Kapitel 103 - Watergilb University
Es waren Tage vergangen. Tage, die sich wie zähflüssige Stunden anfühlten. Nathaniel verbrachte jede wache Sekunde an Mailas Seite. Er saß im grellen Licht der medizinischen Monitore, umgeben vom sterilen Geruch der Alasteria-Heilstation und dem leisen, stetigen Summen der außerirdischen Geräte. Trotz aller Erklärungen verstand er deren Technologie nicht vollständig.
Maila lag reglos auf dem schwebenden Behandlungspodest, dessen Oberfläche sich ständig minimal bewegte, als würde es atmen. Ihre Haut war fahl und unnatürlich blass, sodass Nathaniel jedes Mal erschrak, wenn er den Blick hob. Die meiste Zeit war sie bewusstlos. Wenn sie doch einmal erwachte, dann nur für Augenblicke – kurze, brüchige Momente, in denen sie mit glasigem Blick um sich sah, orientierungslos, als wäre ihre Seele noch nicht ganz in ihrem Körper angekommen.
Der Kampf gegen die Shenth hatte tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur in ihr, sondern auch in ihm. Er sah immer wieder die Bilder vor sich: ihren Schrei, den Moment des Aufpralls, das Geräusch, als Shenth, sein eigener Vater – oder das, was von ihm übrig war – mit brutaler Kraft durch ihre Schulter und ihren Arm gefahren war. Jonah hatte sie gerettet. Er hatte ihren halb zusammengebrochenen Körper vom Schlachtfeld geholt und war mit ihr im Graveship nach Alasteria zurückgeflogen. Nathaniel wusste bis heute nicht, wie Jonah dabei so ruhig hatte bleiben können. Er selbst war wie gelähmt gewesen.
In Alasteria warteten Berina und das medizinische Team, jene außerirdischen Ärzte, die Nathaniel einst aus dem Ilum befreit hatten. Die Technologie, die sie nutzten, war … anders. Fortschrittlicher, fremder. Über Mailas Brust und Schulter erstreckte sich nun eine glatte, metallisch schwarze Fläche, die wie eine schimmernde, fremdartige Haut wirkte. Alles, was einst Fleisch, Knochen und Nerven gewesen war, existierte nicht mehr.
Doch dort, wo eigentlich Leere hätte sein sollen, pulsierte Bewegung.
Wasser.
Nathaniel nahm ihre Hand, die echte, warme, vertraute Hand, jedes Mal, wenn sie leicht zuckte. Sein Daumen strich über ihre Knöchel, während er mit ihr sprach, auch wenn sie ihn meistens nicht hörte. Er erzählte ihr Geschichten, flüsterte ihr zu, wie stolz er auf sie war, wie stark sie war und wie sehr er hoffte, dass sie zurückkommen würde.
In den stillen Stunden, in denen Berina und das Team neue Einstellungen vornahmen oder die Energieflüsse im Metall kontrollierten, saß Nathaniel einfach nur da und beobachtete, wie die Wasserprothese ihre Form hielt.
Es war ein Wunder.
Im selben Raum, nur einige Betten weiter, lag auch Yasmin. Im Gegensatz zu Maila war sie immer wieder bei Bewusstsein, oft sogar überraschend klar. Sie schien aus dem Kontakt mit der fremden Masse keinen Schaden davongetragen zu haben.
Sie bewegte sich vorsichtig, testete ihre Muskeln, ihre Atmung und ihren Fokus. Und jedes Mal, wenn Nathaniel ihren Blick kreuzte, schenkte sie ihm ein kleines, beruhigendes Lächeln, das Mut machen sollte.
Nathaniel erhob sich langsam von Mailas Seite. Die Muskeln in seinem Rücken schmerzten von den stundenlangen, unbeweglichen Sitzpositionen, doch der körperliche Schmerz war ihm inzwischen ein vertrauter Begleiter geworden. Er strich Maila sanft übers Haar, dann wandte er sich ab und ging durch den weiten, technisch überladenen Raum. Seine Schritte hallten leise auf dem metallenen Boden.
Vor der großen Schleuse des Stationshangars stand das Raumschiff, das Greengore für sie vorbereitet hatte. Wie ein ruhender Koloss stand es da, die Hülle matt, doch voller Energie, als würde es bereits atmen und darauf warten, in die Sterne aufzubrechen. Das Licht der Statusanzeigen warf grünliche Reflexe auf Nathans Gesicht, während er nähertrat.
Sie würden bald wieder in den Weltraum aufbrechen.
Zurück ins All.
Das Unio Mundorum sollte wieder aufgebaut werden.
Eine Regierung für alle Welten.
In den letzten Tagen war deutlich geworden, dass die Zahl der Deviants auf Terra massiv gestiegen war. Nicht langsam. Nicht graduell. Sondern sprunghaft.
Überall manifestierten sich neue Kräfte. Menschen, die gestern noch ganz gewöhnlich gewesen waren, erwachten heute mit Elementarkräften. Jugendliche entfachten Flammen in ihren Händen, ohne zu wissen, wie ihnen das gelang. Alte Männer ließen Gegenstände schweben. Kinder weinten und die Luft um sie herum gefror.
Es war, als würde Terra selbst reagieren, als würde die Welt erwachen, sich verändern und neu ordnen. All das geschah, weil die Shenth das Lumpanid aufbrachen und die Partikel sich in der Luft verteilten.
Doch Veränderung bedeutete nicht automatisch Sicherheit.
Im Gegenteil.
Das konnte Nathaniel nicht leugnen.
Das, was auf sie zukam, machte ihm Angst.
Nicht die Shenth. Nicht einmal der Krieg.
Sondern das, was all diese Ereignisse auslösen würden.
Das, was unkontrollierbar werden konnte.
Das, was sich im Verborgenen sammelte, wuchs und sich formte.
Ganz andere Zeiten brachen an.
Nathaniel blieb vor dem Schiff stehen, legte eine Hand flach gegen seine kalte Außenhülle und schloss für einen Moment die Augen.
„Unio Mundorum …“, murmelte er fast flüsternd.
„Bitte … lass uns diesmal alles richtig machen.“
Zeit war vergangen. Stunden waren vergangen. Es klopfte.
Zunächst leise und zögerlich, dann fester und bestimmter. Nathaniel fuhr zusammen, als hätte ihn jemand aus einem tiefen Strudel von Gedanken gerissen. Er blinzelte und sah zur Tür. Dann trat Robert Ward ein.
„Nathaniel!“
Der Mann öffnete die Arme, breit und herzlich, als empfinge er einen verlorenen Sohn. Nathaniel erhob sich langsam – er war immer noch müde von den vergangenen Tagen – und ließ sich in die Umarmung fallen.
Der Druck war fest und ehrlich.
„Ich würde dich gern kurz entführen“, sagte Ward, als sie sich voneinander lösten. Sein Versuch eines Scherzes wirkte etwas bemüht, doch Nathaniel nickte.
Die beiden gingen hinaus, vorbei an Yasmins Bett. Sie hob schwach die Hand zum Gruß, wach von den ganzen Tests. Nathaniel erwiderte den Gruß kaum merklich und trat dann mit Ward in den Korridor. Die automatischen Türen schlossen sich hinter ihnen und schnitten ihn abrupt von Mailas leiser, verletzlicher Welt ab.
Der Flur war hell, steril und abgeschottet. Das Summen der Beleuchtung legte sich wie ein dünnes, unruhiges Netz über die Wände. Ärzte und Techniker eilten an ihnen vorbei, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Für einen Moment hatte Nathaniel das Gefühl, dass Ward ihn in einen anderen, fremden Teil der Station führte, weiter weg von allem, was er eigentlich beschützen wollte. Schließlich erreichten sie einen der Besprechungsräume.
Die Tür glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Im Inneren herrschte gedämpftes Licht, der Raum war klein, beinahe klaustrophobisch. Es gab einen runden Tisch, ein paar Stühle und an der Wand ein komplexes Hologrammfeld, das bereit war, Daten aus dem gesamten Netzwerk der Station anzuzapfen.
„Setz dich“, sagte Ward mit einer Stimme, die zu ruhig, zu zwangsentspannt klang.
Nathaniel tat, wie ihm geheißen.
Ward aktivierte die holografische Anzeige.
Dann drehte er sich zu Nathaniel.
„Nathaniel“, begann Ward langsam, beinahe behutsam. „Ich wollte dir nur sagen, dass Maila und ich einen Plan haben.“
Nathaniel runzelte die Stirn.
„Einen Plan?“
„Ja.“ Ward nickte knapp. „Einen Plan, der nun umgesetzt wird.“
„Was für ein Plan?“, fragte Nathaniel, dessen Stimme brüchiger klang als beabsichtigt.
Ward verschränkte die Hände vor sich, als müsse er sich selbst Halt geben, bevor er fortfuhr.
Er atmete tief ein und sagte dann den Satz, der Nathaniel schlagartig durch Mark und Bein fuhr.
„Globe Preservation wird eingestellt.“
Ward redete weiter, unbeirrbar, als hätte er diesen Satz schon dutzende Male geübt.
„Wir werden mit Section Shield zusammengelegt und stehen künftig den Regierungen von ganz Terra zur Verfügung. Der Zusammenschluss wird global sein. Militärisch, politisch, strategisch. Ich …“ Er räusperte sich fast schüchtern. „Ich werde ins Pentagon wechseln.“
Nathaniel starrte ihn an.
Ward blickte kurz zu Boden, als traue er sich kaum, Nathaniels Reaktion einzufangen.
„Das bedeutet“, fuhr er dann fort, „dass wir für Alasteria keinerlei weitere Verwendung haben werden.“ Nathaniel war für einen Moment lang verwirrt.
„Maila weiß das seit Wochen.“ Es wurde nicht sonderlich klarer.
„… und sie hatte eine wunderbare Idee.“
Ward aktivierte das Hologramm erneut.
Es erschien ein vollkommen neues Gelände: weitläufig, modern und in eine Landschaft eingebettet, die Nathaniel nicht kannte. Es gab Gebäude mit offenen Höfen, Trainingsflächen, Laborbereichen und Wohnstätten. Keine Militärbasis. Kein Forschungskomplex.
„Die Watergilb University.“
Ward lächelte, eine Mischung aus Stolz und Wehmut. „Der Name war meine Idee.“
Nathaniels Atem stockte.
„Es soll eine Universität werden, die sich um die Deviants der Welt kümmert. Junge Menschen sollen hier leben, geschützt, geführt und ausgebildet werden. Sie sollen ihre Fähigkeiten erlernen, kontrollieren und verstehen.“
Das Hologramm zeigte Wohntrakte, Gemeinschaftsräume, Therapiezonen, Trainingshallen und medizinische Zentren.
„Ältere Deviants bekommen Wohngruppen“, ergänzte Ward. „Bis sie ihre Kontrolle erlangen. Wir wollen eine Welt, in der ein Deviant nicht als Bedrohung gesehen wird, sondern als jemand, der Hilfe verdient.“
Nathaniel sah sich das Gelände an.
Es fühlte sich riesig an.
„Finanziert wird das Ganze von Samuel Palmer.“
Der Name ließ Nathaniel aufblicken.
„Er zieht sich aus Pretorius Tech zurück“, erklärte Ward. „Er hat Palmer Industries gegründet und möchte seine Ressourcen in ein Projekt investieren, das die Zivilisation stabilisiert, bevor sie kollabiert. Dies …“ Er deutete auf das Hologramm. „… ist sein erster Schritt. Und vielleicht sein bester.“
Nathaniel wusste nicht, was er sagen sollte.
Ward hob die Hände, fast beschwörend.
„Ich möchte, dass du Lehrer wirst.“
Nathaniel blinzelte.
„Auch Takashi Ito und Adaja werden Lehrer. Beide haben bereits zugesagt. Wir brauchen Menschen, die wissen, was Verantwortung bedeutet. Menschen, die selbst durch die Hölle gegangen sind.“ Er lächelte leicht. Menschen, die andere davor bewahren können, denselben Weg gehen zu müssen.“
Nathaniel schluckte hart.
Ward beugte sich vor.
„Und ich hoffe, dass auch du Lehrer wirst.“
Nathaniel spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.
„Maila wird den Laden leiten“, fügte Ward sanft hinzu.
Es ergab alles Sinn.
Die holografische Projektion glitt weich über den Tisch und den gesamten Raum.
Nathaniel trat einen Schritt näher.
Er konnte jedes einzelne Gebäude sehen:
An der Südseite befand sich ein weitläufiges Flugfeld, das perfekt ausgerichtet war, um den Verkehr zwischen Terra und dem Orbit aufrechtzuerhalten.
Im Osten mehrere Sportplätze, eingebettet zwischen gläsernen Wegen und Parkflächen.
Eine kleine, runde, offene Arena, eine Mischung aus Trainingsstätte und Versammlungsort.
Außerdem sah er Schlafquartiere, in denen hunderte junge Menschen leben könnten.
Außerdem sah er Schulgebäude, die wie eine hochmoderne Forschungseinrichtung aussahen.
Und am westlichen Rand befand sich ein Forschungszentrum, das größer war als alles, was Globe Preservation je besessen hatte.
„Samuel hat echt viel Geld“, murmelte Nathaniel ungläubig.
Es war kein zynischer Kommentar, sondern pure Verwunderung.
„Ist er noch da?“
Wards Gesicht wurde milder, beinah ein wenig traurig.
„Ja, er wird sich morgen verabschieden.“
Nathaniel wusste, was das bedeutete.
Samuel Palmer lag ebenfalls seit Wochen in einem der Krankenzimmer: ausgezehrt, bleich, aber wach.
Alle, die intensiven Kontakt mit den Shenth gehabt hatten, wurden in Alasteria medizinisch überwacht.
Samuel war einer der am stärksten Betroffenen, aber auch einer der Helden.
Ward wischte die holografische Ansicht zur Seite und öffnete eine neue.
Es erschien eine Art Organisationsstruktur: Linien, Verbindungen, Rollen, Einsatzzonen.
„Maila hat ein System entwickelt“, erklärte er. „Sie will Einsatzteams schaffen. Gruppenleiter sind erfahrene Leute wie Rasun. Und zu jedem von euch kommen drei ältere Studenten. Sie bilden dann ein kleines, mobiles Team. Sie reisen dorthin, wo Deviants auftauchen oder Probleme haben. Sie helfen ihnen, stabilisieren sie und schützen sie vor sich selbst oder anderen.“
„Das …“ Nathaniel nickte langsam, fast ehrfürchtig. „… macht unglaublich viel Sinn.“
Ward lächelte zufrieden.
„Das freut mich. Und glaub mir, das ist erst der Anfang.“
Die Projektion wechselte ein weiteres Mal.
Diesmal erschienen Afran, der Süden, die gewaltigen Wüstenplateaus und die endlosen Dünenketten.
Ward verschränkte die Arme.
„Du hast nach den Aliens gefragt, die hierbleiben wollten.“
Nathaniel nickte.
„Wir konnten mit Afran verhandeln“, sagte Ward. „In der Wüste, tief im Sandmeer, wollen die außerirdischen Forscher einen Ort namens Stone Garden gründen.“
Das Bild zoomte hinein.
Zu sehen waren Felsformationen, die kreisförmig angeordnet waren. Sie wirkten künstlich, aber harmonisch.
Ein fremdartiges Architekturkonzept, das dennoch unkompliziert wirkte.
„Sie sagen, dass sie das problemlos hinbekommen.“
Nathaniel runzelte die Stirn.
Die Idee fühlte sich surreal an.
Eine von Aliens geführte Siedlung in der Wüste Afrans, die offiziell genehmigt wurde.
Ein neuer Ort auf Terra für eine Spezies von einem anderen Stern.
„Das … verändert alles“, murmelte Nathaniel.
„Ja“, bestätigte Ward. „Und wir stehen erst am Anfang dieser neuen Zeit.“
Später saß Nathaniel wieder bei Maila. Der Raum war gedämpft beleuchtet und im Hintergrund arbeiteten leise Maschinen.
Maila lag ruhig, ihre Atemzüge waren gleichmäßig. Sie wirkte jetzt stabiler und fester, als habe sich seit ihrer Verletzung zum ersten Mal so etwas wie Frieden um sie gelegt.
Nathaniel setzte sich auf seinen üblichen Platz neben dem Bett.
Er sah zu ihr, atmete tief durch und sagte leise:
„Es ist echt krass, was du da im Hintergrund geplant hast.“
Es waren Tage vergangen. Tage, die sich wie zähflüssige Stunden anfühlten. Nathaniel verbrachte jede wache Sekunde an Mailas Seite, umgeben vom grellen Licht der medizinischen Monitore, dem sterilen Geruch der Alasteria-Heilstation und dem leisen, stetigen Summen der außerirdischen Geräte, deren Technologie er trotz aller Erklärungen nicht vollständig verstand.
Maila lag reglos auf dem schwebenden Behandlungspodest, dessen Oberfläche sich ständig minimal bewegte, als würde es atmen. Ihre Haut war fahl und unnatürlich blass, sodass Nathaniel jedes Mal erschrak, wenn er den Blick hob. Die meiste Zeit war sie bewusstlos. Wenn sie doch einmal erwachte, dann nur für Augenblicke – kurze, brüchige Momente, in denen sie mit glasigem Blick um sich sah, orientierungslos, als wäre ihre Seele noch nicht ganz in ihrem Körper angekommen.
Der Kampf gegen die Shenth hatte tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur in ihr, sondern auch in ihm. Er sah immer wieder die Bilder vor sich: ihren Schrei, den Moment des Aufpralls, das Geräusch, als Shenth, sein eigener Vater – oder das, was von ihm übrig war – mit brutaler Kraft durch ihre Schulter und ihren Arm gefahren war. Jonah hatte sie gerettet. Er hatte ihren halb zusammengebrochenen Körper vom Schlachtfeld geholt und war mit ihr im Graveship nach Alasteria zurückgeflogen. Nathaniel wusste bis heute nicht, wie Jonah dabei so ruhig hatte bleiben können. Er selbst war wie gelähmt gewesen.
In Alasteria warteten Berina und das medizinische Team, jene außerirdischen Ärzte, die Nathaniel einst aus dem Ilum befreit hatten. Die Technologie, die sie nutzten, war … anders. Fortschrittlicher, fremder. Über Mailas Brust und Schulter erstreckte sich nun eine glatte, metallisch schwarze Fläche, die wie eine schimmernde, fremdartige Haut wirkte. Alles, was einst Fleisch, Knochen und Nerven gewesen war, existierte nicht mehr.
Doch dort, wo eigentlich Leere hätte sein sollen, pulsierte Bewegung.
Wasser.
Wasser, das sich wie ein Arm formte. Es strömte ohne Phiole, ohne Behälter, ohne jeden sichtbaren Herkunftsort aus ihr selbst. Es war ein vollkommen klares, ruhiges, sich selbst umkreisendes Fluid, das jede Funktion ersetzte, die sie verloren hatte. Eine elementare Prothese, erschaffen durch die reine Deviantkraft ihres eigenen Körpers. Das Wasser hatte die Form eines Armes angenommen, als wäre es schon immer für diese Aufgabe bestimmt gewesen. Berina schwärmte bei jeder Diagnose davon, wie selten eine solche Kompatibilität war.
Nathaniel nahm ihre Hand, die echte, warme, vertraute Hand, jedes Mal, wenn sie leicht zuckte. Sein Daumen strich über ihre Knöchel, während er mit ihr sprach, auch wenn sie ihn meistens nicht hörte. Er erzählte ihr Geschichten, flüsterte ihr zu, wie stolz er auf sie war, wie stark sie war und wie sehr er hoffte, dass sie zurückkommen würde.
In den stillen Stunden, in denen Berina und das Team neue Einstellungen vornahmen oder die Energieflüsse im Metall kontrollierten, saß Nathaniel einfach nur da und beobachtete, wie die Wasserprothese ihre Form hielt.
Es war ein Wunder.
Im selben Raum, nur einige Betten weiter, lag auch Yasmin. Im Gegensatz zu Maila war sie immer wieder bei Bewusstsein, oft sogar überraschend klar. Sie schien aus dem Kontakt mit der fremden Masse keinen Schaden davongetragen zu haben.
Sie bewegte sich vorsichtig, testete ihre Muskeln, ihre Atmung und ihren Fokus. Und jedes Mal, wenn Nathaniel ihren Blick kreuzte, schenkte sie ihm ein kleines, beruhigendes Lächeln, das Mut machen sollte.
Nathaniel erhob sich langsam von Mailas Seite. Die Muskeln in seinem Rücken schmerzten von den stundenlangen, unbeweglichen Sitzpositionen. Doch der körperliche Schmerz war ihm inzwischen ein vertrauter Begleiter geworden. Er strich Maila sanft übers Haar, dann wandte er sich ab und ging durch den weiten, technisch überladenen Raum. Seine Schritte hallten leise auf dem metallenen Boden.
Vor der großen Schleuse des Stationshangars stand das Raumschiff, das Greengore für sie vorbereitet hatte. Wie ein ruhender Koloss stand es da, die Hülle matt, doch voller Energie, als würde es bereits atmen und darauf warten, in die Sterne aufzubrechen. Das Licht der Statusanzeigen warf grünliche Reflexe auf Nathans Gesicht, während er nähertrat.
Sie würden bald wieder in den Weltraum aufbrechen.
Zurück ins All.
Das Unio Mundorum sollte wieder aufgebaut werden.
Eine Regierung für alle Welten.
In den letzten Tagen war deutlich geworden, dass die Zahl der Deviants auf Terra massiv gestiegen war. Nicht langsam. Nicht graduell. Sondern sprunghaft.
Überall manifestierten sich neue Kräfte. Menschen, die gestern noch ganz gewöhnlich gewesen waren, erwachten heute mit Elementarkräften. Jugendliche entfachten Flammen in ihren Händen, ohne zu wissen, wie ihnen das gelang. Alte Männer ließen Gegenstände schweben. Kinder weinten und die Luft um sie herum gefror.
Es war, als würde Terra selbst reagieren, als würde die Welt erwachen, sich verändern und neu ordnen. All das geschah, weil die Shenth das Lumpanid aufbrachen und die Partikel sich in der Luft verteilten.
Doch Veränderung bedeutete nicht automatisch Sicherheit.
Im Gegenteil.
Das konnte Nathaniel nicht leugnen.
Das, was auf sie zukam, machte ihm Angst.
Nicht die Shenth. Nicht einmal der Krieg.
Sondern das, was all diese Ereignisse auslösen würden.
Das, was unkontrollierbar werden konnte.
Das, was sich im Verborgenen sammelte, wuchs und sich formte.
Ganz andere Zeiten brachen an.
Nathaniel blieb vor dem Schiff stehen, legte eine Hand flach gegen seine kalte Außenhülle und schloss für einen Moment die Augen.
„Unio Mundorum …“, murmelte er fast flüsternd.
„Bitte … lass uns diesmal alles richtig machen.“
Zeit war vergangen. Stunden waren vergangen. Es klopfte.
Zunächst leise und zögerlich, dann fester und bestimmter. Nathaniel fuhr zusammen, als hätte ihn jemand aus einem tiefen Strudel von Gedanken gerissen. Er blinzelte und sah zur Tür. Dann trat Robert Ward ein.
„Nathaniel!“
Der Mann öffnete die Arme, breit und herzlich, als empfinge er einen verlorenen Sohn. Nathaniel erhob sich langsam – er war immer noch müde von den vergangenen Tagen – und ließ sich in die Umarmung fallen.
Der Druck war fest und ehrlich.
„Ich würde dich gern kurz entführen“, sagte Ward, als sie sich voneinander lösten. Sein Versuch eines Scherzes wirkte etwas bemüht, doch Nathaniel nickte.
Die beiden gingen hinaus, vorbei an Yasmins Bett. Sie hob schwach die Hand zum Gruß, wach von den ganzen Tests. Nathaniel erwiderte den Gruß kaum merklich und trat dann mit Ward in den Korridor. Die automatischen Türen schlossen sich hinter ihnen und schnitten ihn abrupt von Mailas leiser, verletzlicher Welt ab.
Der Flur war hell, steril und abgeschottet. Das Summen der Beleuchtung legte sich wie ein dünnes, unruhiges Netz über die Wände. Ärzte und Techniker eilten an ihnen vorbei, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Für einen Moment hatte Nathaniel das Gefühl, dass Ward ihn in einen anderen, fremden Teil der Station führte, weiter weg von allem, was er eigentlich beschützen wollte. Schließlich erreichten sie einen der Besprechungsräume.
Die Tür glitt mit einem leisen Zischen zur Seite. Im Inneren herrschte gedämpftes Licht, der Raum war klein, beinahe klaustrophobisch. Es gab einen runden Tisch, ein paar Stühle und an der Wand ein komplexes Hologrammfeld, das bereit war, Daten aus dem gesamten Netzwerk der Station anzuzapfen.
„Setz dich“, sagte Ward mit einer Stimme, die zu ruhig, zu zwangsentspannt klang.
Nathaniel tat, wie ihm geheißen.
Ward aktivierte die holografische Anzeige.
Dann drehte er sich zu Nathaniel.
„Nathaniel“, begann Ward langsam, beinahe behutsam. „Ich wollte dir nur sagen, dass Maila und ich einen Plan haben.“
Nathaniel runzelte die Stirn.
„Einen Plan?“
„Ja.“ Ward nickte knapp. „Einen Plan, der nun umgesetzt wird.“
„Was für ein Plan?“, fragte Nathaniel, dessen Stimme brüchiger klang als beabsichtigt.
Ward verschränkte die Hände vor sich, als müsse er sich selbst Halt geben, bevor er fortfuhr.
Er atmete tief ein und sagte dann den Satz, der Nathaniel schlagartig durch Mark und Bein fuhr.
„Globe Preservation wird eingestellt.“
Ward redete weiter, unbeirrbar, als hätte er diesen Satz schon dutzende Male geübt.
„Wir werden mit Section Shield zusammengelegt und stehen künftig den Regierungen von ganz Terra zur Verfügung. Der Zusammenschluss wird global sein. Militärisch, politisch, strategisch. Ich …“ Er räusperte sich fast schüchtern. „Ich werde ins Pentagon wechseln.“
Nathaniel starrte ihn an.
Ward blickte kurz zu Boden, als traue er sich kaum, Nathaniels Reaktion einzufangen.
„Das bedeutet“, fuhr er dann fort, „dass wir für Alasteria keinerlei weitere Verwendung haben werden.“ Nathaniel war für einen Moment lang verwirrt.
„Maila weiß das seit Wochen.“ Es wurde nicht sonderlich klarer.
„… und sie hatte eine wunderbare Idee.“
Ward aktivierte das Hologramm erneut.
Es erschien ein vollkommen neues Gelände: weitläufig, modern und in eine Landschaft eingebettet, die Nathaniel nicht kannte. Es gab Gebäude mit offenen Höfen, Trainingsflächen, Laborbereichen und Wohnstätten. Keine Militärbasis. Kein Forschungskomplex.
„Die Watergilb University.“
Ward lächelte, eine Mischung aus Stolz und Wehmut. „Der Name war meine Idee.“
Nathaniels Atem stockte.
„Es soll eine Universität werden, die sich um die Deviants der Welt kümmert. Junge Menschen sollen hier leben, geschützt, geführt und ausgebildet werden. Sie sollen ihre Fähigkeiten erlernen, kontrollieren und verstehen.“
Das Hologramm zeigte Wohntrakte, Gemeinschaftsräume, Therapiezonen, Trainingshallen und medizinische Zentren.
„Ältere Deviants bekommen Wohngruppen“, ergänzte Ward. „Bis sie ihre Kontrolle erlangen. Wir wollen eine Welt, in der ein Deviant nicht als Bedrohung gesehen wird, sondern als jemand, der Hilfe verdient.“
Nathaniel sah sich das Gelände an.
Es fühlte sich riesig an.
„Finanziert wird das Ganze von Samuel Palmer.“
Der Name ließ Nathaniel aufblicken.
„Er zieht sich aus Pretorius Tech zurück“, erklärte Ward. „Er hat Palmer Industries gegründet und möchte seine Ressourcen in ein Projekt investieren, das die Zivilisation stabilisiert, bevor sie kollabiert. Dies …“ Er deutete auf das Hologramm. „… ist sein erster Schritt. Und vielleicht sein bester.“
Nathaniel wusste nicht, was er sagen sollte.
Ward hob die Hände, fast beschwörend.
„Ich möchte, dass du Lehrer wirst.“
Nathaniel blinzelte.
„Auch Takashi Ito und Adaja werden Lehrer. Beide haben bereits zugesagt. Wir brauchen Menschen, die wissen, was Verantwortung bedeutet. Menschen, die selbst durch die Hölle gegangen sind.“ Er lächelte leicht. Menschen, die andere davor bewahren können, denselben Weg gehen zu müssen.“
Nathaniel schluckte hart.
Ward beugte sich vor.
„Und ich hoffe, dass auch du Lehrer wirst.“
Nathaniel spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.
„Maila wird den Laden leiten“, fügte Ward sanft hinzu.
Es ergab alles Sinn.
Die holografische Projektion glitt weich über den Tisch und den gesamten Raum.
Nathaniel trat einen Schritt näher.
Er konnte jedes einzelne Gebäude sehen:
An der Südseite befand sich ein weitläufiges Flugfeld, das perfekt ausgerichtet war, um den Verkehr zwischen Terra und dem Orbit aufrechtzuerhalten.
Im Osten mehrere Sportplätze, eingebettet zwischen gläsernen Wegen und Parkflächen.
Eine kleine, runde, offene Arena, eine Mischung aus Trainingsstätte und Versammlungsort.
Außerdem sah er Schlafquartiere, in denen hunderte junge Menschen leben könnten.
Außerdem sah er Schulgebäude, die wie eine hochmoderne Forschungseinrichtung aussahen.
Und am westlichen Rand befand sich ein Forschungszentrum, das größer war als alles, was Globe Preservation je besessen hatte.
„Samuel hat echt viel Geld“, murmelte Nathaniel ungläubig.
Es war kein zynischer Kommentar, sondern pure Verwunderung.
„Ist er noch da?“
Wards Gesicht wurde milder, beinah ein wenig traurig.
„Ja, er wird sich morgen verabschieden.“
Nathaniel wusste, was das bedeutete.
Samuel Palmer lag ebenfalls seit Wochen in einem der Krankenzimmer: ausgezehrt, bleich, aber wach.
Alle, die intensiven Kontakt mit den Shenth gehabt hatten, wurden in Alasteria medizinisch überwacht.
Samuel war einer der am stärksten Betroffenen, aber auch einer der Helden.
Ward wischte die holografische Ansicht zur Seite und öffnete eine neue.
Es erschien eine Art Organisationsstruktur: Linien, Verbindungen, Rollen, Einsatzzonen.
„Maila hat ein System entwickelt“, erklärte er. „Sie will Einsatzteams schaffen. Gruppenleiter sind erfahrene Leute wie Rasun. Und zu jedem von euch kommen drei ältere Studenten. Sie bilden dann ein kleines, mobiles Team. Sie reisen dorthin, wo Deviants auftauchen oder Probleme haben. Sie helfen ihnen, stabilisieren sie und schützen sie vor sich selbst oder anderen.“
„Das …“ Nathaniel nickte langsam, fast ehrfürchtig. „… macht unglaublich viel Sinn.“
Ward lächelte zufrieden.
„Das freut mich. Und glaub mir, das ist erst der Anfang.“
Die Projektion wechselte ein weiteres Mal.
Diesmal erschienen Afran, der Süden, die gewaltigen Wüstenplateaus und die endlosen Dünenketten.
Ward verschränkte die Arme.
„Du hast nach den Aliens gefragt, die hierbleiben wollten.“
Nathaniel nickte.
„Wir konnten mit Afran verhandeln“, sagte Ward. „In der Wüste, tief im Sandmeer, wollen die außerirdischen Forscher einen Ort namens Stone Garden gründen.“
Das Bild zoomte hinein.
Zu sehen waren Felsformationen, die kreisförmig angeordnet waren. Sie wirkten künstlich, aber harmonisch.
Ein fremdartiges Architekturkonzept, das dennoch unkompliziert wirkte.
„Sie sagen, dass sie das problemlos hinbekommen.“
Nathaniel runzelte die Stirn.
Die Idee fühlte sich surreal an.
Eine von Aliens geführte Siedlung in der Wüste Afrans, die offiziell genehmigt wurde.
Ein neuer Ort auf Terra für eine Spezies von einem anderen Stern.
„Das … verändert alles“, murmelte Nathaniel.
„Ja“, bestätigte Ward. „Und wir stehen erst am Anfang dieser neuen Zeit.“
Später saß Nathaniel wieder bei Maila. Der Raum war gedämpft beleuchtet und im Hintergrund arbeiteten leise Maschinen.
Maila lag ruhig, ihre Atemzüge waren gleichmäßig. Sie wirkte jetzt stabiler und fester, als habe sich seit ihrer Verletzung zum ersten Mal so etwas wie Frieden um sie gelegt.
Nathaniel setzte sich auf seinen üblichen Platz neben dem Bett.
Er sah zu ihr, atmete tief durch und sagte leise:
„Es ist echt krass, was du da im Hintergrund geplant hast.“
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