Kapitel 88 - Härter als gedacht

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Zwischen Umbra und Atlon lag ein Schlachtfeld aus Chaos, Rauch und glühendem Metall. Doch die Distanz von hunderten Metern war nichts im Vergleich zu dem unsichtbaren Abgrund, der sich zwischen ihnen auftat.

Vater gegen Sohn.

Sohn gegen Vater.

Dieser Augenblick hatte etwas Unvermeidliches, als hätte die Zeit ihn selbst heraufbeschworen. Nathaniel spürte, wie sein Herz raste. Jeder Schlag war ein Donnerschlag in seiner Brust. Er sog scharf die Luft ein und ließ dann, ohne zu zögern, seine Kräfte frei. Sein Körper beschleunigte plötzlich, als hätte ihn eine unsichtbare Hand nach vorn gerissen. Er stieß sich mit kleinen, explosiven Schubsprüngen vom Boden ab, und mit jedem Schritt entstanden Krater aus aufplatzendem Staub und Funken. 

Dann wurden die Sprünge größer. Riesige Sätze, bei denen er Meter um Meter verschlang. Seine Bewegungen waren ein Tanz aus Kraft und Zielstrebigkeit, ein Sturm, der sich unaufhaltsam näherte.

Der Boden vibrierte unter seinen Füßen, während das Dröhnen der Schlacht um ihn herum zu einem fernen Echo verblasste. Alles, was zählte, war die Gestalt vor ihm.

Nur noch wenige Meter trennten sie.

Amet, die alles mit scharfem Blick verfolgte, verzog das Gesicht zu einem leisen, abfälligen Schnauben. Ihre Tentakel lösten sich wie lebendige Peitschen von ihrem Körper, glänzend und mit Dornen besetzt. Im nächsten Augenblick stieß sie sich vom Boden ab, und für einen Moment wirkte sie wie eine groteske, schwebende Ranke, die zum Schlag ausholte.

Mit einem gezielten Schrei warf sie sich mitten ins tobende Getümmel. Ihre Tentakel sirrten durch die Luft, schnitten in Fleisch, Metall und Panzerung, während sie sich durch die Gegner wühlte.

Doch Atlons Blick blieb auf Umbra geheftet.

„Dad?“ Seine Stimme zitterte. Das Wort fühlte sich fremd an, beinahe brüchig, als gehöre es nicht mehr zu ihm.

Er ging langsam weiter, Schritt für Schritt. Jeder Schritt war schwer, als würde der Boden ihn zurückhalten wollen. Staub wehte zwischen ihnen, trennte und verband sie zugleich.

„Jack?“

Er streckte Umbra die Hand entgegen, nicht als Kämpfer, sondern als Sohn.

Umbra erwiderte den Blick. Kein Wort. Keine Regung. Er bewegte sich langsam hin und her, wie ein Raubtier, das sein Ziel einkreist. Seine Augen waren auf Atlon fixiert: scharf, wachsam und doch leer. Sie waren ein endloses, bodenloses Nichts, in dem kein Funke der Wärme von damals mehr glomm.

Dann veränderte sich etwas.

Ein violetter Schimmer kroch über seine Gestalt, zunächst wie ein schwacher Schein, dann immer intensiver, bis er wie eine geisterhafte Rüstung um ihn lag. Seine Muskeln spannten sich. Seine Bewegungen wurden abrupt schneller.

Und ohne Vorwarnung explodierte Umbra nach vorn.

Sein Sprung war ein Sturm aus purer Gewalt, ein violetter Blitz, der die Luft zerriss. Atlon hatte kaum Zeit zu reagieren. Er riss den Oberkörper zur Seite, spürte den Luftstoß, als Umbra knapp an ihm vorbeischoss, und die Wucht ließ ihn beinahe das Gleichgewicht verlieren.

Er landete hart und drehte sich blitzschnell zu seinem Vater um.

Die Distanz zwischen ihnen war wieder gewachsen, und doch wussten beide, dass dies nur der Anfang war.

Der wahre Kampf hatte gerade erst begonnen.

Schlag auf Schlag hallte das Echo ihrer Hiebe wie dumpfe Donnerschläge durch den Raum. Funken stoben, wenn Klinge auf Klinge und Faust auf Faust trafen.

Umbra war ... menschlich. Zumindest äußerlich. Doch dieser violette Schein, der wie ein geisterhaftes Feuer um ihn flackerte, verlieh ihm etwas Überirdisches. Er war schneller, als Atlon sehen konnte; stärker, als seine Muskeln erfassen konnten; und er konnte fliegen. Nicht in einem sanften Schweben, sondern in plötzlichen, brutalen Stößen durch die Luft wie eine Waffe, die jederzeit aus allen Richtungen zuschlagen konnte.

Doch trotz all dieser Fähigkeiten verriet Atlons Analyse etwas Unerwartetes: Umbra war nicht so stark verändert wie die anderen. Keine grotesken Mutationen, keine unnatürlichen Gliedmaßen, nur der Mann, den er kannte, umhüllt von Macht und Leere.

Atlon blieb wachsam. Er wippte auf den Fußspitzen und war jederzeit bereit, auf jede Regung zu reagieren. Sein Blick klebte an Umbras Schultern, seinen Händen, den kleinsten Muskelzuckungen. Und er erkannte etwas: Manchmal bewegte sich Umbra grobschlächtig. Als würde er vergessen haben, wie man kämpft, oder als hielte ihn etwas zurück.

Je länger sie kämpften, desto klarer konnte Atlon die Muster erkennen. Umbra holte weit aus, verlagerte sein Gewicht ... Atlon wich seitlich aus. Ein Schlag von oben, Atlon duckte sich und spürte den Luftdruck an seiner Stirn.

Mit jeder Sekunde verstand er ihn besser. Doch dieses Verstehen brachte ihn kein Stück näher an das, was er eigentlich wollte.

„Vater?“ Seine Stimme hallte zwischen den Schlägen, mal laut, mal kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

„Vater?“ Noch einmal, diesmal flehend und verzweifelt.

Aber nichts drang zu ihm durch. Umbra reagierte nicht. Es gab kein Zucken in den Augen, keinen Atemzug, der verriet, dass er ihn überhaupt hörte.

Atlon spürte, wie seine Bewegungen schwerer wurden. Seine Muskeln brannten, sein Atem ging schneller. Sein Körper verlangte nach Ruhe, doch der Kampf ließ ihm keine Pause.

Und Umbra?

Er wirkte unverändert. Keine Müdigkeit, kein Zittern, keine Schwäche. Er war wie eine unerschöpfliche Maschine, die keinen Herzschlag verlor, während Atlons Kräfte langsam versiegten.

Der Abstand zwischen ihnen betrug längst nicht mehr Meter, sondern das Unfassbare.

Einer wollte kämpfen.

Der andere wollte retten.

Plötzlich riss ihn ein Schrei aus seiner Konzentration. Nicht irgendein Schrei, sondern die panische, aufgeschlitzte Stimme von Tidal.

Sein Blick ruckte zur Seite. Amet hatte Tidal zu Boden gedrückt, ihr Körper lag wie ein dunkler, verdrehter Schatten auf ihr. Ihre Tentakel zuckten und richteten sich auf wie Schlangen kurz vor dem Biss. Sie waren bereit, sich in Fleisch und Knochen zu bohren.

Atlon reagierte, bevor er überhaupt bewusst darüber nachdachte. Ein einziger Impuls jagte durch ihn, und er war in Bewegung.

Er sprang los, seine Füße schlugen hart auf den Boden und wirbelten Staub auf. Die Welt um ihn herum verschwamm zu einem Tunnel, in dem nur Amet und Tidal existierten. Seine Schritte wurden länger, schneller und kraftvoller, bis er schließlich durch die Luft zu gleiten schien.

Er erreichte Amet, packte sie an der Hüfte – kein grober Griff, sondern ein fester, unnachgiebiger Halt, als würde er sie in einem einzigen, verzweifelten Tanzschritt aus dem Kampf reißen.

Mit dem linken Fuß setzte er auf, spürte, wie die Muskeln in seinem Bein unter Spannung gerieten, und drehte sich. Die Welt schoss an ihnen vorbei, als er Amet mit dieser Bewegung um die Achse seines Fußes wirbelte. Ihre Tentakel schlugen umher, zischten und peitschten durch die Luft. Doch er hielt Amet fest und schleuderte sie in einer einzigen, fließenden Bewegung weit genug weg, sodass Tidal sie nicht mehr erreichen konnte.

Amet schlitterte über den Boden; der Aufprall ließ kleine Steine aufspringen.

Atlon wandte sich sofort um. Tidal lag noch immer auf dem Rücken, aber sie atmete wieder stoßweise und schwer, als hätte sie erst jetzt bemerkt, wie knapp sie dem Tod entkommen war.

Doch die Gefahr war noch nicht gebannt.

Ein Schatten huschte an ihnen vorbei. Ohne zu zögern stürmte er in Richtung Amet. Sein Körper war leicht nach vorn geneigt, sein Blick fixiert wie das eines Raubtieres.

Unter seinen Füßen schossen Steinsäulen aus dem Boden, eine nach der anderen, und er nutzte sie wie eine Treppe. Er „surfte“ darauf, jede Bewegung nahtlos und mühelos, als hätte der Boden selbst beschlossen, ihn zu tragen.

Die Triklin, die ihm im Weg standen, hatten keine Chance. Die Säulen zerquetschten sie mit knochenbrechender Wucht, ihre Körper platzten auf, ehe sie überhaupt begriffen, was geschah.

Es war ein einziger, gnadenloser Ansturm.

Dann ertönte ein Geräusch, das jede Nervenbahn wie einen blanken Draht unter Strom setzte.

Es war kein lautes Krachen, kein metallisches Klirren, sondern ein dumpfes, feuchtes, unheilvolles Knacken, begleitet von einem tiefen, reißenden Ton, der durch Mark und Bein schnitt. Es war, als würde die Luft selbst vor Schmerz zucken.

Atlon fuhr herum, sein Herz schlug sofort schneller, als hätte es den drohenden Untergang erkannt, bevor sein Verstand es begreifen konnte.

Vor ihm stand Tidal, oder besser gesagt: ihr Rücken. Sie war aufgerichtet, aber irgendwie schwankte sie, als würde jeder Atemzug sie ins Wanken bringen.

Und dahinter …

Umbra.

Sein Vater.

Das violette Schimmern in dessen Augen wirkte wie das kühle, grausame Licht eines Raubtiers. Atlon brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er sah, dann fiel sein Blick tiefer.

Tidal trug nicht mehr den eleganten, schützenden Anzug, den Atlon kannte. Er war blutrot getränkt, so schwer mit Leben gefüllt, dass das Blut in Tropfen herabrann und den Boden dunkel färbte.

„Nein …“ Das Wort verließ Atlons Mund wie ein heiseres Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, der sofort im tosenden Chaos unterging. Sein Körper begann zu zittern, doch es war nicht nur Angst, sondern ein verzweifeltes, ohnmächtiges Beben.

Er starrte.

Er suchte nach einer Lüge in dem Bild vor seinen Augen.

Etwas, das es harmloser machte.

Etwas, das sagte, es sei nicht das, was er dachte.

Doch dann sah er die Bewegung: Umbra zog seine Faust zurück.

Und wo sie eben noch in Tidals Schulter gerammt war, klaffte nun ein Loch, roh, brutal, so tief, dass Atlon den metallischen Geruch des Blutes förmlich schmecken konnte.

Tidal zuckte, dann knickte er wie eine Puppe, deren Fäden plötzlich durchschnitten worden waren, in sich zusammen.

„MAILA!“ Atlons Stimme brach, als er nach vorne stürmte. Er fing sie auf und spürte sofort, dass es zu warm war.

Das Blut strömte in seine Hände, sickerte durch den Stoff und legte sich wie eine brennende Last auf seine Haut.

Er packte sie fester, als könnte er sie allein durch Kraft am Leben halten, und riss sich los, weg von Umbra, weg von diesem Albtraum, den er nicht sehen wollte.

Sein Verstand stolperte immer wieder über dieselbe Frage:

Nein … nein … nein.

Hatte sein Vater … hatte er gerade Maila getötet?

Die Wunde war zu groß.

Das Blut kam in Strömen, viel zu schnell, viel zu unaufhaltsam. Jeder Tropfen war wie ein Schlag gegen Atlons Brust.

Zu viel ...

Zu viel Blut.

Viel zu viel.

Er stolperte mehr, als dass er lief. Jeder Schritt war ein Kampf gegen das Gewicht in seinen Armen und in seiner Brust. Endlich tauchte das Graveship vor ihm auf, dessen metallene Silhouette ihm jetzt wie die letzte Zuflucht vorkam.

„Ein Arzt?!” Seine Stimme brach, zerrissen von Panik. „Wo ist ein Arzt?!“

Der Hall seiner Worte prallte gegen die metallenen Wände, doch niemand antwortete. Niemand bewegte sich.

Maila lag schlaff in seinen Armen, so entsetzlich leicht, als hätte ihr Körper beschlossen, schon jetzt aufzugeben. Ihre Glieder baumelten, ihre Haut war fahl und er spürte kaum noch Wärme unter seinen Fingern.

„Es tut mir leid, Maila …“ Seine Stimme war nur noch ein gebrochenes Flüstern. „Es ist …“

Die Worte stockten ihm im Hals.

„Es war meine Schuld.“

Ein Zittern ging durch ihn. „Ich kann dich nicht verlieren.“

Maila hustete, und das Geräusch schnitt ihm tiefer ins Herz als jedes Messer. Ein Schwall dunklen Blutes färbte ihre Lippen.

„Ich habe dich doch gerade erst kennengelernt …“ Ihre Stimme war schwach und brüchig, doch sie zwang ein mattes Lächeln auf ihre Lippen. „Zum ersten Mal einen interessanten …“ Sie hustete heftig, der Satz brach in einem rasselnden Atemzug ab. „… Typen kennengelernt.“

Nathaniels Magen zog sich zusammen, als hätte jemand eine Faust hineingeschlagen. Er spürte, wie der brennende Knoten aus Schuld in ihm wuchs. Sie hatte sich für ihn geopfert. Für ihn. Nur weil er nicht aufgepasst hatte.

„Nate! Lass dir helfen!“

Die Stimme klang vertraut. Sie klang ruhig und beruhigend, wie ein Anker in einem tobenden Sturm.

Er hob den Kopf und sah Jonah. Neben ihm schwebte ein Medikokon, dessen kaltes, blaues Licht über Mailas regungsloses Gesicht glitt. Dahinter traten Nyreth Greengore, Mattash und Garro entschlossen und ohne zu zögern hervor.

„Wir übernehmen.“ Greengore trat vor, seine Bewegungen waren präzise, aber nicht ohne Mitgefühl. Vorsichtig nahm er Maila aus Nathaniels Armen, als würde er ein zerbrechliches Relikt halten.

Mit einer geschmeidigen Bewegung legte er sie in die geöffnete Kammer des Medikokons. Die gläserne Kuppel glitt über sie und das Summen der medizinischen Systeme erfüllte den Raum.

„Wir bekommen das hin, Nate.“

Jonah legte ihm eine Hand auf die Schulter. Fester Griff. Fester Blick.

Und doch spürte Nathaniel nur einen Gedanken: Wenn sie stirbt, ist es meine Schuld.


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