Kapitel 104 - Big 5 Neuformierung
Zwei Monate waren seit dem Angriff vergangen. Zwei Monate, in denen Terra kaum zur Ruhe gekommen war.
Die Narben waren überall sichtbar. Auf den Kontinenten, in den Städten und in den Köpfen der Menschen. Während sich ganze Regionen noch im Wiederaufbau befanden, versuchten andere bereits, zur Normalität zurückzukehren ... einer Normalität, die es so nicht mehr gab.
Der Konferenzraum im Pentagon war gewaltig. Halbkreisförmig angeordnet saßen die Regierungschefs von ganz Terra: Präsidenten, Kanzlerinnen, Premierminister, Ratsvertreter und Generalsekretäre. Einige waren physisch anwesend, andere waren als hochauflösende Hologramme zugeschaltet. Die Flaggen ihrer Nationen schwebten dezent hinter ihnen, projiziert aus unsichtbaren Emittern. Über allem lag eine gespannte, fast greifbare Stille.
Ward stand allein in der Mitte des Raumes. Er trug weder einen Kampfanzug noch eine Uniform. Nur einen schlichten, dunklen Anzug. Seine Haltung war ruhig, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt.
„Meine Damen und Herren“, begann er ruhig, doch seine Stimme trug mühelos durch den Raum. „Zwei Monate nach dem größten außerirdischen Angriff in der bekannten Geschichte Terras stehen wir an einem Scheideweg.“
Einige Köpfe hoben sich. Andere senkten sich leicht, als müssten sie den Gedanken erst verdauen. Ward aktivierte eine holografische Darstellung. Über ihm erschien eine rotierende Projektion der Erde, übersät mit Markierungen: Einschlagspunkte, Evakuierungszonen und Gebiete erhöhter Deviant-Aktivität.
„Wir haben gesiegt“, fuhr er fort. „Aber wir haben nicht gewonnen.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum.
„Die Guardians of Terra haben bewiesen, dass sie in der Lage sind, planetare Bedrohungen abzuwehren. Sie haben Opfer gebracht, Grenzen überschritten und Entscheidungen getroffen, die kein Militär und keine Regierung allein hätten treffen können.“
Er ließ den Blick langsam über die Anwesenden schweifen.
„Und genau deshalb werden wir mit dem Projekt Guardians of Terra fortfahren.“
Einige Regierungschefs nickten zustimmend. Andere wirkten skeptisch. Wieder andere blickten angespannt. Ward atmete einmal tief durch.
„Allerdings“, sagte er nun und senkte minimal die Stimme, „nicht in der bisherigen Form.“ Er atmete erneut tief durch.
„Ein Teil der ursprünglichen Guardians wird das Projekt verlassen.“
Jetzt war es völlig still.
„Atlon, Rasun und Amberlight haben sich entschieden, ihre aktive Rolle niederzulegen“, erklärte Ward sachlich. „Nicht aus Erschöpfung. Nicht aus Ablehnung. Sondern aus Verantwortung.“
Einige der Anwesenden tauschten Blicke aus.
„Sie werden ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an der neu gegründeten Watergilb University auf Alasteria einbringen.“
Ein Hologramm der Insel erschien: grün, strukturiert, lebendig. Eine Zukunftsvision.
„Dort werden sie als Lehrer arbeiten. Als Mentoren. Als diejenigen, die verhindern sollen, dass junge Deviants ihren Platz nicht finden.“
Ward ließ einen Moment verstreichen.
„Denn eines ist klar geworden: Die Zahl der Deviants auf Terra steigt rapide. Wir können sie nicht länger nur als Einsatzkräfte oder Risiken betrachten. Sie sind Teil unserer Gesellschaft, und sie brauchen Ausbildung, Struktur und Perspektive.“
Einige der älteren Regierungsvertreter wirkten unzufrieden. Andere, vor allem die jüngeren Delegationen, hörten aufmerksam zu.
„Nitechore hat sich entschieden, unabhängig zu bleiben. Er wird weiterhin operativ tätig sein, jedoch nicht mehr als offizielles Mitglied der Guardians. Seine Einsätze werden fallweise koordiniert.“
Ein leichtes Raunen ging durch den Raum. Nitechore war zu einer Symbolfigur geworden – für Kontrolle, Präzision und Effektivität.
„Redcoat und Orion“, fuhr Ward fort, „werden weiterhin Missionen für uns übernehmen. Flexibel. International. Ohne feste Bindung an nationale Interessen.“
Jetzt regte sich offener Widerstand.
„Das bedeutet also, dass wir zwei der effektivsten Einheiten ohne direkte Kontrolle einsetzen?“, warf eine holografische Gestalt ein.
Ward nickte ruhig. „Ja.“
„Das ist politisch hochriskant.“
„Alles an dieser Situation ist hochriskant“, entgegnete Ward ohne zu zögern. „Aber Kontrolle ist nicht gleich Sicherheit. Und Zwang erzeugt Widerstand.“
Er trat einen Schritt nach vorne.
„Wir haben gesehen, was passiert, wenn man Macht ohne Vertrauen einsetzt.“
Einige Gesichter verfinsterten sich. Andere senkten den Blick. Dieser Planet hatte drei Weltkriege hinter sich.
„Die Guardians of Terra werden sich verändern“, sagte Ward schließlich. „Sie werden weniger als Symbol einer übergeordneten Gewalt dienen. Mehr als Netzwerk. Als Schutzmechanismus. Als letzte Instanz, nicht als erste.“
Er ließ die Projektion verblassen.
„Die Welt von vor dem Angriff existiert nicht mehr. Wir können versuchen, sie zu rekonstruieren, oder wir können etwas Besseres aufbauen.“
Ward verschränkte erneut die Hände.
„Das hier ist kein Rückzug. Es ist ein Übergang.“
Kaum hatte er geendet, zerfiel die eben noch fragile Ordnung des Raumes.
Die Stimmen gingen durcheinander, überlagerten sich, schwollen an wie eine Brandung, die gegen die glatten Wände des Pentagons schlug. Übersetzer-Algorithmen versuchten verzweifelt, mitzuhalten, und projizierten Untertitel in mehreren Sprachen. Doch selbst sie wirkten überfordert von der plötzlichen Explosion politischer Emotionen.
„Das ist inakzeptabel!“
Darius Volkov erhob sich halb aus seinem Sitz. Der Zar von Novoslavia war ein massiver Mann, breit gebaut, mit einem kantigen Gesicht, das aussah, als wäre es aus Granit geschlagen. Seine Stimme war so tief, dass sie selbst ohne Verstärkung den Raum dominierte.
„Atlon, Rasun und Amberlight müssen kontrolliert werden!“, donnerte er. „Man kann keine wandelnden Massenvernichtungswaffen einfach auf eine Universität abschieben!“
Er schlug mit der Faust auf den Tisch, und die Projektionen vor ihm flackerten kurz.
„Sie sind Helden“, fuhr er fort, „ja. Aber Helden ohne Aufsicht werden zu Göttern. Und Götter lassen sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen.“
Mehrere Delegierte nickten zustimmend.
Am gegenüberliegenden Ende des Raumes beugte sich Queen Rowena leicht zu Astrid Norgaard hinüber. Ihre Stimme war leise und fast sanft, doch ihr Blick war scharf wie ein Skalpell. Die Königin des Kingdoms trug ein schlichtes, aber makellos geschnittenes Gewand.
„Volkov hat Angst“, murmelte sie, „nicht vor Atlon. Vor dem Präzedenzfall.“
Astrid Norgaard, Vertreterin der Skandlands im Kingdom, hörte aufmerksam zu. Ihre blonden Haare waren streng zurückgebunden, ihr Gesicht kühl und analytisch. An ihrer Seite saß Erick Blomqvist, der CEO von Borealis Innovations, einem der führenden Ökotech-Konzerne Skandlands. Er hatte bislang geschwiegen, beobachtete die Situation jedoch mit dem Blick eines Mannes, der Chancen in Krisen witterte.
„Eine unabhängige Universität für Deviants“, sagte Astrid schließlich nachdenklich. „Wenn das funktioniert, entzieht es den Nationalstaaten langfristig die Kontrolle über eine ganze Generation.“
Blomqvist lächelte dünn. „Oder es schafft einen Markt“, flüsterte er zurück. „Ausbildung, Infrastruktur, Technologie. Borealis könnte ...“
Astrid hob eine Hand. „Nicht hier.“
Währenddessen hatte sich auf der anderen Seite des Raumes eine ganz andere Dynamik entwickelt.
Sultan Afrans Kwame Obeng saß zurückgelehnt da, die Finger ineinander verschränkt. Seine Haltung war ruhig, beinah gelassen, doch seine Augen ruhten nie. Er sprach leise mit Nia Mbatha, der Chefin von Kilimo Systems, einem afranischen Agrotech-Giganten, der sich auf nachhaltige Versorgungssysteme spezialisiert hatte.
„Die Welt wird sich verändern“, sagte Obeng ruhig. „Mit oder ohne Zustimmung dieser Leute.“
Nia nickte langsam. „Die Deviants sind keine Ausnahme mehr. Sie sind eine neue Normalität. Und Normalitäten brauchen Strukturen.“
„Oder sie reißen alte ein“, entgegnete der Sultan. „Beides kann nützlich sein.“
„Wir reden hier von Sicherheit!“, rief ein südamerikanischer Delegierter.
„Nein, wir reden von Machtverlust!“, konterte jemand aus Südostasien.
Und mitten in diesem aufziehenden Sturm saßen zwei Männer, die sich auffällig wenig um die Eskalation scherten.
Victor Sterling, der CEO von Blue Surge, lehnte sich entspannt zurück und lächelte kaum verhohlen. Sein maßgeschneiderter Anzug war dezent, aber teuer. Neben ihm saß Christian Lennox, Vertreter des germanischen Teils des Kingdoms, dessen Region sich gerade militärisch vom Kingdom zu lösen versuchte.
„Faszinierend“, murmelte Sterling. „Sie streiten darüber, wer die Helden kontrolliert … und merken nicht, dass die Helden längst weitergezogen sind.“
Lennox schnaubte leise. „Willkommen im alten System. Es versteht nicht, dass Autorität heute anders funktioniert.“
„Dezentral“, ergänzte Sterling. „Unberechenbar. Und deshalb profitabel.“
Lennox warf ihm einen scharfen Blick zu. „Du genießt das alles viel zu sehr.“
Sterling zuckte mit den Schultern. „Krisen sind ehrlicher als Frieden.“
In der Mitte des Raumes versuchte Ward, die Kontrolle zurückzugewinnen. Seine Hände lagen ruhig auf dem Tisch, doch sein Blick war hart geworden.
„Meine Damen und Herren!“, sagte er laut, und langsam ebbte der Lärm ab. „Wenn wir anfangen, Atlon, Rasun und Amberlight als Bedrohung zu behandeln, dann haben wir bereits verloren.“
Volkov knurrte. „Sie stehen über dem Gesetz.“
„Nein“, widersprach Ward. „Sie stehen außerhalb eines Gesetzes, das für diese neue Realität nie geschrieben wurde.“
„Die Stimmung kippt“, flüsterte Astrid Norgaard.
Queen Rowena nickte kaum merklich. „Ja, und wenn wir nicht aufpassen, kippt sie in etwas Hässliches.“
„Ruhe!“
Wards Stimme schnitt durch den Raum wie eine Klinge. Sie war nicht laut im klassischen Sinne, sondern hart, präzise und von jener Autorität getragen, die nicht gebrüllt werden musste, um zu wirken. Dennoch hallte sie zwischen den gläsernen Wänden des Sitzungssaals wider, und augenblicklich verstummten die Gespräche.
Die Delegierten hielten inne. Einige erstarrten mitten in einer Geste, andere senkten die Stimmen, bis schließlich nur noch das leise Summen der Hologrammprojektoren zu hören war.
Ward ließ den Blick langsam über die versammelten Regierungschefs gleiten. Er wartete einen Herzschlag zu lange – gerade genug, um sicherzugehen, dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte.
„Wir haben einen Plan“, sagte er schließlich ruhig.
Er richtete sich ein wenig auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann, langsam im Halbkreis vor dem zentralen Tisch auf und ab zu gehen.
„Da ich nun ein zentraler Bestandteil von Section Shield bin, haben wir gemeinsam ein Sicherheitsnetz entwickelt, das dieser neuen Realität gerecht wird.“
Er machte eine kurze Pause. „Nicht der alten. Der neuen.“
Mehrere Köpfe hoben sich.
„Dieses Netz besteht aus Custodians und den Guardians of Terra. Die Guardians bleiben bestehen. Sie werden nicht aufgelöst, nicht marginalisiert und nicht untergraben.“ Sein Blick glitt kurz zu Volkov. „Sie werden integriert.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum.
„Vanguard“, fuhr Ward fort, „bleibt dem Team erhalten. Es bildet das taktische Rückgrat bei Hochrisikoszenarien. Ergänzt durch flexible Einsatzgruppen, die situationsabhängig agieren.“
Er blieb stehen und aktivierte eine neue holografische Projektion. Über dem Tisch erschienen schematische Darstellungen von Einsatzgebieten, Überlappungen und Kommandostrukturen.
„Darüber hinaus“, sagte Ward und hob leicht die Stimme, „führen wir derzeit Gespräche über interessante Neubesetzungen.“
Einige Delegierte wechselten Blicke.
„Helden?“, fragte jemand aus dem asiatischen Block vorsichtig.
Ward lächelte schmal. „Nicht nur.“
Er ließ die Worte wirken.
„Dazu kommt“, fuhr er fort, „dass das Kingdom, Afran, Novoslavia und Celestara signalisiert haben, aktiv Helden bereitzustellen, als Teil einer multilateralen Sicherheitsarchitektur.“
Stille.
„Das Kingdom bricht doch auseinander“, sagte Santiago Castillo, der Bürgermeister von Monteiro. Er runzelte die Stirn, seine Stimme klang ehrlich besorgt. „Wie soll ein Staat Helden stellen, wenn er sich selbst kaum zusammenhält?“
Mehrere Delegierte nickten. Diese Frage lag schon lange im Raum.
Ward drehte sich langsam zu ihm um.
„Bald wird dort alles geklärt sein“, antwortete er ruhig und beinahe sachlich. „Queen Rowena befindet sich in intensiven Gesprächen mit den einzelnen Teilen des Kingdoms.“
Er ließ den Blick kurz zu Rowena gleiten. Die Königin erwiderte ihm nicht direkt, sondern blickte geradeaus, doch ein kaum merkliches Nicken verriet Zustimmung.
„Es wird eine Lösung geben“, fuhr Ward fort. „Der Putschversuch konnte verhindert werden. Die inneren Spannungen sind real, ja, aber sie sind nicht unkontrollierbar.“
Victor Sterling lehnte sich leicht vor. „Ein optimistisches Wort für eine Nation am Rande der Fragmentierung.“
Ward sah ihn direkt an. „Ein realistisches Wort für einen Staat, der gelernt hat, auf Fehler zu reagieren.“
Sterling lächelte nur.
Ward wandte sich wieder an den gesamten Raum.
„Wir bleiben fünf Staaten“, sagte er klar und deutlich, als würde er einen Eid sprechen.
„Celestara. Novoslavia. Afran. Das Kingdom. Und die Vereinigte Republik.“
Die Namen hallten nach.
„Und wir werden gemeinsam handeln – oder gemeinsam scheitern.“
Einige Delegierte senkten den Blick. Andere sahen ihn nun mit neuem Respekt an.
„Die Welt hat sich verändert“, fuhr Ward mit ruhiger, fast eindringlicher Stimme fort. „Deviants sind keine Ausnahme mehr. Helden sind kein Sonderfall. Sie sind Teil unserer Realität.“
Er machte eine kurze Pause.
„Die Frage ist nicht mehr, ob wir sie kontrollieren können.“
Sein Blick glitt erneut zu Volkov.
„Sondern ob wir klug genug sind, mit ihnen zu arbeiten.“
Im Raum herrschte erneut Stille.
„Das reicht mir noch nicht.“ Die Stimme kam aus dem Hintergrund des Saales, tief, rau und mit jener selbstverständlichen Autorität, die Menschen erwerben, die jahrzehntelang Entscheidungen getroffen haben, ohne sich je dafür rechtfertigen zu müssen.
Mehrere Delegierte drehten sich gleichzeitig um.
Logan Kane hatte sich leicht nach vorne gelehnt. Seine Hände ruhten auf dem Tisch, die Finger gespreizt, als würde er den Raum festhalten wollen. Er war ein großer Mann mit wettergegerbtem Gesicht und graumeliertem Haar. Sein Anzug war perfekt geschnitten, aber bewusst unauffällig.
„Das reicht mir noch nicht“, wiederholte er nun lauter.
Logan Kane war nicht irgendwer. Er war der Kopf von Red Desert Holdings, einem gigantischen Energie-, Logistik- und Sicherheitskonsortium, das große Teile des Pazifikraums versorgte. Vor allem aber war er einer der zentralen Architekten hinter dem Zusammenschluss der ozeanischen Inselstaaten und Küstenländer zu „The Federated Coasts“ gewesen. Ohne Kane hätte dieses Bündnis nie existiert.
Er hatte Regierungen zusammengebracht, die sich jahrhundertelang misstraut hatten.
„Sie sprechen von Netzwerken“, fuhr Kane fort und richtete seinen Blick fest auf Ward. „Von Helden. Von Integration. Von Kontrolle durch Zusammenarbeit.“
Er hob eine Hand, als wolle er Wards Worte abwiegen.
„Aber ich höre keine klare Struktur. Keine zentrale Verantwortung. Keine Garantie, dass diese … Individuen nicht morgen entscheiden, dass sie über uns stehen.“
Einige Delegierte nickten. Andere blieben reglos.
„Die Federated Coasts“, fuhr Kane fort, „haben sich nicht zusammengeschlossen, um Teil eines Experiments zu werden. Wir haben erlebt, was passiert, wenn Deviants, Helden oder sogenannte Wächter sich über politische Prozesse stellen.“
Sein Blick wanderte kurz zu Victor Sterling, dann zu Volkov.
„Wir brauchen mehr als Vertrauen.“
Ward betrachtete Logan Kane einen Moment lang. Dann lächelte er.
„Das habe ich erwartet“, sagte Ward ruhig.
Er aktivierte ein weiteres Hologramm. Doch diesmal erschien weder ein Netzwerk, noch eine Karte oder eine Statistik. Ein Name.
„Angeführt wird die Gruppe vom Projekt Paragon“, sagte Ward.
Er ließ den Blick durch den Saal gleiten. Er sah Überraschung. Er sah Skepsis. Und bei einigen Angst.
„Paragon ist eine einzelne Person“, erklärte er. „Es ist ein Held von uns. Kein Deviant. Kein Symbol.“
„Meine Damen und Herren“, sagte er ruhig, „wir stehen am Anfang einer neuen Phase. Wer glaubt, dass sich diese Welt mit alten Maßstäben kontrollieren lässt, wird sie verlieren.“
„Die Guardians of Terra bleiben. Section Shield bleibt. Paragon übernimmt die übergeordnete Koordination.“
Er blieb noch einmal stehen, ohne sich umzudrehen.
„Die Sitzung ist beendet.“
Dann verließ Ward den Saal.
Die Türen schlossen sich hinter ihm.
In einer der vielen Hallen des Pentagons, die außerhalb offizieller Sitzungen kaum genutzt wurden, stand eine einzelne Person im Halbdunkel.
Der Raum war groß, fast überdimensioniert, mit hohen Decken und kalten, glatten Wänden aus grauem Verbundmaterial. Es gab kein Mobiliar und keine Projektionen, nur das leise Summen der Klimaanlage und das entfernte Echo von Schritten aus anderen Fluren war zu hören. Hierher kam niemand zufällig.
Die Person stand reglos.
Kahl rasierter Kopf. Auf dem Hinterkopf hatte sie ein Tattoo: ein schwarz-goldenes Zahnrad, das gleichzeitig abstrakt, geometrisch und organisch wirkte. Es wirkte nicht wie Körperschmuck, sondern wie ein Zeichen, ein Siegel. Das Gold reflektierte schwach das gedämpfte Licht der Deckenpaneele.
„Ward.“
Ward blieb stehen, als hätte er genau mit diesem Moment gerechnet. Er atmete einmal tief durch, dann trat er näher in den Raum. Sein Blick glitt über die Gestalt und blieb einen Moment auf dem Tattoo hängen.
„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen“, sagte die Person.
Ward verschränkte kurz die Arme und musterte ihn offen.
„Holm“, antwortete er schließlich. „Du hast dich ganz schön verändert.“
Holm drehte langsam den Kopf, sodass Ward sein Profil sehen konnte. Das Gesicht war schmal, fast asketisch. Keine sichtbaren Narben, keine Implantate, zumindest keine offensichtlichen. Die Augen wirkten seltsam leer, nicht kalt, sondern… distanziert.
„Veränderung ist relativ“, sagte Holm. „Du bist nur stehen geblieben.“
Ward verzog kurz den Mund, ein Anflug von Humor, der jedoch nicht ganz durchkam.
„Und du bist also immer noch direkt“, sagte er. „Das beruhigt mich fast.“
Holm reagierte nicht darauf.
Stattdessen sagte er ohne Umschweife: „Ich bin nicht einverstanden damit, dass ihr nicht wegen des Signals ermittelt.“
Die Worte hallten durch die Halle, klar und scharf.
Ward seufzte leise. Er hatte diese Diskussion kommen sehen. Vielleicht hatte er sie sogar provoziert, indem er Holm nicht vor der Sitzung abgefangen hatte.
„Holm“, begann er ruhig, „ganz offensichtlich hat Cash das Signal an die Shenth gesendet. So, wie es von ihrer Kultur vorgesehen ist. Ein Kontaktpunkt. Ein Ruf. Eine Art … Einladung.“
„Offensichtlich?“, wiederholte Holm.
Holm setzte sich langsam in Bewegung und ging an Ward vorbei, ohne ihn anzusehen. Die Schritte waren gleichmäßig, kontrolliert, fast lautlos.
„Offensichtlich ist nur, dass ihr euch mit einer bequemen Erklärung zufriedengebt“, sagte Holm. „Cash war noch nicht so weit.“
Ward drehte sich um und folgte Holm mit dem Blick.
„Die Orden haben zugestimmt“, sagte Holm. „Alle relevanten Fraktionen ...“
Dann lachte Ward auf. Kurz, hart, fast schon genervt.
„Das ist reine Zeitverschwendung“, sagte er und rieb sich über das Gesicht. „Wir stehen vor politischen Umbrüchen, neuen Helden, neuen Allianzen. Die Deviants explodieren zahlenmäßig. Die Shenth sind zurückgedrängt. Und du willst Ressourcen binden, nur wegen eines Signals, das bereits erklärt ist.“
Holms Miene blieb unbewegt.
„Ihr erklärt es euch“, sagte Holm leise. „Das ist etwas anderes, als es zu verstehen.“
Holm trat näher an Ward heran, bis sie nur noch wenige Schritte voneinander entfernt standen.
„Du hast gelernt, Dinge zusammenzuhalten“, fuhr Holm fort. „Netzwerke. Teams. Narrative. Aber du hast verlernt, zuzuhören, wenn etwas nicht in euer System passt.“
Ward hob den Blick.
„Und du hast dich entschieden, außerhalb dieses Systems zu stehen“, entgegnete er. „Also, Holm, sag mir: Was glaubst du wirklich, was dieses Signal war?“
Holm schwieg einen Moment.
„Ihr könnt es ignorieren“, sagte Holm über die Schulter. „Ihr könnt Paragon aufbauen, die Guardians umstrukturieren und Universitäten gründen.“
Holm blieb kurz stehen. „Ich werde herausfinden, wer dahinterstand.“
Irgendwo im Nirgendwo. Es gab keinen Horizont, kein oben oder unten. Nur Dunkelheit. Keine freundliche, schützende Dunkelheit, sondern eine, die sich wie ein Gewicht auf die Brust legte. Beklemmend. Absolut. Amet wusste nicht, wo sie war.
Dieser Gedanke kam nicht panisch, sondern nüchtern, beinah klinisch. Als hätte ihr Verstand beschlossen, zuerst zu analysieren, bevor er zerbrach. Lag oder stand sie? Sie konnte es nicht genau sagen. Ihr Körper hatte keinen klaren Bezugspunkt. Als sie die Hände bewegte, berührten ihre Fingerspitzen eine glatte Oberfläche. Glatt. Perfekt glatt. Es gab keine Grate, keine Fugen und keine Temperaturunterschiede. Es war kein Material, das sie kannte.
Sie atmete ein. Langsam. kontrolliert. Ihr Atem klang dumpf, als würde selbst die Luft gefiltert. Sie roch nichts. Kein Metall, kein Öl, keinen Schweiß. Nicht einmal den eigenen Körper. Das allein machte ihr mehr Angst als die Dunkelheit.
Es war nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern etwas Aktives. Eine Stille, die alles verschlang. Eine Stille, die jede Bewegung sofort neutralisierte.
„Hallo?“, rief sie.
Ihre Stimme klang fremd. Zu nah an ihr selbst. Sie wartete auf ein Echo, doch es kam keines. Die Worte verschwanden einfach, als wären sie nie gesprochen worden.
„Wo bin ich?“
Nichts.
Amet schlug mit der Faust gegen die glatte Oberfläche. Kein Widerhall. Kein Vibrieren. Nicht einmal Schmerz in den Knöcheln. Es war, als würde sie gegen eine Idee schlagen, nicht gegen Materie.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Nicht jetzt”, dachte sie. Nicht verlieren. Nicht hier.

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