Kapitel 90 - NESKAC

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Die Wüste schien sich dem Ende zuzuneigen. Seit Stunden lag nur noch Staub auf seinen Lippen und jeder Atemzug fühlte sich an, als würde er Schmirgelpapier durch die Lunge ziehen. Das Antigravitationsset hatte vor wenigen Stunden endgültig den Geist aufgegeben; die letzten Funken hatten schwach über den Gürtel gezischt, dann war alles still geworden. Nott hatte es abgestreift, um Gewicht zu sparen. Seine Schultern schmerzten, seine Füße brannten. Die Navigation seines Synect zeigte an, dass er kurz vor dem Ziel war. Er hatte mit deutlich mehr Problemen in der sogenannten Deadzone gerechnet. Mythen von marodierenden Banden, toxischen Winden und Parasiten waren ihm in den Sinn gekommen, als er die Reise antrat. Doch das Land war … tot. Es war eine endlose Fläche aus Sand, Betonresten und verdorrtem Gestrüpp. Keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Insekten. Nur der Wind, der in regelmäßigen Abständen wie ein verlorenes Heulen durch die verfallenen Strommasten kroch.

Diese Leere bedrückte ihn fast mehr als jeder Kampf. Doch wider Erwarten war die Reise leichter gewesen, als er je gedacht hätte. In den verlassenen Häusern am Rand alter Highways hatte er Wasser und staubige Konserven gefunden, sogar eine rostige, aber funktionierende Taschenlampe. Jede dieser Kleinigkeiten hatte ihn getragen, Schritt für Schritt.

Und nun … war er fast da.

Am Horizont türmte sich ein Schatten auf, erst wie ein Hügel, dann wie ein Berg aus Metall. Ein riesiger Bohrkopf schwebte über Kansas City. Selbst in dieser Entfernung konnte er die grollenden Explosionen hören, das Zischen von Energiesalven und das wütende Dröhnen der Schlacht. Die Welt zerbrach gerade vor seinen Augen, doch er dachte nur an eines: seine Liebsten. Sein Blick senkte sich. Direkt vor ihm zog sich eine unscheinbare, beinahe altmodische Mauer entlang – im Vergleich zu den monströsen Kriegsmaschinen im Hintergrund. Er ging darauf zu. Der Eingang wirkte wie das Tor zu einer anderen Welt. Daneben hing ein Schild, das im Licht der sterbenden Sonne matt glänzte.

„Neo Science Kansas City“.

Die Buchstaben waren kantig, dick gedruckt, beinah aggressiv. Darunter stand das Kürzel NESKAC.

Nott blieb stehen. Der Name war ihm schon einmal begegnet, flüchtig, in Berichten, in Gesprächen, die man besser nicht belauschte. Ein Forschungsprojekt, geheim, zu ambitioniert für das, was Menschen je hätten tun dürfen. Es war die Art von Ort, an dem Antworten auf Fragen lagen, die man besser nie gestellt hätte.

Er atmete tief ein. Dann setzte er einen Fuß über die Schwelle.

Als er sich dem Eingang näherte, erwartete er eine verschlossene Tür, Staub und Dunkelheit, doch stattdessen summte es leise. Es war Energie vorhanden. Mit einem gedämpften Surren glitten die Eingangstüren automatisch auseinander, als hätten sie nur auf ihn gewartet. Ein kalter, fast steriler Hauch strich ihm entgegen. Der Eingangsbereich war unerwartet hell und makellos. Es gab keinen Schmutz, kein zerbrochenes Glas und kein Blut. Alles wirkte gepflegt, beinahe wie konserviert, als hätte der Verfall der Welt diesen Ort noch nicht berührt. Doch so sehr die Sauberkeit ihn auch beruhigen sollte, so sehr ließ sie ihn frösteln. Es war zu ordentlich. Zu perfekt.

Nott betrat den Raum, seine Schritte hallten in der gespenstischen Stille wider. Das Gebäude erinnerte ihn an ein Krankenhaus aus der Zeit vor dem Dritten Weltkrieg: breite Flure, glatte Böden, helle Wände, die einen Eindruck von Sicherheit vermitteln sollten. Doch die Leere verwandelte diese Korridore in etwas Unnatürliches. Es war, als würde hinter jeder Tür ein seit Jahren unentdecktes Geheimnis lauern.

Er ging langsam an mehreren Zimmern vorbei. Einige wirkten wie Krankenzimmer: Die Betten waren mit weißen Laken bezogen und akkurat gefaltet, als hätte man erst gestern Patienten entlassen. Die metallenen Infusionsständer standen ordentlich neben den Betten. Ein paar Schränke waren halb geöffnet, jedoch leer. Hier lebte nichts. Kein Geräusch, außer seinem Atem.

Schließlich bog er in einen Gang ein, der sich von den anderen unterschied. Die sterile Atmosphäre wich dem nüchternen Charakter von Verwaltungsräumen. Reihen von Bürotüren erstreckten sich links und rechts, manche mit verblassten Namensschildern, andere gänzlich anonym.

Er betrat den ersten Raum. Er hatte erwartet, Computer, Datenkonsolen oder vielleicht Überwachungsgeräte vorzufinden, doch der Raum war leerer als gedacht. Keine Technik. Nur einfache Schreibtische, darauf Stapel von Papier, handgeschriebene Notizen, gedruckte Akten, alles sorgfältig sortiert, als hätte hier noch jemand nach alten Maßstäben gearbeitet.

Er ging weiter. In jedem Raum dasselbe Bild: Tische, Ordner, Papier, aber kein einziges modernes Gerät. Die Luft roch nach Staub und etwas Chemischem, ein schwacher Geruch, den er nicht zuordnen konnte. Mit jedem Schritt verstärkte sich der Eindruck, dass dieses Gebäude nicht so verlassen war, wie es auf den ersten Blick schien, sondern dass es absichtlich in diesem Zustand belassen wurde.

Im vorletzten Büro hielt er inne. Der Raum unterschied sich kaum von den anderen, bis auf ein Detail. In der Ecke stand ein alter Computer: klobig, vergilbt, ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten. Seine Lüftungsschlitze waren verstaubt und sein Kabel schlängelte sich wie eine Schlange über den Boden. Und doch blinkte eine kleine LED an seiner Front schwach grün.

Nott trat näher an den Computer, der einsam in der Ecke des Büros stand, als sei er hier zurückgelassen worden, um nur auf diesen Moment zu warten. Der Staub auf dem Gehäuse glitzerte matt im Neonlicht, doch die kleine grüne LED blinkte gleichmäßig wie das Auge eines schlafenden Tieres. Er zog den Stick hervor, den er von Hanley erhalten hatte. Das Metall fühlte sich kühl in seiner Hand an und ein kurzes Schmunzeln huschte über seine Lippen.

„Na los, alter Junge … zeigen wir dir mal, wie man mit Relikten umgeht“, murmelte er und steckte den Stick in den vergilbten USB-Port.

Kaum hatte er ihn eingesteckt, erwachte der Rechner zum Leben. Der Bildschirm flackerte und rauschte, und mit einem leisen Rattern startete das System von selbst. Befehle liefen wie eine endlose Kaskade über den Monitor: Zeichen und Codes, die Nott nur halb verstand, aber deren Sinn klar war, der Stick arbeitete. Er infiltrierte, übertrug, löschte und verschickte. Wie eine unsichtbare Hand bewegte sich die Software durch die alten Schaltkreise.

„Unfassbar …“, flüsterte Nott und heftete seinen Blick an die kryptischen Zeilen. „Heute läuft alles online … und trotzdem müssen diese alten, verstaubten Dinger noch immer geknackt werden. Als hätte sich die Welt in manchen Ecken nie weitergedreht.“

Der Codefluss stoppte abrupt. Eine Meldung erschien, scharf und endgültig:

Vorgang abgeschlossen. Alle Informationen erfolgreich verschickt.

Nott legte die Hand auf die spröde Maus, als handle es sich um ein zerbrechliches Fossil. Doch dann klickte er vorsichtig, aber bestimmt. Fenster öffneten sich, Akten, Daten. Und dort, im Ordner „Insassen”, erschien ein endloser Strom an Namen. Viele davon waren kalt markiert: verstorben.

Sein Herz raste. Er überflog sie, bis er auf den ersten Namen stieß, der überlebt hatte:

Daniel Adam, auch Cutback genannt. Dann ein Mann namens Crush.

Ein Lufthauch der Erleichterung entwich ihm. Doch er scrollte weiter und fand sie.

Ava Watergilb, Codename Tempest.

Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Tempest. Natürlich. Sie, die Unzähmbare, der Sturm in Menschengestalt.

Doch im selben Atemzug gefror ihm die Freude.

Kenneth Downs, Codename Powerhouse.

Sein Vater.

Kein Todesvermerk. Nur ein schlichtes „X“. Ein stummes, drohendes Zeichen.

Nott spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. War er noch am Leben? War er … etwas anderes?

Er zwang sich, weiterzumachen. Er klickte auf den Ordner „Projekt BC”. Powertech, Mirror, Visualize, Stoutheart, Cutback … und dann die Anmerkung: „Problem eingedämmt”.

Unten blinkte ein Symbol. Nott klickte darauf. Ein digitaler Grundriss des Gebäudes öffnete sich. Reihen von Zellen, jede mit einem roten Schloss.

Seine Hand zögerte nur eine Sekunde. Dann drückte er.

Grün. Eines nach dem anderen. Die Schlösser fielen. Türen öffneten sich.

Und dann brach es los.

Ein gellender, unnachgiebiger Alarm heulte auf. Das Schweigen des Gebäudes zerbarst, als hätte es den Atem einer uralten Bestie geweckt. Sirenen kreischten, rote Lichter begannen zu pulsieren und in den Korridoren krachten die ersten Stahlriegel nach unten.

Nott riss den Stick aus dem Port, packte ihn ein und rannte zur Tür.


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