche Gespräche dokumentiert wurden, auch wenn niemand direkt anwesend war. Dennoch war dies die einzige Möglichkeit, das Gespräch unter kontrollierten Bedingungen zu führen.

Am Ende des Gangs blieb sie vor der Tür mit der Aufschrift „dreizehnzwölf” stehen. Eine Wache wartete bereits davor. Der Mann prüfte kurz seine Unterlagen, dann sah er Sabine an.

„Hier hinein“, sagte er und griff nach dem Schlüssel.

Mit einer routinierten Bewegung schloss er die Tür auf und öffnete sie. Sabine trat näher, blieb jedoch noch einen Moment stehen. Sie nahm den Geruch des Raumes, das gedämpfte Licht und die Stille wahr. Dann ging sie hinein.

Die Tür schloss sich hinter ihr.

Es waren Wochen vergangen seit dem letzten Gespräch, seit den Ereignissen, die alles verändert hatten.

Die Gefängniszelle unterschied sich deutlich von den üblichen Unterbringungen. Sie war größer, wirkte funktionaler und beinahe wohnlich. An einer Wand stand ein einfaches Bett mit einer sauber bezogenen Decke. Daneben befand sich eine kleine Sitzecke mit einer Couch und einem niedrigen Tisch. Auf dem Tisch stand ein kleiner Kuchen auf einem Teller, unberührt, offenbar erst vor Kurzem abgestellt. Der Raum war ordentlich, nichts lag herum, alles hatte seinen festen Platz.

Samuel saß auf der Couch und blickte zur Tür, als Sabine eintrat. Sein Gesicht wirkte schmaler als früher, sein Bart war gewachsen und ungleichmäßig gestutzt. Dennoch wirkte er ruhig.

„Mit dir habe ich ehrlicherweise nicht gerechnet“, sagte er und ließ den Blick nicht von ihr ab.

Sabine blieb nur kurz stehen und ging dann direkt auf die Couch zu. Sie setzte sich neben ihn, ohne Abstand zu lassen, als wolle sie bewusst Nähe herstellen. Einen Moment lang sagte sie nichts. Ihre Hände lagen auf ihren Knien, die Schultern waren leicht angespannt.

„Ich …“, begann sie, brach jedoch ab. Sie atmete einmal tief ein.

„Es tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Ich weiß, du bist unschuldig.“

Samuel sah sie an, ohne überrascht zu wirken. Er nickte langsam. Ein leichtes Lächeln zeigte sich in seinem Gesicht, gedämpft, aber ehrlich.

„Du hast alles richtig gemacht“, sagte er ruhig.

Sabine senkte kurz den Blick. Eine Träne löste sich und lief ihr über die Wange. Sie wischte sie nicht weg. Sie wusste, dass seine Worte stimmten, auch wenn sie die Folgen nur schwer ertragen konnte. Sie hatte Entscheidungen getroffen, die notwendig gewesen waren, und doch wogen sie schwer.

Nach einem kurzen Moment sammelte sie sich und wechselte das Thema.

„Erik hat die Stiftung von Pretorius Tech beendet“, sagte sie. „Zoe bekommt das Stipendium nicht mehr.“

Samuel hörte aufmerksam zu, seine Haltung blieb unverändert.

„Geh zu Evelyn Warren“, sagte er nach kurzer Überlegung. „Sie wird Zoe das Stipendium zahlen. Mehr, wenn ihr es braucht.“

Sabine nickte leicht. Sie starrte auf den Boden und ihre Stimme wurde leiser.

„Zoe darf nicht bei mir bleiben. Sie sagen, ich sei zu labil.“

Samuel schwieg. Er nickte langsam und sah vor sich hin. Man konnte erkennen, dass er überlegte, wie er reagieren sollte und was er sagen konnte, ohne die Situation zu verschärfen. Er wusste, dass es keine einfache Antwort gab, und ließ Sabine den Raum, den sie in diesem Moment brauchte.

Bevor Samuel etwas erwidern konnte, sprach Sabine weiter. Ihre Stimme war ruhig, doch angespannt.

„Ich habe den Job verloren“, sagte sie. „Ich war zu hart zu Stuart.“

Sie hob den Blick und ihr Gesicht wirkte verschlossen. Die Anspannung zeigte sich in ihrer Haltung und in der Art, wie sie den Kiefer zusammenpresste. Dann stand sie auf. Die Bewegung war entschlossen, beinah abrupt. Sie ging zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen, blieb jedoch kurz stehen und drehte sich zu Samuel um.

„Wir hatten alles“, sagte sie, „doch es wurde uns genommen.“

Samuel wollte etwas erwidern, doch Sabine wartete nicht auf eine Antwort, sondern öffnete die Tür und verließ den Raum. Sie öffnete die Tür und verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihr und ihre Schritte hallten den Flur entlang.

Draußen wartete ein älterer Mann. Er trug einen dunklen Anzug, sein Haar war ordentlich gescheitelt und er erinnerte mit seiner Frisur an einen Vertreter alter Schule. Er musterte Sabine kurz, während sie an ihm vorbeiging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

„Sabine West“, sagte er und setzte sich in Bewegung. „Mein Name ist Walter Scott.“

Er folgte ihr den Flur entlang und hielt dabei bewusst Abstand.

„Ich verstehe, wie Sie sich fühlen“, fügte er hinzu.

Sabine blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihm um.

„Einen Scheiß verstehen Sie“, sagte sie knapp.

Ohne auf seine Reaktion zu warten, ging sie weiter. Walter Scott zögerte kurz und folgte ihr dann erneut.

„Ich will Sie bei Section Shield“, sagte er. „Wir brauchen konsequentes Personal wie Sie.“

Sabine blieb noch einmal stehen. Sie drehte sich langsam um und sah ihn direkt an.

„Personal, das sich nicht an Regeln hält und übertreibt“, sagte sie.

Walter Scott nickte. Seine Miene blieb ruhig. Es war offensichtlich, dass er mit dieser Reaktion gerechnet hatte.

„Wir kämpfen gegen Deviants“, sagte er. „Gegen solche Leute brauchen wir Qualitäten wie die Ihren.“


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