Kapitel 109 - Reddie

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Die Stadt war nur noch ein Schatten ihrer selbst, dachte Alberto, während seine Schritte vom Staub verschluckt wurden. San Arenisca hatte einmal gelebt, geatmet und gelacht, doch jetzt wirkte die Stadt wie ein gewaltiger Kadaver aus Beton und Stahl. Die Sonne kämpfte sich nur mühsam durch den grauen Dunst, der seit dem Angriff der Shenth über der Stadt hing.

Alberto Zambrano war ein Mann Mitte vierzig, dessen südländische Haut vom Leben gezeichnet war. Strubbelige, schwarzgrau melierte Haare fielen ihm bis zum Kinn und rahmten ein von Falten durchzogenes Gesicht. Sein Vollbart verdeckte einen Teil dieser Spuren, doch nicht die Müdigkeit in seinen Augen. Er trug bewusst schlichte Kleidung: abgetragene Jeans, ein dunkles T-Shirt und eine einfache Übergangsjacke.

Er lief durch die Straßen von San Arenisca – oder besser gesagt durch das, was davon übrig war. Wo früher Cafés, Märkte und Wohnhäuser gestanden hatten, ragten nun provisorische Gerüste und unfertige Megastrukturen in den Himmel. Der Angriff der Shenth hatte die Stadt in ein Trümmerfeld verwandelt. Selbst das berüchtigte Alcatraz-Gefängnis war wie ein Relikt aus einer anderen Zeit pulverisiert worden.

Kessler Industries, ein ortsansässiges Unternehmen, hatte den Wiederaufbau übernommen. Offiziell sprach man von Arbeitsplätzen und Fortschritt. Inoffiziell wusste jedoch jeder, dass Kessler vor allem eines wollte: Effizienz. Normalerweise stellte die Firma Waffen her; ihre Hauptfertigungsanlagen lagen außerhalb der Stadtgrenzen und waren unversehrt geblieben. San Arenisca bot jedoch etwas Wertvolleres. Raum nach oben. Raum nach unten.

Die neuen Gebäude schossen wie gigantische Stahlfinger in den Himmel. Es waren Hochhäuser mit hunderten Etagen, deren Spitzen im Smog verschwanden. In schwindelerregender Höhe verbanden Brücken sie miteinander, sodass ganze Verkehrsadern über der Stadt schwebten. Darunter entstanden weitere Ebenen: Es gab Produktionsdecks, Lagerhallen und Wohnkapseln für Arbeiter. Und noch tiefer, unter der Erde, befand sich ein Labyrinth aus Tunneln, Maschinenräumen und verborgenen Fabrikstraßen. San Arenisca verwandelte sich schichtweise, vertikal und kompromisslos. Es war eine Stadt, die nicht mehr horizontal, sondern in Ebenen gedacht wurde, wie ein gigantischer Ameisenbau aus Beton.

Zwischen den Baustellen flackerten bereits Reklametafeln mit Logos von Kessler Industries.

Alberto blieb kurz stehen und blickte nach oben. Er konnte den Himmel kaum noch erkennen. Die Stadt schien ihn zu verschlucken.

Er war Monteiro gewohnt, eine Stadt voller Farben, Musik und Leben. Dort roch die Luft nach Gewürzen und Meer, nicht nach Öl und Ozon. Die Menschen saßen auf den Plätzen, lachten, stritten und lebten. San Arenisca war jedoch auf dem Weg, etwas anderes zu werden: eine funktionale Megastruktur.

Wenn Kessler Industries so weitermachte, würde diese Stadt das Schicksal einer endlosen Metropole ohne Horizont erleiden und jede Erinnerung an das, was einmal gewesen war, verlieren.

Er betrat eine der wenigen verbliebenen Kneipen der Stadt – eine schmale, gedrungene Bar zwischen zwei ausgebrannten Häusern. Das flackernde Neonschild über der Tür summte müde. Drinnen roch es nach altem Alkohol, kaltem Rauch und dem dumpfen Metallgeruch von Stromgeneratoren. Alberto schloss die Tür hinter sich, ließ den Lärm der Straße zurück und setzte sich an die abgewetzte Theke, deren Holz von zahllosen Kerben übersät war.

Der Barkeeper, ein hagerer Mann mit grauem Bart und müden Augen, kam wortlos auf ihn zu. Bevor dieser auch nur den Mund öffnen konnte, sagte Alberto: „Einen Wodka.“

Der Barkeeper nickte knapp und stellte wenig später ein Glas vor ihn. Alberto trank nicht sofort. Er ließ den klaren Schnaps im Glas kreisen und betrachtete sein Spiegelbild darin. Über der Theke hing ein alter Bildschirm, dessen Ton etwas zu laut eingestellt war. Das Logo von WNN flackerte auf, gefolgt von Bildern aus zerstörten Städten, Gerüsten, Drohnenaufnahmen und uniformierten Arbeitstrupps.

„Der Wiederaufbau der Vereinigten Republik schreitet schneller voran als erwartet“, verkündete die Stimme des Reporters mit geübtem Optimismus. Dann schnitt das Bild zu einem Mann mittleren Alters mit sorgfältig gekämmtem Haar und makellosem Anzug. Die Bauchbinde identifizierte ihn als George Ford, Präsident der Vereinigten Republik.

„Mr. Ford“, fragte der Reporter, „wie wollen Sie künftig mit Kriminellen und sogenannten Deviants in der Vereinigten Republik umgehen?“

Ford lächelte kontrolliert – ein Lächeln, das eher beruhigen als überzeugen sollte.

„Wir verfolgen einen differenzierten Ansatz“, begann er. „In Saint Veronika werden wir die bestehende Klinik weiter ausbauen, um dort eine geschlossene Einrichtung für spezielle Fälle zu errichten: therapeutisch, nicht strafend und hochmodern.“

Alberto stieß leise Luft durch die Nase und nahm einen Schluck Wodka. Therapeutisch. Natürlich.

„Für besonders schwere Fälle“, fuhr Ford fort, „entsteht in Threeforks an der Ostküste eine neue Bastion. Hochsicher, aber rechtsstaatlich kontrolliert. Und in der Nähe von Monteiro wird ein Lager für problematische Deviants eingerichtet, die aktuell nicht integrierbar sind.“

Alberto rümpfte die Nase. Monteiro. Immer Monteiro. Der Ort hatte schon vor dem Fall der Mauern einen schlechten Ruf. Jetzt wurde er offenbar endgültig zum Sammelbecken all dessen, was man nicht sehen wollte.

„Es wird nicht langweilig”, dachte er trocken und leerte das Glas in einem Zug.

Auf dem Bildschirm wechselten die Bilder zu animierten Karten.

„Außerdem“, sagte Ford, während bunte Linien neue Grenzen zeichneten, „haben wir beschlossen, die zerstörten Stadtmauern nicht wieder aufzubauen. Die klimatischen Bedingungen stabilisieren sich und wir sehen eine historische Chance: Wir wollen die Menschen der Städte und der sogenannten Deadlands wieder miteinander verbinden.“

Ein leises Murmeln ging durch die Kneipe. Jemand lachte bitter.

„Indem wir die Deadlands abschaffen“, ergänzte Ford feierlich.

Alberto sah zur Bauchbinde hinunter. Dutzende Namen scrollten über den Bildschirm: Städte, die wiederaufgebaut werden sollten.

Er stellte das leere Glas auf die Theke zurück.

„Noch einen“, sagte er leise.

Später öffnete sich die Tür der Kneipe erneut. Ein Mann trat ein, schüttelte den Regen von seinem Mantel und blieb einen Moment stehen, um den Raum zu mustern. Dann entdeckte Alberto ihn sofort.

Alberto Corto kannte ihn schon lange. Damals bei Globe Preservation, als noch alles nach Idealismus roch und man sich einredete, man könne die Welt retten, wenn man sie nur gut genug katalogisierte. Inzwischen war davon nichts mehr übrig. Globe war geschluckt worden, umbenannt, zerlegt und neu zusammengesetzt worden. Jetzt hieß alles Section Shield.

Alberto zog langsam an seiner Zigarre, ließ den Rauch beiläufig aus dem Mund entweichen und starrte geradeaus auf die Flaschen hinter der Theke. Er musste Corto nicht ansehen, um zu wissen, dass dieser grinste.

„Nabend, Alberto“, sagte Corto schließlich. „Wo ist dein roter Mantel?“

„Ich bin gerade nicht als dieser unterwegs“, antwortete Alberto ruhig, ohne den Blick zu heben.

Corto lachte leise und setzte sich neben ihn. Das Leder des Barhockers quietschte. Er war kaum gealtert, fiel Alberto auf. Oder er hatte gelernt, die Spuren besser zu verbergen. Seine Haut war zu glatt, sein Blick zu wach für jemanden, der so lange im System gearbeitet hatte. Corto winkte dem Barkeeper zu. Der reagierte nicht einmal. Er polierte weiter ein Glas, als wäre Corto Teil der Einrichtung.

„Charmant wie immer“, murmelte Corto.

„Ich glaube, du siehst zu jung aus, Corto“, kommentierte Alberto trocken. „Entweder das, oder du bist offiziell schon tot.“

Corto verzog das Gesicht. „Nein, Reddie“, sagte er und beugte sich ein Stück näher zu ihm. „Der ruft gerade das Beerdigungsinstitut für dich an.“

Alberto lächelte schief. Er griff nach einer Salzstange aus der Schale auf der Theke, brach sie in der Mitte durch und begann langsam zu kauen.

„Dann soll er wenigstens Blumen bestellen.“

Ein paar Sekunden schwiegen sie.

„Wann kommt Orio …“, begann Corto, stockte kurz und korrigierte sich: „… ich meine, wann kommt Adam?“

„Sollte gleich“, antwortete Alberto. „Er war nie gut mit Zeit.“

Corto nickte und trommelte mit den Fingern auf die Theke.

„Was hast du eigentlich vor, Corto?“, fragte Alberto schließlich, ohne ihn anzusehen.

Corto atmete tief ein. Zum ersten Mal wich die Leichtigkeit aus seinem Gesicht.

„Ich gehe zu Palmer Industries. Auburn. Ich will Kontakte knüpfen und Verhandlungen führen. Die spielen eine größere Rolle, als Section Shield offiziell zugibt.“

Alberto zog erneut an der Zigarre. Auburn also.

„Und du, Reddie?“, fragte Corto. „Was treibt dich noch an?“

„Monteiro“, sagte Alberto knapp. „Ich gehe in die Heimat zurück. Und erledige ab und zu Auftragsmissionen für Section Shield. Wenn sie glauben, mich noch gebrauchen zu können.“ Corto verzog den Mund. „Monteiro wird interessant.“

„War es schon immer.“

Bevor Corto antworten konnte, wechselte der Ton des Fernsehers. Die vertraute WNN-Melodie schnitt durch das Kneipengemurmel.

„Hier bei WNN sind wir immer aktuell“, verkündete die Stimme der Moderatorin. „Wir müssen einen Toten in San Arenisca melden. Ein ehemaliger Held wurde dort erschossen.“

Alberto und Corto sahen sich an.

Sie standen gleichzeitig auf.


Mit Cortos Skidbike erreichten sie den Tatort über die oberen Ebenen der Stadt. Das Fahrzeug glitt durch einen schmalen Korridor zwischen zwei Wohnblöcken und dann über eine freiliegende Trägerbrücke, die früher einmal eine Hauptstraße gewesen war.

Corto brachte das Skidbike an einer Absperrung zum Stehen. Weiter durften sie nicht. Die Plattform, auf der sie anhielten, lag etwa zwei Ebenen über dem eigentlichen Tatort. Von hier aus konnte man hinuntersehen, ohne Teil des Geschehens zu sein. Alberto stieg ab, stellte sich ans Geländer und blickte nach unten. Der Platz unter ihnen war früher ein kleiner Marktplatz gewesen. Jetzt war er leer, die Stände waren verschwunden und der Boden war von Rissen durchzogen. Mehrere mobile Lichtmasten standen rund um die Mitte und tauchten alles in gleichmäßiges Weiß. Der Regen hatte aufgehört, doch der Boden war noch nass. In den Vertiefungen sammelten sich Pfützen, die die Lichter und die Bewegungen der Einsatzkräfte reflektierten. Section-Shield-Leute waren überall verteilt. Einige sicherten die Zugänge, andere standen in Gruppen beisammen und sprachen leise miteinander. Zwei Drohnen schwebten in festem Abstand über dem Platz und bewegten sich langsam hin und her. Alberto sah Markierungen auf dem Boden: nummerierte Hologramme, die die Fundstellen kennzeichneten.

Sein Blick blieb an einer Bewegung am Rand hängen.

Zwei Sanitäter führten ein Kind über den Platz. Ein Junge, klein und schmutzig, eingehüllt in eine viel zu große Rettungsdecke. Er ging von selbst, aber langsam, als müsste man ihm jeden Schritt erklären. Sie brachten ihn zu einem Graveship, das am Rande der Absperrung wartete. Die Luke öffnete sich, der Junge stieg ein, dann schloss sie sich wieder. Das Schiff hob ab und verschwand zwischen den Ebenen.

Alberto sah ihm nach, bis es außer Sicht war.

Dann ließ er seinen Blick zur Mitte des Platzes wandern. Dort war der eigentliche Tatort. Der Boden war selbst im grellen Licht dunkler. Das Blut war teilweise vom Regen verwischt, aber noch deutlich zu erkennen. In der Nähe lag etwas Metallisches, vermutlich Teile einer Waffe oder eines Geschosses. Jemand fotografierte die Stelle, ein anderer diktierte Daten in ein Handgerät.

Alberto lehnte sich etwas näher ans Geländer. Dann sah er das Gesicht des Opfers.

„Das ist Adam“, sagte Corto leise hinter ihm.

„Ich weiß.“


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