Kapitel 77 - SeTech

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Der Aufzug surrte leise, als er sich sanft in Bewegung setzte und Samuel und Evelyn langsam nach oben beförderte. In den glänzenden Metallwänden des Aufzugs spiegelte sich sein angespanntes Gesicht, während ihn die kühle, sterile Atmosphäre des engen Raums umgab. Das schwache Licht, das von den in die Decke eingelassenen Lampen ausging, warf lange Schatten auf den Boden, die mit Samuel tanzten, während sie die einzelnen Stockwerke passierten. Der Aufzug fuhr schnell, aber Samuel hatte das Gefühl, die Fahrt würde endlos dauern. „Evelyn, was meinst du?” Sie sah ihn an. „Was wird passieren?” Samuel nickte. „Er wird es abstreiten. Er wird nichts zugeben und sich einfach herausreden.“ Sein Blick fiel auf die kleinen Digitalziffern über der Tür. Unbarmherzig zeigten sie die Stockwerke an, während sie langsam, aber sicher auf die oberste Etage des imposanten Gebäudes zusteuerten. „Ich glaube auch. Lassen wir uns überraschen. “Der Aufzug hielt plötzlich an, das leise Surren verstummte. Samuel spürte, wie sein Herz schneller schlug. Eine Glocke ertönte leise, und die glänzenden Türen glitten lautlos auseinander. Vor ihm erstreckte sich ein kurzer Flur, der direkt zu den massiven Doppeltüren des Penthouses führte. Die Luft war stickig, und Samuel atmete tief durch, um sich zu sammeln. Mit einem letzten Blick auf sein Spiegelbild in den polierten Wänden des Aufzugs straffte er die Schultern, trat hinaus auf den Flur und ging auf die Türen zu. Samuel ging den Gang entlang, seine Schritte hallten leise auf dem Marmorboden wider. Jeder Schritt schien die Stille, die in der Luft lag, noch zu verstärken. Die Wände waren in einem neutralen, beinah sterilen Weiß gehalten und nur vereinzelt mit Kunstwerken geschmückt, die eher kühl als einladend wirkten. Es war eine Umgebung, die Macht und Distanz ausstrahlte – genau wie der Mann, den er gleich treffen würde. Samuel blieb vor den massiven Doppeltüren des Penthouses stehen. Er atmete noch einmal tief durch, um seine Gedanken zu ordnen, bevor er die Hand hob und an die Tür klopfte. Das Klopfen klang dumpf und schwer, fast so, als würde es in der großen Leere des Flurs verhallen. Für einen Moment war alles still. Dann hörte er leise Schritte auf der anderen Seite der Tür und kurz darauf öffnete sich eine der beiden Türhälften.

Eine hochgewachsene, elegant gekleidete Frau trat heraus. Ihr blondes Haar war streng nach hinten gebunden, ihr Gesicht ausdruckslos. „Mr. Palmer“, sagte sie mit kühler Höflichkeit und trat zur Seite, um ihm den Weg freizumachen. „Mr. Schmidt erwartet Sie.“ Evelyn nickte ihm zu und blieb vorne stehen. Samuel nickte und trat ein. Die Luft im Penthouse war warm und duftete nach Zedernholz. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. Das Penthouse war ebenso beeindruckend wie Erik Schmidt selbst. Es gab hohe Decken, bodentiefe Fenster, die einen atemberaubenden Blick über die Stadt boten, und eine moderne, luxuriöse Einrichtung. Ein massiver, glänzender Schreibtisch dominierte den Raum. Dahinter stand Erik, den Blick auf die Skyline gerichtet. „Samuel“, sagte Erik, ohne sich umzudrehen, als er das Geräusch der sich schließenden Tür hörte. Seine Stimme war tief und ruhig, aber sie trug eine Schärfe in sich, die nicht zu überhören war. „Komm herein.“ Samuel kam näher, seine Schritte dämpften sich auf dem dicken Teppich vor dem Schreibtisch. Erik drehte sich langsam um und Samuel blickte in das Gesicht eines Mannes, der sowohl Weisheit als auch Härte ausstrahlte. Die Jahre an der Spitze eines Milliardenkonzerns hatten ihre Spuren hinterlassen, aber sie hatten ihn nicht schwächer gemacht. Im Gegenteil, sie hatten ihn noch entschlossener und undurchschaubarer gemacht.

„Setz dich“, sagte Erik und deutete auf einen der beiden Ledersessel vor dem Schreibtisch. Samuel tat, wie ihm geheißen, und setzte sich, wobei er versuchte, seine Nervosität zu verbergen. Erik setzte sich ebenfalls, lehnte sich in seinem großen Stuhl zurück und faltete die Finger zu einem Keil.

„Du wolltest mich sprechen?“ Sein Blick war durchdringend, als er Samuel ansah.

Samuel nickte langsam und suchte nach den richtigen Worten. „Ja, Erik. Es geht um SeTech. Ich habe ... Ich habe Informationen erhalten, die sehr beunruhigend sind.“ Er hielt inne und beobachtete, wie Erik auf diese Worte reagieren würde. Doch dessen Miene blieb unbewegt.

„Du kommst gleich zur Sache. Welche Informationen?“ Erik hob leicht eine Augenbraue, als würde er einen unsichtbaren Test bestehen. „Wovon genau sprichst du, Samuel?“

„Von illegalen Aktivitäten“, antwortete Samuel direkt und seine Stimme wurde etwas fester. „Ich habe Beweise dafür gefunden, dass SeTech in den Handel mit gefährlichen Substanzen verwickelt ist, genauer gesagt mit Giften bzw. Substanzen, um diese herzustellen. Das ist nicht nur ein Risiko für das Unternehmen, sondern auch ein großes moralisches Problem.“

Erik lehnte sich zurück und ließ die Worte einen Moment in der Luft hängen, bevor er ruhig antwortete. „Samuel, du weißt genauso gut wie ich, dass wir viele Tochtergesellschaften haben und es unmöglich ist, jede einzelne im Auge zu behalten. Aber was du mir hier erzählst, ist sehr ernst. Bist du sicher, dass deine Informationen zuverlässig sind?“

Samuel sah Erik fest in die Augen, um jede Regung, jede subtile Veränderung in seiner Mimik zu erfassen. „Ja, ich bin mir sicher. Ich habe die Quellen selbst überprüft.“

Erik schwieg eine Weile, die Spannung im Raum war fast greifbar. Schließlich stand er langsam auf, ging zum Fenster und blickte hinaus auf die funkelnden Lichter der Stadt. „Das ist in der Tat ein ernstes Problem“, sagte er nach einer Weile mit leiserer und nachdenklicherer Stimme als zuvor. „Wenn das stimmt, müssen wir schnell handeln.“

Samuel beobachtete ihn aufmerksam, lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und atmete tief durch.

Erik ging um seinen Schreibtisch herum, setzte sich wieder auf seinen Stuhl, legte die Hände auf die Tischplatte und sah Samuel eindringlich an. „Samuel, das ist eine schwerwiegende Anschuldigung. Bist du dir wirklich sicher?“

„Ich bin mir sicher.“ Samuel hielt Eriks Blick stand, obwohl er die Anspannung in seinen Schultern spürte. „Ich habe Quellen, die eindeutig belegen, dass SeTech tief in diesen Handel verstrickt ist. Es hat klein angefangen, sich aber schnell ausgeweitet. Ich weiß nicht, wie groß das Problem ist, aber was ich bisher gesehen habe, reicht aus, um die Alarmglocken schrillen zu lassen.“

Erik schwieg einen Moment, seine Finger spielten nachdenklich mit einem Stift, den er auf dem Schreibtisch gefunden hatte. Dann beugte er sich leicht vor. „Samuel, du weißt, dass Pretorius Tech ein riesiges Gebilde ist. Wir haben Dutzende von Tochterfirmen, jede mit ihren eigenen Managern und Zielen. Es ist unmöglich, alles im Auge zu behalten. Ich gebe dir mein Wort, dass ich davon nichts wusste. Das Timing könnte nicht schlechter sein. Ein Raumschiff steht über Terra und hat Steine abgeworfen.“

Samuel schwieg und beobachtete Eriks Gesicht aufmerksam. Er hatte erwartet, dass Erik überrascht oder wütend reagieren würde, doch er war ruhig, beinahe zu ruhig.

„Ich weiß und ich verstehe“, sagte Samuel schließlich. „Aber das ist keine Kleinigkeit. Wenn das rauskommt – und glaub mir, das wird es – dann sind wir in einem Sumpf, der uns alle mit sich reißt. Ich brauche Klarheit, Erik. Du musst mir sagen, ob du wirklich nichts davon gewusst hast.“

Erik holte tief Luft und schüttelte den Kopf. „Samuel, ich versichere dir, dass ich von diesen Machenschaften nichts gewusst habe. SeTech ist nur ein kleiner Teil unseres Unternehmens. Ihre Hauptaufgabe ist die Entwicklung von Sicherheitssoftware und Datenverschlüsselung. Ich hätte nie gedacht, dass sie in illegale Aktivitäten verwickelt sein könnten. Es ist schwierig, jede Tochterfirma zu überwachen, vor allem, wenn sie in einem Bereich tätig ist, der weit von unserem Kerngeschäft entfernt ist.“

Samuel nickte langsam und ließ Eriks Worte auf sich wirken. „Ich verstehe, dass du nicht alles überwachen kannst. Aber ich muss wissen, wie du damit umgehen willst. Wir können nicht einfach die Augen verschließen.“

Erik runzelte die Stirn und klopfte unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte. „Wenn das stimmt – und ich zweifle nicht an deiner Integrität – dann müssen wir schnell und entschlossen handeln. Aber wir müssen auch vorsichtig sein. Das Letzte, was wir brauchen, ist ein Skandal, der die ganze Firma in den Abgrund reißt. Ich werde das persönlich untersuchen lassen. Diskret.“

„Gut“, sagte Samuel schließlich und stand auf. „Aber sei dir sicher, Erik, wir haben nicht viel Zeit. Wenn das an die Öffentlichkeit kommt, bevor wir gehandelt haben, sind die Folgen unabsehbar.“

Erik stand ebenfalls auf und streckte Samuel die Hand entgegen. „Ich weiß. Wir werden das in Ordnung bringen. Vertrau mir, Samuel.“

Samuel nahm Eriks Hand und drückte sie fest, doch er konnte das ungute Gefühl nicht loswerden.

Er ließ Eriks Hand los und wandte sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen. Sein Kopf brummte von dem Gespräch, seine Gedanken überschlugen sich. Er hatte gehofft, dass Erik zumindest andeuten würde, dass er von den Vorgängen bei SeTech wusste, vielleicht nur am Rande oder gerüchteweise. Aber nichts davon war geschehen. Stattdessen war Erik ungerührt geblieben und hatte alles abgetan.

Als Samuel den Flur verließ und in den Aufzug stieg, spürte er eine beklemmende Schwere auf seiner Brust. Die Türen schlossen sich, und er starrte stumm auf sein Spiegelbild in der metallischen Oberfläche. Seine Augen wirkten müde, die Anspannung der letzten Wochen hatte ihre Spuren hinterlassen. Der Aufzug summte leise, während er Samuel wieder nach unten brachte. Mit jedem Stockwerk spürte Samuel, wie die Enttäuschung in ihm wuchs.

Er hatte auf Ehrlichkeit gehofft. Vielleicht sogar auf ein Geständnis. Doch Erik blieb undurchsichtig, schob alles auf die Größe des Unternehmens und die unzähligen Tochterfirmen, die man nicht alle im Blick behalten könne. Aber Samuel spürte, dass mehr dahintersteckte. Eriks Reaktion war zu glatt, zu kontrolliert, zu vorbereitet gewesen.

Schließlich glitten die Türen des Aufzugs lautlos auf und Samuel trat in die kühle Lobby des Gebäudes. Der elegante Marmorboden und die imposanten Glaswände, durch die man die nächtlich erleuchtete Stadt sehen konnte, wirkten auf einmal kalt und abweisend. Samuel hielt einen Moment inne und atmete tief durch, als würde die klare Luft seine Gedanken ordnen.

„Samuel?“

Er drehte sich um und sah Evelyn, seine Assistentin, die am Eingang auf ihn gewartet hatte. Sie trug einen schlichten, aber eleganten dunkelblauen Mantel, ihr blondes Haar fiel ihr leicht über die Schultern und ihre Augen musterten ihn aufmerksam. Sie wusste, dass die Begegnung mit Erik schwierig werden würde. Als sie sein Gesicht sah, bemerkte sie sofort die leise, unausgesprochene Enttäuschung in seinen Zügen.

„Und?“, fragte sie leise und kam näher. „Wie ist es gelaufen?“

Samuel schüttelte den Kopf und schob die Hände in die Manteltaschen. „Genau so, wie wir es befürchtet haben“, antwortete er mit leiser Bitterkeit in der Stimme. „Erik hat alles abgestritten. Er behauptet, von SeTechs Machenschaften nichts gewusst zu haben. Es ist, als würde er die Augen vor der Wahrheit verschließen.“

Evelyn runzelte die Stirn und sah ihn durchdringend an. „Glaubst du ihm?“

Samuel zögerte. Es war die Frage, die auch ihn selbst quälte. „Ich weiß nicht“, sagte er schließlich. „Er ist schwer zu durchschauen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Er war zu ruhig, zu beherrscht. Ich habe das Gefühl, dass er mehr weiß, als er zugibt.“

Evelyn legte ihm leicht eine Hand auf den Arm – ein Zeichen ihrer Unterstützung. „Du hast getan, was du konntest. Aber was machen wir jetzt?“ Samuel blickte hinaus auf die nächtliche Stadt, deren Lichter in der Ferne flackerten, als würden sie eine Antwort bereithalten, die er nicht fassen konnte. „Ich weiß es noch nicht“, sagte er leise. „Aber ich kann das nicht so stehen lassen. Wir müssen tiefer graben, Evelyn. Wenn Erik nicht redet, müssen wir anders an die Informationen kommen.“ Evelyn nickte entschlossen. „Ich bin bei dir. Wir werden herausfinden, was hier wirklich vor sich geht.“

Samuel sah sie dankbar an. Es tat gut zu wissen, dass er sich in all dem Chaos wenigstens auf Evelyn verlassen konnte. „Danke“, sagte er leise. „Wir werden das durchstehen, egal, was passiert.“ Evelyn lächelte schwach, dann deutete sie auf die Straße. „Komm, ich habe das Auto hier. Lass uns erst mal hier verschwinden.“ Samuel blieb stehen. „Einen Moment noch. Bitte kümmere dich um Theresa und ihre Familie. Ich will, dass sie sicher sind, egal, was hier in der Stadt passiert.“ Bring sie zu unserem Projekt.“

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