Kapitel 102 - Staub

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Atlon riss den Blick vom Himmel los, an dem die letzten glühenden Trümmer von Ilum noch immer verglühten, und konzentrierte sich wieder auf das Chaos vor ihm. Der Sand um ihn herum war voller Schatten und Energieblitze, der Krieg tobte unbarmherzig weiter. Er zwang seinen Atem unter Kontrolle.

Das Bild des startenden Raumschiffs brannte immer noch in seinem Kopf. Wenn sie es geschafft hatten, gab es vielleicht noch Hoffnung. Ein brennendes Wrack eines Custodian-Fahrzeugs flog an ihm vorbei und schlug mit einer Explosion in die Dünen ein. Atlon wandte dem Raumschiff, das Ilum verlassen hatte, den Blick zu. Es war inzwischen am Horizont gelandet, genau dort, wo Section Shield zusammen mit Jonah das provisorische Lager errichtet hatte. Rauch stieg auf, doch die Kommunikationssignale deuteten darauf hin, dass sich dort noch Leben befand.

„Nate, ich brauche Hilfe!“

Die Stimme im Synect kam abrupt.

„Rasun?“, keuchte Atlon, während er sich bereits in Bewegung setzte. Sein Körper wurde von goldenem Licht umflossen, das ihm Geschwindigkeit verlieh. Er sprintete über das Schlachtfeld, sprang über zerborstene Gräben, verwundete Soldaten, Trümmer und brennende Wracks hinweg. Der Boden bebte unter dem Gewicht der Kämpfenden, und überall zuckten Lichtblitze, wo Energiewaffen aufeinandertrafen. Als er die nächste Düne erklommen hatte, sah er sie: Rasun und Apex, die aufeinanderprallten. Apex schwang seine Sichel in weiten, brutalen Bögen. Jeder Hieb schleuderte eine Druckwelle aus violetter Energie in die Umgebung. Rasun wich aus, schleuderte Felsen und Schutt auf ihn und formte aus Staub und Steinen einen Schutzwall, der jedoch sofort wieder zerriss. Atlon spürte, wie das Energiefeld um ihn herum flackerte – so gewaltig war die Entladung der beiden.

„Rasun, halte ihn noch kurz auf!“, rief Atlon und hob den Arm, während sich Energie um seine Hand sammelte.

Doch dann bemerkte er etwas.

Apex kämpfte allein. Keine verzerrten Schatten, keine flimmernden Doppelgänger, keine Spiegelbilder seiner selbst, die sonst in Schwärmen aufgetaucht waren. Die Luft um ihn herum war leer, nur reine, ungefilterte Macht pulsierte von ihm aus.

Das zerstörte Ilum ...

Atlon spürte, wie sich ihm ein Gedanke aufdrängte. Die Verbindung ist geschwächt. Die Quelle seiner Duplikate … sie war verschwunden.

Atlon kam näher, Schritt für Schritt, den Blick fest auf Apex gerichtet. Der Sand knirschte unter seinen Stiefeln und die Luft zwischen ihnen begann, sich vor Energie zu kräuseln. Die Hitze, die von seiner eigenen Kraft ausging, war kaum noch zu ertragen. Seine Finger zitterten, goldenes Licht kroch über seine Haut. Der Anzug, der seine Energie eigentlich ableiten sollte, war an mehreren Stellen versengt, verschmort und beinahe geschmolzen. Der Geruch von verbranntem Stoff und Fleisch lag in der Luft.

Doch Atlon ignorierte den Schmerz. Er konnte nicht aufhören. Nicht jetzt.

Er konzentrierte sich, atmete tief ein und spürte, wie sich die Energie in seinem Inneren zu bündeln begann – roh, lodernd und unkontrollierbar. Ein goldener Schimmer erfüllte die Düne. Dann sammelte sich alles in seiner Brust, stieg in den Arm und in die Handfläche, bis seine Adern wie flüssiges Licht aufleuchteten.

„Jetzt ...“, flüsterte er heiser.

Er schleuderte den Strahl ab.

Ein gleißender Lichtbogen durchzuckte den Himmel, so hell, dass die Schatten für einen Moment verschwanden. Der Energieschub traf Apex frontal, mit der Wucht eines explodierenden Sterns. Der Einschlag ließ den Boden beben. Eine Druckwelle raste durch den Sand, warf Staub, Steine und Trümmer in alle Richtungen. Apex wurde mehrere Meter weit zurückgeschleudert, prallte auf den Boden, rutschte über den heißen Sand und hinterließ eine tiefe, rauchende Furche.

Rasun, der ein Stück neben Atlon stand, hielt sich die Augen zu. „Verdammt …“, murmelte er ehrfürchtig.

Doch Atlon blieb regungslos stehen, den Arm noch immer ausgestreckt, während die letzten Funken seiner Attacke ausliefen. Schweiß tropfte ihm von der Stirn, sein Atem ging flach. Er spürte, wie ihn seine Kräfte verließen. Seine Haut spannte sich und blutete an den Stellen, an denen die Energie die Oberfläche durchbrochen hatte.

Langsam erhob sich Apex.

Zunächst regte sich nur eine Hand, knochig und mit dunkler Energie überzogen. Dann richtete sich der Rest seines Körpers auf. Sein Umhang wehte im heißen Wüstenwind. Obwohl er wankte, war in seinen Augen keine Schwäche, sondern nur Zorn zu erkennen. Der violette Schimmer um ihn herum flackerte, als kämpfte er gegen die instabile Macht in ihm selbst.

Atlon und Rasun standen Seite an Seite, bereit, aber erschöpft. Der Boden zwischen ihnen war schwarz vor Energiebrand, Rauch stieg in dünnen Spiralen auf.

„Das war's, Apex“, sagte Atlon mit fester Stimme, obwohl sie vor Erschöpfung bebte.

Er trat zwei Schritte vor. „Du kannst aufgeben. Wir nehmen dich als den ersten Gefangenen des wiedererrichteten Unio Mundorum fest.“ Einen Augenblick lang war nur das leise Zischen des Windes zu hören.

Dann lachte Apex.

Lang, kalt, höhnisch. Ein Lachen, das wie ein Echo durch den Sand rollte und selbst die Verwundeten innehalten ließ.

Er richtete sich ganz auf. „Gefangener?“, wiederholte er spöttisch. „Ihr glaubt wirklich, das hier ist euer Sieg?“

Er trat langsam näher, und mit jedem Schritt zerfiel der Boden unter seinen Füßen, als würde die Welt seine Anwesenheit ablehnen.

„Was glaubst du, wer du bist, Atlon?“ Seine Stimme schwoll an und vibrierte vor Macht. „Was glaubst du, was hier gerade passiert?“

Atlon wich nicht zurück. Er sah ihn an: blutverschmiert, zitternd, aber aufrecht.

„Ich bin Atlon“, antwortete er ruhig. „Und wir … haben euch besiegt.“

„Hast du wirklich?“, flüsterte er.

Er hob die Hand, es ertönte ein leises Klicken. Ein Schnipsen.

Ein einziger, klarer Ton durchschnitt die Luft. Dann verdunkelte sich der Himmel.

Ein dunkler Raum. Keine Wände, keine Decke, nur Schwärze. Ein unendlicher Raum aus Nichts, in dem selbst der Klang des eigenen Atems verlorenging. Nathaniel stand barfuß auf einem Boden, der keiner war. Eine Oberfläche aus schimmernder Finsternis, die auf jede seiner Bewegungen wie flüssiger Schatten reagierte. Sein Herz raste. Seine Haut war kalt, obwohl es hier weder Luft noch Temperatur gab. Nur Dunkelheit. Nur Stille. Nur das Pochen seines Pulses war zu hören. Dann ein Flackern.

In der Ferne erschien ein violettes Leuchten.

Eine Silhouette tauchte auf. Langsam, majestätisch, unheilvoll.

Apex.

Er trat aus der Dunkelheit hervor, als würde sie ihn gebären. Die Schatten schälten sich von seinem Körper ab, tropften zu Boden und verdampften. Seine Augen glühten in einem unirdischen Violett, sein Atem war zu ruhig.

Nathaniel spannte sich an. Keine Rüstung. Keine Waffen. Kein Synect. Er war verletzlich, entblößt und nackt in einer Welt, die nicht die seine war.

„Was … ist das?“, fragte er heiser. Seine Stimme hallte nicht. Sie verschwand einfach in der Dunkelheit, als wäre der Raum gierig nach Worten.

Apex lächelte. Ein sanftes, kaltes, kalkuliertes Lächeln.

„Eine Schatten­sphäre“, sagte er, und seine Stimme vibrierte wie ein Flüstern, das überall gleichzeitig war und durch die Dunkelheit hallte. „Hier gelten meine Regeln. Hier bin ich der Anfang … und das Ende.“

Nathaniel kniff die Augen zusammen und sammelte seine Kraft. Er versuchte, das Licht zu rufen, seine Energie, sein inneres Leuchten. Doch nichts geschah. Keine Wärme. Kein Schimmer. Nur Leere.

Sein Herz zog sich zusammen.

„Du bist hier machtlos, Terraner.“ Apex trat näher und jeder seiner Schritte hallte wie ein Herzschlag. „Deine Zeit ist vorbei.“

Nathaniel wich nicht zurück. „Was willst du dann machen?“, fragte er.

Seine Stimme zitterte, doch sein Blick blieb fest.

Apex blieb nur eine Armlänge entfernt stehen. Der violette Schimmer um ihn herum pulsierte, als würde er im Rhythmus seiner Wut atmen.

„Was ich will?“, wiederholte er leise. „Ich will sehen, wie du verstehst, was ich verstanden habe. Dass Ordnung eine Lüge ist.“

Er begann, langsam im Kreis um Nathaniel zu gehen, wie ein Raubtier, das mit seinem Opfer spielte.

„Dein Schiff. Deine Titanen. Deine Schwester. Sie sind besiegt“, erwiderte Nathaniel und fügte hinzu: „Du lügst einfach nur, um dir nicht einzugestehen, dass …“ Du bist durch.“

Apex blieb stehen. Er drehte den Kopf leicht, und ein nervöses Zucken durchlief sein Gesicht.

„Lüge?“, flüsterte er.

Dann lachte er. Laut. Wild.

Es war ein hysterisches, zerrissenes Lachen, das den Raum zum Beben brachte. Um ihn herum formten Schatten Fratzen, als würden seine Emotionen Realität werden.

„Ich habe schon mal von vorn angefangen!“, schrie er.

Er trat vor, seine Stimme überschlug sich und vibrierte vor Wut.

„Sie haben mein Volk ausgelöscht! Bis auf mich … und Amet! Und jetzt? Jetzt bin ich wieder allein. Aber das macht nichts … Nein, das macht gar nichts!“

Er begann, hin und her zu gehen, zu gestikulieren und zu sprechen, als führe er ein Gespräch mit jemand Unsichtbarem.

„Sie sagen, ich sei verrückt. Dass ich zu viel gesehen habe. Aber was wissen Sie schon? Ich bin das, was bleibt, wenn die Welt stirbt! Jede Welt wird sterben.“

Nathaniel folgte ihm mit den Augen und beobachtete jede seiner Bewegungen sowie jede Verzerrung seines Gesichts. Apex’ Aura flackerte, als würde sie jeden Moment implodieren.

„Du machst nicht gerade den entspanntesten Eindruck“, sagte Nathaniel leise, fast herausfordernd.

Apex blieb abrupt stehen.

In einem einzigen, unmenschlich schnellen Augenblick war er direkt vor ihm. Ihr Atem vermischte sich.

Die Schatten krochen wie kalte Finger über Nathans Schultern.

Apex’ Stimme war jetzt ruhig und eiskalt.

„Dein Gerede bringt nichts.“

Nathaniel grinste. Trotz der Angst. Trotz der Kälte.

„Und dennoch redest du mit mir“, flüsterte er. „Statt mich einfach zu töten.“

Apex’ Blick flackerte. Ein Nerv zuckte unter seinem Auge.

„Du kommst nicht weg, oder?“ Nathaniels Stimme klang ruhig, beinah triumphierend. „Wir stehen immer noch auf dem Schlachtfeld. Du kannst den Körper nicht verlassen.“

Stille.

Apex atmete hörbar ein. Sein Lächeln kehrte zurück, doch es wirkte nun verzogen und gebrochen.

„Du denkst, du verstehst das, hm?“ Er beugte sich noch näher, bis sich ihre Stirnen fast berührten. „Ich bin nicht gefangen, Nathaniel … du bist es.“

Plötzlich griff er zu.

Seine Hand umschloss Nathans Gesicht. Die Schatten krochen über seine Haut, drangen in seine Poren und seine Gedanken ein.

Die Welt begann zu flackern. Bilder, Stimmen und Schreie, Vergangenheit, Zukunft und Unendlichkeit, alles vermischte sich zu einem Strudel. Nathaniel keuchte und kämpfte dagegen an, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Apex flüsterte ihm direkt ins Ohr: „Hier, in der Dunkelheit, bist du nur ein Licht, das ich auslöschen kann.“

Und dann erlosch das letzte Glühen.

Ein gellendes Krachen zerriss die Dunkelheit.

Wie ein Blitz brach es durch den Raum und sprengte das Nichts in Splitter. Die Schatten begannen zu beben, als würde der Himmel selbst zerreißen.

Apex wandte sich abrupt um, überrascht, fast panisch.

„Was?“

Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.

Etwas Gigantisches durchstieß die schwarze Wand. Splitter aus purer Dunkelheit flogen in alle Richtungen. Und dann trat Greengore hervor.

Der steinerne Koloss wirkte, als hätte er das Universum selbst zerschlagen, um hierherzugelangen. Schwere, schimmernde Runen glühten auf seiner Brust, uralt und unlesbar. Jeder seiner Schritte ließ den Boden beben – selbst in dieser surrealen Schattenwelt. Der Raum gehorchte ihm nicht. Er widersetzte sich.

„Genug, Apex.“

Greengores Stimme war tief und grollte wie das Echo der Erde nach einem Beben.

Apex wich zurück, zog die Schatten um sich und ließ seine violette Sichel erscheinen. Doch Greengore war schneller.

Mit einer Bewegung, die für seine Masse unmöglich schien, griff er zu, packte Apex an der Brust und drückte ihn mit solcher Wucht zu Boden, dass die Finsternis unter ihnen aufplatzte. Ein Riss ging durch die Sphäre.

Violettes Licht schoss aus dem Bruch, als würde die Realität wieder einströmen.

„Lass mich los!“, brüllte Apex, doch Greengore hielt ihn fest, unbeweglich und unerbittlich.

Dann begann er zu sprechen. Eine Sprache, die Nathaniel nie zuvor gehört hatte. Rau, alt, fremd. Jeder Laut vibrierte in Nathaniels Schädel, als spräche Greengore direkt in die Struktur der Welt hinein. Das Synect versuchte verzweifelt, die Worte zu entschlüsseln, blinkte und flackerte, gab dann aber auf.

Apex wand sich, seine Schatten zuckten und seine Augen glühten vor Panik.

Doch mit jedem gesprochenen Wort Greengores wurde sein Körper schwerer.

Erst die Finger. Dann die Arme. Dann sein ganzer Brustkorb.

Ein grauer Schimmer legte sich über ihn und verdichtete sich zu Stein.

Es war kein gewöhnlicher Fels, sondern ein lebendiger, atmender Stein, der aus Greengores Energie geboren wurde.

Risse zogen sich über Apex’ Haut, und seine Bewegungen wurden langsamer und verzweifelter.

„Nein … NEIN!“, brüllte er, und seine Stimme brach.

Er versuchte, einen Schatten zu formen, doch der Zauber schnitt ihn ab.

Greengore beugte sich näher, sein Blick unerbittlich.

„Ruhe, Schattenkind. Die Erde nimmt, was du verdorben hast.“

Dann sprach er den letzten Laut.

Ein Donnern ging durch die Sphäre, als würde das Universum selbst sein Ende finden.

Apex’ Körper erstarrte.

Seine Augen weiteten sich ein letztes Mal, und dann –

Stille.

Die Dunkelheit brach zusammen, als würde sie ausgesaugt. Nathaniel riss die Arme hoch, um seine Augen zu schützen. Es war, als würden Luft, Schwerkraft und Klang gleichzeitig zurückkehren.

Als er wieder sehen konnte, stand er im Sand.

Er spürte die Wärme und den Wind unter seinen Füßen. Über ihm lag der golden getönte Himmel, beleuchtet vom untergehenden Licht der Wüste.

Der Geruch des Schlachtfelds schlug ihm entgegen: Blut, Staub, Rauch.

Überall um ihn herum lagen Shenth, aber sie bewegten sich nicht mehr. Ihre Haut verdorrte und zerfiel zu Staub. Ihre Körper lösten sich auf, als wäre ihnen das Leben entrissen worden.

Nathaniel stand still und atmete schwer. Greengore stand einige Meter entfernt, halb im Licht, halb im Schatten. Der Riese sah erschöpft aus, sein Gestein war rissig und aus den Fugen stieg Staub auf. Doch seine Augen leuchteten ruhig.

Nathaniel trat näher, sein Herz raste.

„Greengore …“

Er stockte.

„Wo ist mein Vater?“


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