Kapitel 108 - Stone Garden
Der Wind pfiff über die endlosen Sandwellen. Er trug feinste Körner mit sich, scharfkantig und erbarmungslos, und sandstrahlte alles, was sich ihm entgegenstellte. Die Besatzung auf dem Katamaran hatte längst gelernt, sich diesem Angriff nicht zu widersetzen, sondern ihn zu ertragen. In dicke, dunkle Stofflagen gehüllt, standen und saßen die Gestalten reglos an ihren Positionen. Die Tücher waren mehrfach um Körper und Gesichter geschlungen, mit Lederriemen fixiert und an manchen Stellen vom Sand ausgefranst.
Nur gelegentlich verriet eine minimale Bewegung, dass sich unter den Stoffen lebendige Menschen befanden. Worte wurden keine gewechselt. Der Wind hätte sie ohnehin verschluckt und in dieser Umgebung war jedes überflüssige Geräusch eine Verschwendung von Kraft. Einer der Passagiere stand vorne am Bug, nahe einem der beiden Segelmasten. Er hatte sich breitbeinig positioniert, die Füße sicher verkeilt, den Körper leicht nach vorne geneigt, als wolle er dem Katamaran selbst die Richtung weisen. Seine Haltung verriet nicht nur Erfahrung mit diesem Gefährt, sondern auch mit der Wüste selbst. Seine Augen, die hinter einer stark zerkratzten Fliegerbrille verborgen waren, wirkten unnatürlich ruhig und fokussiert. Die Gläser hatten schon zahllose Stürme, Einschläge von Sand und vielleicht Schlimmeres gesehen, doch sie erfüllten ihren Zweck noch immer. Der Fahrtwind riss an seiner Kleidung, zerrte an den losen Enden der Stoffbahnen und schleuderte schließlich seine Kapuze nach hinten. Für einen Moment wurde sein Kopf entblößt und das tiefe Schwarz seiner langen Haare bildete einen scharfen Kontrast zur gleißenden Helligkeit der Wüste. Die Strähnen peitschten in der Luft, wurden sofort von Sandkörnern durchsetzt und wirkten beinahe wie Teil des Sturms selbst. Er schenkte dem keine Beachtung. Sein Blick war nach vorne gerichtet und fixierte die Ferne, als könne er dort etwas erkennen, das anderen verborgen blieb. Seit Stunden hatte sich die Landschaft nicht verändert. Sand. Nichts als Sand. Dünen, so weit das Auge reichte, jede dem nächsten Hügel ähnlich, jede Welle eine Variation derselben erbarmungslosen Form. Die Sonne stand hoch und brannte unbarmherzig, doch ihre Hitze war längst Teil des Hintergrundrauschens geworden, etwas, das man hinnahm wie den eigenen Atem. Die Wüste war kein Ort, den man bezwang. Man existierte in ihr, solange sie es zuließ. Der Mann am Bug spannte sich an. Seine Haltung wurde noch konzentrierter, sein Kopf neigte sich kaum sichtbar zur Seite. Dort, wo eben noch Sand gewesen war, zeichnete sich nun etwas anderes ab. Keine Düne, keine Welle. Eine Linie. Flach. Hart. Ihre Farbe wechselte von hellem, beweglichem Gold zu einem dunkleren, matten Ton. Eine versteinerte Fläche. Je näher der Katamaran kam, desto deutlicher wurde der Unterschied. Der Sand wich zurück, als hätte er Angst vor dem, was darunter lag. Der Boden wirkte uralt, aufgerissen von Rissen und Narben, als hätte er unzählige Zeitalter überdauert, während alles um ihn herum zu Staub zerfallen war. Vereinzelte Felsplatten ragten heraus, kantig und scharf – ein gefährliches Terrain für ein Fahrzeug, das für die Weite der Dünen gebaut war.
Vom Bug aus ging ein kaum hörbares Signal, ein Handzeichen, eine Bewegung. Die Besatzung reagierte sofort. Taue wurden gelockert und die Segel minimal neu ausgerichtet. Der Katamaran verlor allmählich an Geschwindigkeit. Nicht abrupt, nicht widerwillig, sondern kontrolliert, fast widerstrebend, als müsse man ihn überzeugen, diesen kraftvollen Lauf zu beenden. Der Sandflug nahm ab. Die Geräusche veränderten sich. Das tiefe, stetige Rauschen wich einem raueren Klang, als sich die Kufen der versteinerten Fläche näherten. Schließlich kam der Katamaran neben dem harten Untergrund zum Stillstand. Ein letzter Windstoß ließ die Segel schlagen, dann senkten sie sich langsam – erschöpft wie nach einem langen Kampf.
Für einen Augenblick herrschte absolute Stille.
Die Wüste hielt den Atem an.
Der Mann mit den langen schwarzen Haaren stieg aus dem Katamaran, sobald dieser vollständig zur Ruhe gekommen war. Seine Stiefel berührten den Boden mit einem dumpfen, fremden Klang, da sie nicht mehr im Sand einsanken, sondern auf hartem, kaltem Gestein Halt fanden. Er blieb für einen Moment stehen, ließ den Blick schweifen und sog die veränderte Luft ein.
Vor ihm erhob sich ein Gebäude, das eher an eine gewachsene Formation als an ein errichtetes Bauwerk erinnerte. Die Fassade war unregelmäßig, als hätte man eine Höhle erweitert und ihr lediglich eine grobe Ordnung aufgezwungen. Steinplatten griffen ineinander, teilweise glatt geschliffen, teilweise roh belassen. Tiefe Schatten lagen in den Vertiefungen, während scharfe Kanten das Sonnenlicht brachen. Es waren keine Fenster zu erkennen, nur eine breite Öffnung, die wie ein offener Schlund wirkte.
Sayf Al Amal zog die Stoffe um seinen Körper enger und setzte sich in Bewegung. Mit jedem Schritt ließ er die Hitze der Wüste hinter sich. Als er die Schwelle überschritt, verschluckte ihn das Halbdunkel. Die Geräusche draußen – Wind, Segel, das ferne Knirschen von Sand – verstummten abrupt, als hätte jemand sie abgeschnitten. Das Innere des Gebäudes war größer, als es von außen den Anschein gemacht hatte. Der Raum öffnete sich hoch und weit, die Decke verlor sich im Schatten. Glatte Steinflächen wechselten sich mit organisch wirkenden Strukturen ab, als wäre dieser Ort sowohl Natur als auch Konstruktion. Ein kühles, gedämpftes Licht durchzog den Raum, ohne dass eine sichtbare Lichtquelle auszumachen war. Es schien aus dem Stein selbst zu kommen.
In der Mitte des Raumes stand eine Gestalt, die sich deutlich von allem unterschied, was Sayf auf seiner Reise gesehen hatte.
Die außerirdische Lebensform hatte eine schlanke, aufrechte Statur. Ihre Haut schimmerte in einem intensiven Türkis, das je nach Lichteinfall ins Grünliche oder Bläuliche wechselte. Sie wirkte glatt und fast flüssig, als wäre sie nicht fest, sondern befände sich in einem dauerhaften Übergangszustand. Ihre länglichen Gliedmaßen endeten in fein gegliederten Händen, deren Finger sich langsam und bedächtig bewegten. Ihre großen, mandelförmigen Augen, die von einem dunkleren Rand umgeben waren, ruhten aufmerksam auf Sayf, ohne jede Aggression, aber mit unverhohlener Neugier.
„Darf ich raten?“
Die Stimme der türkisen Lebensform war ruhig, klar und erstaunlich warm. Sie hallte leicht im Raum wider, als sei sie Teil der Architektur selbst.
„Sie sind Sayf Al Amal? Sie sind also hier, weil der Sultan und Section Shield Sie geschickt haben?“
Sayf blieb stehen. Für einen Herzschlag lang sagte er nichts. Dann nickte er knapp. Langsam, griff er nach den Tüchern, die sein Gesicht verhüllt hatten, und zog sie zurück. Der Stoff raschelte leise, als er ihn abwickelte und freigab, was die Wüste über Stunden verborgen gehalten hatte.
„Willkommen in Stone Garden“, sagte die Lebensform. Ein kaum merkliches Lächeln zog über ihre Gesichtszüge oder zumindest über das, was bei ihr als solche galt. „Mein Kollege wird Sie mitnehmen.“Noch während diese Worte im Raum verhallten, trat eine weitere Gestalt durch einen seitlichen Durchgang ein. Sie war deutlich kleiner als Sayf und bewegte sich mit einer geschmeidigen, beinahe sprungbereiten Eleganz. Ihr Körper war von dichtem, kurzem Fell bedeckt, das in warmen Braun- und Grautönen schimmerte. Ihr Kopf erinnerte an das eines Wiesels oder Marders mit spitzer Schnauze, wachen Augen und kleinen, beweglichen Ohren, die jede Veränderung in der Umgebung zu registrieren schienen.
Die Person blieb vor Sayf stehen, musterte ihn kurz und verbeugte sich dann leicht.
„As-salamu alaykum!“
Sayf reagierte sofort. Er beugte sich ebenfalls vor, respektvoll und ohne zu zögern.
„Wa alaykum as-salam.“
Die fellige Gestalt richtete sich auf und nickte zufrieden, als sei damit eine wichtige Prüfung bestanden.
„Ich heiße Carhen“, sagte sie mit fester, sachlicher Stimme. „Und ich bin der Leiter dieser Einrichtung.“
Carhen verschränkte die Hände hinter dem Rücken und musterte Sayf nun genauer, jedoch nicht feindselig, sondern analytisch, als wolle er jedes Detail erfassen: die Spuren des Sandes, die abgenutzten Stoffe, den Blick eines Mannes, der wusste, warum er hier war.
„Kommen Sie“, fügte er hinzu und wandte sich bereits halb ab. „Stone Garden wartet nicht gern.“
Ohne ein weiteres Wort folgte Sayf ihm tiefer in den Stein.
Er folgte Carhen durch die gewundenen Gänge aus Stein, bis das diffuse Innenlicht allmählich heller wurde und schließlich in gleißendes Tageslicht überging. Sie traten aus dem Gebäude hinaus und für einen Moment musste Sayf die Augen zusammenkneifen. Nicht nur wegen der Sonne, sondern auch wegen des Anblicks, der sich vor ihm eröffnete. Vor ihnen erstreckte sich eine riesige Steinfläche, die so weitläufig war, dass sie den Blick förmlich verschluckte. Der Boden war glatt und uneben zugleich, von natürlichen Linien durchzogen, die wie Adern wirkten. In unregelmäßigen Abständen erhoben sich steinerne Bauwerke aus der Fläche – keine klaren Gebäude im klassischen Sinn, sondern massive Formationen, die an ausgehöhlte Felsen oder gigantische Termitenbauten erinnerten. Ihre Formen waren organisch und weich geschwungen, als wären sie nicht gebaut, sondern über Jahrhunderte gewachsen. Zwischen diesen Strukturen ragten hohe Steinsäulen empor. Manche waren schlank und beinahe elegant, andere breit und wuchtig mit Ausbuchtungen und Einkerbungen, die Schatten warfen und dem Ort Tiefe verliehen. Das Licht spielte zwischen ihnen und ließ die Säulen je nach Blickwinkel heller oder dunkler erscheinen. Es war ein stiller, erhabener Ort – kein Platz der Natur im ursprünglichen Sinne, aber auch kein rein künstlicher Raum. Sayf ließ den Blick langsam über das Areal wandern. Je länger er schaute, desto klarer wurde der Eindruck, der sich ihm aufdrängte: Es wirkte tatsächlich wie ein Garten. Kein Garten aus Pflanzen oder Wasserläufen, sondern ein Garten aus Stein. Jede Säule, jedes Gebäude schien bewusst platziert. Es schien, als folge das gesamte Gelände einer unsichtbaren Ordnung, die sich nicht sofort erschloss.
„Stone Garden“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu Carhen.
Carhen reagierte nicht darauf, sondern ging zielstrebig voraus. Seine Schritte führten sie zu einer der näher gelegenen Säulen. Sie war besonders massiv und ragte wie ein stummer Wächter aus dem Boden. Erst als sie näherkamen, erkannte Sayf, dass sich im unteren Bereich eine Öffnung befand, die fast im Schatten der Säule verborgen war. Der Eingang war gerade groß genug, um hindurchzutreten, und wirkte weniger wie eine Tür als vielmehr wie ein natürlich entstandener Zugang.
„Hier entlang“, sagte Carhen knapp.
Sayf trat näher und beugte sich, um in das Innere zu sehen. Der Hohlraum reichte tief hinab und zugleich nach oben. Die Wände waren glatt und kühl und ein leises Echo antwortete auf jedes Geräusch. Erst jetzt bemerkte Sayf das Wasser. Im Zentrum der Säule befand sich ein großes Becken, dessen Oberfläche ruhig und dunkel schimmerte. Das Licht von oben brach sich darin und zeichnete flackernde Muster an die steinernen Innenwände.
„Hier hinein springen, bitte“, sagte Carhen sachlich, als handle es sich um eine alltägliche Formalität.
Ohne zu zögern sprang er vor. Sein felliger Körper verschwand mit einem leisen Platschen im Wasser und für einen Augenblick war nichts mehr von ihm zu sehen. Sayf atmete tief ein. Er hatte gelernt, in der Wüste keine Zeit mit Zweifeln zu verschwenden. Mit einem Schritt trat er an den Rand des Beckens, ließ sich fallen und durchbrach die Wasseroberfläche.
Die Kälte traf ihn überraschend hart. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor er die Orientierung, umgeben von Dunkelheit und Stille. Dann zog ihn eine unsichtbare Strömung sanft, aber bestimmt nach unten. Das Wasser trug ihn durch einen schmalen, vertikalen Tunnel, der sich plötzlich öffnete.
Mit einem Ruck wurde er nach oben gedrückt und tauchte prustend wieder auf. Sayf befand sich nun in einem völlig anderen Raum.
Er war in einer Laborstation herausgekommen.
Das Licht war hell, klar und gleichmäßig. Glatte, metallische Oberflächen wechselten sich mit durchsichtigen Wänden ab, hinter denen Geräte, Röhren und schwebende Anzeigen zu erkennen waren. Leise, gleichmäßige Geräusche erfüllten den Raum: ein Summen, ein Pulsieren, das von hochentwickelter Technik zeugte. In der Mitte des Raumes stand Carhen bereits und schüttelte das Wasser aus seinem Fell, als wäre nichts Besonderes geschehen.
Sayf stieg tropfend aus dem Becken und sah sich um.
Der steinerne Garten war verschwunden.
Stone Garden hatte ein weiteres Gesicht gezeigt.
Der Raum entfaltete sich vor Sayf wie das pulsierende Herz einer fremden Welt. Überall befanden sich technische Vorrichtungen, deren Zweck sich ihm nur ansatzweise erschloss. Armaturen mit fein abgestuften Skalen ragten aus Konsolen, deren Oberflächen aus glattem Metall oder transluzentem Material bestanden. Bildschirme schwebten frei in der Luft oder waren in die Wände eingelassen. Sie zeigten Datenströme, geometrische Muster, fremdartige Schriftzeichen und sich ständig verändernde Diagramme. Hologramme projizierten dreidimensionale Modelle von Planeten, Bahnen und Energieflüssen, die sich teilweise überlagerten, ohne einander zu stören.
Die Luft war erfüllt von einem leisen, allgegenwärtigen Summen. Es war kein störendes Geräusch, sondern ein gleichmäßiger Klang, der Ordnung und Kontrolle vermittelte – als arbeite dieser Ort nach einem präzisen, unsichtbaren Rhythmus. In regelmäßigen Abständen ertönten sanfte akustische Signale, die offenbar Informationen oder Statusmeldungen übermittelten.
Zwischen all dem bewegten sich zahlreiche Kreaturen unterschiedlichster Herkunft. Sayf hatte in seinem Leben vieles gesehen, doch diese Vielfalt übertraf alles. Es gab Wesen mit schimmernden Panzerungen und andere mit weicher, durchscheinender Haut. Einige schwebten lautlos über dem Boden, andere gingen auf mehreren Beinen oder bewegten sich mithilfe mechanischer Erweiterungen fort. Manche trugen Kleidung, andere schienen keinerlei Bedarf dafür zu haben. Trotz ihrer Unterschiede wirkten sie konzentriert und zielgerichtet.
Viele von ihnen saßen an den Gerätschaften und bedienten die Konsolen mit Klauen, Tentakeln, Händen oder Lichtimpulsen. Niemand schenkte Sayf besondere Beachtung.
„Das ist die Basis“, sagte Carhen und blieb neben ihm stehen. „Der Kommandoraum.“
Sayf nickte langsam. Sein Blick wanderte weiter durch den Raum und versuchte, das Gesehene einzuordnen. Erst jetzt, mit etwas Abstand, begann sich ein Gedanke zu formen, der sich unausweichlich festsetzte. Die Architektur. Die Technik. Die Schwerkraft, die trotz all der Offenheit stabil blieb. Und schließlich das Gefühl, dieses subtile, kaum greifbare Bewusstsein, dass sich der Boden unter ihm nicht auf einem Planeten befand. Während Carhen sprach, wurde Sayf klar, dass er die Oberfläche längst hinter sich gelassen hatte.
Er befand sich nicht mehr an einem geheimen Ort.
Er war auf einer Raumstation.
Sein Blick blieb an einer riesigen Scheibe hängen, die sich über einen großen Teil der Außenwand erstreckte. Sie war makellos klar und gab den Blick frei auf das, was jenseits lag: schwarze Unendlichkeit. Schwarze Unendlichkeit. Sterne, zahllos und still. In der Ferne zog langsam ein Nebel aus Licht und Staub vorbei, als würde sich die Station durch ein Meer aus Dunkelheit bewegen. Es gab keinen Horizont, kein Oben oder Unten, nur das allgegenwärtige und überwältigende Weltall.
Für einen Moment vergaß Sayf zu atmen.
„Wir werden Ihnen in den nächsten Monaten alles über Lumpanid beibringen“, sagte Carhen ruhig.
Sayf wandte den Blick von den Sternen ab. Er wusste es. Natürlich wusste er es. Der Sultan hatte ihn nicht ohne Grund hierhergeschickt. Diese Aufgabe war vorbereitet worden, lange bevor er den ersten Schritt in die Wüste gesetzt hatte. Dennoch trafen ihn die Worte mit einer Schwere, die er nicht ganz hatte vorhersehen können. Carhen sah ihn nun direkt an.
„Wir werden Ihnen alles über Lumpanid beibringen, Sayf“, wiederholte er diesmal mit Nachdruck. „Über seine Struktur, Möglichkeiten und Nebenwirkungen.“
Sayf atmete langsam aus. und ging wieder. in ein Becken.
Sie erreichten eine Halle, deren schiere Größe Sayf für einen Moment den Atem nahm. Der Raum öffnete sich wie ein unterirdischer Himmel: weit gespannt, von massiven Trägern durchzogen, die sich hoch oben in geometrischen Mustern kreuzten. Die Wände bestanden aus dunklem Metall und glattem Stein und waren nahtlos miteinander verschmolzen, als hätte man natürliche Form und hochentwickelte Technik bewusst ununterscheidbar gemacht. Gedämpftes Licht fiel aus schmalen Öffnungen in der Decke sowie aus schwebenden Leuchtelementen, die in gleichmäßigem Abstand über der Halle verteilt waren.
Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiges Andockfeld.
Dort standen die Raumschiffe.
Sie waren in klar voneinander abgegrenzten Bereichen positioniert, jedes auf einer eigenen Plattform, leicht erhöht. Sie wirkten wie Exponate in einer Ausstellung oder wie schlafende Raubtiere, bereit, jederzeit zu erwachen. Der Boden unter ihnen war von feinen Energielinien durchzogen, die in langsamen Pulsen aufleuchteten und wieder erloschen.
Das erste Schiff war langgestreckt und pfeilförmig. Seine Hülle bestand aus einem dunklen, nahezu schwarzen Metall, das das Licht nicht reflektierte, sondern verschluckte. Scharfe Kanten wechselten sich mit fließenden Übergängen ab, sodass das Schiff den Eindruck erweckte, für hohe Geschwindigkeiten und atmosphärische Durchdringung optimiert zu sein. Entlang der Seiten verliefen schmale, bernsteinfarbene Lichtstreifen, die vermutlich Statusanzeigen oder Energieleiter waren. Am Heck befanden sich mehrere ringförmig angeordnete Antriebseinheiten, deren Inneres schwach glühte.
Ein weiteres Schiff wirkte völlig anders. Es war kompakter und breiter gebaut und hatte eine fast organische Form. Seine Außenhülle schimmerte in metallischem Grau und Blau, als sei sie mit einer dünnen Kristallschicht überzogen. Es gab keine sichtbaren Nähte und keine offensichtlichen Triebwerke. Stattdessen wölbte sich die Oberfläche in sanften Kurven, die von eingelassenen Paneelen und fremdartigen Symbolen unterbrochen wurden. Um das Schiff herum bewegten sich kleine, schwebende Drohnen und führten offenbar Wartungsarbeiten durch, ohne dass ein einziges Geräusch zu hören war.
Weiter hinten stand ein massives Transportgefährt. Es war deutlich größer als die anderen, mit einem blockhaften Rumpf und verstärkten Außenplatten. Dicke Verstrebungen und modulare Sektionen ließen erkennen, dass dieses Schiff für schwere Lasten oder lange Missionen ausgelegt war. An seiner Unterseite waren mehrere Landebeine ausgefahren, die tief im Boden verankert waren. Die großen Frachttore an den Seiten waren mit gravierten Markierungen versehen, die auf verschiedene Spezies und Standards hinwiesen – ein Schiff, das Welten verband.
Zwischen diesen Kolossen befanden sich kleinere Schiffe: wendige Einpersonenjäger mit glatten, aerodynamischen Hüllen, kugelförmige Erkundungsfahrzeuge mit umlaufenden Sichtfenstern und längliche Shuttles mit seitlich angebrachten Einstiegsrampen. Jedes von ihnen schien einem klar definierten Zweck zu dienen und war das Ergebnis jahrzehntelanger, wenn nicht sogar jahrhundertelanger Entwicklung.
Ihre Farben variierten von mattem Weiß über gebürstetes Silber bis hin zu tiefem Violett und Bronze. Einige Oberflächen waren von feinen Kratzern und Spuren früherer Einsätze gezeichnet, andere wirkten makellos, als hätten sie die Halle nie verlassen. Über einigen Schiffen schwebten holografische Projektionen, die technische Daten, Routen oder Energiezustände anzeigten.
Sayf trat langsam weiter in die Halle hinein. Seine Schritte hallten leise wider, während sein Blick von einem Schiff zum nächsten wanderte. Alles hier wirkte vertraut und zugleich vollkommen fremd, genau so, wie man es aus alten Science-Fiction-Filmen kannte, und doch weit darüber hinaus. Dies waren keine Kulissen, keine Fantasien. Dies waren Werkzeuge. Mittel zur Bewegung zwischen den Sternen.
Carhen blieb neben ihm stehen und ließ ihm den Moment.
Hier, das wusste Sayf instinktiv, begann der eigentliche Weg.
Nach einer weiteren Abfolge aus Gängen, Übergängen und stillen Plattformen erreichten sie schließlich einen Raum, der sich deutlich von allem unterschied, was Sayf zuvor gesehen hatte. Schon beim Betreten spürte er, dass hier andere Regeln galten. Die Luft war kühler und feuchter und hatte einen metallischen Unterton, der ihm sofort auffiel.
Der Portalraum öffnete sich weit und kreisförmig vor ihnen. In regelmäßigen Abständen waren große, perfekt runde Wasserbecken mit glatten, leicht schimmernden Rändern in den Boden eingelassen. Das Wasser darin war nicht ruhig. Es rotierte langsam und gleichmäßig und bildete Strudel, die an Whirlpools erinnerten. Ihre Oberflächen wölbten sich leicht nach innen, als zögen sie alles in ihrer Nähe unaufhaltsam an sich heran.
Feine Lichtlinien liefen über die Beckenränder, pulsierend und synchronisiert mit der Bewegung des Wassers. Gelegentlich flackerte ein schwaches Leuchten tief unter der Oberfläche auf, als befände sich dort etwas, das nicht ganz in diese Realität gehörte. Sayf trat näher an eines der Becken heran.
„In Zukunft“, fuhr Carhen fort, „wird dies der wichtigste Knotenpunkt für Reisen innerhalb und außerhalb des Universums sein.“
Sayf betrachtete die Strudel erneut. Das Wasser wirkte zugleich vertraut und fremd.
Sein Blick wanderte nach oben.
Die Decke des Portalraums war vollständig durchsichtig und gab den Blick frei auf das, was sich darüber befand. Direkt über ihnen tobte ein massiver Sandsturm. Gewaltige Staubwolken wälzten sich über den Himmel, wirbelten in spiralförmigen Bewegungen und verschlangen das Licht der Sonne. Blitze statischer Entladung zuckten lautlos, aber bedrohlich durch die braune Finsternis.
Der Sturm wirkte zum Greifen nah, als könne er jeden Moment durch die transparente Barriere brechen und den Raum fluten. Doch die Decke hielt stand, unbewegt, als sei sie Teil einer anderen Wirklichkeit.
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