Kapitel 98 - Haut
Die staubige Luft hing schwer im Gang. Die Lichtstrahlen, die durch die zerborstenen Ritzen der Decke fielen, machten sie in dichten Schwaden sichtbar. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde man Sand einatmen. Nott hustete kurz und schmeckte den trockenen Geschmack von Erde und Verfall auf seiner Zunge. Der Boden unter seinen Füßen war uneben, aufgerissen von vertrockneten Wurzeln und überwuchert von Gestrüpp, das längst jegliches Leben verloren hatte. Seine Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke im dünnen Teppich aus Staub und Sand, der jeden Schritt dumpf hallen ließ.
Je tiefer er in das Gebäude ging, desto kühler wurde die Luft, aber nicht weniger stickig. Der Gang wirkte endlos, die einst glatten Wände waren nun von Rissen durchzogen und in den Schatten kroch ein seltsames, feuchtes Flimmern, als würde das Gemäuer selbst atmen. Ab und zu ertönte der Alarm und setzte dann wieder aus. Ein schwaches, rhythmisches Tropfen irgendwo in der Ferne begleitete ihn. Doch dann mischte sich ein anderes Geräusch darunter. Stimmen. Erst waren sie undeutlich, dann wurden sie klarer: aufgeregt, hektisch, ein Wirrwarr aus Rufen und Befehlen.
Nott blieb kurz stehen, legte die Hand an die Wand und lauschte. Das Echo der Stimmen schwoll an, als würde ein Streit toben: wild, zerrissen, fast panisch. Er spannte die Schultern an, atmete tief durch und setzte seinen Weg fort. Jeder Schritt war nun vorsichtiger und kontrollierter. Der Sand knirschte leiser, als hätte selbst der Boden begriffen, dass es Zeit war, still zu sein.Er folgte den Stimmen, die nun deutlicher und fast greifbar wurden, und schlängelte sich durch das verlassene Gebäude. Der Gang schien sich endlos zu dehnen, viel länger, als es die äußere Struktur des Bauwerks vermuten ließ. Immer wieder knackte es unter seinen Füßen, wenn Reste von Glas, Metall oder vertrocknetem Gestein unter dem Druck seiner Schritte zerbröselten. Nott hob den Blick: Das schwache Licht seiner Lampe brach sich an den Staubpartikeln und verlieh der Luft einen beinahe geisterhaften Schimmer.
Er spürte, dass er sich längst unter dem eigentlichen Fundament befand. Die Mauern hier unten wirkten älter und rauer. Und doch schien alles mit fremder Technik durchzogen zu sein: Kabel, die aus der Wand wuchsen, und flackernde Leuchten, die nicht mehr richtig funktionierten. Nach einer weiteren Biegung tauchte vor ihm ein schmaler Gang auf, der noch dunkler war als die bisherigen. Das Licht am Ende glomm rötlich, ein pulsierender Schein.
Nott näherte sich vorsichtig. Der Sand wich kaltem Metall und bald stand er vor einer Glastür. Hinter dieser tauchten die roten Warnleuchten das ganze Labor in unheilvolles Licht. Es roch nach verbranntem Kunststoff und kaltem Öl. Durch das Glas konnte er zwei Gestalten erkennen. Eine stand gebückt über einer Konsole und tippte hastig Befehle ein, während die andere, ein älterer Mann in einem zerknitterten weißen Kittel, unruhig daneben hin und herging. Etwas an ihm wirkte ... falsch. Zu viele ungleiche Bewegungen, zu viel Nervosität in einem Körper, der an Wahnsinn grenzte.
Nott trat näher, presste die Hand gegen das Glas, und in diesem Moment drehte sich der andere Mann um. Sein Herz setzte aus. Ein Schlag, der ihm die Luft raubte. Sein Vater.
Doch er war nicht mehr der Mann, den er kannte. Sein rechtes Auge glühte kaltblau, die Pupille war künstlich und starr wie Glas. Das linke Kinn war von einer metallischen Platte überzogen, die sich nahtlos in das Fleisch einfügte. Der rechte Arm bestand aus glänzenden, dunklen Komponenten, die sich bei jeder Bewegung leise verzogen, als würden darin Muskeln aus Stahl arbeiten.
Der Blick, den er Nott zuwarf, war leer, kein Funke von Wiedererkennung, keine Spur von Menschlichkeit. Nur kalte Konzentration. Für einen Moment stand Nott wie versteinert da. Er wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. In diesem Augenblick verstand er, dass der Mann hinter der Glastür zwar sein Vater war, zugleich aber auch etwas völlig anderes war. Etwas, das nicht mehr ganz lebte.
Nichts bewegte sich. Der Moment schien stillzustehen, nur das Summen der Warnleuchten und das leise Tropfen irgendwo in der Ferne durchbrachen die Stille. Nott packte den Türgriff und riss daran mit aller Kraft. Doch die Tür war fest verriegelt, unbeweglich wie eine Mauer. Das Metall vibrierte kurz unter seiner Hand, dann war wieder nur Stille. Sein Herz hämmerte, Adrenalin rauschte in seinen Ohren. Er presste die Stirn gegen das kalte Glas und suchte mit den Augen nach einer Lösung.
Dann plötzlich ein Schatten. Schritte. Stimmen, schnell und flüsternd. Aus dem Gang zu seiner Rechten liefen Menschen vorbei, hektisch und gehetzt. Es waren Patienten, offenbar aus einer der unteren Stationen. Ihre Kleidung war zerrissen, ihre Gesichter blass, mit Adern, die wie schwarze Linien unter der Haut hervortraten. Manche schwankten, andere hielten sich die Köpfe, als würde in ihnen etwas schreien, das nicht hinausdurfte. All das spielte sich hinter der Tür mit der Glasscheibe ab.
Der Wissenschaftler und sein Vater waren verschwunden. Sie schienen die Ablenkung genutzt zu haben. Nott starrte durch das Glas, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, als plötzlich ein Gesicht direkt hinter der Tür auftauchte.
Er zuckte zurück. Dann erkannte er sie.
Ava.
Ihr Gesicht war blass, ihre Augen waren weit geöffnet und wirkten erschöpft. Sie war nicht allein. Hinter ihr standen ein alter Mann mit tiefen Falten und ein jüngerer, kräftiger Mann, dessen Blick zwischen Konzentration und Verzweiflung schwankte. Beide sahen aus, als hätten sie seit Tagen nicht geschlafen. Ava legte ihre Hand gegen das Glas, direkt an der Stelle, an der auch Notts Hand lag. Für einen Sekundenbruchteil war alles still.
Dann begannen sie, an der Tür zu ziehen, zu drücken und zu hämmern. Nott versuchte, mit aller Kraft mitzumachen, doch die Tür blieb verschlossen. Er sah, wie sich ihre Münder bewegten, stumm, ohne dass ein Laut zu ihm durchdrang. Ihre Lippen formten Worte.
Minuten vergingen.
Dann, ohne Vorwarnung, trat der jüngere Mann zurück. Er sah Ava an, dann Nott. Plötzlich veränderte sich seine Haltung. Er spannte sich an, legte die Hände gegeneinander, als würde er etwas Unsichtbares formen. Die Luft vibrierte. Ein dumpfer Druck breitete sich aus, als würde der Raum selbst erzittern.
Vor Notts Augen begann sich die Metalltür zu verformen. Langsam, aber unaufhaltsam. Sie wurde zusammengedrückt, als würde eine unsichtbare Faust sie von beiden Seiten zerquetschen. Das Glas splitterte, der Rahmen bog sich unter unmenschlicher Kraft.
Nott wich zurück.
Dieser Mann konnte Dinge bewegen und zerdrücken.
Ava sprang so plötzlich in Notts Arme, dass er fast das Gleichgewicht verlor. Ihr Körper fühlte sich noch leichter und zerbrechlicher an als beim letzten Mal. Ihre Schultern zitterten, und er spürte jeden Knochen unter seiner Hand. Sie roch wie immer, trotz der Monate, trotz der Strapazen, sie hatte einen Hauch ihres Geruchs behalten. Sie drückte ihn, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Für einen Moment stand die Welt still. Keine Warnsirenen, keine Stimmen. Nur sie beide zwischen den Überresten eines zerstörten Labors. Langsam löste sie sich von ihm und ihre spröden Lippen berührten seine. Ein kurzer, fast zerbrechlicher Kuss. Ihre Tränen brannten auf seiner Haut, während sie leise schluchzte. Er strich ihr über die Wange und wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Schließlich wich sie zurück, wischte sich über die Augen und atmete zitternd aus.
„Wer war das?“, fragte Nott schließlich, noch außer Atem von der Wucht des Moments. Seine Stimme klang heiser und brüchig.
„Er nennt sich Cure“, antwortete der ältere Mann, der hinter Ava stand. Seine Stimme war rau, aber ruhig. „Und sie sind definitiv schon weg.“
Nott nickte nur stumm, während er die drei musterte. Erst jetzt fiel ihm auf, wie mitgenommen sie aussahen. Die Erschöpfung lag wie ein grauer Schleier über ihren Gesichtern.
Ava deutete auf den Älteren. „Das ist Daniel Adam“, sagte sie. „Man nennt ihn auch Cutback.“
Daniel hatte tiefe Furchen im Gesicht, die von mehr als nur Alter erzählten. Sie waren Spuren von Kämpfen, Enttäuschungen und verlorenen Jahren. Sein Haar war grau und dünn und sein Bart sah so aus, als hätte er ihn mit einem stumpfen Messer abgeschnitten.
„Und das hier ist Simon Flanagan“, fuhr Ava fort und zeigte auf den Jüngeren, „auch Crush genannt.“
Simon war das genaue Gegenteil: Er war schmal und drahtig und wirkte mit seiner fast jugendlichen Nervosität in der Haltung sehr viel jünger. Seine leuchtend roten Haare fielen ihm unkontrolliert ins Gesicht und seine Haut war übersät mit Sommersprossen. Kein Bart.
Nott nickte langsam und ließ den Blick zwischen den dreien wandern. „Ich heiße Kain Downs“, sagte er schließlich. „Aber alle nennen mich Nott.“
Er warf einen letzten Blick auf den halbzerstörten Computer hinter ihnen. „Geht schon mal raus“, sagte er ruhig. „Ich schaue mir den Computer noch an.“
Ava ging zu Nott und schaute Daniel und Paul an. „Geht vor. Ich bleibe bei Nott.“ Die beiden nickten und verließen in die gleiche Richtung, in der vermutlich Cure und Notts Vater verschwunden waren.
Nott setzte sich an den Terminal, der trotz der Zerstörung noch leise summte. Der Bildschirm flackerte, als er eine Taste drückte, und das matte Licht des Monitors tauchte sein Gesicht in bläuliche Schatten. Er öffnete den unverschlüsselten Zugriffspunkt – kein Passwort, keine Sicherheitsbarriere, nichts. Für einen Moment glaubte er, das Glück sei auf seiner Seite. Doch dann starrte er auf einen einzigen Ordner, der mitten auf dem Desktop prangte: „HELIX“.
Er klickte ihn an. Der Cursor lud. Ein Summen, dann Stille. Es gab kein Datenrauschen und keine versteckten Dateien. Nur Leere. Ein einziger, makelloser Ordner, völlig leer, wie ausgelöscht. Nott runzelte die Stirn, klickte erneut und durchsuchte die Verzeichnisse nach Verstecken, Schattenkopien und digitalen Resten. Nichts.
„Verdammt“, murmelte er leise und stützte sich mit beiden Händen auf die Konsole. Der metallene Tisch vibrierte leicht unter seinem Gewicht. „Alles sauber. Keine Spuren, keine Backups.“ Sein Blick wanderte über die Oberfläche. Hier und da brannte noch ein rotes Kontrolllämpchen, das schwach in der Dunkelheit pulsierte, als wollte es ihn verspotten.
Er öffnete ein zweites Menü, prüfte die Protokolle und dann das interne Speicherlaufwerk. Auch dort fand er nichts außer einem blinkenden Cursor. Der Name Helix blieb auf dem Bildschirm zurück.
Nott atmete schwer aus, lehnte sich zurück und sah kurz zur Decke. Der Staub rieselte leise von oben herab und glitzerte im matten Licht. In seinem Inneren mischten sich Frustration und ein dumpfes Gefühl der Vorahnung. Helix.
Er schaltete den Computer aus, und das Summen erstarb. Der Bildschirm wurde schwarz. Nur sein eigenes Spiegelbild blickte ihm entgegen: müde, verschwitzt und mit einem Blick, der mehr Fragen als Antworten kannte.
„Leer. Komplett leer“, murmelte er. Ein resigniertes Lächeln huschte über sein Gesicht, dann wandte er sich ab.
„Und?“, fragte Ava leise.
„Nichts“, antwortete er schlicht. „Nur ein Name. Helix.“
Mit schweren Schritten ging Nott voraus in den Gang, in den die Sonne schräg durch die zerbrochenen Fenster fiel. „Warte kurz!“, sagte Ava. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Sie waren noch aus der Sichtweite von Daniel und Simon. „Was ist los? Willst du nicht raus?“ Ava ging auf Nott zu und ergriff seine rechte Hand. Sie schob seine Hand unter sein Oberteil. Nott dachte sich nur, dass der Moment dafür der falsche sei. Dann schaute er irritiert. Er spürte nicht diese weiche Haut, die er so liebte, sondern kaltes, glattes Material. Er schob ihr T-Shirt hinauf und dann sah er etwas. Eine Art Fenster, das wie ein Bauch geformt war, befand sich an der Stelle, an der sich sonst ihre Bauchdecke befand. Dahinter war ein leerer Raum. „Was ist m...“, seine Stimme brach. „Was ist mit ...“ Ava nickte. „Sie wollten meinen Fähigkeiten einen Resonanzkörper geben, damit sie stärker werden.“ Sie schaute konzentriert, und plötzlich konnte Nott kleine Blitze und Wolken hinter dem Fenster erkennen. „Wie ernährst du dich?“, fragte er. „Ganz normal. Nur meine Organe wurden ersetzt“, sagte sie und lachte, aber es klang sichtlich frustriert. Nott nahm sie wortlos in den Arm. Sie redeten nicht weiter darüber, sondern verließen den Gang und diese verfluchte Anlage.
Vor der Tür warteten Cutback und Crush auf sie. Sie sahen ihn erwartungsvoll an.
Ihre Gesichter verhärteten sich. Ein Windstoß fegte Sand in den Gang und ließ lose Blätter flattern. Nott sah in die Ferne, zu dem hellen Ausgang, wo das Licht der Wüste auf sie wartete.
„Dann fangen wir wohl wieder bei null an“, sagte er schließlich mehr zu sich selbst als zu den anderen und trat hinaus in das blendende Licht.

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