Kapitel 113 - Schwestern
Maila stand vor dem Labor auf Alasteria und hielt einen Moment inne. Die Luft war kühl und klar, wie es in den frühen Morgenstunden oft der Fall war. Der Sonnenaufgang begann gerade erst, den Himmel langsam aufzuhellen. Das Licht legte sich in flachen, sachlichen Farben über das Gelände. Sie trug ihre Strickjacke eng um den Körper gezogen, weniger aus Kälte als aus Gewohnheit. Ihr neuer elementarer Wasserarm fühlte sich noch immer fremd an. Er gehörte zwar zu ihr, doch er war ihr noch nicht vertraut. Während sie gedankenverloren daran zupfte, bemerkte sie ein dumpfes, nachhallendes Schmerzgefühl. Es war kein wirklicher Schmerz mehr, sondern eher eine Erinnerung daran, wie es sich einmal angefühlt hatte. Ihr Körper reagierte, obwohl der Arm selbst diese Empfindung eigentlich nicht mehr besitzen konnte. Sie ließ die Hand sinken und atmete ruhig aus. Ihr Blick wanderte nach oben, hinauf in den Himmel. Zunächst war dort nur das gleichmäßige Aufgehen der Sonne zu sehen, doch dann erkannte sie einen dunklen Punkt, der sich langsam bewegte. Der Fleck wurde größer und klarer und nahm mit jeder Sekunde mehr Form an. Schließlich konnte sie das Graveship von Section Shield deutlich erkennen. Es bewegte sich ruhig und kontrolliert.
Als das Schiff näherkam, veränderte sich das Geräusch der Umgebung. Ein tiefes, gleichmäßiges Dröhnen legte sich über das Gelände. Das Schiff senkte seine Höhe und begann mit dem Landeanflug. Seine Ausrichtung war präzise und der Kurs eindeutig auf den Landeplatz am Fuße des Labors gerichtet. Staub und lose Partikel wurden aufgewirbelt, als die Triebwerke gegensteuerten.
Maila blieb stehen und beobachtete den Vorgang, ohne sich zu bewegen. Langsam setzte das Schiff auf, erst leicht schwebend, dann mit festem Kontakt zum Boden. Das Dröhnen ließ nach, bis schließlich wieder Ruhe einkehrte.
Zunächst öffnete sich die seitliche Luke des Graveships, und mehrere Soldaten von Section Shield traten hinaus. Ihre Bewegungen waren geübt und klar aufeinander abgestimmt. Ohne zu zögern nahmen sie Position ein und stellten sich schützend vor das Schiff. Ihre Aufmerksamkeit galt der Umgebung, ihre Haltung war angespannt, aber kontrolliert.
Dann fiel ihr Blick auf eine vertraute Silhouette. Zwischen den uniformierten Gestalten erkannte sie den kurzgeschnittenen blonden Schopf, den sie so lange vermisst hatte. In diesem Moment war jede andere Wahrnehmung zweitrangig. Endlich konnte sie Ava sehen, klar und unverkennbar. Hinter ihr standen Nott und ein Mann, den Maila nicht kannte. Er war grauhaarig, deutlich älter und wirkte zerbrechlich, beinah fragil. Seine Haltung war leicht nach vorn geneigt, als koste ihn jeder Schritt Mühe. Die drei blieben zunächst stehen und sprachen leise miteinander. Maila konnte die Worte nicht hören, nahm aber die kurzen Blicke und knappen Gesten wahr. Dann setzten sie sich gemeinsam in Bewegung und gingen auf sie zu. Gleichzeitig begann sich hinter ihnen das Graveship wieder zu heben. Die Triebwerke erwachten erneut zum Leben.
Maila stand reglos da, während die Entfernung zwischen ihr und Ava mit jedem Schritt kleiner wurde. Als Ava schließlich nah genug war, beschleunigte sie plötzlich ihre Schritte, begann zu rennen und sprang Maila ohne zu zögern in die Arme. Der Aufprall war ungeordnet, beinahe unbeholfen, aber fest. Maila hielt sie instinktiv fest, als müsse sie sich vergewissern, dass dieser Moment real war.
Der Geruch, der Ava umgab, war vertraut und zugleich verändert. Er trug Spuren von etwas Neuem, etwas Fremdem, doch das spielte keine Rolle. Entscheidend war, dass noch genug Bekanntes vorhanden war, um ihr Sicherheit zu vermitteln. Maila spürte, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen, ohne dass sie es verhindern wollte. Kurz darauf hörte sie Avas Schluchzen, zuerst leise, dann deutlicher.
Sie lösten sich nicht sofort voneinander. Für einen Augenblick schien die Umgebung stillzustehen, als hätten Zeit und Raum ihre Bedeutung verloren. „Endlich“, sagte Maila schließlich mit belegter Stimme. Der Kloß in ihrem Hals machte das Wort schwer, aber nicht unmöglich.
Die Umarmung löste sich langsam. Ava trat einen halben Schritt zurück und lächelte leicht. In ihren Augen lag eine Müdigkeit, die nicht allein von körperlicher Erschöpfung stammte. Ihre Züge wirkten härter und gefasster, als hätten sie mehr gesehen, als sie hätten sehen sollen.
Ohne viele Worte wandte sie sich Nott zu und umarmte ihn ebenfalls.
Schließlich war es Nott, der die Stille unterbrach. „Darf ich vorstellen?“, sagte er und trat leicht zur Seite. „Daniel Adam, ehemals Cutback. Seine Fähigkeit ist es, sich zu schrumpfen.“
Maila sah den Mann an, der bisher etwas abseits gestanden hatte. Er wirkte unscheinbar und passte nicht zu dem Bild, das sie von bekannten Namen und Fähigkeiten hatte. „Wieso kennt man dich nicht?“, fragte sie offen und ohne Vorwurf, sondern aus ehrlicher Verwunderung.
Daniel lächelte schwach. Es war ein müdes Lächeln, dem jede Leichtigkeit fehlte. „Ich wurde am Alterationstag gefangen genommen“, sagte er ruhig. „Ich war lange mit Simon Flanagan eingesperrt.“
Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung und gingen in Richtung Labor. Der Weg war nicht weit, doch Daniel nutzte die Zeit, um weiterzuerzählen. Er sprach sachlich und beinahe distanziert, als berichte er von etwas, das längst abgeschlossen war. Er erklärte, dass er und Simon, der unter dem Namen Crush bekannt war, über einen langen Zeitraum gefangen gehalten worden waren.
„Das Merkwürdige ist“, fuhr er fort, „dass wir uns beide nicht mehr an den eigentlichen Grund erinnern können.“ Er machte eine kurze Pause. „Nicht an das Warum. Nicht an den Einsatz. Es ist, als wäre etwas ausgelöscht worden.“ Maila hörte schweigend zu.
Nathaniel nahm sie am Eingang des Labors in Empfang. Gemeinsam berichteten Ava und Maila ihm von dem, was geschehen war, von der Ankunft, den Begleitern und den Umständen der letzten Zeit. Er stellte nur wenige gezielte Fragen und schien die Informationen sorgfältig einzuordnen.
Ava und Maila verließen das Labor erneut und gingen gemeinsam über das Gelände. Sie passierten die riesige Baustelle, auf der die neue Universität Gestalt annahm. Kräne ragten in den Himmel, Gerüste zogen sich über unfertige Fassaden und das gleichmäßige Geräusch von Maschinen begleitete sie. Von dort aus führte der Pfad weiter in Richtung des Waldes, wo es allmählich ruhiger wurde. Ava ging etwa einen Meter voraus, verlangsamte dann ihr Tempo und drehte sich um. Während sie weiterlief, begann sie, rückwärts zu gehen, und richtete ihren Blick fest auf Maila. „Sag schon“, sagte sie ohne Umschweife. „Du stehst auf Nathaniel, oder … oder?“
Maila antwortete nicht sofort. Sie ging weiter, den Blick nach vorn gerichtet, und ließ die Frage im Raum stehen.
Ava verzog leicht den Mund. „Du kannst es nicht verheimlichen“, fuhr sie fort. „Und sei doch ehrlich.“ Ihr Ton war ruhig, beinahe nüchtern, ohne Spott oder Provokation.
Maila blieb abrupt stehen und sah ihre Schwester an. „Du … du hast das offensichtlich gut verdaut“, sagte sie langsam, „obwohl sie dich so verändert haben.“
Ava blieb ebenfalls stehen und nickte. „Was soll ich tun?“, fragte sie ruhig. „Ehrlich?“ Sie atmete einmal tief durch. „Sie haben meinen Bauch ausgehöhlt und zu einem Schaufenster gemacht. Offenbar halten mich meine Fähigkeiten am Leben.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Was soll ich da noch fühlen oder denken?“
Ihr Blick fiel auf Mailas Arm. „Und ehrlich“, fügte sie hinzu, „was machst du mit deinem coolen Arm?“
Maila sah kurz auf ihren elementaren Wasserarm und nickte langsam. „Eigentlich nichts anderes als sonst“, antwortete sie nach kurzem Überlegen.
Ava verzog die Lippen zu einem knappen Lächeln. „Siehst du“, sagte sie. Dann drehte sie sich um, ging weiter in Richtung Wald und Maila folgte ihr.
„Ich habe von eurem Plan gehört“, sagte Ava plötzlich, ohne stehen zu bleiben. Ihr Blick war nach vorn gerichtet, doch ihre Stimme klang aufmerksam. „Wie ist das eigentlich mit den Deviants? In den Nachrichten gibt es ja nur Verschwörungstheorien.“
Maila antwortete ruhig, fast so, als hätte sie diese Erklärung bereits mehrfach geben müssen. „Wir gehen hauptsächlich von jungen Menschen aus“, sagte sie. „Nach unseren aktuellen Einschätzungen könnten ein bis zwei Prozent der Menschheit betroffen sein.“ Sie machte eine kurze Pause, während sie ihre Gedanken ordnete. „Es sieht außerdem so aus, als gäbe es Deviants schon sehr viel länger, als bisher angenommen. Daniel Adam ist dafür ein offensichtliches Beispiel.“
Sie gingen weiter, der Weg wurde schmaler und der Waldrand kam näher. „Ein Freund von Samuel Palmer sagte einmal, er sei Jahrhunderte alt“, fuhr Maila fort. „Und dass es offenbar immer Menschen gegeben habe, die verändert waren. Sie sind nur nie als Gruppe wahrgenommen worden.“ Ihre Stimme blieb sachlich.Ava hörte ihr aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen.
„Von hier aus“, erklärte Maila weiter, „begeben wir uns auf Missionen. Unser Ziel ist es, Deviants beim ersten Erwachen zu finden und zu unterstützen, bevor sie sich selbst oder andere gefährden.“ Sie blickte kurz zu Ava. „Junge Menschen dürfen bei uns wohnen, sich erholen und lernen, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Für einige wenige Ältere sind wir ebenfalls vorbereitet, auch wenn das seltener vorkommt.“
Für einen Moment sagte Ava nichts. Dann lächelte sie leicht, fast überrascht. „Das hört sich echt richtig gut an“, sagte sie schließlich.

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