Kapitel 124 - TM Bank
Wie dunkle Schatten ragten die Harbour Towers über Trimountaine auf. Seit Stunden peitschte Regen gegen die Glasfassaden und verwandelte die Straßen darunter in träge, schmutzige Ströme. Die Kanalisation war längst überfordert. Wasser drückte aus den Gullis nach oben, sammelte sich zwischen den Fahrzeugen und umspülte die Stiefel der Einsatzkräfte, die vor dem Eingang Stellung bezogen hatten.
Vanitas stand mitten im kalten Regen und blickte zu den oberen Stockwerken hinauf, deren Lichter durch die Wassermassen verschwommen flackerten.
„Komm mit, aber halt dich im Hintergrund“, sagte Sabine West, ohne ihn anzusehen.
Sabine West sprach, ohne ihn anzusehen. Ihre Stimme klang scharf und angespannt. Sie deutete kurz auf ihn und setzte sich sofort wieder in Bewegung. Vanitas folgte ihr zusammen mit dem Rest der Spezialeinheit von Section Shield. Vor ihnen ging Walter Scott, der breit gebaute Teamleiter. Links neben Vanitas schlenderte Mr. Clay durch das Wasser, viel zu entspannt für die Situation. Als Sabine Vanitas eben zurechtgewiesen hatte, hatte Clay leise gekichert, gerade laut genug, um gehört zu werden. Jetzt grinste er immer noch leicht vor sich hin. Sabine bemerkte es sofort, drehte den Kopf und warf ihm einen Blick zu, der jede weitere Bemerkung im Keim erstickte. Clay hob grinsend die Hände, sagte aber nichts mehr.
Vor ihnen glitt die große Schiebetür der Bank lautlos auseinander. Das Gebäude wirkte fast unwirklich modern. Kaum hatten sie die Eingangshalle betreten, erschien über ihnen eine holografische Projektion. Aiden Duff, der Chef der TM Bank, begrüßte jeden Besucher mit einem perfekten, künstlichen Lächeln. Die Projektion bewegte sich flüssig durch vorbereitete Gesten, während eine ruhige Stimme Sicherheit, Innovation und Vertrauen versprach. Vanitas ignorierte die Ansprache und ließ stattdessen den Blick durch die Halle gleiten. Scott und West hatten bereits einen Mann erreicht und sprachen gedämpft mit ihm. Erst auf den zweiten Blick erkannte Vanitas ihn richtig. Der Chef von Thor Incorporated, Abernathy Hood, stand wie immer geschniegelt und gestriegelt in der Lobby. Vanitas wusste sofort, wer er war. In den Nachrichten hatte man ihn oft genug neben Aiden Duff gesehen. Geschäftspartner. Noch bevor Vanitas diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, prallte plötzlich jemand gegen ihn. Der Zusammenstoß war leicht, aber unerwartet genug, dass Vanitas sofort herumfuhr.
„Tut mir leid“, sagte der Fremde direkt und hob kurz die Hände.
„Gar kein Problem“, antwortete der Fremde ruhig.
Der Mann wirkte unscheinbar. Er trug einen dunklen Mantel, sein Haar war nass und sein Gesicht würde man in einer Menschenmenge wahrscheinlich sofort wieder vergessen. Ein paar Meter entfernt bemerkte Sabine die Situation. Ihr Blick traf ihn sofort – kühl und auffordernd, als wollte sie ihm sagen, dass er sich konzentrieren sollte. Doch Vanitas ließ den Fremden nicht direkt gehen.
„Wie heißen Sie?“, fragte er schnell, noch bevor der Mann an ihm vorbeigehen konnte.
Der Fremde blieb stehen und drehte sich halb zu ihm um. Für einen kurzen Moment wirkte er ehrlich überrascht.
„Nolan Fitzgerald“, antwortete er. „Wieso fragen Sie?“
Vanitas musterte ihn genauer. Der Regen hatte dunkle Flecken auf seinem Mantel hinterlassen.
„Ich heiße Vanitas und arbeite für Section Shield“, sagte er. „Wir suchen jemanden.“
Nolan zog die Augenbrauen leicht hoch, sagte aber nichts.
Vanitas hielt den Blick noch einen Moment auf ihm, dann trat er schließlich zur Seite. „Sie können gehen. Danke.“
„Verstanden.“
Nolan Fitzgerald nickte knapp, wandte sich ab und verließ das Gebäude. Vanitas sah ihm nach, wie er durch die Schiebetüren hinaustrat und sofort wieder vom Regen verschluckt wurde. Die Wassermassen auf der Straße spiegelten für einen kurzen Augenblick sein verschwommenes Spiegelbild, bevor er endgültig zwischen den Schatten und den flackernden Lichtern von Trimountaine verschwand.
Während Vanitas Nolan Fitzgerald noch nachsah, hatten West und Scott ihr Gespräch längst beendet und bewegten sich bereits zielstrebig auf das Treppenhaus zu. Vanitas schloss zu ihnen auf und warf dabei automatisch einen Blick zu den Aufzügen auf der anderen Seite der Lobby. Ohne ein weiteres Wort begannen sie den Aufstieg. Ihre Schritte hallten dumpf durch das enge Treppenhaus, vermischten sich mit dem entfernten Summen des Gebäudes und dem leisen Dröhnen des Regens draußen. Je höher sie kamen, desto stickiger wurde die Luft. Selbst Mr. Clay, der sonst ständig grinste oder irgendeinen Kommentar abließ, wurde mit der Zeit ruhiger.
Als sie schließlich die neunundzwanzigste Etage erreichten, blieb Scott abrupt stehen und drehte sich zu Clay um. „Na los“, sagte er knapp. Clay grinste schief, dann begann sich sein Gesicht langsam zu verändern. Vanitas beobachtete genau, wie sich die Gesichtszüge verschoben, als würde die Haut selbst neu geformt werden. Das breite Grinsen verschwand, die Wangen wurden schmaler, die Nase veränderte ihre Form, bis schließlich das Gesicht von Aiden Duff vor ihnen stand. Es sah nicht nur ähnlich aus, sondern war erschreckend exakt. Selbst die kleinen Details wirkten echt genug, um jeden Scanner zu täuschen.
„Das wird echt nie weniger unangenehm“, murmelte West leise. Der falsche Duff reagierte nicht darauf. Er ging sofort weiter und führte die Gruppe in die dreißigste Etage. Direkt hinter der Tür standen bewaffnete Sicherheitskräfte, die die Situation sofort erfassten. Einer der Männer wollte bereits etwas sagen, doch Duff hob genervt die Hand.
„Lasst uns durch.“
Der Tonfall passte perfekt. Keine Unsicherheit, kein Zögern. Die Wachen tauschten nur einen kurzen Blick aus und traten sofort zur Seite. Gemeinsam betraten sie das Großraumbüro. Die Etage war riesig und voller Reihen aus Schreibtischen. Über den Arbeitsplätzen schwebten holografische Anzeigen. Überall liefen Datenströme über transparente Displays, während die Angestellten konzentriert arbeiteten und versuchten, die plötzlich auftauchende Gruppe zu ignorieren.
„Das ist eine ganz normale Vorgehensweise“, rief der falsche Duff laut in den Raum.
Einige Köpfe hoben sich kurz, doch niemand sagte etwas. Die meisten starrten schnell wieder auf ihre Bildschirme, als wollten sie bloß nicht auffallen. Scott und West liefen ohne zu zögern durch die Reihen hindurch und steuerten direkt auf einen bestimmten Schreibtisch zu. Dahinter saß ein schmaler Mann mit hellen Haaren und einer schmalen Brille. Seine Unsicherheit wurde sofort sichtbar, als er die Gruppe bemerkte.
„Sind Sie Peter Warner?“, fragte Scott ruhig.
Der Mann nickte irritiert. „Ja, aber was ...“
Mehr bekam er nicht heraus. Plötzlich packte Scott ihn am Arm und schleuderte ihn mit voller Wucht auf den Schreibtisch. Monitore kippten um, Unterlagen flogen zu Boden und mehrere Angestellte zuckten erschrocken zusammen. Noch bevor Warner reagieren konnte, hatte Scott ihm die Arme auf den Rücken gedreht und elektrische Handschellen angelegt. Ein kurzes Knacken ging durch die Fesseln, begleitet von blauer Energie, die über das Metall lief. Warner schrie kurz auf, bevor Scott ihn brutal wieder hochriss und zu Boden warf.
„Steh auf!“, sagte er schroff.
Im gesamten Büro war es inzwischen still geworden. Niemand arbeitete weiter. Die Angestellten beobachteten die Szene schweigend, wagten aber nicht, sich einzumischen.
Scott blickte zu Vanitas. „Durchsuche den Schreibtisch.“
Vanitas nickte und begann sofort damit. Der Laptop lag halb offen zwischen umgestürzten Unterlagen. Er griff danach und reichte ihn direkt an West weiter, die ihn kommentarlos entgegennahm. Danach arbeitete er sich durch die Schubladen, überprüfte Dokumente, Datentablets und persönliche Gegenstände, bis ihm schließlich etwas Kleines zwischen mehreren Mappen auffiel.
Es war ein flacher Holoprojektor, kaum größer als eine Münze. Direkt daneben lag ein schmaler Datenchip. Vanitas hielt kurz inne. Er ließ den Blick unauffällig durch den Raum wandern. Scott war damit beschäftigt, Warner wieder auf die Beine zu ziehen, und West beobachtete aufmerksam die Umgebung. Niemand achtete auf seine Hände. Langsam griff er nach dem Holoprojektor und dem Chip. Anstatt sie weiterzugeben, ließ er beide mit einer fließenden Bewegung in seinem Ärmel verschwinden.
Danach schloss er die letzte Schublade und richtete sich wieder auf. „Ich habe alles durchsucht“, sagte er ruhig.
Scott musterte ihn nur kurz und deutete dann in Richtung Ausgang. Gemeinsam verließen sie mit Warner das Großraumbüro.
„Sie wollen wirklich nichts trinken?“, fragte Vanitas, während er neben der Tür des Verhörraums stehen blieb. Peter Warner saß mit eingefallenen Schultern auf dem Stuhl und wirkte inzwischen deutlich kleiner als noch im Büro der TM Bank. Seine Hände lagen angespannt auf dem Tisch, die elektrischen Handschellen summten leise.
„Nein“, antwortete Warner knapp, ohne aufzusehen, und schüttelte den Kopf.
Vanitas musterte ihn noch einen Moment, dann nickte er leicht. „Wie Sie wollen.“
Er verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu. Im Flur wartete bereits Mr. Clay, der lässig gegen die Wand gelehnt dastand und mit gelangweiltem Ausdruck auf sein Synect blickte.
„Er will nichts“, sagte Vanitas beiläufig. „Ich geh mal kurz in die Pause.“
Clay hob kurz die Augenbrauen und winkte ab. „Mach hin.“
Vanitas setzte sich in Bewegung, ging jedoch nicht in Richtung Aufenthaltsraum, sondern tiefer in den Flur hinein. Der Bereich wurde ruhiger und abgeschotteter. Section Shield stellte seinen Mitgliedern private Räume zur Verfügung, die komplett abhörgeschützt und vom internen Netzwerk getrennt waren. Wenn sich jemand dort zurückzog, stellte niemand Fragen. Vanitas blieb vor einer schlichten Tür stehen und hielt seine Karte davor. Ein leises Piepen ertönte, dann glitt die Tür auf.
Der Raum dahinter war beinahe leer. Es gab noch keine persönlichen Gegenstände oder Einrichtung, außer einem einfachen Schreibtisch und einem Stuhl. Die Wände waren kalt, das Licht gedämpft und es herrschte absolute Stille. Für den Moment reichte das.
Er trat ein, schloss die Tür hinter sich und setzte sich langsam an den Tisch. Erst jetzt zog er den kleinen Holoprojektor aus dem Ärmel und legte ihn vorsichtig vor sich ab. Für einen Augenblick blieb seine Hand darauf liegen. Dann aktivierte er das Gerät. Ein schwaches Flimmern erschien über dem Projektor. Das Bild stabilisierte sich langsam, bis schließlich der verschwommene Umriss einer Person sichtbar wurde. Die Gestalt trug eine Maske, das Gesicht blieb verborgen und die Konturen waren durch zusätzliche Sicherheitsfilter verzerrt.
„Du bist nicht Warner“, sagte die verzerrte Stimme sofort.
Vanitas nickte leicht. „Nein.“
Er lehnte sich zurück und hielt den Blick fest auf die Projektion gerichtet. „Ich bin Vanitas, und ich weiß, dass du Silence bist.“
Die Gestalt reagierte nicht sichtbar.
„Ich will Informationen“, sagte Vanitas ruhig weiter. „Sonst landen die belastenden Daten, die ich gefunden habe, direkt bei WNN.“
Ein paar Sekunden lang herrschte Stille. Selbst das Summen der Technik schien leiser zu werden.
„Was willst du wissen?“, fragte Silence schließlich.
Vanitas atmete langsam ein. Seine Finger spannten sich leicht an, bevor er nach seiner Maske griff und sie deaktivierte. Das dunkle Material zog sich zurück und gab sein Gesicht frei. Doug Henderson sah der Projektion direkt entgegen.
„Ich will wissen, wer mein Vater ist“, sagte er leise. Seine Stimme klang kontrolliert, doch dahinter lag etwas anderes, etwas, das er offensichtlich lange mit sich herumgetragen hatte. „Er tut alles, um es geheim zu halten. Und alles deutet darauf hin, dass du die Wahrheit kennst.“ Die Projektion blieb reglos. Dann nickte Silence langsam. „Doug Henderson“, sagte die verzerrte Stimme nachdenklich. „Dann ist es wohl Zeit, dass du es erfährst.“ Doug hielt unbewusst den Atem an.
„Dein Vater ist Thomas Kessler von Kessler Industries.“
Die Worte trafen härter, als Doug erwartet hatte. Für einen kurzen Moment bewegte er sich nicht mehr.
„Du warst ein Bastardkind“, fuhr Silence ohne jede Emotion fort. „Thomas Kessler wollte damals das Unternehmen seines Schwiegervaters übernehmen. Ein unehelicher Sohn hätte Probleme verursacht.“
Doug starrte weiterhin auf die Projektion und war nicht in der Lage, etwas zu sagen.
„Heute“, sagte Silence, „hat er keinen legitimen Erben mehr. Vielleicht ist er dir inzwischen offener gegenüber.“
Das Bild flackerte leicht.
„Das ist alles, was du bekommst.“
Bevor Doug antworten konnte, brach die Verbindung ab. Die Projektion verschwand und hinterließ nur die leere Wand vor ihm. Der Raum wirkte plötzlich noch stiller als zuvor. Doug saß reglos da und atmete schwer aus. Nach einigen Sekunden aktivierte er sein Synect.
„Taka“, sagte er ruhig, sobald die Verbindung stand. „Ich schicke dir den Chip mit den belastenden Informationen. Damit kann Samuel gegen Schmidt vorgehen.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause. „Dann danke ich dir“, antwortete Takashi Ito schließlich.
Doug stand langsam auf und nahm den Datenchip wieder in die Hand. Sein Blick blieb kurz darauf liegen, bevor er weitersprach.
„Ich muss nach San Arenisca.“ „Und zwar auf unbestimmte Zeit.“
Wieder herrschte einen Moment lang Stille.
„Ich verstehe“, antwortete Taka ruhig.
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