Kapitel 105 - Schulterzucken
Er saß in seinem tiefen Ledersessel, die Beine ausgestreckt, den Blick auf das Tablet gerichtet. WorldPlace, das globale soziale Netzwerk, das er regelmäßig durchstöberte, war wie immer voll von Kommentaren, Diskussionen und Debatten. Doch heute suchte Samuel etwas Bestimmtes. Seine Gedanken kreisten immer noch um SeTech und seine Entdeckung.
Er scrollte durch die Beiträge und sah, wie Menschen aus allen Ecken der Welt über die jüngsten Ereignisse sprachen. Irgendwo in diesen Tausenden von Kommentaren hoffte er, einen Hinweis zu finden, der Licht auf die Machenschaften von SeTech werfen könnte. Er hatte das Gefühl, die Antwort läge zwischen den Zeilen. Doch überall waren nur die Shenth und die Deviants das Thema. Auch die Ankündigung der neuen „Guardians of Terra” dominierte die Nachrichten. Dann gab es noch Bilder, die zeigten, wie die Städte wieder aufgebaut wurden. Ein Kommentar sprang ihm ins Auge: „Saint Veronika wird zur Todesfalle – niemand sagt es, aber wir alle wissen, wer dahintersteckt. Gifte, die über die Grenzen geschmuggelt werden. Die Behörden sind blind.“ Samuel hielt kurz inne und las den Artikel noch einmal. Plötzlich schien die normale Welt wieder greifbar nach dem Kampf gegen die Aliens. Die Bösen machten keine Pause.
Er scrollte weiter, immer tiefer in die Kommentarspalten. Ein weiterer Beitrag folgte: „Nitechore, der feige Möchtegern-Held aus Saint Veronika.“
Ein unangenehmes Gefühl kroch über Samuels Rücken. Er legte das Tablet zur Seite und rieb sich müde die Augen. Die Stimmen der Welt vermischten sich mit seinen eigenen Gedanken. Er holte tief Luft und blickte aus dem Fenster auf die schimmernden Lichter der Stadt. Seine Gedanken rasten. Ihm war klar, dass er weiter graben musste. Er hatte sich von Palmer Industries bereits abgewandt. Sicherheitshalber hatte er Anteile an Evelyn und die Watergilb University übertragen. Er selbst hielt nur ein Prozent. Dadurch konnte Erik ihn nicht endgültig aus Pretorius Tech rausschmeißen.
Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem lauten Knall und durchbrach die friedliche Stille des Abends. Samuel zuckte zusammen, das Tablet rutschte ihm aus der Hand und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich. Noch bevor er reagieren konnte, stürmten mehrere Personen ins Zimmer. Allen voran eine Frau mit entschlossenem Gesichtsausdruck und erhobener Waffe. Es war Sabine West, Polizistin und seine Freundin. Samuel glaubte, dass ihr böser Blick nicht nur daran lag, dass sie sich seit seiner Rückkehr noch nicht gesehen hatten.
„Samuel Palmer! Hände hoch und keine Bewegung!“, rief sie mit kühler Autorität und ging zielstrebig auf ihn zu. Hinter ihr stürmten mehrere Polizisten in den Raum, alle bewaffnet und in voller Einsatzmontur. Samuel riss instinktiv die Hände hoch. Sein Herz raste, und er konnte den Schock kaum begreifen. Was zum Teufel war hier los?
„Was?“, stammelte er, doch Sabine schnitt ihm brüsk das Wort ab.
„Sie sind verhaftet wegen schwerer Wirtschaftskriminalität, krimineller Aktivitäten und illegalen Handels im Zusammenhang mit SeTech.“ Ihre Stimme klang schneidend, ohne den Hauch eines Zögerns. „Es gibt erdrückende Beweise, dass Sie in den internationalen Gifthandel verwickelt sind, Samuel.“
Samuel starrte sie fassungslos an. Sein Verstand schien sich zu weigern, die Worte zu verarbeiten. „Das ... das muss ein Missverständnis sein“, brachte er schließlich mit zitternder Stimme hervor. „Ich habe damit nichts zu tun!“
Sabine trat einen Schritt vor, ihre Augen funkelten entschlossen. „Es gibt kein Missverständnis. Wir haben die Zusammenhänge aufgedeckt. SeTech handelt seit Monaten mit gefährlichen Stoffen, und Sie sind ein Teil davon.“ Mit einem scharfen Nicken deutete sie auf einen ihrer Kollegen, der sofort auf Samuel zuging und ihm routiniert die Handschellen anlegte. Samuel ließ es geschehen, seine Hände zitterten leicht.
„Das ist absurd“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu den Polizisten, die ihn jetzt umringten. „Ich habe versucht, es aufzudecken. Ich wollte die Wahrheit herausfinden ...“
Sabine verzog keine Miene, aber Samuel wusste, dass sie darunter litt. „Es gibt Dokumente, die Sie direkt mit den illegalen Geschäften von SeTech in Verbindung bringen. Geldüberweisungen, unterschriebene Verträge, Zeugenaussagen.“
„Ich habe nichts unterschrieben“, sagte er leise, während die Beamten ihn grob auf die Füße zerrten. „Ich wollte nur wissen, wie weit das geht ...“ “
Sabine trat einen Schritt näher, ihre Augen kühl und scharf wie Glas. „Das sagen die Beweise nicht. Sie haben davon profitiert. Und die Menschen von Saint Veronika haben dafür mit ihrem Leben bezahlt.“ Samuel sah sie ungläubig an. Jeder Versuch, sich zu rechtfertigen, schien im Raum zu verhallen. Die Polizisten zerrten ihn zur Tür. Seine Füße fühlten sich schwer und taub an, als sie ihn aus dem Wohnzimmer führten. Während sie ihn hinausbrachten, konnte er nur an die letzten Worte denken, die Sabine gesprochen hatte. „Saint Veronika ... Leben bezahlt ...“ Sein Kopf schwirrte. Alles, was er in den letzten Wochen und Monaten erfahren hatte, schien sich gegen ihn zu wenden.
Die kühle Nachtluft schlug ihm ins Gesicht, als sie ihn auf die Straße führten. In der Ferne ertönte das Martinshorn der Polizeiwagen.
Als Samuel durch die Menge der Polizisten auf die Straße geführt wurde, bemerkte er zwei ihm bekannte Gesichter, die das Geschehen aus dem Schatten beobachteten. Am Rande des Bürgersteigs, nur wenige Schritte entfernt, stand Evelyn.
Samuel hielt kurz inne, doch die Polizisten zogen ihn weiter in Richtung des wartenden Streifenwagens. Evelyn sah nur zu, wie Samuel abgeführt wurde.
Das Martinshorn ertönte, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Samuel lehnte den Kopf gegen die kühle Scheibe und starrte hinaus; seine Gedanken wirbelten durcheinander.
Er saß am Metalltisch des Verhörraums, seine Hände zitterten noch leicht von dem Adrenalinschub, den die Verhaftung ausgelöst hatte. Das grellweiße Licht im Raum war erbarmungslos. Es spiegelte sich auf den kahlen Wänden und verstärkte die beklemmende Atmosphäre. Vor ihm saß Sabine, ihr eisblaues Gesicht war immer noch so kalt. An den Wänden des Raumes standen drei Polizisten wie stumme Wächter, die über alles wachten. Ihre Blicke ruhten abwechselnd auf Sabine und Samuel, bereit, beim geringsten Anzeichen von Widerstand einzugreifen. Sabine hatte bisher kaum ein Wort gesagt, als sei das Warten eine Art Taktik, um Samuel aus dem Gleichgewicht zu bringen. Samuel wusste, dass er auf Scott Hanley, seinen Anwalt, warten musste, bevor er etwas sagen durfte. Doch die Stille im Raum war erdrückend, die Luft schien schwer von unausgesprochenen Vorwürfen zu sein.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Verhörraums mit einem leisen Quietschen, und ein Mann trat ein: ein Assistent aus Sabines Team. In der Hand hielt er eine braune Ledermappe, die er Sabine schweigend überreichte. Samuel beobachtete diesen Moment aufmerksam und folgte mit seinem Blick den subtilen Bewegungen der beiden. Sabine nahm die Mappe entgegen und für einen Moment huschte ein Ausdruck über ihr Gesicht, den Samuel nicht deuten konnte. „Danke, Stuart!”
Sie öffnete die Mappe und begann, einige Dokumente durchzublättern. Es schien, als wäre etwas darin, das für sie von großer Bedeutung war. Die Spannung im Raum nahm spürbar zu und Samuel konnte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hören. Was auch immer sich in dieser Mappe befand, es würde den Verlauf dieses Verhörs drastisch verändern.
Sabine hob den Blick von den Papieren und musterte Samuel mit kühler Präzision. „Wir haben etwas Neues, Mr Palmer“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang ruhig und beiläufig, als wäre sie sich ihrer überlegenen Position voll bewusst. „Ihr Anwalt wird das sicher gleich mit Ihnen besprechen wollen.“
Samuel spürte, wie sich ein Knoten in seinem Magen bildete. Was auch immer in diesen Dokumenten stand, es würden keine guten Nachrichten für ihn sein. Er zwang sich, ruhig zu bleiben und einen klaren Kopf zu bewahren, während er weiter auf Scott wartete. Doch die Anwesenheit der vier Polizisten und Sabines durchdringender Blick machten es ihm schwer.
„SeTech steckt tiefer drin, als wir anfangs dachten“, fuhr Sabine fort, als hätte sie seine Gedanken erraten. „Und sie sind darin verwickelt, ob sie wollen oder nicht.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut und Samuel konnte aufatmen, als Scott Hanley, sein Anwalt, eintrat.
„Es wird Zeit, dass wir uns unterhalten“, sagte er, nachdem er sich neben Samuel gesetzt hatte, und warf Sabine einen scharfen Blick zu. „Aber erst, nachdem ich mit meinem Klienten gesprochen habe.“
Sie warteten, bis sie alleine waren. „Scott, ich habe gegen SeTech und Pretorius Tech ermittelt. Der Schuldige hat versucht, dem Vigilanten Vanitas die Schuld in die Schuhe zu schieben. Er ist gegangen. Jetzt scheinen sie mich nehmen zu wollen.“ Scott nickte. „Ist Erik schuldig oder ist es Isaac Owen?” Samuel lachte kurz. „Einer der beiden wird es sein.“ Scott schrieb etwas auf. „Dann werde ich mal eine Verteidigung aufbauen und Einzelhaft beantragen. Dein Geld macht dich im Gefängnis zu sehr zum Spielball.“ Samuel schaute auf den Tisch. „Kannst du Sabine noch mal alleine reinschicken?“ Samuel wusste, dass ihre distanzierte Art nur eins bedeuten konnte. Sie hasste ihn. „Samuel, ist das dein Ernst? Du hast doch bitte nicht die Ermittlerin gevögelt, oder?“ Samuel zuckte unschuldig mit den Schultern.
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