Christmas Special 2025 – Alles schläft

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Die Augenpaare lösten sich erst kaum merklich aus der reglosen Schwärze, dann schritten sie in gleichmäßigem, gespenstischem Voranschreiten vor. Es war, als würden ganze Reihen unsichtbarer Körper durch den Raum gleiten. Schritt für Schritt kamen sie näher – in absoluter Lautlosigkeit. Kein Atmen. Kein Scharren. Es gab keine Reflexionen außer dem Schimmer ihrer unnatürlich leuchtenden Pupillen.

Der Raum selbst war ein mindestens zwanzig Meter langer Schlauch aus Dunkelheit, die genaue Tiefe war nicht erkennbar. Das Licht des Flurs hinter Vanitas reichte nur wenige Zentimeter in die Schwärze hinein und die Wesen bewegten sich darin wie Gestalten in einem Albtraum: grenzenlos und formverschlungen.

Vanitas hob die Hände leicht, löste den Mantel von seinen Schultern und faltete ihn sorgfältig zusammen eine geradezu groteske Ruhe angesichts der sich nähernden Kreaturen.

Dann legte er den Mantel langsam auf einen verlassenen Drehstuhl neben sich. Der Stuhl quietschte leise, ein Geräusch, das in der dichten Finsternis wie ein Hilfeschrei wirkte.

Nun stand er da: ein schlanker, gefährlich klar umrissener Schatten in einem schwarzen, perfekt sitzenden Kampfanzug. Jede Naht war so präzise gearbeitet, dass man meinen konnte, die Rüstung sei in die Haut hineingewachsen.

Der Helm reflektierte einen einzigen schwachen Lichtstrahl wie eine sterile Schneefläche.

„Bucket“, flüsterte Vanitas, ohne die Kreaturen aus den Augen zu lassen.

„Ich berechne gerade Fluchtwege“, antwortete die KI ruhig. „Allerdings … gibt es keine einfachen.“

„Natürlich nicht.“

Er stellte die Füße etwas breiter, die Hände locker, bereit.

Das Summen seiner Eskrima-Stöcke vibrierte wie ein Herzschlag an seinem Gürtel. Er startete seinen Anzug.

„Was passiert, wenn ich den Anzug für den Kampf aktiviere?“, fragte Vanitas leise, während er neben Nitechore stand. Die beiden befanden sich in der kleinen Werkstatt, die von unzähligen Hologramm-Bauplänen, Metallteilen und Datenschnittstellen erleuchtet wurde. Vanitas' Finger glitten über die weißen Linien seines Helms.

Nitechore drehte sich zu ihm, die Augen müde, aber wach. „Ich habe mir auch einen Anzug gemacht“, begann er und seine Stimme klang dabei fast entschuldigend. „Und … die V-förmigen Drohnen habe ich verändert. Um sie wegen dir anzupassen. Deswegen hast du nun ein V für Vanitas auf deinem Anzug.“ Er zeigte mit einer ruhigen, beinah chirurgisch präzisen Geste auf die Brustplatte. „Es ist dein Symbol. Nicht meins.“

Er griff an die Seite des Anzugs und gab eine Befehlskombination ein. Ein kurzer Impuls lief durch den Stoff. Dann begann es: Langsam, fast ehrfürchtig, glimmte ein weißes V auf, das sich vom Gürtel aus nach oben ausbreitete. Zunächst war es nur ein schwaches Leuchten, doch dann wurde es kräftiger und klarer, bis es schließlich an den Schultern verharrte wie ein brennendes Emblem.

Zur gleichen Zeit loderte die Elektrizität in den Eskrima-Stäben auf. Das vorherige Blau wandelte sich zu einem reinen, kalten Weiß. Die Stäbe pulsierten im gleichen Takt wie das V.

Vanitas starrte fasziniert auf seine Hände, die Stäbe und das Licht. Es war, als hätte jemand aus einem diffusen Schatten eine klare Silhouette von ihm herausgearbeitet. „Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll“, sagte er schließlich und sein Tonfall verriet, dass er es wirklich meinte. Seine Dankbarkeit war tief und ehrlich.

Nitechore atmete einmal tief durch, als würde er eine Last loslassen, die er zu lange allein getragen hatte. „Ich glaube, ich brauche einfach Hilfe“, gab er zu. „Wir haben zusammen deutlich mehr Anhaltspunkte gefunden, als ich jemals allein geschafft hätte. Und … meine junge Partnerin möchte ich damit nicht belasten.“ Er schüttelte leicht den Kopf, fast schamvoll. „Sie hat Besseres verdient als diesen Wahnsinn.“

Vanitas grinste, ein wenig schelmisch, ein wenig überrascht. „Fuck, Mann, du hast schon einen Sidekick?“

Nitechore nickte, ohne zu grinsen. „Ein bisschen viel Begeisterung, Vanitas, oder?“ Seine Stimme klang trocken.

Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen. Nur das leise Knacken des erwachenden Anzugs und das monotone Summen der Werkstatt erfüllten den Raum.


Vanitas stand reglos im dunklen Großraumbüro. Nur das weiße V auf seinem Brustpanzer, das wie ein künstliches Herzschlaglicht pulsierte, warf fahle Reflexionen auf die glänzenden Bürotische. Die acht Augenpaare starrten ihn weiterhin unbeweglich, kalt und leer an. Langsam traten sie aus der Schwärze.

Menschen oder das, was davon übrig war. Sie trugen rote, hautenge Anzüge, deren Stoff an manchen Stellen verbrannt, aufgerissen oder mit Büroklammern verklebt war. Ihre Gesichter waren vollständig von Masken bedeckt, die nur zwei kreisrunde Öffnungen für die Augen hatten. Aus diesen glomm ein krankhaftes, fieberndes Orange. Ihre Bewegungen waren ruckartig, marionettenhaft, aber zielgerichtet. Kein Zögern. Keine Menschlichkeit.

„Acht eigenartige Angreifer“, sagte Bucket ruhig. „Alle unbewaffnet. Außer dem psychischen Zustand gibt es keine Abnormalitäten. Empfehlung: Nicht in die Defensive zwingen lassen.“

Vanitas drehte die Eskrima-Stäbe in den Händen. Das weiße, elektrische Knistern tauchte seinen Unterarm in flackerndes Licht. Er atmete ein.

„Gut“, sagte er knapp. „Dann wollen wir mal.“

Der erste Angreifer rannte los – geräuschlos, schreiend, ohne Vorwarnung. Vanitas wich seitlich aus, drehte sich tief unter dem Schlag hindurch und rammte dem Angreifer den linken Stab hart in den Solarplexus. Es sprühte ein Funkenregen aus weißer Elektrizität auf, der Körper zuckte, fiel aber nicht. Stattdessen griff der Angreifer sofort wieder nach Vanitas’ Hals.

„Sie empfinden kaum Schmerz“, kommentierte Bucket.

„Ja, das merke ich!”, fauchte Vanitas und trat dem Gegner mit voller Wucht gegen das Knie. Das Gelenk knickte wie morsches Holz ein und der Angreifer stürzte zwischen zwei Schreibtische. Vanitas ließ ihn liegen. Es blieb keine Zeit, um zu prüfen, ob er wieder aufstand.

Zwei weitere kamen frontal auf ihn zu. Einer sprang, der andere rutschte tief nach vorne wie ein Jäger. Vanitas drehte sich in einer fließenden Bewegung, schlug dem Springenden mit dem rechten Stab gegen den Kiefer und dem anderen im gleichen Zug mit dem linken Stab gegen den Schädel. Beide Körper wankten, fielen aber nicht. Sie rissen an ihm, versuchten, ihn festzuhalten und zu Boden zu ziehen.

„Enge Umgebung. Bitte keine Holzschreibtische als Deckung nutzen, die sind hoch brennbar.“

„Bucket, jetzt nicht!“, knurrte Vanitas, trat sich frei und rollte über den Boden zwischen den wirr verteilten Drehstühlen hindurch.

Ein Angreifer verfolgte ihn sofort. Vanitas riss einen Bürostuhl herum und warf ihn dem Angreifer gegen die Brust. Der Mann stolperte nicht, weil er überrascht war, sondern weil sein Körper kein Gleichgewicht kannte. Vanitas sprang auf, nahm Anlauf und zog dem Angreifer den Eskrima-Stab quer über die Schläfe. Diesmal fiel er.

Vier ... noch vier.

Die restlichen Angreifer standen nun in einem Halbkreis um sie herum. Ihre Atmung war unregelmäßig, fiebrig, beinah tierisch. Manche wippten mit den Köpfen, andere verzogen die Finger, als wollten sie eine unsichtbare Tür aufstoßen. Dann stürmten sie gemeinsam vor.

„Sie versuchen, dich zu überwältigen“, erklärte Bucket analytisch.

„Nein, wirklich? Ich dachte, wir spielen Ringelpietz mit Anfassen!“

Vanitas rannte ihnen entgegen, nicht weg. Er setzte den linken Fuß auf einen Drehstuhl, ließ ihn wegrollen, katapultierte sich darüber hinweg und landete hinter den Angreifern. Die abrupte Richtungsänderung irritierte sie einen Herzschlag lang, und Vanitas nutzte diesen Moment gnadenlos aus.

Er schlug dem Ersten mit beiden Stäben überkreuz in die Wirbelsäule, dem Zweiten trat er gegen die Schläfe, duckte sich unter dem Griff des Dritten hinweg und riss ihn mit einem Schulterwurf zu Boden. Sein Anzug absorbierte den Aufprall und sein Helm stabilisierte die Sicht. Adrenalin überbrückte die Schmerzen früherer Treffer, doch er spürte sie brennend, pochend, pulsierend.

„Drei stehen wieder“, warnte Bucket.

Er drehte sich um. Tatsächlich richteten sich die zuvor ausgeschalteten Angreifer langsam auf. Kein Stöhnen. Sie hielten sich nicht einmal die verletzten Stellen. Einfach aufstehen. Weiter.

„Besessen, nicht trainiert“, analysierte Bucket. „Unkoordiniert, aber unendlich ausdauernd.“

„Ja“, keuchte Vanitas, „wie nervige Partygäste.“

Er rannte los, diesmal aggressiver. Das V auf seinem Brustpanzer glühte heller, beinah trotzig, als wolle es die Dunkelheit verdrängen. Er sprang auf einen Tisch, rannte darüber hinweg, nutzte den Schwung und hämmerte die beiden Eskrima-Stäbe gleichzeitig in die Schläfen zweier Angreifer, die neben dem Tisch standen. Sie sanken sofort zusammen.

Er landete und drehte sich um, nur um festzustellen, dass der letzte Angreifer bereits direkt vor ihm stand. Ohne Verzögerung, ohne Angst, ohne Logik. Instinktiv hob Vanitas die Stäbe, blockte den Schlag, vergrub seinen Fuß im Magen des Mannes, packte ihn am Anzug und schleuderte ihn in ein Regal voller Akten. Papier flatterte wie leise Schneeflocken durch die Luft. Vanitas ließ sich auf die Knie fallen.

Stille.

Nur Vanitas’ Atem war zu hören.

Schmerz.

Dann waren wieder Schritte zu hören.

Wieder aufstehen.

Wieder weiter.

Er wischte sich mit der behandschuhten Hand über die Brustpanzerung und schnaubte.

„Okay“, sagte er. „Ihr wollt es so.“

Er atmete tief durch, zentrierte seinen Stand, hob die Stäbe und wartete.

Diesmal griffen die Angreifer nicht blind an. Sie kamen langsamer und gleichzeitig, als hätten sie plötzlich eine gemeinsame Intelligenz entwickelt. Vanitas erkannte das Muster. Sie wollten ihn einkreisen, festhalten, erdrücken.

„Durchbrechen“, riet Bucket. „Rechts, neun Uhr.“

Vanitas sprintete genau dorthin, schlug einen Angreifer mit der Schulter zur Seite, ließ die Stäbe wie rotierende Flügel kreisen und trieb die Elektrizität in die Rippen, Schlüsselbeine und Knie seiner Gegner.

Einer nach dem anderen fiel, diesmal länger, schwerer und fast endgültig. Einer zuckte noch. Vanitas trat ihm auf die Brust.

Stille.

Der Raum roch nach Schweiß, Staub, Blut und geschmolzener Elektronik. Aktenblätter schwebten langsam zu Boden.

Vanitas stand keuchend inmitten der Besiegten, die Arme schwer, die Rippen brannten.

Das V auf seinem Anzug glühte still, stolz und unerschütterlich.

„Acht neutralisiert“, sagte Bucket. „Leistung: 87 %. Empfehlung: medizinische Versorgung, bevor du noch jemanden verprügelst.“

Vanitas lachte kurz, erschöpft und schmerzhaft.

„Werde ich mir merken.“

Vanitas atmete tief durch, doch selbst dieser Atemzug fühlte sich an, als würden seine Rippen mit einem Schraubstock zusammengedrückt. Ein stechender Schmerz jagte von seinem Rücken bis hinunter in die Beine. Für einen kurzen Moment musste er die Augen schließen, um nicht laut aufzuschreien. Sein ganzer Körper schmerzte, Muskeln, Gelenke, sogar seine Haut fühlte sich wund an, als wäre sie zu eng für ihn geworden. Die Reise von der Vereinigten Republik hatte Spuren hinterlassen – viel mehr, als er sich eingestehen wollte. Er hatte diesen Weg schon mehrfach zurückgelegt, doch nie unter solchen Bedingungen, nie mit so wenig Erholung und nie nach einem Einsatz, der ihn körperlich und mental vollkommen ausgelaugt hatte.

Drei Stunden. Drei verdammte Stunden im Graveship, dachte er. Eine Technologie, die angeblich alles leichter machen sollte. Hyperschnell, komfortabel, effizient – so lauteten die Slogans. Nur hatte niemand erwähnt, welche Auswirkungen die abrupten Gravitationswechsel und Druckwellen auf einen bereits am Limit befindlichen Körper haben konnten. Während der Beschleunigungsphase hatte er gespürt, wie seine Organe durch die Brust drückten, als wollten sie herausbrechen. Die künstliche Schwerkraft zog seinen Körper in verschiedene Richtungen, ließ die Muskeln verkrampfen und die Nerven brennen. Jetzt, bei erneuter Belastung, schoss das Schmerzlevel unbarmherzig in die Höhe.

Seine Beine fühlten sich an, als bestünden sie aus Beton: schwer und träge. Jeder Schritt war eine Herausforderung. Sein Rücken pochte im Takt seines Herzschlags – ein dumpfes, pulsierendes Hämmern, das ihm Übelkeit bereitete. Er hob vorsichtig den Arm, und selbst diese Bewegung schickte ein Zucken durch seine Schulter. Ein Teil von ihm war erstaunt, dass er überhaupt noch stehen konnte.

„Deine Vitalwerte sind nicht sonderlich gut“, stellte Bucket fest. Ihre Stimme klang ruhig und neutral, doch in den Untertönen war ein Hauch von Besorgnis zu hören. In solchen Momenten klang die KI fast menschlich, zu menschlich.

Vanitas verzog das Gesicht. „Ich weiß, ich weiß.“ Seine Stimme klang heiser und kratzig, als hätte er Sand geschluckt. Er strich sich über den Helm, der unter seiner Haut über den Nacken in den Anzug eingebettet war. Schon diese einfache Berührung verstärkte den Druck in seinem Kopf.

Bucket fuhr eindringlicher fort: „Du hattest eine Belastungsspitze während des letzten Gravschubs. Deine Muskulatur weist Mikrorisse auf. Hydration und Ruhe wären dringend notwendig.“

„Ruhe?“ Vanitas lachte trocken, ein tonloses, kurzes Geräusch. „Das kann ich mir gerade nicht leisten. Du siehst, in welcher Situation ich stecke.“ Er versuchte, seine Haltung zu stabilisieren und sein Gewicht anders zu verteilen, doch der Schmerz wanderte lediglich an eine neue Stelle. Er biss die Zähne zusammen und spürte, wie sich die Spannung in seinem Kiefer verstärkte.

„Wenn du so weitermachst, riskierst du dauerhafte Schäden“, meldete Bucket. „Ich registriere erhöhte Entzündungswerte und Stresssignale. Dein Cortisolspiegel ...“

„Bucket.“ Seine Stimme war plötzlich scharf. „Ich hab’s verstanden.“

Für einen Moment war es still. Nur sein schwerer, unregelmäßiger Atem füllte die Luft. Aber er hatte keine Wahl.

Er war nicht wegen des Komforts hier. Nicht für Urlaub. Er war hier, weil in Rynstadt etwas faul war. Weil Silence in dieser Stadt lauerte.

Er richtete sich so gut es ging auf und zwang seinen Körper, weiterzumachen.

„Wir brauchen Informationen“, murmelte er eher zu sich selbst als zu Bucket.

„Und dafür musst du am Leben bleiben“, antwortete die KI leise.

Vanitas atmete erneut durch. Der Schmerz antwortete sofort, brutal und erbarmungslos.

„Ja“, flüsterte er. „Ich weiß.“

„Hast du meine Funken besiegt?“, fragte eine unbekannte weibliche Stimme, die gleichzeitig warm und kalt klang. Die Worte hallten durch den dunklen Großraumbüroflur, als hätte sie jemand direkt in Vanitas’ Helm gesprochen. Er drehte sich langsam in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Seine Atmung war schwer, sein Anzug flackerte an den Stellen, die von den Schlägen der Kreaturen getroffen worden waren. Sein Körper war am Limit.

Plötzlich begann die Luft zu flimmern. Ein seltsames, prasselndes Geräusch vibrierte durch die Dunkelheit. Dann ein Zischen. Ein Grollen.

An der Stelle, wo die Gegner herkamen, brach ein Feuer aus. Es war kein normales Feuer, es wirkte fast künstlich, wie aus einem Albtraum geboren: orange und weiß zugleich, verhaltend wie ein lebendiges Wesen. Die Flammen krochen an den Wänden entlang, fraßen sich durch Papierstapel, Bürostühle und Deckensegel, als hätten sie Appetit.

Aus dem brennenden Licht trat sie hervor.

Eine Frau mit schneeweißer, fast porzellanartiger Haut. Ihre Haare waren ein wildes, loderndes Orange, als wäre eine Feuerwelle auf ihrem Kopf gefangen. Sie war mollig wie eine Göttin aus Feuer und Zorn. Sie trug einen eleganten, knallroten Anzug, der buchstäblich brannte. Die Flammen tanzten über den Stoff, als wären sie Schmuck, der ihr gehorchte.

Vanitas schluckte. Sein Herz schlug schneller.

„Ja, die da“, keuchte er und zeigte auf die am Boden liegenden, verkohlten Überreste der Gestalten, die ihn beinahe niedergerungen hätten. Seine Stimme klang erschöpft, aber trotzig. Er versuchte, der Panik nicht nachzugeben.

„Ja, genau die“, sagte sie. Ihr Lächeln war süßlich und gefährlich zugleich, wie ein Versprechen und eine Drohung.

Sie hob langsam ihre Arme.

Und die Welt explodierte in Feuer.

Überall im Raum schossen Feuersäulen wie Speere der Hölle aus dem Boden. Sie rissen durch Schreibtischreihen, erfassten Monitore und ließen Metall schmelzen. Kabel platzten, Lampen implodierten. Es roch nach verbranntem Kunststoff, nach Ozon und nach Asche.

Vanitas duckte sich reflexartig und spürte die Hitze an seinem Rücken. Sein Anzug war gut, aber nicht dafür gemacht. Das Feuer sog die Luft aus dem Raum und ließ die Wände knacken, als würden sie sich gegen das Unfassbare wehren.

„Du kannst machen, was du möchtest“, sagte sie in einem Tonfall, der fast tröstlich klang. „Wir sind und bleiben unendlich.“

Unendlich. Das Wort traf ihn wie ein Schlag. Es war nicht nur eine Drohung. Es war ein Glaubenssatz. Eine Überzeugung. Eine Ideologie. Und das machte sie noch gefährlicher als ihre Kräfte.

Vanitas wollte etwas erwidern, einen sarkastischen Spruch zum Beispiel, um irgendeinen Hauch von Kontrolle zurückzugewinnen, aber seine Stimme steckte fest. Seine Lunge brannte. Sein Körper war am Ende. Die Kämpfe mit den Funken hatten ihn ausgelaugt, jeder Muskel schrie.

Hinter ihr bemerkte er plötzlich etwas.

In das Metall der Wand war tief eine schwarze Sonne gebrannt. Ein perfekter Kreis mit Strahlen, die sich wie Krallen ausbreiteten. Sie glühte noch nach, als hätte sie sie erst vor wenigen Sekunden mit purer Kraft dorthin gebrannt. Es war kein Symbol. Es war ein Zeichen. Eine Botschaft.

Vanitas spürte einen Stich aus Furcht und Verzweiflung. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sein Körper war weit über seiner Belastungsgrenze. Er atmete keuchend. Sein Helm zeigte eine Warnung nach der anderen an. Und vor ihm stand ein Deviant, der so viel mächtiger war als alles, was er bislang gesehen hatte. Eine Naturgewalt in menschlicher Form.

Er hingegen war nur ein popeliger, gut trainierter Typ. Ein Mann mit Stöcken und einem schicken Anzug.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Und das reichte nicht.

„Hast du Informationen?“

Seine heisere Stimme hallte durch den Raum und verlor sich in den Flammen, die an den Wänden leckten und das geschmolzene Kunststoffinventar tropfen ließen. Der Geruch von verbranntem Plastik und altem Teppich legte sich wie ein giftiger Film auf seine Zunge. Seine Lungen brannten – nicht nur vor Erschöpfung, sondern auch durch die heiße, rauchige Luft, die sich zwischen den Bürotrennwänden staute.

„Nein“, antwortete Bucket nüchtern. Kein Zögern, kein Bedauern. Nur kalte Daten. „Keine verwertbaren Informationen über ihre Fähigkeiten oder Herkunft. Die Energieanalyse ist unzureichend.“

Vanitas ballte die Zähne. „Wer bist du und was seid ihr?!“, rief er diesmal lauter und verzweifelter, während sein schmerzender Brustkorb sich bemühte, Luft hinein- und herauszupressen.

Die Antwort kam ruhig, beinahe erfreut, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet.

„Ich heiße Ember Saint. Und ich komme aus der Unendlichkeit.“

Ihre Stimme war warm und zugleich schneidend wie glühendes Metall, das durch Stoff fährt. Sie klang, als würde sie singen, und doch bebte eine gefährliche Überzeugung darin. Mit jedem Schritt kam sie näher und die Hitze im Raum stieg spürbar. Der Betonboden begann, Risse zu bilden. Die Brandmelder an der Decke blinkten verzweifelt, doch das Gebäude hatte längst seine automatischen Löschsysteme verloren – sie waren entweder sabotiert worden oder überfordert.

„Sie spricht Französisch, sie hat einen Akzent“, kommentierte Bucket trocken.

Vanitas wollte lachen, einfach weil ihn die Absurdität der Situation überforderte: ein brennendes Büro, eine unbekannte pyrokinetische Deviantin, Todesgefahr – und Bucket machte linguistische Beobachtungen. Doch das Lachen blieb ihm im Hals stecken, als die Feuersäulen enger zusammenrückten. Wie die Zähne eines Raubtiers. Sie ging nicht einfach auf ihn los. Sie tänzelte. Schritt für Schritt. Ihre Hüften wippten leicht. Es war, als wäre das hier eine Bühne und sie die Starperformerin vor einem unsichtbaren Publikum. Ihr knallroter Anzug brannte weiter, ohne zu verbrennen, als bestünde er aus lebendigem Feuer. Ihre Haut war makellos weiß, beinah porzellanartig, und die Sommersprossen schienen wie mit der Hand aufgestreut.

Dann lächelte sie.

Dieses breite Lächeln ließ ihre Sommersprossen tatsächlich verschwinden, als hätten sie sich zurückgezogen, um den Ausdruck der Freude nicht zu stören. Es war ein pervers fröhliches Lächeln, das pure Lust an Zerstörung verriet.

„Du kannst machen, was du möchtest“, sagte sie. „Wir sind und bleiben unendlich.“

Dieses Wort blieb Vanitas im Kopf hängen. Unendlich. Wie ein Echo, das nicht verstummte. Hinter ihr erkannte er erneut das Symbol: die in die Wand gebrannte schwarze Sonne. Ein Kreis aus verkohltem Beton, strahlenlos, tief und drohend. Etwas an diesem Zeichen löste instinktive Furcht in ihm aus, etwas Archaisches, als würde sein Gehirn auf einer Ebene reagieren, die älter als Sprache war.

„Energiequelle unbekannt“, meldete Bucket leise. „Symbol entspricht keiner bekannten religiösen oder politischen Gruppierung. Vergleich läuft.“

Doch Vanitas hörte kaum zu. Denn in diesem Moment hob Ember Saint die Arme, ihre Bewegungen waren elegant und beinah theatralisch, und die Feuersäulen schossen auf ihn zu. Die Hitze raste wie ein Orkan aus Flammen über den Boden.

Vanitas sprang zur Seite und spürte den Luftdruck, der ihm beinahe die Beine wegzog. Die erste Säule brannte eine Schneise in den Boden, genau an der Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte. Der schmelzende Teppich roch süßlich und widerlich zugleich.

Ohne zu zögern sprang er wieder, ein Reflex, ein verzweifeltes Überlebenstempo.

Die zweite Säule rauschte zischend an ihm vorbei und ließ die Armlehne eines Bürostuhls schlagartig zu Asche zerfallen.

Die dritte kam tiefer und schneller, als hätte sie ihn gezielt antizipiert.

Vanitas drückte sich ab, doch plötzlich riss etwas an seinem Bein.

Er schaute nach unten.

Sein Fuß war in einem Kabel eines alten Tower-PCs hängen geblieben, das quer über den Boden gezogen war. Ein ganz normales Stück Technikschrott, das zur tödlichen Falle geworden war.

„Scheiße!“

Die Feuersäule traf seinen Fuß.

Das Kabel löste sich in Sekundenbruchteilen auf und schmolz zu einem schwarzen Tropfen. Vanitas brüllte, als das Feuer durch seinen Stiefel brannte. Der Schutz hielt einen Herzschlag lang, dann drang die Hitze hindurch und fraß sich in seine Haut und sein Gewebe. Der Schmerz war sofort da, grell und elektrisierend, als würde ein heißer Metallstab direkt in seine Nerven gepresst.

Seine Gedanken flackerten.

„Verbrennung zweiten Grades mindestens“, analysierte Bucket. „Schmerzzentrum überlastet. Empfehlung: Rückzug.“

„Keine … Zeit …“, presste Vanitas hervor, wobei seine Stimme bebte.

Ember Saint hob erneut den Arm, diesmal ohne Spiel, ohne Verzögerung.

Die vierte Säule raste bereits.

Vanitas versuchte aufzustehen, doch sein Bein gab nach. Der Schmerz schoss vom Fuß durch die Wade und den Oberschenkel bis tief in den Hintern. Sein Körper reagierte mit einem Verkrampfen, einem entsetzlichen Zusammenziehen.

Er wollte abspringen.

Doch er war zu langsam.

Die Säule traf ihn frontal.


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