Keystone Kapitel 6 - Der Slum
Je tiefer Kodai gemeinsam mit den Wachen in das Innere des Berges vordrang, desto stärker veränderte sich die Atmosphäre um ihn herum. Die ohnehin düsteren Straßen des Dorfes wurden enger, dunkler und stiller. Schief übereinandergeschichtetes, verwittertes Holz, Fenster, die an manchen Gebäuden vollständig fehlten, und rostige Halterungen, die einst vermutlich Lampen gehalten hatten, prägten das Bild. Der Weg führte sie immer weiter weg vom belebteren Zentrum, bis kaum noch Stimmen zu hören waren. Nur das entfernte Knarren alter Konstruktionen und das dumpfe Tropfen von Wasser, das irgendwo von der Höhlendecke fiel, begleitete ihre Schritte.
Schließlich blieben die Wachen vor einer gewaltigen Steinmauer stehen. Sie wirkte deutlich älter als der Rest des Dorfes. Tiefe Risse zogen sich durch das Gestein, und an einigen Stellen hatte sich schwarzer Sand in den Spalten gesammelt. Erst nach einem genaueren Blick bemerkte Kodai die kleine Öffnung in der Mauer. Ein krumm eingesetztes Tor aus schwarzem Holz war so unauffällig in den Stein eingelassen worden, dass man es aus der Entfernung kaum als Eingang erkannt hätte. Eine der Wachen trat wortlos nach vorne und drückte gegen die hölzerne Verkleidung. Mit einem langen, unangenehmen Knarzen schob es sich langsam zur Seite und gab den Blick auf einen dunklen Durchgang frei.
„Hier hinein, Unioner“, sagte die Wache mit derselben emotionslosen Stimme, die Kodai inzwischen fast schon nervös machte. „Das ist der Slum. Dort versucht der Doktor, die Unwertigen zu heilen. Bring ihn zu uns.“ Allein dieses Wort hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Es wurde ausgesprochen, als wäre es etwas völlig Normales, ja, als wäre es selbstverständlich.
Langsam trat Kodai näher an die Öffnung heran und warf einen Blick hindurch. Die restliche Stadt hatte schon auf ihn trostlos gewirkt, aber das, was sich dahinter verbarg, ließ die vorherigen Straßen beinahe lebendig erscheinen.
Schwaches Licht drang aus wenigen Fenstern und verlor sich sofort wieder in der Dunkelheit. Der gesamte Ort wirkte erdrückend eng, als hätte man zu viele Menschen an einen Ort gezwängt, der nie für Leben gedacht gewesen war.
An den Wänden saßen Gestalten mit eingefallenen Gesichtern, deren graue, rissige Haut krank wirkte. Einige von ihnen husteten leise, andere lagen regungslos auf alten Stoffbahnen. Kinder beobachteten ihn aus den Schatten zwischen den Häusern. Ihre roten Augen wirkten gleichzeitig vorsichtig und misstrauisch.
Kodai drehte sich noch einmal zu den Wachen um, doch ihre ausdruckslosen Gesichter hatten sich nicht im Geringsten verändert.
Kaum hatte sich das Tor hinter ihm geschlossen, schlug ihm ein schwerer, feuchter Geruch entgegen, der nach Moder, abgestandenem Wasser und etwas Undefinierbarem roch. Unwillkürlich rümpfte er die Nase. Die Luft fühlte sich dick und unangenehm an, fast so, als würde sie an seiner Haut kleben bleiben. Ein dünner Nebel hing zwischen den schiefen Gebäuden und kroch träge über den Boden.
Überall wucherten schwarz-grüne Pflanzen, die eher wie eine Krankheit als wie Natur wirkten. Die matschigen Gewächse krochen über den Boden, zogen sich an den Wänden entlang und bedeckten sogar Teile der Decke der riesigen Höhle. Manche hingen in schweren, feuchten Strängen von den Häusern herab, andere hatten sich tief in Holz und Stein gefressen, als würden sie alles Stück für Stück verschlingen. Der Boden unter seinen Füßen war glitschig und weich, sodass Kodai bei jedem Schritt das Gefühl hatte, den Halt zu verlieren.
„Okay“, murmelte er leise und verzog das Gesicht. „Das hier ist offiziell der schlimmste Ort, an dem ich je gelandet bin.“
Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, doch er verdrängte es und folgte der engen Gasse vor sich. Zwischen den Häusern war kaum Platz; die Wände rückten so nah zusammen, dass sich manche Dächer fast berührten. Schwaches Licht drang aus einzelnen Fenstern und vermischte sich mit dem Nebel, wodurch die ganze Gegend verschwommen und unwirklich wirkte.
Nachdem er um eine Ecke gebogen war, blieb Kodai abrupt stehen.
Direkt vor ihm saß eine Gestalt auf dem Boden, eingehüllt in einen alten, so verschmutzten Mantel, dass man seine ursprüngliche Farbe kaum noch erkennen konnte. Für einen kurzen Moment dachte Kodai sogar, der Fremde sei tot, so reglos saß er dort.
Zögernd trat Kodai näher und ging in die Hocke.
„Ey“, sagte er vorsichtig. „Alles gut bei dir?“
Langsam hob die Gestalt den Kopf.
Kodai hielt unbewusst die Luft an.
Das Gesicht des Mannes war feuerrot, aber nicht auf die Art, wie Haut normalerweise rot wird. Es wirkte entzündet und feucht, beinahe siffig, als würde eine offene Wunde seit Wochen versuchen zu verheilen und immer wieder scheitern. Die Haut glänzte ungesund im schwachen Licht und schälte sich bereits an manchen Stellen.
Seine Lippen bewegten sich leicht.
Ein leises, brüchiges Wimmern entkam ihm. Es sah aus, als würde der Mann nach Worten suchen, doch jedes einzelne schien in seinem Hals stecken zu bleiben. Kodai blieb trotzdem sitzen und wich seinem Blick nicht aus.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte er ruhiger. „Oder Wasser?“
Für einen Moment starrte der Fremde ihn nur an, als würde allein das Verstehen der Worte ihn Kraft kosten. Dann verzog sich sein Gesicht plötzlich und seine Stimme brach rau und kratzend hervor.
„Geh weg ... Fremder.“
Es klang, als hätte er seit Tagen nichts mehr gesagt. Vielleicht sogar noch länger. Jedes Wort schabte regelrecht durch seine Kehle und hinterließ ein Geräusch, das Kodai unangenehm über den Rücken lief.
Langsam richtete er sich wieder auf.
„Schon gut“, sagte er leise. „Ich wollte nur helfen.“
Der Mann zog den Mantel enger um sich und wandte den Blick ab, als hätte allein das Gespräch ihn bereits erschöpft.
Kodai blieb noch einen Moment stehen, bevor er weiterging.
Je weiter er durch die Gassen lief, desto mehr Bewohner begegneten ihm. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die grauhäutigen Dorfbewohner längst nicht die einzigen Wesen auf diesem Planeten waren.
An einer Wand saß eine Gestalt mit beinahe durchsichtiger blauer Haut, unter der sich Adern wie schwach leuchtende Linien bewegten. Sie hustete und versuchte zu atmen. Wenige Meter weiter schleppte sich ein riesiges Wesen vorbei, dessen Arme so lang waren, dass die Fingerspitzen beinahe den Boden streiften. Andere wirkten noch fremder. Manche besaßen zusätzliche Augen, einige hatten Hörner und ihre Hautfarben wechselten zwischen leuchtendem Orange, tiefem Grün oder schimmerndem Violett.
„Was zum Teufel läuft hier eigentlich ab ...?“, murmelte er leise vor sich hin.
Die meisten Gebäude wirkten verlassen oder zumindest seit langer Zeit nicht mehr richtig genutzt. Hinter den trüben Scheiben erkannte er oft nur Dunkelheit, zerfallene Möbel oder Räume, in denen der Staub so dicht lag, dass selbst das schwache Licht kaum noch durchdrang. Manche Häuser sahen aus, als hätte man sie in Eile aufgegeben, andere wiederum, als wären sie nie wirklich fertig geworden und dem Verfall überlassen worden.
Als Kodai an einem weiteren besonders schiefen Gebäude vorbeikam und wie bei den anderen nur flüchtig durch die Fenster schaute, blieb sein Blick plötzlich hängen. Tief im Inneren des Gebäudes blitzte ein schwaches grünes Leuchten auf, das sich nicht sofort erklären ließ.
Er blieb stehen.
Für einen Moment bewegte er sich nicht, während sein Blick sich daran gewöhnte, in die Dunkelheit zu starren. Tatsächlich war das Licht noch da, verborgen im Inneren des Gebäudes. Es war kaum sichtbar, aber eindeutig vorhanden, als würde es irgendwo hinter den Wänden langsam pulsieren.
„Okay … das ist neu“, murmelte er leise vor sich hin, eher zu sich selbst als zu jemand anderem, während er einen Schritt näher an das Fenster herantrat.
Das Holz des Rahmens fühlte sich unter seiner Hand weich und brüchig an, fast so, als würde es bei der kleinsten Belastung nachgeben. Doch gerade das spielte ihm in die Karten: Mit etwas Druck begann sich das Fenster langsam zu lösen und gab schließlich mit einem langen, unangenehmen Knarzen nach.
„Bitte nicht kaputtgehen …“, fügte er trocken hinzu, während er den Rahmen weiter aufdrückte, bis die gesamte Konstruktion nachgab und sich das Fenster mit einem letzten Widerstand öffnete.
Kodai warf einen kurzen Blick in die dunkle Gasse hinter sich, um sicherzugehen, dass ihn niemand beobachtete. Dann zog er sich vorsichtig durch die Öffnung ins Innere des Gebäudes.
Der Raum, in dem er landete, war beinahe vollständig leer, abgesehen von einem alten Holztisch und zwei Stühlen, die schief in der Mitte standen und unter schweren Staubschichten verschwanden, die sich über Jahre angesammelt haben mussten. Darüber lagen Stoffbahnen, als hätte jemand versucht, die Möbel vor der Zeit selbst zu verstecken. Doch auch diese waren inzwischen grau geworden und wirkten kaum noch als Schutz.
Die Luft war trocken und gleichzeitig modrig, schwer und abgestanden. Bei jeder kleinen Bewegung wirbelten feine Staubpartikel auf, die im schwachen Licht durch den Raum schwebten, als würden sie dort schon seit Ewigkeiten festhängen.
Kodai blieb einen Moment stehen und ließ den Blick langsam durch den Raum wandern, doch er fand nichts Greifbares, denn alles wirkte verlassen und bedeutungslos, als hätte hier seit sehr langer Zeit niemand mehr bewusst einen Schritt getan.
Und doch war da dieses grüne Licht gewesen.
Er drehte sich langsam in die Richtung, aus der es gekommen war. Sein Blick gewöhnte sich an die Dunkelheit im hinteren Teil des Gebäudes, wo ein schmaler Gang tiefer hineinführte und die Luft merklich kälter und dichter wurde.
Für einen kurzen Moment blieb er einfach stehen, denn sein Instinkt sagte ihm, dass er umdrehen sollte, während seine Neugier genau das Gegenteil verlangte.
„Natürlich …“, murmelte er schließlich, atmete einmal tief durch und setzte sich dann in Bewegung. Er folgte dem Gang.
Vor ihm wurde das grüne Leuchten langsam stärker, bis der Gang schließlich in einem Raum endete, aus dem das Licht deutlich herausströmte. Kodai hielt noch einmal kurz inne, dann trat er langsam über die Schwelle und betrat den Raum.
Die Wände waren roh und teilweise von feinen Rissen durchzogen. Das grüne Licht, das er zuvor gesehen hatte, kam nun aus mehreren schwach pulsierenden Quellen, die im Raum verteilt waren. Sie hielten die Schatten ständig in Bewegung.
Mitten in diesem flackernden Licht saß eine einzelne Person auf einem alten Sessel, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.
Kodai blieb im Türrahmen stehen, denn für einen Augenblick sträubte sich alles in ihm, einfach weiterzugehen. Der Mann auf dem Sessel wirkte nicht bedrohlich im klassischen Sinne, aber seine Präsenz füllte den Raum auf eine Weise, die schwer zu ignorieren war.
„Wer bist du?“, fragte Kodai schließlich und trat unbewusst einen Schritt näher. Der Mann hob langsam den Kopf, als hätte er diese Frage bereits erwartet.
„Man nennt mich den Doktor“, antwortete er ruhig und beinahe sachlich, während sein Blick Kodai direkt fixierte. „Ich nenne mich Geiger. Und du?“
Kodai schluckte kurz, bevor er antwortete.
„Ich heiße Kodai“, sagte er schließlich, etwas vorsichtiger als sonst. „Ich soll dich ausliefern.“
Geiger trug einen grauen Anzug, über dem ein abgenutzter Kittel lag. Seine Haut war nicht normal, sondern giftgrün gefärbt, sodass sie im Licht fast selbst zu leuchten schien. Sein Körper wirkte insgesamt eingefallen. Sein Haar war kurz geschnitten und streng nach hinten gekämmt. Am auffälligsten war jedoch der Schlauch, der in seinem Nacken installiert war und wie ein permanenter Eingriff wirkte. Er endete in einer etwa vierzig Zentimeter langen Spritze, die in einem Holster an seiner Seite hing und eher wie eine Waffe als wie ein medizinisches Instrument aussah.
Zusätzlich trug er mehrere kleine Ampullen bei sich, die mit derselben grün schimmernden Substanz gefüllt waren, die auch seine Hautfarbe zu bestimmen schien. Seine rechte Hand war vollständig in einem schwarzen Handschuh verborgen, der bis über den Ellbogen reichte. Seine linke Hand lag ruhig auf der Armlehne des Sessels, ohne jede erkennbare Anspannung.
Kaum hatte Kodai den letzten Satz ausgesprochen, zerschnitt ein gewaltiger Knall die Stille im Raum. Noch bevor irgendjemand reagieren konnte, brach im angrenzenden Bereich eine Explosion aus, die die gesamte Struktur erzittern ließ. Die Druckwelle riss Staub, Splitter und glühende Trümmer durch die Öffnungen. Ein Teil der Wand löste sich unter der Wucht der Detonation. Das grüne Licht im Raum verzerrte sich abrupt und flackerte.
Die Luft füllte sich sofort mit dichtem, grauem Staub, der die Sicht nahezu vollständig verschluckte. Einzelne Metallstücke flogen durch den Raum und schossen mit einem schrillen Zischen aneinander vorbei. Einige der Splitter trafen Geiger. Doch statt einfach nur einzuschlagen, begannen sie sich auf seiner Haut seltsam zu verformen und teilweise sogar aufzulösen, als würde sein Körper auf die Fremdsubstanzen auf irgendeine Weise selbst reagieren.
Kodai riss instinktiv den Arm hoch und bildete eine Energieklinge, die im letzten Moment einen heranfliegenden Trümmerblock zerschnitt, sodass dieser in zwei Hälften auseinanderbrach und an ihm vorbeischoss.
Die Sicht war nun fast vollständig verloren. Alles lag unter einer dichten Staubwolke, aus der nur vereinzelte Lichtblitze und dumpfe Geräusche drangen. Der Boden unter ihnen vibrierte weiterhin leicht.
„Komm mit mir, Geiger!“, rief Kodai in die Richtung, aus der er die Präsenz des Mannes vermutete. Er versuchte, sich im Nebel zu orientieren. „Ich baue eine Crew auf.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, zerriss ein neuer Lichtblitz die Dunkelheit. Plötzlich fegten mehrere Schüsse durch den Staub und flogen auf ihn zu. Instinktiv reagierte Kodai, hob die Energieklinge und lenkte die Projektile ab. Sie zerplatzten im Kontakt mit der Klinge und wurden in Funken und Energiefragmente zerstreut.
In diesem Moment spürte er etwas an seinem Hals.
Das Material seiner Klinge begann sich unkontrolliert auszubreiten, als würde es seiner eigenen Energie folgen. Es legte sich wie ein sich verändernder Kragen um seinen Hals bis hinauf zu seinem Kiefer, als hätte es beschlossen, ihn zusätzlich zu schützen oder zu verstärken.
Bevor er darüber nachdenken konnte, stürzten sich drei Gestalten aus dem Staubnebel hervor gleichzeitig auf Geiger.
Geiger reagierte jedoch nicht wie jemand, der überrascht wurde. Mit seiner freien Hand packte er den ersten Angreifer am Gesicht. Noch bevor dieser realisieren konnte, was geschah, entfuhr ihm ein schrecklicher Schrei, während sich Geigers Griff unnatürlich in sein Gesicht fraß.
Im selben Moment riss Geiger die große Spritze aus ihrem Halter und stieß sie mit einer präzisen Bewegung nach vorne. Dabei durchbohrte er nicht nur einen, sondern gleich zwei der Angreifer, die sich daraufhin sofort verkrampften und begannen, sich von innen heraus aufzulösen, als würde ihre Substanz selbst destabilisiert werden.
„Was hast du vor mit deiner Crew?“, fragte Geiger plötzlich ruhig, als würde er mitten in einem Gespräch stehen, das vom Chaos um sie herum unberührt blieb.
Aus dem Nebel kamen weitere drei Gegner nach, ihre Silhouetten kaum erkennbar, aber ihre Waffen bereits erhoben.
„Ich … will in das Abyss“, antwortete Kodai knapp, während er sich bereits in Bewegung setzte und den ersten der neuen Angreifer abfing. „Und Keystone finden.“
Die Angreifer gingen ohne zu zögern auf ihn los. Schwerter blitzten im schwachen Licht auf, während sie versuchten, ihn mit roher Gewalt zu überwältigen. Doch Kodai hielt stand. Seine Grundkampftechniken aus dem Internat griffen instinktiv ineinander, während er Schritt für Schritt die Bewegungen seiner Gegner las und sie in präzisen Gegenangriffen neutralisierte. Parallel dazu bewegte sich Geiger wie eine völlig andere Art von Kämpfer durch den Raum: ruhig, kontrolliert und beinahe chirurgisch. Er nahm die verbleibenden drei Angreifer mit erschreckender Effizienz auseinander, als würde er nicht kämpfen, sondern ein Experiment zu Ende führen.
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