Christmas Special 2025 – Einsam wacht
Ein Donnern aus Hitze, Druck und Licht riss ihn zu Boden und schleuderte ihn durch den Raum. Er spürte, wie sein Rücken gegen einen Tisch knallte, hörte Holz splittern und fühlte, wie der Boden ihn wieder aufnahm.
Schwarz.
Stille.
Nur ein hoher Ton, wie ein dünner Faden, der direkt in sein Gehirn geschnitten wurde, hielt ihn im Bewusstsein.
Dann kam alles zurück.
Schmerz.
Nicht einfach Schmerz, sondern ein loderndes, flammendes, alles verzehrendes Brennen, das nicht nur seinen Körper, sondern sein Nervensystem selbst zu verschlingen schien. Es fühlte sich an, als wären seine Adern mit flüssigem Metall gefüllt worden, das durch jede Faser seines Körpers pulsierte. Seine Lunge zog sich krampfhaft zusammen und jeder Atemzug war, als würde er glühende Kohle einatmen.
Vanitas öffnete langsam die Augen.
Sein Blick flimmerte. Konturen lösten sich, zogen Schlieren und wurden unscharf, als sähe er durch eine Schicht heißer Luft. Seine Wimpern klebten zusammen. Als er blinzelte, spürte er, wie winzige Fäden rissen. Diese Schmerzen waren neu für ihn. Und er hatte in seinem Leben schon viele Arten davon erlebt.Aber das hier … das hier war ein Schmerz, der sich nicht von außen anfühlte, sondern von innen kam. Es war, als hätte sich in seiner Seele ein Feuer entzündet, das nun seinen Weg nach außen suchte.
„Vitalwerte dramatisch gesunken“, flüsterte Bucket ihm ins Ohr. Die Stimme klang verzerrt und weit weg, als käme sie durch Wasser. „Bewusstseinsverlust droht. Du musst ...“
Die Worte verloren sich.
Vanitas schaute an sich hinunter. Er erwartete Flammen. Er erwartete, dass sein Bein noch brannte und seine Kleidung loderte. Doch das Feuer war verschwunden. Zurück blieben nur verkohlter Stoff, angeschmolzene Fasern und weißliche Brandblasen, die sich bereits mit Flüssigkeit füllten. Dann wurde sein Blick erneut ungenau. Grauschleier schoben sich in sein Sichtfeld. Seine Augen rollten fast weg. Er hatte Angst, ohnmächtig zu werden.
Und diese Angst war nicht irrational. Er spürte, wie sein Körper schwer wurde und seine Muskeln nachgaben. Wie der Boden unter ihm verschwand. Er hörte nur noch das ferne Knacken der Flammen, das Knistern von brennendem Holz und Kunststoff sowie das Tropfen von geschmolzenem Metall, das irgendwo auf Metallplatten fiel.
Er kämpfte dagegen an.
Mit einer Willenskraft, von der er nicht wusste, dass er sie hatte. Er riss die Augen auf und zwang seine Lunge, Luft zu holen, obwohl es sich anfühlte, als würden sie verbrennen.
Dann sah er Bewegung.
Ein Schemen.
Er schaute in Richtung Ember Saint.
Sie kam auf ihn zu.
Nicht hastig. Nicht wütend. Nicht aggressiv.
Sondern gezielt. Ruhig. Selbstbewusst.
Hinter ihr brannte alles. Wie lebendige Wesen zogen Flammen die Wände hinauf. Weihnachtsdekoration tropfte in Form von brennendem Wachs von den Deckenbalken. Ein halb geschmolzener Plastikweihnachtsmann lag am Boden, sein lachendes Gesicht war zu einer grotesken Grimasse verzogen.
Lichterketten explodierten in Funkenregen, während die Glasscheiben der Fenster durch die Hitze rissen und barsten. Die Schrift „Holy Night“ fiel brennend zu Boden, einzelne Buchstaben loderten auf.
Sie lächelte breit.
Dieser Ausdruck passte nicht zu der zerstörerischen Umgebung. Es war ein zu lebensfrohes und vertrautes Lächeln, als würde sie gleich einen Drink bestellen oder einen Witz erzählen. Es war ein Lächeln der Überlegenheit, der reinen Freude am Chaos.
Sie kam näher.
Ihr Schritt war federnd, beinahe tänzelnd. Es schien, als würde sie das Brennen genießen, als wäre sie in ihrem Element und als würde jeder Flammenstoß ihr Kraft geben. Vanitas konnte spüren, wie die Hitze wie eine Welle über ihn hinwegrollte. Dann hockte sie sich vor ihn hin.
Langsam und kontrolliert. Ihre Knie berührten fast den Boden, doch die Flammen, die ihren Anzug umgaben, schmolzen die Teppichreste darunter weg. Sie schaute sich die Hände an. Sie betrachtete sie, als säßen unsichtbare Ringe auf ihnen, als wären sie Schmuckstücke. Ihre Finger waren schlank und elegant, die Nägel schwarz lackiert. Ein Moment völliger Ruhe.
Dann entzündeten sie sich.
Mit einem leisen Fauchen schlugen Flammen um ihre Finger, sie tanzten wie kleine Wesen, die nur darauf warteten, freigelassen zu werden. Ihre Augen funkelten. Nicht rot oder orange wie Feuer. Sondern schwarz. Tiefschwarz. Bodenlos.
„Netter Aufstand, Junge.“
Ihre Stimme klang warm. Fast liebevoll. Ein Kompliment. Als wäre er ein mutiges Kind gewesen, das versucht hatte, sie zu beeindrucken. Vanitas wollte antworten. Doch seine Stimme versagte. Nur ein raues, brennendes Krächzen kam heraus. Sein Herz schlug unregelmäßig. Sein Körper zitterte.
„Bewusstlosigkeit in fünf Sekunden wahrscheinlich“, meldete Bucket dumpf. „Ich empfehle dringend ...“
Vanitas hörte nicht mehr zu.
Denn Ember Saint legte den Kopf leicht schief, lächelte noch breiter und flüsterte:
„Weißt du, was ich noch lieber mag …?“
Sie beugte sich näher zu ihm.
Vanitas' Kopf war voller Nebel, doch der Schlag, der Ember Saint traf, hallte wie ein Donnerschlag durch den Raum. Ein einziger, trockener Knall, gefolgt von einem entsetzten Keuchen der Feuerfrau, die wie eine Puppe aus Flammen zur Seite geschleudert wurde. Ihr Körper rollte über den Boden. Funken sprühten, als ihre brennende Haut den metallischen Boden berührte. Der Raum vibrierte von der Wucht des Aufpralls.
Vanitas blinzelte mehrmals, unsicher, ob sein verbranntes Gehirn ihm einen Streich spielte. Doch dann sah er ihn deutlich.
Aus dem Schatten löste sich eine schmale Gestalt, die im ersten Moment eher wie eine verzerrte Silhouette als wie ein echter Körper wirkte. Er war unfassbar dürr, beinahe krankhaft. Die Knochen zeichneten sich unter dem eng anliegenden Leder ab, als hätte man Haut über ein Skelett gespannt. Sein schwarzer Anzug aus Leder war glatt und matt, ohne sichtbare Nähte oder Verzierungen, als wäre er aus einem einzigen Stück gefertigt. Das Material schien das Licht zu verschlucken, statt es zu reflektieren. Nichts glänzte. Nichts funkelte. Es wirkte wie ein Loch in der Realität.
Nur seine Hände stachen hervor.
Dunkelrot. Nicht wie normale Farbe, sondern wie frisches Blut, das gerade erst begonnen hatte zu trocknen. Die Oberfläche wirkte leicht glänzend, rissig und fast organisch. Als er die Finger leicht spreizte, schien es, als würde sich die rote Substanz darauf minimal bewegen wie ein lebendiger Film. Trotz seiner Verbrennungen fröstelte Vanitas.
Der Mann trug einen Helm, ähnlich dem von Vanitas: glatt, ohne Details, ein unfassbar minimalistisches Design. Aber anders als Vanitas’ weißer Helm war seiner tief dunkelrot, fast schwarz. Nur der Bereich um Mund und Nase war offen und zeigte blasse Haut und dünne Lippen, die keinerlei Emotionen zeigten. Kein Atmen, kein Zucken, nichts. Er war vollkommen still.
Der Übergang von Stillstand zu Bewegung war so abrupt und präzise, dass Vanitas’ Gehirn Mühe hatte, diesen zu verstehen. Der Mann stand an einer Stelle, und im nächsten Augenblick war er zwei Meter weiter vorn, als hätte jemand Frames gelöscht. Jeder Schritt war ein geräuschloses, kontrolliertes Zischen, begleitet von einem kaum hörbaren Knacken, als würden sich winzige Knochen in seinem Körper neu sortieren.
Als der Mann sich drehte, flackerte etwas über das matte Leder – eine Fledermaus. Doch nicht irgendeine. Eine Fledermaus aus Knochen. Kein Fleisch, keine Muskeln. Ihre Flügel bestanden aus filigranen Knochenbögen, die jedoch nicht perfekt geformt, sondern grotesk und verzogen wirkten, als wären sie aus einer zu schnell geronnenen Flüssigkeit entstanden. Die Linien sahen aus, als hätte jemand einen Eimer blutiger, schleimiger Masse über den Brustbereich gegossen, die dann beim Herunterlaufen die Form eines Skeletts angenommen hatte. Das Muster schien sich zu bewegen, als würde es langsam pulsieren.
Die Farbe dieses Skeletts war ebenfalls blutrot. Aber es war nicht dieselbe Rotnuance wie an seinen Händen. Dieses Rot war tiefer und dunkler und in den Vertiefungen fast schwarz. Es sah aus, als sei es aus über Jahrzehnte eingetrocknetem, koaguliertem Blut, das immer noch Leben in sich trug.
„Du …“, keuchte sie, während wieder Flammen über ihre Arme züngelten, „bist tot. Du solltest tot sein.“
Ember Saint richtete sich langsam auf; ihr Körper zitterte vor Zorn und Schmerz. Die Flammen um sie herum loderten unkontrolliert und schlugen höher, als müssten sie ihr Temperament nach außen tragen. Ihre Augen brannten im wahrsten Sinne des Wortes wie zwei gleißende, weiße Feuerkerne, die alles durchdrangen, was sie ansahen.
„WER BIST DU?!“, schrie sie hysterisch. Ihre Stimme überschlug sich, riss in der Mitte und klang gleichzeitig verzweifelt und rasend. Funken regneten von ihren Haaren, und jedes Wort schien Hitze zu erzeugen, die die Luft zum Flimmern brachte.
Der dürr wirkende Mann stand einfach da. Keine Bewegung, kein Zucken. Seine roten Hände hingen locker an den Seiten. Als er schließlich sprach, war seine Stimme ruhig und tief, völlig ohne Emotion – ein krasser Kontrast zu dem brennenden Chaos um ihn herum.
„Einfach nur ein alter Mann“, sagte er, als würde er sich beim ersten Treffen nett vorstellen, „der etwas zu tun hat.“
Und dann bewegte er sich.
Es war kein Sprung.
Es war, als löschte er einen Ort aus und erschien an einem anderen.
Im einen Augenblick war er noch mehrere Meter entfernt, im nächsten war er direkt vor Ember Saint. Sein Arm zuckte kaum sichtbar, doch sein Schlag traf sie mit einer Gewalt, die die Luft selbst auseinanderriss.
Eine Druckwelle explodierte durch den Raum.
Vanitas spürte sie trotz seines halb bewusstlosen Zustands wie einen Schlag in die Brust. Metall verbog sich, Papier und brennende Trümmer wurden durch die Luft geschleudert und Monitore zerbarsten. Die Flammen von Ember Saint flackerten auf und wurden wie ein Vorhang im Sturm nach hinten gedrückt.
Doch Ember Saint blieb stehen.
Ihr Körper rutschte nur wenige Zentimeter zurück und ihre Absätze brannten sich in den Boden. Ein irrsinniges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, verzerrt und triumphierend. Ihre Haut glühte jetzt weiß wie ein Stern kurz vor der Explosion.
„Nett“, zischte sie. „Aber ich ...“
Der Fremde unterbrach sie nicht mit Worten.
Er stand einfach still. Er wartete. Nicht in Kampfhaltung, nicht angespannt. Er wartete, als wüsste er bereits, wie es weiterging. Dieser passiv wirkende Blick traf Ember härter als der Schlag zuvor. Sie wurde nervös. Ihre Flammen flackerten unruhig. Das breite, grausame Lächeln wich einem Zucken. Ein Funken von Angst erschien.
„Dafür habe ich keine Zeit“, sagte der Fremde leise und genervt.
Ember reagierte sofort.
Sie sprang jedoch nicht in Richtung des Mannes.
Mit panischer Geschwindigkeit sprang sie nach hinten. Ihr Körper durchschlug die riesige Glasscheibe der Etage, die wie eine Schicht aus Zucker zerbarst. Splitter flogen nach außen und fielen wie glitzernder Regen in die Nacht. Und dann war sie weg.
Zurück blieben nur Wind, der die Flammen im Raum zum Tanzen brachte, und der Geruch von geschmolzenem Glas.
Der Fremde senkte langsam seinen Arm, als wäre nichts geschehen. Dann drehte er sich zu Vanitas um. Keine Eile. Keine sichtbare Anstrengung.
Während er auf ihn zuging, war bei jedem Schritt ein leises Knacken zu hören, als würden sich die Knochen in seinem Körper neu ausrichten.
Vanitas lag halb bewusstlos da, der Atem rasselnd, das Bein schmerzverzerrt, der Brustkorb brennend vor Hitze und Schock. Der Fremde kniete sich neben ihn.
In einer fließenden Bewegung holte er eine kleine Ampulle aus seinem Anzug. Sie war aus Glas, dunkel, mit silbrigen Schlieren, die sich im Inneren bewegten wie lebende Tinte.
Er öffnete sie mit einem leichten Knacken.
Ein undefinierbarer Geruch stieg Vanitas in die Nase. Weder süß noch bitter noch medizinisch. Es war ein Aroma, das Erinnerungen weckte, die er nicht zuordnen konnte. Es war ein Gefühl von etwas Bekanntem, Warmem, fast Heimischem, das jedoch in eine fremde, kühle Schicht eingewickelt war. „Das muss jetzt sein, Fremder“, sagte der Mann ruhig. Seine Stimme klang weder freundlicher noch härter. „Ich wache alleine über dich.“
Er hob Vanitas’ Kopf leicht an, überraschend vorsichtig, und träufelte die Flüssigkeit aus der Ampulle in ihren Mund. Vanitas schmeckte sie sofort. Nicht wie Wasser.
Und auch nicht wie Medizin. Sie war klar und undefiniert, aber gleichzeitig so intensiv, als würden alle Geschmäcker der Welt gleichzeitig existieren und sich doch auflösen, bevor man sie verstehen konnte. Es fühlte sich an, als streiche die Flüssigkeit seine Nerven glatt, als würde sie die Hitze aus seinem Körper ziehen und ihm stattdessen kalte Energie zurückgeben.
Sein Herz schlug unregelmäßig. Bucket meldete sich schwach:
„Das ist keine bekannte Substanz. Ich kann keine Klassifizierung vornehmen.“
Der Fremde ignorierte die Stimme.
„Du hast eine Minute“, sagte er und verschloss die Ampulle wieder. „Dann müssen wir los.“
Er stand auf.
„Ich bringe dich hier raus“, fügte er hinzu. „Die Sainted Order werden zum Problem.“
Er nickte schwach. Dann wurde es schwarz. Ohne Schmerz. Ohne Hitze. Nur Dunkelheit.
Vanitas öffnete die Augen nicht mit einem klaren Bewusstsein, sondern mit dem Gefühl, als würde jemand einen Vorhang in seinem Kopf zur Seite schieben: langsam, vorsichtig, aber unerbittlich. Sein Körper war nicht sein eigener. Seine Beine bewegten sich bereits, noch bevor sein Geist wirklich begriff, dass er wach war. Bei jedem Schritt durchzuckte ihn ein elektrisches Gefühl, als würden dünne Nadeln unter seiner Haut entlanggleiten. Er spürte jede Bewegung des Anzugs, jede Stelle, an der der Stoff seine verbrannte Haut berührte. Es war, als wäre der gesamte Anzug ein einziger, pulsierender Reizverstärker.
„Ah, da bist du ja“, sagte eine Stimme vor ihm, ruhig, aber mit einem Hauch von belustigter Genugtuung. „Wir sind fast da.“
Vanitas' Sicht klärte sich weiter und er bemerkte, dass er nicht lag, sondern eine ihm unbekannte Straße entlangging. Die Umgebung war dunkel. Nur spärliches Licht von beschädigten Straßenlaternen flackerte über den Asphalt und die verlassenen Gebäude. In der Luft lag Rauch, und er hörte fern Geschrei, Sirenen und Explosionen. Die Stadt brannte noch immer irgendwo hinter ihnen. Demonstrationen, Kämpfe, die Custodians, die Sainted Order … alles verschwamm zu einem chaotischen Hintergrundrauschen.
Doch das Bewusstsein seines eigenen Körpers überlagerte alles.
Jeder Schritt war ein Schock.
Er spürte, wie sich seine Muskeln bewegten, wie die Gelenke zogen und die Federn der Schienbeine die Firewalls seiner Nerven überwanden. Der Schmerz rollte von seinen Füßen über sein Bein, durch die Hüfte bis in den Rücken und den Hals. Seine Verbrennungen glühten unter dem Stoff, als hätte jemand glühende Kohlen auf seine Haut gelegt.
Dann bemerkte er etwas. Ein fremdes Gewicht auf seinen Schultern. Er sah an sich hinunter. Sein Mantel.
Der Fremde hatte ihm seinen Mantel angezogen.
Vanitas konnte dies nicht einordnen.
„Warum … kann ich laufen, wenn ich schlafe?“ Seine Stimme klang kratzig und gebrochen, als hätte Feuer seine Stimmbänder berührt.
Der Mann vor ihm drehte den Kopf leicht zur Seite. Sein dunkler Helm reflektierte kaum Licht. Nur der blutrote Kieferbereich war sichtbar, die Lippen waren zu einem amüsierten Grinsen verzogen. „Ach“, begann er leicht spöttisch, „ich habe dir etwas gegeben, das hauptsächlich dein Bewusstsein betäubt.“
Er hob eine Hand und machte eine wackelige Bewegung mit den Fingern, als würde er einen Zombie imitieren. „Du bist wie ein Untoter hinter mir hergestapft.“ Dann lachte er.
Nicht böse. Nicht sadistisch.
Es war das Lachen eines Mannes, der den absurden Humor der Situation erkannte, einen halb verbrannten, bewusstlosen Fremden hinter sich herzuziehen, der trotzdem lief. Vanitas empfand einen kurzen Moment des Fremdschams, gefolgt vom bitteren Gedanken: „Zumindest bin ich nicht tot.“
„Wo gehen wir hin?“, brachte er hervor und verzog das Gesicht vor Schmerzen.
Der Fremde blieb nicht stehen, aber sein Schritt verlangsamte sich.
„Ich bringe dich aus der Stadt“, erklärte er ruhig und beinahe beiläufig. „Die Sainted Order haben zurzeit überhandgenommen. Die Custodians bereiten gerade den Gegenangriff vor. Das wird gleich eskalieren.“
Er zeigte mit einem knappen Fingerzeig zurück in Richtung Stadtzentrum, wo ein rötlicher Feuerschein wie ein Herzschlag pulsierte. „Propaganda, Gewalt, Fanatismus. Sie glauben, die Revolution gehöre ihnen.“ Seine Stimme wurde kurz schärfer, dann wieder neutral. „Aber es scheint, als würde sich das in den nächsten Stunden wandeln.“
Vanitas nickte langsam. Seine Gedanken waren träge und schwerfällig, als würden sie durch Sirup gleiten. Bucket meldete sich nur schwach im Hintergrund, da er mit Reparaturprozessen beschäftigt war.
Schließlich fragte Vanitas, kaum hörbar:
„Wer bist du?“
Der Mann blieb stehen. Keine Auslaufbewegung, kein Abbremsen, einfach Stillstand, als hätte jemand die Welt angehalten. Vanitas stolperte fast, sein Körper wollte noch einen Schritt machen, doch die Betäubung hinderte ihn daran. Langsam drehte sich der Mann um.
Er richtete sich auf, doch sein Mantel bewegte sich nicht im Wind. Seine roten Hände wirkten plötzlich viel bedrohlicher, wie blutige Werkzeuge.
Dann sagte er leise:
„Hellbat.“ Vanitas spürte, wie die Betäubung kurz nachließ und sein Herz schneller schlug. In diesem Wort vibrierte etwas, als hätte es Bedeutung.
Bucket flüsterte schwach:
„Name unbekannt. Keine Aufzeichnungen. Vorsicht empfohlen.“
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