Kapitel 110 - Wax

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Langsam kämpfte sich Sabine ins Bewusstsein zurück, als würde sie aus einem zähen, schwarzen Sumpf auftauchen. Ihr Kopf pochte dumpf und jeder Herzschlag hämmerte schmerzhaft gegen ihre Schläfen. Sie blinzelte erst ungläubig, dann immer hektischer, doch die Dunkelheit wich nur widerwillig zurück. Schemen nahmen Gestalt an, verschwommene Konturen verdichteten sich zu Wänden. Ein Raum. Eng. Alt.

Dann traf sie der Geruch.

Er kroch ihr in die Nase, unverkennbar und widerlich vertraut. Ihr Magen zog sich zusammen. Dieser Geruch gehörte zu einem Ort, an den sie positive Erinnerungen hatte. Schrullig, altbacken, aus der Zeit gefallen. Sabine war hier gewesen. Einmal. Nur kurz.

Ihre Hände zuckten reflexartig. Erst jetzt bemerkte sie die Fesseln. Das raue Seil schnitt so fest in ihre Handgelenke, dass jede Bewegung Schmerz verursachte. Panik flackerte auf, heiß und unkontrollierbar, doch sie zwang sich, ruhig zu atmen.

Langsam drehte sie den Kopf nach links.

Zoe saß neben ihr auf einem alten Stuhl, den Blick weit aufgerissen, die Brust hob und senkte sich stoßweise. Auch sie war gefesselt, doch ihr Mund war frei. Tränen liefen ihr über die Wangen und hinterließen glänzende Spuren im schummrigen Licht. Ihre Lippen formten stumm Sabines Namen.

„Oh mein Gott …“, flüsterte Zoe heiser.

Sabine wollte antworten, doch etwas hielt sie zurück. Langsam, viel zu langsam, wandte sie den Blick nach rechts.

Der Schrei brach roh und ungebremst aus ihr hervor, noch bevor ihr Verstand begreifen konnte, was sie sah. Die Mutter saß dort, wie beim letzten Mal.

Aufrecht. Reglos. Ihre Augen waren starr nach vorn gerichtet, als würde sie durch alles hindurchsehen. Ihre Haut wirkte fahl und beinah glänzend, als wäre sie aus Wachs geformt. Kein Zittern, kein Atemzug, kein Leben. Sabines Herz raste.

„Nein, bitte nicht“, keuchte sie, Tränen brannten in ihren Augen, doch das Bild blieb unerbittlich real.

Zoes Blick folgte ihrem. Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille.

Dann begann auch Zoe zu schreien.

Diese Stimme! Sie schnitt durch die Stille wie eine kalte Klinge. Sabine kannte sie zu gut. Augenblicklich verstummten Zoe und Sabine, als hätte jemand ihnen die Luft abgeschnürt. Selbst ihr Atem wurde leise und kontrolliert aus purer Angst, gehört zu werden. Aus dem Schatten löste sich eine Gestalt.

„Ich habe alles vorbereitet“, sagte Stuart ruhig und beiläufig, als spreche er über eine Einladung zum Abendessen. Seine Stimme trug ein ungewohntes, beunruhigendes Selbstbewusstsein in sich, etwas Festes, Unumstößliches. „Niemand kann euch hören.“

Sabines Herz raste. Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an, als wäre sie bereit zur Flucht, obwohl sie wusste, dass es keine gab. Die Wände schienen näherzurücken, der Raum selbst hielt den Atem an.

Stuart trat näher. Das matte Licht zeichnete harte Schatten in sein Gesicht und ließ seine Augen dunkler und leerer wirken. „Ich habe meine Mutter geliebt“, fuhr er fort, nun mit einem Unterton, der fast verletzlich klang. „Mehr als alles andere.“ Er machte eine kurze Pause, als koste er die Worte aus. „Doch sie … sie hat mich nicht so geliebt, wie ich es verdient hätte.“

Zoe schluckte hörbar. Sabine wagte kaum zu blinzeln.

„Sie wollte gehen“, sagte Stuart leise. „In eine betreute Wohngemeinschaft. Mit dem Nachbarn.“ Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Einfach so. Als wäre ich … austauschbar.“ Seine Stimme begann kaum merklich zu zittern. „Da musste ich handeln. Ich musste den Moment festhalten.“

Langsam ging er zu seiner Mutter hinüber. Sabine konnte sehen, wie er sich von ihr abwandte. Bewusst, beinahe respektvoll, als wolle er ihr diesen Anblick ersparen oder ihn ganz für sich behalten. Seine Hand hob sich, zögerte einen Augenblick in der Luft, bevor er seiner Mutter sanft über die Wange strich.

„So friedlich“, murmelte er.

Ein gespenstischer Moment der Stille folgte. Kein Laut war zu hören außer dem leisen Summen der Lampe über ihnen. Stuart stand reglos da, als lausche er einer Erinnerung, die nur er hören konnte. Dann drehte er sich halb um; seine Augen glänzten im schummrigen Licht. „Ich halte Momente fest“, sagte er ruhig, fast stolz. „Momente, die sonst einfach verblassen. Sie gehen verloren. Niemand erinnert sich später an sie.“

Sabine spürte, wie ihr kalter Schweiß den Rücken hinunterlief. Stuart stand noch immer mit dem Rücken zu ihr. Seine Schultern wirkten entspannt, beinahe gelassen, als befände er sich in einem privaten Gespräch und nicht im Mittelpunkt eines Albtraums. Seine Stimme war nun leiser, beinah vertraulich.

„Ich wollte nur deine Aufmerksamkeit“, sagte er. „Mehr nicht.“

Er atmete tief ein, als würde er sich sammeln. „Ich habe Bilder von dir nachgestellt. Jede Kleinigkeit. Jede Perspektive.“ Ein kurzes, trockenes Lachen. „Ich habe die Wax für deinen Ruhm geliefert. Anerkennung. Und mir … Nähe zu dir.“

Langsam drehte er sich um. Sein Blick traf Sabine direkt, durchdringend, besitzergreifend.

„So viel Arbeit“, fuhr er mit Nachdruck fort, „nur für dich. Für einen einzigen Blick. Für deine Aufmerksamkeit.“

Dann wandte er sich wieder ab, als hätte Sabine ihre Funktion erfüllt. Mit ruhigen Schritten ging er an ihr vorbei. Sie konnte seine Nähe spüren, den leichten Luftzug und seinen Geruch: kalt, steril, kontrolliert. Ihre Fesseln spannten sich, als sie instinktiv zurückwich. Er blieb vor Zoe stehen.

Langsam hockte er sich vor sie, sodass ihre Gesichter auf einer Höhe waren. Zoe zitterte am ganzen Körper, ihre Augen flehten, doch sie brachte keinen Laut hervor.

„Es tut mir leid für dich“, sagte Stuart leise. „Und für deine Mutter.“ Seine Stimme klang beinahe ehrlich. „Das alles hätte nicht passieren müssen.“ Er neigte den Kopf leicht. „Sabine hätte es nur bemerken müssen.“

Sabines Herz setzte einen Schlag aus.

„Wie sehr ich sie doch liebe“, fügte er hinzu, und in diesem Moment zerbrach die Ruhe.

Unvermittelt schlug er Zoe mit der flachen Hand ins Gesicht.

Der Knall hallte im Raum wider.

Ein zweiter Schlag.

Ein dritter.

Zoes Kopf ruckte zur Seite und ein leiser, erstickter Laut entwich ihr. Sabine schrie, doch der Klang blieb ihr im Hals stecken – roh und nutzlos.

„UND DANN HAST DU SAMUEL GENOMMEN!“, brüllte Stuart plötzlich.

Seine Stimme klang nicht mehr menschlich. Sie vibrierte vor Hass, vor Besitzanspruch und vor etwas Dunklem, das lange unter der Oberfläche gelauert hatte. Seine Augen brannten, sein Gesicht war verzerrt, als wäre jede Maske gefallen.

Dann wurde er plötzlich wieder ruhig. Unheimlich ruhig.

Die Stille danach war ohrenbetäubend. Selbst die Lampe schien leiser zu summen. Stuart richtete sich langsam auf und strich sich mit der Hand über das Gesicht, als ordne er seine Gedanken.

„Ich habe Informationen gesammelt“, sagte er sachlich. „Geduldig. Gründlich.“ Er lächelte schmal. „Und dann kam jemand namens Doctor Echo. Er wollte diese Informationen haben.“

Sabine spürte, wie sich etwas Kaltes in ihrer Brust ausbreitete.

„Und nun“, fuhr Stuart fort, während sein Blick wieder zu Zoe glitt, „hast du dich darum gekümmert, Samuel rauszunehmen.“ Ein kurzes Schulterzucken. „Er war so unschuldig.“

Er beugte sich näher zu Sabine, seine Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern.

„Aber dein Herz“, sagte er langsam und genüsslich, „ist gebrochen.“

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Und genau deshalb bist du jetzt bereit für mich.“

Sabine zwang sich, ruhig zu bleiben und ihre Gedanken zu ordnen. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen, nicht schreien, nicht die Kontrolle verlieren. Wenn sie mit Stuart sprach, wenn sie ihn in ein Gespräch verwickelte, konnte sie vielleicht Zeit gewinnen. Alles an dieser Situation war verstörend und unbegreiflich, aber genau deshalb musste sie funktionieren. Sie wollte gerade ansetzen, als ein lauter Knall den Raum erschütterte. Die Tür flog mit solcher Wucht auf, dass das Holz splitterte und die Angeln ächzten. Noch bevor Sabine oder Zoe reagieren konnten, stürmte eine maskierte Frau herein. Ihre Bewegungen waren schnell und zielgerichtet, ohne Zögern, ohne Unsicherheit.

Die Angreiferin griff sofort nach Stuart. Er fuhr herum und versuchte, sich zu wehren, doch es zeigte sich augenblicklich, dass er kein Kämpfer war. Seine Schläge trafen ins Leere und er verlor das Gleichgewicht. Die maskierte Frau nutzte jeden Fehler aus, brachte ihn mit wenigen präzisen Griffen zu Boden und fesselte seine Arme auf dem Rücken. Sekunden später saß Stuart gefesselt und außer Atem auf dem Boden, unfähig, Widerstand zu leisten.

Der Raum wurde still, nur Stuarts hastiges Atmen war zu hören.

Erst jetzt wandte sich die Rächerin Sabine zu. Mit einem gezielten Schnitt löste sie die Fesseln an seinen Handgelenken. Das Seil fiel zu Boden und Sabine spürte das schmerzhafte Kribbeln in ihren Armen, als das Blut zurückströmte.

„Danke, Barnowl“, sagte sie leise, noch immer benommen.

„Wir nennen sie Talon“, sagte Zoe, während sie vorsichtig ihre eigenen Fesseln löste, ihre geröteten Handgelenke betrachtete und sich anschließend über die knallrote Wange strich.

Sabine nahm die Bemerkung nur am Rande wahr. Ein Gedanke hatte sich festgesetzt, kühl und beängstigend klar. Sie erinnerte sich an Stuarts Worte, an die Lücken in seiner Geschichte und daran, dass ihr ein entscheidender Teil fehlte. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um, lief aus dem Raum und die Treppe hinunter in den Keller.

Ihre Schritte hallten dumpf auf den Stufen wider. Mit jedem Schritt wuchs das Gewicht in ihrer Brust. Die Luft wurde kälter, feuchter und schwerer zu atmen. Hinter ihr folgte die Rächerin.

Unten angekommen, blieb Sabine abrupt stehen. Ihr Blick war auf eine offene Kammer gerichtet. Das Licht fiel schräg hinein und zeichnete klare Konturen.

In der Kammer stand eine Figur, aufrecht und reglos. Sie war lebensgroß, sorgfältig geformt und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Kleidung, Gesicht und Haltung wirkten erschreckend vertraut. Sabine erkannte ihre Schwester sofort. Ihr Herz schlug so heftig, dass ihr schwindelig wurde.

Die Oberfläche der Figur hatte den matten Glanz von Wachs. Die Gesichtszüge wirkten glatt, zu glatt, und doch war die Ähnlichkeit vollkommen. Sabine verstand in diesem Moment, was sie sah, noch bevor ihr Verstand es akzeptieren wollte.

Es war keine Nachbildung eines Lebenden.

Es war die letzte Darstellung eines Menschen, der nicht mehr lebte.

Sabine spürte, wie ihr die Kraft aus den Beinen wich. Ihre Schwester war tot und Stuart hatte sie zu einem seiner festgehaltenen Momente gemacht. Die Rächerin blieb hinter ihr stehen, sagte nichts und ließ Sabine diesen Augenblick allein begreifen.


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