Kapitel 101 - Selbstzerstörung

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Die Schritte von Umbra und Greengore hallten durch den metallisch-organischen Korridor von Ilum. Überall liefen pulsierende Energieadern entlang, in denen silbriges Licht floss. Der Boden war glatt, aber von unregelmäßigen Wellenmustern durchzogen, die sich bewegten. Umbra ging schnellen Schrittes voraus. Seine Bewegungen waren angespannt, beinah ungeduldig. Er wusste, dass Ilum kein Ort war, an dem man verweilen sollte. Hinter ihm stampfte Greengore. Jeder seiner Schritte klang wie das Schlagen eines Hammers auf Fels.

„Weißt du, wo du hin musst?“, fragte Greengore schließlich.

„Ja, natürlich“, antwortete Umbra, ohne sich umzudrehen.

„Ich will nur keine Zeit verschwenden“, brummte Greengore, beschleunigte und lief neben Umbra her. Seine massiven Schultern strahlten eine träge, aber beständige Kraft aus.

Umbra atmete einmal tief ein. „Du magst mich nicht, oder, Greengore?“

Greengore blieb abrupt stehen. Ein dumpfes Echo hallte, als sein schwerer Fuß den Boden traf. Er schwieg.

„Ehrlich gesagt … nicht wirklich.“ Seine Stimme klang ruhig, aber ehrlich. „Du bist nur ein Kollege. Einer, mit dem ich arbeite, wenn es sein muss. Nicht mehr.“

Umbra hielt inne und senkte den Blick. In seinen Augen spiegelte sich das Licht der pulsierenden Wände. „Wie soll ich dir meine Entscheidung beweisen?“, fragte er leise, fast flüsternd.

Greengore hob die Hand, als wolle er die Worte in der Luft festhalten. „Du musst mir nichts beweisen“, sagte er nach einer kurzen Pause. „Du liebst deinen Sohn, das sehe ich. Aber das ändert nichts. Ich verachte dich trotzdem für deine Taten. Für das, was du warst … und vielleicht immer noch bist.“

Es wurde still. Nur das Summen des Ilum war zu hören: rhythmisch, fast beruhigend, aber zugleich auch bedrohlich. Umbra blickte auf die metallischen Wände und das pulsierende Licht, das sich durch die Strukturen zog wie Blut durch die Adern.

„Ist es das?“, fragte er schließlich. „Dass ich kontrolliert wurde? Glaubst du, ich habe es zugelassen? Oder dass ich nur so tue, als hätte ich mich befreit?“

Greengore stand still, sein steinernes Gesicht regungslos. Für einen Moment schien er nichts sagen zu wollen.

„Ehrlich?“, sagte er mit einer gleichgültigen Ruhe, die fast verletzender war als Wut. „Es ist mir relativ egal.“

Blau und ein metallischer Geruch lagen in der Luft.

Schließlich sprach Umbra leise, kaum hörbar: „Vielleicht wirst du eines Tages verstehen, dass ich nicht aus Überzeugung gehandelt habe, sondern aus Zwang.“

Greengore blieb nicht stehen. „Vielleicht“, antwortete er tonlos. „Aber das ändert nichts an dem, was du getan hast.“

Wieder Schweigen.

Die Flure, durch die sie schritten, fühlten sich weniger wie Gangsysteme und mehr wie aufgeschnittene Adern eines riesigen Lebewesens an. Wände aus glattem, organisch schimmerndem Material pulsierten in einem langsamen Rhythmus. An manchen Stellen zogen sich feine Gefäße wie Venen unter der Oberfläche zusammen und dehnten sich wieder. Hier und da wuchsen knöcherne Rippen aus dem Boden, die mit einer metallisch-öligen Patina überzogen waren. Winzige Lichter krochen wie Glühwürmchen entlang der Fugen. In der Luft lag ein Duft von Ozon und Salz, dazu ein ferner Geruch nach altem Harz. Ilum roch nach etwas Zwischenweltlichem, halb Tier, halb Maschine.

Sie erreichten eine breitere Halle, die Zentrale, und traten durch eine schmale Schleuse. Dahinter öffnete sich der Raum wie eine Kathedrale: Eine gewölbte Fensterfront aus einer kristallinen Substanz gab den Blick frei auf das Herzstück von Ilum, einen leuchtenden Koloss, ein Raumschiff im Schiff, das schweigend und majestätisch in einer Art innerer Bucht ruhte. Es war riesig, größer als jede Vorstellungskraft, und seine Oberfläche war von Adern aus pulsierendem Licht überzogen. Dazu ertönte ein unaufhörliches, tiefes Summen, als schlage dieses Herz in einer Taktfrequenz, die das Blut gefrieren ließ.

Greengore ging ohne Hast auf eine Konsole zu, deren Oberfläche aus einer lebenden Matrix bestand: steinige Schaltkreise, die bei Berührung warm wurden. Mit seinen massiven, mit Runen übersäten Händen tippte er darauf. Seine Finger hinterließen kurz glühende Abdrucklinien, die sofort wieder verblassten. „Okay“, sagte er. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, das in der Halle nachklang. „Ich starte nun den Ersatzgenerator. Ich drehe ihn auf Maximum. Dann sollte der Laden … nun ja, implodieren oder zumindest so tun, als wolle er explodieren. Und dann gebe ich das Schiff frei.“ Anschließend zerstören wir den Kern und flüchten mit dem Raumschiff.“

„Wenn sich das Ding einmal öffnet“, sagte Umbra, „werden Wellen von Energie nach außen schlagen. Das könnte die Gravitation in der Umgebung durcheinanderbringen. Es könnte … leicht unpraktisch werden.“ Seine Stimme klang ironisch, doch dahinter steckte Vorsicht. Sie hatten keine Präzisionsgarantien, denn das Ilum war kein einfacher Apparat, sondern ein organisischer Koloss, der sich wehrte, wenn man ihn reizte. Greengore nickte. „Ich weiß. Aber es ist unsere beste Chance. Wir bringen das Schiff an dieser Stelle aus dem Gleichgewicht, locken den Kern frei und können ihn dann abschalten oder zumindest destabilisieren. Wenn das gelingt, haben wir eine Öffnung.“

Hinter ihnen begann die Zentrale zu leben. Bildschirme flammten auf, Graphen liefen und eine holographische Karte des Ilum projizierte sich in die Luft – ein organisch geformtes Modell mit pulsierenden Bereichen, die in Alarmfarben aufleuchteten. Auf dem Display blinkte ein markierter Punkt, der sich langsam rot färbte – der Knotenpunkt, den Greengore gerade anzapfte. „Noch fünfzig Prozent Stabilität“, murmelte Greengore. „Noch zwanzig … zehn … jetzt.“

„Jetzt“, flüsterte Umbra. Bevor Greengore antworten konnte, erklang ein Alarm: ein knisternder Ton, der zugleich wie eine Warnung klang. Auf den Bildschirmen erschienen Symbole und Warnungen in einer nichtmenschlichen Sprache. Etwas in den Adern der Maschine leistete Widerstand. Kleine Impulse schossen durch den Boden und die Fensterfront, während defensive Reaktionen des Ilum in Form eines gleißend blauen Anflugs zu sehen waren.

„Das ist es“, sagte Greengore knapp. „Das Tor ist offen, aber es wird sich wehren. Beeil dich, Umbra. Geh rein, finde den Kern und destabilisiere ihn. Ich halte die Verbindung aufrecht, so lange ich kann.“

Umbra verspürte einen Knoten in der Kehle. Für einen Sekundenbruchteil sah er das Gesicht seines Sohnes vor sich. Dann warf er einen letzten Blick zurück auf Greengore. „Wenn ich nicht zurückkomme …“ Seine Stimme brach, kaum hörbar.

„Komm zurück“, erwiderte Greengore fest.

Umbra senkte den Kopf und stürzte in die Öffnung. Der Übergang sog ihn ein wie ein Strudel, das Licht zerriss sich um ihn herum und formte sich neu. Greengore beobachtete, bis Umbra nur noch eine Verzerrung im Tunnel aus Energie war. Dann senkte er die Hand, legte sie auf die Konsole und murmelte alte Worte in einer fremden Sprache.

Die Tür hinter ihm begann sich bereits zu schließen, und der Widerstand des Ilum nahm zu. Auf den Bildschirmen flammten neue Informationen auf. Bewegungen, Muster, Verteidigungsreaktionen. Die Zeit, die ihnen blieb, betrug wenige Sekunden, vielleicht Minuten. Doch in diesen Sekunden lag die Entscheidung über alles: Ob sie das Ilum zerstören, die Macht von Apex schwächen und einen Weg freimachen konnten, um Terra zu schützen.

Greengore presste die Hand fester auf die Konsole. Dann sah er Umbra an, der ihm mit einem stillen, schweren Nicken antwortete, das mehr sagte als Worte es konnten. Greengore löste sich, betrat das Raumschiff in der Halle und startete es.


Wie ein gigantischer Lichtsplitter brach es durch die metallische Decke des Ilum, hinterließ eine Schneise aus glühender Energie und schoss in den Wüstenhimmel. Das Tor, durch das es geflogen war, schloss sich unmittelbar danach nicht mechanisch, sondern wie eine Wunde, die sich von selbst wieder verschließt. Das organische Metall verschmolz zu einer makellosen Fläche, als wäre nie etwas geschehen.

Stille.

Atlon stand mitten im endlosen Meer aus Sand, die Hitze flimmerte über dem Boden. Über ihm durchbrach ein Raumschiff den Himmel, zwischen Staub und grellen Lichtblitzen. Es war Ilum. Oder das, was davon übrig war. Der metallische Koloss, einst Symbol von Macht und Überlegenheit, stieg taumelnd auf, als würde er gegen die Schwerkraft selbst ankämpfen. Funken regneten herab, und Rauchschwaden zogen wie dunkle Narben durch die Luft.

Atlon kniff die Augen zusammen, denn das gleißende Licht der Explosion spiegelte sich in seinen Pupillen. Sekunden später wurde der Himmel zu einer brennenden Leinwand. Ein ohrenbetäubender Knall folgte, dann eine Druckwelle, die durch den Sand raste und Atlon beinahe von den Füßen riss.

Ein Inferno aus Feuer und violettem Plasma verschlang Ilum, bis nur noch Trümmer übrig waren: brennende Scherben aus Metall, Energie und zersplittertem Licht, die wie glühende Sterne vom Himmel stürzten.

„Nein …“, murmelte Atlon und hob instinktiv den Arm, um sich vor der Hitze zu schützen. Sein Herz pochte bis in die Kehle. Über ihm rieselten noch immer Trümmer herab: violett glühende Splitter, die wie leuchtende Tränen aus der zerbrochenen Hülle des Himmels fielen. Dazwischen flog ein Raumschiff hinaus.


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