Christmas Special 2025 – Stille Nacht
Die Straßen von Rynstadt waren ein einziges Chaos. Skidcars brannten, ihre Schwerkraftmodule zischten und knisterten, während sie im Sterben noch versuchten, Energie abzugeben. Schaufenster waren zersplittert oder komplett zerstört, ihre Displays flackerten und warfen gespenstische Reflexionen auf den Asphalt. Wände waren nicht nur mit Farbe, sondern auch mit leuchtenden AR-Tags beschmiert, die sich wie lebendige Graffiti bewegten und immer wieder neue Parolen ausspuckten. Menschen rannten hindurch, einige mit Demonstrationspappen, andere mit improvisierten Waffen.
In den weiter entfernten Straßen waren die automatischen Durchsagen der Custodians zu hören, die das Kingdom geschickt hatte. Ihre Stimmen klangen wie monotoner, gefühlloser Bass: „Bitte verbleiben Sie in Sicherheit. Das Kingdom sorgt für Stabilität. Widerstand wird geahndet.“
Über allem schwebten die Drohnen. Es waren kleine, wendige Custodian-Sphären, die mit einem summenden Puls durch die Straßen flogen und hektische Hologramme projizierten. Die blauen Kreise flackerten an den Häuserwänden entlang und malten riesige, transparente Figuren in die Luft – beruhigend und beschwichtigend. Doch niemand ließ sich beruhigen. Die Hologramme zeigten Menschen, die sich an den Händen hielten und „Ruhe“ sowie „Einheit“ symbolisieren sollten. Doch die Bilder verschwammen immer wieder, da Funksignale gestört wurden oder Steinbrocken die Projektoren trafen. Es war, als würde die Stadt selbst ablehnen, dass man sie zur Ruhe zwingen wollte.
Rynstadt im Jahr 2307 war nicht mehr die Stadt, die sie vor fünfzig Jahren gewesen war: das alte Ruhrgebiet, verschmolzen mit dem gläsernen, gentrifizierten Düsseldorf. Der Smog früherer Fabriken war durch den Dunst von Energieströmen ersetzt worden, die über den Straßen schwebten: die Vigorgel-Leitungen für die Skidcars und Skidtrains. Doch jetzt, mitten in der Krise, flackerten auch diese Leitungen. Die Energieströme pulsierten unregelmäßig, manche schalteten sich ab und ließen ganze Stadtteile in sporadische Dunkelheit fallen. Stromausfälle führten zu instabilen Projektionen. Werbehologramme schmolzen ineinander und aus den Lautsprechern hallten abgerissene Werbeslogans, die wie Warnrufe aus einer anderen Welt wirkten. Der Boden selbst vibrierte. Irgendwo in der Tiefe ratterte ein Skidtrain über beschädigte Energiekontakte hinweg und das Echo zog sich wie Donner unter den Straßen entlang. In den oberen Ebenen, auf den Malls, hatten sich Menschen in Gruppen verschanzt.
Die alten Industriehallen, die längst zu gigantischen Wohnkomplexen, Forschungseinrichtungen oder Untergrundclubs umgebaut worden waren, wirkten jetzt wieder wie Ruinen. Währenddessen standen die neuen Kristalltürme aus transparenter Nanokeramik bedrückend still im Hintergrund. Zwischen diesen Welten bewegten sich die Menschen.
Über allem lag das Geräusch: eine Mischung aus Menschenschreien, explodierenden Skidcars, dem Surren der Drohnen und dem tiefen Donner der Custodian-Bots, die weiter entfernt mit dumpfen Schritten durch die Stadt marschierten. .
„Okay, Bucket. Wie weit muss ich noch?“, fragte der Mann mit dem langen Mantel, während er sich durch die verschneite Straße kämpfte. Sein Atem bildete dichte, wolkenartige Schwaden in der eisigen Luft, die sofort wieder vom beißenden Wind zerrissen wurden. Schneeflocken prallten gegen seinen Mantel, der längst weiß gesprenkelt war. Die Straßenlaternen flackerten, als wollten sie dem Sturm trotzen, und warfen bizarre Schatten auf den vereisten Asphalt.
„Du bist fast an der richtigen Adresse. Noch zweihundert Meter. Halte dich rechts und folge dem alten Versorgungssteg“, antwortete eine technische Stimme ruhig, präzise und ohne jede Emotion. Die Stimme klang, als käme sie direkt aus seiner Gedankenwelt, wie ein digitales Gewissen. Bucket war der KI-Assistent, den er mit seinem neuen Anzug erhalten hatte.
Der Mann hob die Hand und aktivierte etwas unter seinem rechten Ohr. Ein leises Summen vibrierte in seinen Knochen, dann begann sich die schneeweiße, metallene Sturmhaube Schicht für Schicht, Segment für Segment aufzubauen. Wie eine nahtlos gleitende Maschinerie wuchs sie empor, bis sein gesamtes Gesicht von der glatten, vollkommen ausdruckslosen Maske bedeckt war. Es gab keinerlei Öffnungen für die Augen, kein Visier, kein Fenster. Die Oberfläche war makellos.
Ein Passant, der weiter hinten durch die Straße huschte, blieb kurz stehen und starrte.
Der Mann kontrollierte kurz seine Atmung und senkte den Blick. Seine schweren, schwarzen Stiefel waren vom Schneematsch überzogen, der sich in dicken Brocken löste, jedes Mal, wenn er auftrat. Unter dem Mantel trug er einen mattschwarzen Einsatzanzug. Das Material lag wie eine zweite Haut am Körper, dämpfte Bewegungen und Geräusche und bot gleichzeitig massiven Schutz gegen kinetische und thermische Einwirkungen. Winzige Energieschichten, die kaum sichtbar waren, zogen sich wie Laufmaschen über seine Arme und Beine.
Er zog den Mantel enger zu, sodass die beiden elektrischen Eskrima-Stöcke an seinem Gürtel nicht mehr zu sehen waren. Ihr Griff war aus einem dunklen, kaum reflektierenden Metall und an den Enden befanden sich kleine Vigor-Energiekerne, die im aktivierten Zustand Lichtblitze aussenden konnten, welche selbst Stahlplatten durchtrennten. Doch im Moment ruhten sie still. Niemand sollte sie sehen.
Der Schnee fiel nun dichter. Eine weiße Wand. Ein Sturm, der die Sicht einschränkte und alle Geräusche verschluckte.
„Visionsmodus aktivieren“, murmelte der Mann leise.
Die Maske reagierte sofort. In ihrem Inneren erwachte ein pulsierendes Netzwerk. Der Mann sah plötzlich klarer, nicht durch das, was vor ihm lag, sondern durch das, was die Maske analysierte. Ein Wärmeblick legte sich über seine Wahrnehmung und ließ die Kälte der Nacht glühen. Menschen zeichneten sich in der Ferne als rotgelbe Silhouetten ab, versteckt in Hauseingängen oder auf Balkonen. Maschinen wurden als helle, pulsierende Flecken sichtbar. Selbst die Wärme von Kabeln unter dem Asphalt war deutlich erkennbar.
Wieder blies der Wind Schneestaub über die Straße.
„Bucket“, sagte der Mann erneut, diesmal leiser, als wollte er nicht, dass der Sturm es hörte, „gibt es irgendwelche Veränderungen?“
„Negativ“, antwortete die KI. „Aber der Luftdruck fällt weiter. Der Sturm wird stärker. Zudem registriere ich in deiner unmittelbaren Nähe ungewöhnliche thermische Strahlungen. Vorsicht ist geboten.“
Der Mann nickte, mehr für sich selbst als für Bucket. Er ging weiter den Versorgungssteg entlang, der zwischen zwei alten Gebäudezeilen verlief. Einst gehörten sie zu den Logistikzentren der Stadt, waren gefüllt mit Schutt, alten Schaltkästen und metallenen Leitungsbündeln, die wie Adern durch das Viertel verlaufen waren. Mittlerweile waren sie verlassen und mit frostigem Unkraut überwuchert. Eiskristalle ragten wie Dornen aus den Metallplatten.
Jede Bewegung war begleitet vom gedämpften Knirschen des Schnees, der unter seinen Stiefeln zerbarst. Der Sturm peitschte an den Wänden entlang und hinterließ melancholische Pfeiftöne.
„Noch hundert Meter“, meldete Bucket. „Die Zielperson befindet sich im Untergeschoss der nächsten Struktur. Der Zugangspunkt liegt auf der Rückseite.“
Der Mann verzog unter der Maske keine Miene, aber sein Puls veränderte sich. Er erreichte schließlich das Haus: ein zweistöckiges, verwittertes Gebäude, das trotz der frischen Schneeschicht alt und müde wirkte. Die Fassade war von der Zeit vernarbt, einzelne Holzplanken hatten sich gelöst und schwankten im Wind wie lose Segel. Über dem Dachfirst hing ein schiefes Satellitenmodul, dessen blinkende Lichter kaum noch funktionierten.
Er legte die Hand auf die Türklinke, ein altes, angelaufenes Metallstück, das sich kalt anfühlte. Er drückte. Nichts. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter.
„Niemand da“, brummte er. Selbst dieser einfache Satz vibrierte durch die synthetischen Filter seiner Maske und klang dadurch fremd, mechanisch und beinahe zu ruhig.
Er trat einen Schritt zurück, beugte die Knie leicht und spannte die Muskeln an. Dann rannte er los und warf sich mit der Schulter voraus gegen die Tür. Ein dumpfer, hohler Schlag hallte durch den Eingangsbereich, gefolgt von einem Vibrieren im Holz. Doch die Tür hielt stand, als hätte sie nur darauf gewartet, getestet zu werden.
„Schon gut, einmal geht noch“, murmelte er.
Er zog sich erneut zurück, bis die Sohlen seiner schweren Stiefel am Rand der Veranda knirschten. Dann schoss er mit mehr Schwung vor und ließ seinen Körper wie einen Rammbock gegen das Holz krachen.
Ein markerschütterndes Knacken ertönte. Splitter wirbelten durch die Luft. Das Schloss brach. Die Tür flog auf und gab den Blick in einen dunklen Korridor frei. Der Mann wurde jedoch vom Schwung nach vorne getragen, verlor kurz das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem staubigen Boden. Schneematsch spritzte zur Seite.
Er stützte sich mit beiden Händen auf, ließ die Wirbelsäule kurz knacken und stand dann langsam auf. Ein feiner Staubregen rieselte von der Zimmerdecke, ausgelöst durch den Aufprall. Sein Wärmeblick aktivierte sich automatisch wieder. Die Maske reagierte schnell, zu schnell für menschliche Reflexe. Sofort schob sich eine Schicht aus orangefarbenen Silhouetten über sein Sichtfeld.
Und da war sie, eine Hitzequelle in der Etage über ihm. Eine nervöse, unruhige, nach links und rechts schießende Kontur. Der Mann dort oben schien panisch umherzulaufen, getrieben von Angst oder schlechtem Gewissen. Seine Bewegungen waren hektisch und unkoordiniert wie die eines Tieres, das merkt, dass die Falle zuschnappt.
Der Eindringling atmete tief durch. Der Klang hallte gleichmäßig in seinem Helm wider. Er hob den Kopf und fixierte die Decke, wo die warme Signatur wie ein Herzschlag pulsierte.
Seine Schritte waren langsam und schwer. Jeder Schritt ließ die alten Holzdielen knarzen, als würden sie sich unter dem Gewicht seiner Rüstung beschweren. Er ging durch den schmalen Flur, vorbei an abgestellten Kartons, alten Mänteln und einer umgekippten Lampe, die wie ein totes Insekt im Staub lag. Die Treppe lag vor ihm. Sie wirkte instabil, doch sie würde halten. Er brauchte nur eine einzige Minute – und die bekam er. Während er die Stufen betrat, knarrten sie laut genug, damit der Bewohner oben sofort Bescheid wusste.
Die Wärmequelle flackerte unruhig im Sichtfeld des Mannes auf und rutschte von einem Punkt zum nächsten. Der Bewohner rannte nicht mehr, sondern suchte verzweifelt nach einem Versteck oder etwas, das er als Waffe nutzen konnte.
Doch es half nichts. Der Eindringling war ruhig. Sein Puls blieb gleichmäßig, beinahe irritierend gelassen.
Als er den oberen Flur erreichte, wandte er sich nach links. Dort, hinter einer dünnen Wand, stand der Bewohner. Die Maske zeigte dessen Silhouette so deutlich, als gäbe es keine Barriere zwischen ihnen. Seine Körperwärme hob ihn vom Rest der Umgebung ab wie eine flammende Figur im Dunkeln.
Vor ihm befand sich eine Schiebetür. Sie war alt, aber im Gegensatz zur Eingangstür immerhin funktionstüchtig. Der Eindringling hob die Hand und legte seine Finger ruhig an die Holzleiste. Einen Moment lang verharrte er. Kein Wort. Kein Atemzug zu viel. Nur Stille.
Dann schob er die Tür langsam nach rechts. Mit einem leisen, langen Schleifen öffnete sich der Raum.
Er wusste längst Bescheid, noch bevor der Angriff kam. Der Wärmeblick hatte ihm verraten, wie sich die Muskeln des Hausbewohners angespannt hatten und wie dessen Puls kurz vor dem ungelenken Sprung nach vorn explodierte. Als der Mann aus seiner Deckung hervorbrach, war das keine Überraschung.
Ein gellender Schrei hallte durch den Raum, hastig und verzweifelt. Der Bewohner rannte auf den Eindringling zu, beide Hände umklammerten einen alten Baseballschläger. Das Holz war rissig und an den Rändern abgesplittert, doch in diesem Moment wirkte es wie ein letzter Hoffnungsschimmer, ein Rettungsanker in einer Situation, die längst außer Kontrolle geraten war.
Er hob den Schläger über den Kopf und schwang ihn in einem weiten Bogen herab – wild, unkoordiniert, aber voller panischer Kraft.
Der Eindringling bewegte sich kaum.
Seine linke Hand schoss mit stoischer Präzision nach oben. Ohne jede Hast. Seine Finger schlossen sich um das Holz, noch bevor der Schlag seine Maske erreicht hätte. Ein dumpfer Schlag, der sich in seiner Handfläche verlor. Kein Wanken. Kein Zurückweichen.
Der Hausbewohner keuchte überrascht und spannte reflexartig seinen Körper an, als er merkte, dass seine einzige Waffe wie festgenagelt war.
„Nicht gut genug“, murmelte der Eindringling und selbst dieser leise Satz vibrierte metallisch durch die modulierte Stimme seiner Maske.
Dann bewegte sich seine rechte Hand.
Schnell.
Zu schnell für seinen Gegner.
Er schlug zu, nicht mit unnötiger Kraft, sondern mit chirurgischer Präzision. Sein erster Schlag traf das Zwerchfell des Bewohners – ein punktgenauer Treffer, der dem Mann die Luft aus den Lungen presste. Ein dumpfer, nasser Laut brach aus dessen Kehle. Der zweite Schlag folgte unmittelbar. Noch ein Treffer gegen denselben Bereich. Die Knie des Mannes gaben nach, sein Griff um den Baseballschläger wurde schwächer und sein Oberkörper beugte sich reflexartig nach vorn.
Der dritte Schlag war härter und gezielter, das Finale dieses kurzen, effizienten Manövers. Er trieb dem Mann endgültig die Luft aus dem Körper, als hätte er ihm das Feuer aus der Brust geschlagen.
Der Bewohner klappte zusammen, sein Körper faltete sich nach unten, erst auf die Knie, dann zur Seite, wo er stöhnend auf den Boden fiel. Der Schläger glitt ihm aus den Händen und rollte klappernd über den Holzfußboden.
Der Eindringling ließ das Holz los und trat einen Schritt zurück. Sein Atem blieb ruhig, sein Puls unverändert. Er senkte leicht den Kopf und beobachtete, wie der Mann am Boden nach Luft rang, die Hände über dem Bauch verkrampft, die Augen glasig und voller Schmerz.
„Hättest du mich einfach reden lassen“, sagte der maskierte Mann ruhig, „dann wären wir längst fertig.“
Er kniete sich ohne jede Hast neben ihn, während das mechanische Flackern seines Wärmeblicks die Silhouette des Bewohners wie eine flammende Kontur im Dunkeln zeigte.
„Aber gut … jetzt reden wir auf die harte Tour.“
Ein kehliges Röcheln entwich seinen Lippen, als seine Sinne Minuten später zurückkehrten. Zunächst spürte er nur Schmerz, ein dumpfes Pochen unterhalb seines Brustkorbs, als hätte jemand einen Amboss auf seinen Bauch fallen lassen. Dann wurde ihm seine Lage bewusst: Er versuchte, sich zu bewegen, doch seine Arme waren hinter seinem Rücken zusammengebunden. Seine Handgelenke brannten. Seine Beine fühlten sich taub an.
Er saß an die Wand gelehnt, die aus bröckelndem Putz bestand, der von Feuchtigkeit und Zeit zerfressen war. Die Matratze, auf der er lag, war kaum mehr als ein fleckiger Stofflappen. Es roch nach Schimmel, kaltem Rauch und billigen Chemikalien. Eine typische Wohnung in den östlichen Rynstadt-Blöcken. Ein Ort, an dem die Custodians nur auftauchten, wenn ein ganzes Stockwerk einzustürzen drohte.
„W… was …“, stammelte der Hausbewohner. Seine Stimme war trocken und brüchig. Er versuchte, sich aufzurichten, sank aber wieder an die Wand zurück.
Der Eindringling saß lässig an der gegenüberliegenden Wand, den Rücken an ein Rohrgestänge gelehnt, das vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr gewartet worden war. Seine schneeweiße Maske funkelte im matten Licht einer flackernden Neonröhre. Er klopfte sich etwas Staub vom Knie.
„Weißt du …“ Er hob die Hände, als würde er gleich eine Partyeinladung aussprechen. „Eigentlich will ich das hier nicht. Wir könnten auch einfach in die Kneipe gehen und ein Bier trinken.“
Er legte den Kopf schief, wodurch seine metallische Maske leise knirschte.
„Sag mal, trinkt man hier im Stadtteil eher Pils oder Alt?“ Rynstadt ist da ja so … zwiegespalten. Die einen schwören auf Alt, die anderen prügeln dich, wenn du es bestellst.“
Der gefesselte Mann starrte ihn entgeistert an, dann verließ ein Wimmern seine Kehle. „Wer bist du?“ Er schluckte hart. Dann fasste er sich ein wenig verzweifelten Mut und rief heiser: „Lass mich frei!“
Der Eindringling erhob sich in einer fließenden Bewegung. Er hockte sich vor ihn, legte die Hände ruhig aufeinander und neigte den Kopf. Hätte man durch die Maske seine Augen sehen können, wären sie in diesem Moment unangenehm ruhig gewesen.
„Ich?“, fragte er, als hätte er die Frage nicht kommen sehen. Er deutete mit beiden Zeigefingern auf sein Gesicht – ein fast alberner Move, der in der maskierten Stille des Raums aber nur noch bedrohlicher wirkte. „Ich bin Vanitas.“
„Dein Handeln ist sinnlos im Angesicht der Ewigkeit.“ Er seufzte.
„Schöner Satz, oder?“ Den hat mir jemand empfohlen, der viel zu viele Philosophie-Podcasts hört. Egal.“
Er richtete sich ein Stück auf.
„Ich suche Silence. Der soll angeblich mit einem Typen namens Prophet zusammenarbeiten. Und Prophet …“ Er machte eine vage Kreiselbewegung mit der Hand. „… den suche ich eigentlich.“ Der hängt sich überall rein wie diese nervigen Pop-up-Werbungen. Das sind quasi Jump Scares mit dem Holozeug.“
Der gefesselte Mann zitterte.
„Ich … ich weiß nichts.“
Vanitas blieb kurz still. Dann stand er langsam und beinahe feierlich auf. Er ging zu ihm, beugte sich hinunter und brachte seine Maske direkt vor das Gesicht des Mannes. So nah, dass der Mann seinen eigenen panischen Atem gegen die glatte Oberfläche prallen spürte.
„Wollen wir das wirklich?“, fragte Vanitas leise. „Ich meine das mit dem Bier ernst. Aber wenn wir’s nicht machen, musst du verstehen …“ Er tippte gegen die Maske. Klick. „Ich will meine neue, schöne Ausrüstung wirklich nicht dreckig machen. Rote Flecken auf der weißen Maske? Das wäre furchtbar, ganz furchtbar.“
Er richtete sich wieder auf und ging ein paar Schritte zurück. Dabei strich er sich mit den Handschuhen über den Mantel, als würde er imaginären Staub entfernen.
„Eine schöne Ausrüstung, die mir gesponsert wurde, oder?“ Er deutete irritiert auf sich selbst. „Kannst du dir das vorstellen? Ich! Ein Sponsoring! Für genau dieses Theater hier.“ Er lachte leise, fast amüsiert. “
Vanitas griff an seinen Gürtel.
Er nahm seine Eskrima-Stöcke und aktivierte sie.
Mit einem scharfen FZZZT erwachten sie zum Leben. Blauweiße Elektrizität tänzelte funkelnd über die Metallflächen und zischte.
„Also …“, sagte er, während die Stöcke hell aufleuchteten. „Versuchen wir’s noch mal.“
Vanitas ließ die aktivierten Eskrima-Stöcke langsam durch die Luft gleiten. Er hielt die Stäbe nur wenige Zentimeter über die Beine des gefesselten Mannes. Die Hitze und das Sirren waren kaum auszuhalten. Die Luft vibrierte.
„Ich rede!“, platzte der Mann plötzlich heraus. Die Worte stolperten über seine zitternden Lippen. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch, als würde er jeden Moment hyperventilieren. „Ich … ich habe Silence einmal getroffen!“
Vanitas blieb stehen. Seitliche Kopfneigung. Ein leises Summen der Maske.
„Wo?“, fragte Vanitas trocken.
Der Gefesselte schluckte so heftig, dass man es hörte.
„Im ehemaligen Bürogebäude von Blackspire Solutions.“
Seine Stimme überschlug sich fast: „Die … die sind vor ein paar Monaten umgezogen. Danach sollten alle Kriminellen aus Rynstadt dorthin kommen. Silence wartete auf uns. Alle dachten, er wolle uns anheuern oder uns … ich weiß nicht … testen oder so …“
Vanitas stand auf. Das Knacken seines Mantels klang in der Stille beinahe bedrohlicher als die elektrischen Stäbe.
„Der Lügendetektor sagt, dass er die Wahrheit sagt“, meldete Bucket nüchtern. „Puls erhöht, aber keine Anzeichen einer bewussten Falschaussage.“
Vanitas nickte.
Er beugte sich noch einmal hinunter, bis sein maskiertes Gesicht fast das des Bewohners berührte.
„Erzählst du jemandem, dass ich hier war?“
„Nein! Nein, nein, mach ich nicht! Ich schwöre!“
Vanitas drehte sich um. Langsam. Bedacht. Er steckte einen der Stöcke weg.
„Er lügt“, sagte Bucket. „Seine Körperspannung widerspricht der Aussage. Außerdem ...“
Bucket stoppte.
Vanitas verstand die Unterbrechung. Er drehte sich wieder um.
Und schlug zu.
Ein Schlag.
Zwei.
Drei.
Jeder Treffer war ein nüchterner, sauber gesetzter Hieb: kein Zorn, keine Hast, nur kalte Effizienz. Die Stöcke hinterließen glühende Spuren aus Schmerz und Betäubung, die den Körper des Gefesselten zum Zucken brachten. Zunächst entwich ihm ein unterdrückter Schrei, dann ein Husten und schließlich nur noch panisches Wimmern. Dann tat sich gar nichts mehr.
„Er hat anderen schon Bescheid gegeben.“ Buckets Stimme klang nun nicht mehr entspannt, sondern angespannt. „Ich fange mehrere Signale ab. Drei, nein, vier … nein, fünf Personen. Sie kommen näher. Rasch.“
Vanitas stoppte in seiner Bewegung.
Er richtete sich auf.
Er schob die Eskrima-Stöcke zurück an den Gürtel.
„Entfernung?“, fragte er ruhig.
„Dreißig Sekunden. Und sie sind bewaffnet. Automatikenergiewaffen, mindestens zwei Schrotflinten und ein improvisierter Schallwerfer. Vermutlich Angehörige seiner kleinen … Diebesgruppe.“
Vanitas sah sich im Raum um. Die Neonröhre flackerte.
Im Gang draußen waren dumpfe Schritte zu hören.
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