Kapitel 99 - Umsetzung

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Atlon atmete tief durch und aktivierte dann erneut seine Maske. Er hatte das nicht gewollt. Nicht diesen Kampf, nicht diesen Moment. Rasun stand mittlerweile neben ihm, ruhig und gefasst. Er nickte nur wortlos, doch in seinem Blick lag etwas, das Atlon sofort verstand: Keine Zeit für Zweifel. Folge ihm.

„Los!“, sagte Atlon knapp, und dann rannten sie los.

Der Boden unter ihnen war uneben und verbrannt. Atlon nutzte seine verstärkte Sprungkraft, um über zerstörte Fahrzeuge und gestürzte Custodians zu hechten.

Vor ihnen erstreckte sich das Schlachtfeld, ein Meer aus Feuer, Rauch und schreienden Maschinen. Überall kämpften Truppen der Sandborn, Section Shield, Custodians und Triklin gegeneinander. Lasersalven zogen helle Schneisen durch den Dunst und die Explosionen ließen den Boden erbeben.

Rasun dagegen bewegte sich mit fast übernatürlicher Eleganz. Er sprang auf einen zerborstenen Felsblock, legte eine Hand darauf, und plötzlich schwebte der Stein. Staub wirbelte um seine Füße auf, als der Block unter seinen Energiefeldern zu vibrieren begann.

„Ich nehme den schnellen Weg!“, rief er durch das Interkom. Bevor Nathaniel antworten konnte, schoss Rasun bereits nach vorn. Der improvisierte Hoverblock glitt mit atemberaubender Geschwindigkeit über das Schlachtfeld. Rasun lehnte sich in die Kurven, flog in engen Spiralen zwischen Trümmern hindurch, wich feindlichem Feuer aus und drehte sich um herabstürzende Drohnen. Plasmafontänen zischten an ihm vorbei, während er Slalom durch die Triklin-Frontlinien fuhr.

Nathaniel folgte ihm, sprang von Trümmerhügel zu Trümmerhügel, stieß sich ab und rollte, während Splitterregen und Geschosse um ihn peitschten. Immer wieder sah er Rasuns bläulichen Energieglanz vor sich wie ein Leuchtfeuer zwischen Dunkelheit und Tod.

Links explodierte ein Graveship, der Aufprall schleuderte Staub und Flammen in die Höhe. Eine Welle aus Schockenergie rollte über sie hinweg. Nathaniel knirschte mit den Zähnen, stabilisierte seine Haltung und sprintete weiter.

Er sprang über ein zerschmettertes Custodian-Wrack, landete auf der anderen Seite und sah, wie Rasun elegant durch eine Truppe von Triklin glitt. Mit einem kurzen Handzeichen riss er die Arme auseinander und schnitt eine Schneise in die Reihen der Feinde, während Steinplatten spiralförmig durch die Luft flogen.

„Beeil dich, Nate!“, rief Rasun ihm über Funk zu, während er seinen Felsblock in einer eleganten Bewegung zur Seite kippte, um einem einstürzenden Geschützturm auszuweichen.

„Bin gleich bei dir!“, keuchte Atlon, sprang auf eine Anhöhe und sah endlich den violett flackernden Energieschweif der Sense am Himmel – das Kennzeichen von Apex.

Er wusste, dass sie nah waren.

Umbra und Apex kämpften irgendwo dort vorne, wo das Licht der Explosionen in den schwarzen Himmel griff und das Chaos selbst zu leben schien.

Atlon konzentrierte sich, um schneller zu werden, während Rasuns Stimme erneut in seinem Ohr hallte: „Wir dürfen sie nicht verlieren. Nicht jetzt.“

Er nickte, auch wenn Rasun es nicht sehen konnte. Dann rannte er mit allem, was er hatte, weiter: durch Feuer, Rauch und Tod, hinein in den Sturm, in dem die Zukunft der Welten entschieden wurde.

Sie rannten weiter. Die Hitze lastete wie ein glühender Schleier auf ihrer Haut. Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln. Und vor ihnen zeichnete sich am südlichen Horizont etwas Abnormes gegen das flirrende Licht ab: der Bohrkopf. Er war nicht mehr bloß eine ferne Silhouette, sondern deutlich zu erkennen: ein kolossaler, monströser Apparat, halb Maschine, halb lebendes Gebilde, der nur wenige Dutzend Meter über dem Boden schwebte. Seine Oberfläche war mit schwarzen, violett schimmernden Platten bedeckt, aus denen mechanische Arme und schneidende Bohrspitzen wie die Beine eines unfassbar großen Insekts ragten. In seinem Bauch öffneten sich Klappen, aus denen kleine Truppentransporter fielen. Daraus stiegen Triklin wie Heuschrecken aus.

Über dem Bohrkopf tobte ein Duell in der Luft: zwei Gestalten, die wie die Pole einer gewaltigen Konfrontation wirkten – Apex, die personifizierte Schattenklinge, und Umbra, dessen silhouettenartige Präsenz wie ein verzerrter Schatten wirkte. Sie kreisten umeinander, schlugen Funken aus der Luft, zogen violette und schwarze Streifen durchs Blau und ließen die Sonne selbst scheinen, als hätte sie Angst, näherzutreten.

„Da!“, rief Rasun knapp hinter Atlon. Sein Hover-Felsblock schnitt durch die Luft wie ein Pfeil. Er packte in einer fließenden Bewegung einen Brocken aus dem zerfurchten Wüstensand und schleuderte ihn wie eine riesige Faust aus Stein, die pfeifend durch die Hitze flog.

Atlon reagierte ohne zu überlegen. Er hob die Hände, sammelte das in ihm brennende Licht, bündelte es zu einem reinen Strahl und entlud ihn gegen Apex. Der Lichtstrahl schnitt wie ein gezielter Blitz durch die Luft. Apex mühte sich ab, ihm auszuweichen. Die Klinge seiner Schatten formte ein dünnes Hemd aus finsterer Energie. Er nickte leicht, als die Helligkeit ihm entkam. Doch Rasuns Stein war schneller. Der Brocken traf Apex mit einem dumpfen Knall an der Seite und riss ihn aus der Balance. Für einen betäubenden Moment verlor Apex die Höhe, seine Flugfähigkeit flackerte wie ein Glühwürmchen und er sackte wie ein dunkler Komet hinab in Richtung der zerfurchten Dünen.

Apex’ Sturzschweif riss eine Furche in den Sand, Hitzewellen krümmten die Luft und kleine Triklinen wurden wie von einer Woge erfasst und in die Luft geschleudert. Rasun drehte den Felsblock, glitt elegant an der Absturzbahn vorbei, fing in einer Drehung einen Funken des Aufpralls ab und stand blitzschnell neben Atlon. „Komm, wir müssen ihn am Boden halten, sonst wird das niemals enden!“, rief er.

Umbra hatte sich währenddessen Atlon genähert. „Wieso hast du die Seite gewechselt?“, fragte Atlon mit hoffnungsvoller Stimme. Seine Stimme klang rau, aber trotzdem wie ein Befehl, den nur ein Vater geben konnte: „Ich habe mich erinnert. Ich schaffe das alleine. Geh in Sicherheit! Geh zu Greengore, Nathaniel.“

Atlon schaute ihm in die Augen. „Nein“, erwiderte Atlon, „ich übernehme das. Geh zu Greengore. Wenn du hier bleibst, wirst du … Greengore braucht dich, um das Ilum zu zerstören, und du darfst nicht auch noch fallen.“

Umbra schüttelte kurz den Kopf. In seinem Gesicht klaffte der Riss zwischen dem Mann, der er war, und dem Wesen, das er geworden war. „Sicher?“ Seine Stimme klang wie ein Flehen.

Atlon nickte härter, als er sich fühlte. „Ja, du kannst fliegen. Ich nicht. Noch nicht richtig.“

Umbra trat einen Schritt zurück. Sein Blick glitt von Atlon zu dem Chaos, dann zu Apex, der irgendwo im Sand lag, und schließlich zu Amet, die am Rand des Blickfelds von Jonah und Mattash medizinisch versorgt wurde. Dann, schneller als erwartet, drehte sich Umbra um, flog mit einem Satz davon – weg von Atlon – mit einer Geschwindigkeit, die nur ein Wesen mit Verbundenheit zur Schattenenergie erreichen konnte. Er riss sich los von diesem Ort und glitt gen Norden zum Sammelpunkt mit Greengore.

Atlon blieb mit Rasun allein zurück. Die Luft vibrierte und überall um sie herum zeigten sich Kaskaden aus Licht und Schatten. Es waren Explosionen, die wie Donner durch die Wüste rollten.

Apex richtete sich auf. Der Aufprall hatte Blut und Funken geschleudert, doch die Figur stand wie eine Statue aus tödlicher Eleganz auf. Seine Sichel materialisierte sich erneut, diesmal größer und schärfer, als sei sie aus dem Innersten der Dunkelheit geschmiedet. Er wirbelte und aus seiner Bewegung schossen fünf, dann zehn Schattenklone hervor, die wie eine rotierende Säge um Rasun herumtanzten, jede Klinge hungrig. Die Kopien sprangen vor, doch Rasun reagierte sofort. Er katapultierte sich vom Hover-Felsblock, schnitt mit zwei kristallinen Klingen durch die Luft und schlug mehrere der Projektionen in Stücke. Das war jedoch nur ein Aufschub.

Atlon zog sein Licht zusammen, formte zuerst eine schmale Peitsche, dann, mit einem Ruck und einem Schrei aus der Tiefe seiner Brust, der mehr als nur Wut war, eine Rüstung aus purem Schein um seinen Körper. Seine Füße verankerten sich im Sand.

„Das endet hier!“, brüllte Atlon. Sein Licht explodierte und pulsierte wie ein Herzschlag in der Wüste. Er stieß vor, bewegte sich wie ein Lichtstrahl. Seine Hände zeichneten Zeichen in die Luft und die Zeichen wurden zu Lichtringen, die Apex' Kopien zerschlugen. Apex antwortete mit einem Schwarm aus Dunkelheit. Jede Projektion schrie und die Geräusche formten sich zu einer Welle, die Atlons Lichtschilde beugte und schließlich zerriss. Funken und Sand vermischten sich in einem Wirbel und ein Einschlag schleuderte Atlon zurück. Apex schwang die Sichel wie ein Komet und eine Kaskade violetter Blitze riss in die Luft. Rasun stieß Atlon zur Seite und nahm damit den größten Teil der Wucht ab, doch Sand und Hitze verschlangen ihr Vorankommen. Triklin strömten um sie herum, Noklin stürmten aus den Deckungen und Xakis-Golems stampften heran und brachen wie kleine Berge in die Reihen ein.

„Hast du meinen Plan verstanden?”, fragte Greengore. Umbra nickte zustimmend. Ein seltsames, tiefes Summen ging durch den steinernen Körper des Golems, eine Vibration, die nicht ganz von dieser Welt schien. Dann begann Greengore Stück für Stück aufzusteigen, wie ein Felsblock, der sich von den Wurzeln der Erde löste.

„Beeindruckende Fähigkeiten, Fels“, sagte Umbra mit rauer, überraschter und zugleich bewundernder Stimme. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht.

Greengore nickte mit dem schweren Kopf. „Meine Vorfahren waren Steinwächter. Sie haben die Gravitation dieser Welt gelesen und gelernt, sie an bestimmten Punkten zu verändern.“

„Aber wie sollen wir in ein Raumschiff eindringen? Die Shenth sichern alles ab. Selbst wenn wir es herausziehen, werden Verbände und Wächter warten.“

Sie näherten sich schnell dem gewaltigen Rumpf, der über der Wüste schwebte. Die Lichter entlang seiner Seiten waren wie Augen, die ihre Ankunft registrierten. Wachen, Noklin und kleinere Wächterdrohnen erhoben sich, als Metallflügel aussprangen. Ein Sog von Alarmen, ein Chor aus Sinntönen, hallte hinter ihnen auf.

Greengore wurde immer schneller. Der massive Golem glich nun einem fallenden Meteor aus Stein und Licht, dessen Runen wie flüssige Lava glühten. Sein Körper vibrierte in der Luft, während er versuchte, die Richtung zu halten.

Umbra flog dicht hinter ihm. Seine Flügel aus schwarzer Energie peitschten gegen den Sturm, den Greengores Flug verursachte. Die Gravitation verzog sich um sie herum, als ob die Welt selbst den Golem nicht festhalten könnte. „Greengore!“, rief Umbra gegen den tosenden Wind. „Ich kann dich ein bisschen steuern. Willst du, dass ich dir helfe?“

Greengore blickte kurz hinab. Seine steinernen Augen waren von flüssigem Licht durchzogen. Trotz der Hitze und der zerrenden Luft antwortete er ruhig: „Nein, das geht. Ich muss das selbst fühlen.“

In diesem Moment teilte sich die Luft mit einem schrillen Pfeifen. Ein gleißender Lichtstrahl schoss zwischen ihnen hindurch – ein Schuss, heißer als Feuer, schneller als Schall. Er verfehlte Greengores Schulter nur um Haaresbreite, brannte aber eine Schneise aus Energie in den Himmel. Der zweite Schuss folgte, diesmal aus einem anderen Winkel.

Umbra reagierte instinktiv. Sein Körper zog sich zusammen, als würde er in sich selbst kollabieren. Für einen Moment war er nichts als eine dunkle Kugel aus pulsierender Energie. Dann explodierte er nach außen, entfaltete seine Flügel und ließ einen Schirm aus violettem Licht entstehen.

Dieser war nicht einfach ein Schild, sondern lebendig, vibrierend, ein pulsierendes Kraftfeld, das sich wie ein Herzschlag ausdehnte. Strahlen prallten gegen seine Oberfläche, verzerrten sich und zerbrachen in purpurnen Funken. Umbra hielt den Fokus, sein Atem wurde schwer. „Das war knapp“, keuchte er, während er versuchte, den Schirm stabil zu halten.

Greengore schien es kaum zu bemerken. Sein Blick war starr nach vorne gerichtet, auf das gewaltige Etwas, das vor ihnen lag: das Ilum.

Ein schimmernder Koloss, halb Maschine, halb Lebewesen, thronte über dem Sandmeer. Seine Oberfläche pulsierte in einem Rhythmus, der einem Herzschlag ähnelte: Lichtwanderungen, die sich spiralförmig bewegten, als ob es atmete. Und dort, an seiner Südflanke, sah Umbra es: ein Tor.

„Da!“, rief Umbra. „Dort ist ein Zugang!“

Greengore reagierte sofort. Er nahm weiter an Geschwindigkeit zu, richtete sich aus und erhob seine massiven Arme wie Katapulte. Der violette Schirm flackerte, während Umbra ihm folgte. Der Wind kreischte, Funken zogen hinter ihnen her und die Temperatur stieg, je näher sie dem Ilum kamen.

Dann krachte Greengore gegen das Tor.

Doch statt es einfach zu zerstören, legte er seine steinernen Hände auf die metallene Oberfläche. Seine Runen begannen zu leuchten, heller als je zuvor, und eine zweite Haut aus Stein breitete sich von seinen Handflächen über die Tür aus. Es war, als würde der Fels selbst Schicht um Schicht wachsen, Adern aus Mineralien, die sich über das fremde Metall legten. Die Oberfläche begann zu beben. Die Steinschicht spannte sich, zog sich zurück wie Muskeln und riss dann die Tür auseinander. Ein ohrenbetäubender Laut durchdrang die Luft, als Metall und organische Masse gleichzeitig aufbrachen. Aus dem Inneren des Ilum quoll Licht hervor, begleitet von einem Windstoß, der so heiß war, dass der Sand unter ihnen schmolz.

Umbra und Greengore wurden zurückgeschleudert, fingen sich jedoch in der Luft. Als sich der Staub legte, sahen sie im geöffneten Eingang einen Korridor aus lebendigem Metall, der sich wie pulsierendes Gewebe bewegte. Adern aus Energie liefen durch die Wände und jeder Schritt hinein bedeutete, tiefer in das Herz einer denkenden Maschine zu treten.

Greengore sah zu Umbra. „Der Weg ist offen.“

Umbra nickte und der violette Schirm löste sich langsam auf. „Dann gehen wir.“


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