Kapitel 100 - Überstunden

Startseite                                                                                                                             Kapitelübersicht


Gerade hatte Sivaz den vorletzten Custodian mit seinen pulsierenden, violett glühenden Klingen in zwei Hälften geschnitten. Sein metallischer Körper zischte, als die Energie durch ihn fuhr. Kaum war er zu Boden gegangen, explodierte der letzte in einer Wolke aus Funken und Rauch. Das Schlachtfeld war erfüllt vom metallischen Geruch verbrannten Öls und der trockenen Hitze der Verwüstung. In diesem Moment erreichte Nitechore das Schlachtfeld erneut. Sein Körper schrie nach Ruhe, doch sein Geist verweigerte sich der Erschöpfung. Der Boden bebte unter seinen Schritten, als er sich durch die Überreste der Schlacht kämpfte. Überall lagen Trümmer, Rüstungsteile und zerbrochene Waffen.

Er blieb stehen und sah sich um. Die Triklin waren verschwunden – offenbar hatten sie diese wirklich für den Moment besiegt. Nur die verbrannte Erde erinnerte daran, dass sie überhaupt hier gewesen waren. Samuel atmete schwer aus, seine Brust hob und senkte sich in unregelmäßigen Abständen.

Er tastete über seine Rüstung, oder das, was noch davon übrig war. Die einst glänzenden Panzerplatten waren zerbeult, gesplittert und teilweise verschmort. Risse zogen sich über die Oberfläche und darunter pulsierte sein eigenes Blut. Jeder Schritt brannte, und jeder Atemzug fühlte sich an, als würde ihm die Energie aus den Knochen gerissen werden. „Vielleicht sind die Rippen gebrochen”, dachte er, doch er hatte keine Zeit, es zu überprüfen.

Samuel hob den Blick zum Himmel. Über ihm spielte sich ein Schauspiel aus Gewalt und Energie ab. Void und Sivaz kämpften dort wie zwei Götter, die sich um die Kontrolle der Realität stritten. Void glitt scheinbar schwerelos durch den Himmel, immer wieder verschwand er und tauchte wieder auf. Seine Portale öffneten sich wie schimmernde, blauviolette Narben am Himmel. Er fiel in eines hinein und schoss aus einem höher gelegenen wieder heraus, nur um erneut zuzuschlagen. Jeder Schlag, jede Bewegung war präzise, berechnet und elegant.

Sivaz dagegen war reine Wut in Bewegung. Flügel aus Energie trugen sie mühelos über das Schlachtfeld. Um sie herum flackerten Lichtbögen, während sie sich auf Void stürzte. Ihre violetten Klingen rissen Schneisen in die Luft und ließen Druckwellen entstehen, die den Sand aufwirbelten. Jeder Treffer der beiden ließ den Boden erzittern.

Samuel stand reglos da, stützte sich schwer auf sein Bein und blickte hinauf. Er dachte an Theresa und Sabine. Er konnte nicht ertragen, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte. Allein der Gedanke daran drückte ihm die Kehle zu. Ein Windstoß fegte über das Feld und trug den Geruch von Metall, Rauch und verbranntem Fleisch mit sich. Die Sonne sank langsam hinter den Trümmern und warf lange Schatten über die Erde, die eher einem Massengrab als einem Schlachtfeld glich.

Samuel atmete tief ein. Sein Helm knisterte und das Synect-System versuchte, seine Vitalwerte zu stabilisieren. Doch die Anzeigen blinkten unruhig. Er war am Limit.

Trotzdem blickte er weiter nach oben zu Void und Sivaz und wusste, dass der Kampf noch lange nicht entschieden war. Doch dann, mitten in der Luft, veränderte sich das Muster. Sivaz hatte Voids rhythmische Bewegungen durchschaut. Mit einer fließenden, fast übermenschlich schnellen Drehung ihrer violetten Klingen traf sie ihn frontal und der Aufprall war wie ein Donnerschlag. Void wurde mehrere hundert Meter weit geschleudert. Sein Körper durchschlug eine Staubwolke und verschwand kurz aus dem Sichtfeld. Dann tauchte er taumelnd in der Ferne wieder auf.

Sivaz ließ keine Zeit zum Atemholen. Sie beschleunigte und raste direkt auf Nitechore zu. Ihre Augen glühten in einem kalten, unirdischen Licht. Bevor Samuel überhaupt reagieren konnte, krachte sie mit einer enormen Wucht auf den Boden, sodass der Sand wie bei einer Explosion nach außen schoss. Der Druck warf ihn zurück, doch sie stand schon wieder vor ihm. Er hob instinktiv die Arme und fing ihre Fäuste auf. Ihre Energie prallte wie ein Sturm gegen seine Unterarme. Es war ein physisches Kräftemessen.

Sie lachte leise, ein spöttisches, sirenenhaftes Kichern, während sie seine Handgelenke packte.

Samuel stemmte sich dagegen, die Muskeln seiner Schultern zitterten und seine Rüstung knackte. Es war ein groteskes Schauspiel. Sie spielten miteinander, als wären sie Kinder, die sich gegenseitig testen. Nur dass er das Kind war und sie die Erwachsene, die nur einen Bruchteil ihrer Stärke zeigte.

„Du bist zäh“, hauchte sie mit einem beinahe anerkennenden Tonfall.

„Und du … redest zu viel“, knurrte Samuel zurück. Der Schweiß sammelte sich unter seinem Helm.

Er versuchte, sich loszureißen, doch Sivaz' Griff war unerbittlich. Sie hielt ihn fest, als wolle sie ihm zeigen, wie klein und verletzlich er im Vergleich zu ihr war. Dann ein kurzer Ruck, ein Moment der Unachtsamkeit, ihr Fuß rutschte auf dem lockeren Erdreich aus.

Genau in diesem Augenblick öffnete sich unter ihr ein dunkles Portal.

Void.

Ein grelles, verzerrtes Licht flackerte auf, und plötzlich sank sie zur Hälfte in den Boden ein. Ihr Körper steckte bis zur Taille im Portal fest, während der obere Teil noch wild um sich schlug. Der violette Schimmer um sie herum pulsierte unregelmäßig, als kämpften zwei Realitäten gegeneinander.

Samuel erkannte die Chance.

Er spannte seine Muskeln, sammelte die verbleibende Energie seines Anzugs und stürmte nach vorn. Der Sand wirbelte auf, und seine rechte Faust leuchtete auf, während sie sich mit Lichtenergie auflud. Er holte aus, bereit, den entscheidenden Schlag zu landen.

Doch Sivaz sah ihn kommen.

Ein Schrei, roh, schrill und unmenschlich, zerriss die Luft. Ihr Körper vibrierte, und dann entlud sich eine Druckwelle von solcher Gewalt, dass sie alles um sich herum mitriss. Der Boden barst, Trümmer und Sand wurden meterhoch in die Luft geschleudert.

Samuel flog rückwärts, als hätte ihn eine unsichtbare Hand gepackt. Er überschlug sich mehrfach, seine Rüstung schlug Funken, bis er schließlich hart auf dem Boden landete. Sein Atem stockte. Für einen Moment sah er nur weißes Licht und hörte nichts außer dem Pochen seines eigenen Herzens.

Dann das Geräusch.

Ein tiefes, vibrierendes Dröhnen, das den Boden unter ihm erzittern ließ.

Es war kein normales Geräusch. Es war dieses eine Geräusch, das er nur zu gut kannte.

Samuel hob den Kopf und seine Augen weiteten sich.

„Nein …“, flüsterte er heiser.

Etwas Schwarzes und Schnelles raste an ihm vorbei. Ein Windstoß peitschte ihm Staub ins Gesicht und der Sand schlug wie Nadeln gegen seine beschädigte Rüstung.

Er kniff die Augen zusammen und erkannte es.

Ein Motorrad. Sein Motorrad.

Es war alt, ungehorsam und roh, ein mechanisches Biest, das offenbar noch ohne die modernen Vigorgel-Leitungen funktionierte. Die Maschine röhrte wie ein Raubtier, das sich weigert auszusterben.

Und dann sah er die Fahrerin.

Barnowl.

Samuel starrte ungläubig. Ihr Helm war gesprungen, doch ihre Augen darunter glühten mit fast irrwitziger Konzentration. Sie lehnte sich tief nach vorne, und das Motorrad zwischen ihren Beinen bebte vor Kraft.

Was zur Hölle hat sie vor?, dachte er und war unfähig, sich zu bewegen.

Noch ehe er seinen Gedanken beenden konnte, zog Barnowl eine scharfe Linie in den Boden, bremste abrupt und verschwand in einem Portal.

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie fort.

Dann tauchte sie fast gleichzeitig wieder auf, direkt hinter Sivaz.

Das Portal knisterte hinter Sivaz. Barnowl flog in einer perfekten, geschwungenen Kurve durch die Luft.

Samuel spürte, wie sein Herz raste.

Er wusste, was sie tat.

Sie würde das nicht überleben, nicht, wenn es schiefging.

Barnowl stieß sich ab.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Sie sprang, glitt durch die Luft und rollte sich ab, während das führerlose Motorrad weiter auf Sivaz zuraste. Es krachte mit voller Wucht in ihren Rücken, genau an der Stelle, die nicht so stark geschützt war.

Ein gleißendes Licht, gefolgt von einem brutalen, dumpfen Knall.

Die Explosion war keine Feuerkugel, sondern eine Schockwelle. Ein Druckstoß, der wie eine Faust durch die Ebene fegte.

Sivaz’ Körper wurde nach vorne geschleudert und der violette Schimmer um sie herum flackerte unkontrolliert. Ihre Substanz, eine fremdartige, schimmernde Masse, zerplatzte an mehreren Stellen. Stücke davon spritzten durch die Luft, klebten auf Felsen, auf Metall und auf Sand und pulsierten, als lebten sie weiter.

Samuel taumelte zurück und hob reflexartig die Arme, um sich zu schützen. Der Sand um ihn herum wurde von der Druckwelle fortgerissen.

Als er wieder aufblickte, sah er Theresa – Barnowl.

Sie stand schwer atmend da, ihre Hände waren staubverkrustet und ihre Knie zitterten. Ihr Helm war zur Seite geschleudert worden und ein dünner Schnitt zog sich über ihre Wange.

Hinter ihr lag der brennende Rest des Motorrads.

Und davor, auf den Knien, dampfend, mit flackernder, instabiler Form, Sivaz.

Samuel konnte kaum glauben, was er sah.

Theresa stolperte durch den dichten Staub und erreichte Samuel, der noch immer auf einem Knie am Boden lag. Seine Rüstung war zerschlagen, der Helm gesprungen und von seinen Schultern stieg Rauch auf. Ohne ein Wort kniete sie sich neben ihn und reichte ihm die Hand. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, beinah zärtlich, als hätte sie Angst, er würde in sich zusammenfallen, wenn sie ihn zu fest berührte.

Samuel blickte kurz zu ihr auf, ihre Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Kein Wort, keine Erklärung, kein Siegesschrei. Nur ein stummes, erschöpftes Einverständnis zwischen zwei Menschen, die das Ende einer Hölle erlebt hatten.

Theresa half ihm auf und gemeinsam standen sie inmitten der Trümmer. Der Wind wehte heiße, schwefelige Luft durch die Überreste des Schlachtfelds.


Void kam tanzend auf sie zu, seine Portale flackerten spielerisch um ihn herum. In seiner Hand drehte er eine leuchtende Kugel aus reiner Energie wie ein Souvenir. „Wir haben’s geschafft! Ich sag's euch, das war ...“ Er stoppte, als er Nitechore ansah. Dieser stand kaum aufrecht, das Visier halb geöffnet, mit Blut an den Lippen.

Nitechore hob langsam und schwer die Hand und gab ihm ein High Five. Der Schlag klang dumpf durch die Stille. Dann drehte er sich um, humpelte davon und sagte kein Wort. Theresa folgte ihm mit dem Blick, bevor sie Void ein erschöpftes, fast mitleidiges Nicken schenkte.

Void blieb zurück, verwirrt. Das Grinsen wich aus seinem Gesicht. Er sah sich in der zerstörten Landschaft um, sah die verkohlten Überreste der Custodians und die flimmernden Schatten des Endkampfes und verstand plötzlich, dass es gar nichts zu feiern gab.

In der Ferne, zwischen Asche und Wind, zog Nitechore sein Synect hervor. Das holografische Menü schimmerte mattblau auf seinem zerkratzten Unterarm. Mit zittrigen Fingern wählte er eine gespeicherte Nummer: Evelyn.

Das Gerät summte kurz, dann antwortete eine vertraute Stimme, ruhig und kontrolliert wie immer.

„Samuel? Wie sieht’s aus?“

Er atmete schwer durch, sah auf das Schlachtfeld zurück und ließ sich erschöpft auf ein Stück Metall sinken. Ein schwaches Lächeln zuckte über sein Gesicht.

„Hey“, sagte er leise. „Wir sind durch. Die Überstunden sind beendet.“

Nach einer Pause fügte er mit trockenem Humor hinzu.

„Holst du mich ab?“


Vorheriges Kapitel                                                                                                             Nächstes Kapitel

Kommentare