Kapitel 120 - Vertrauen
Die Rasierklinge glitt langsam und kontrolliert entlang der von Samuel gezogenen Linie. Jeder Zug war präzise. Den Vollbart ließ er stehen, doch für die anstehende Verhandlung achtete er auf klare Konturen. Es ging nicht um Eitelkeit, sondern um Wirkung. Selbst unter diesen Umständen wusste er, wie wichtig der erste Eindruck war. Unter ihm sammelten sich die abgeschnittenen Barthaare im Waschbecken. Das Porzellan war längst stumpf geworden, übersät mit kleinen Rissen und dunklen Verfärbungen. Das Wasser lief träge ab und kämpfte sichtbar mit den Flusen, die sich im Abfluss verfingen. Es war ein Bild, das perfekt zu diesem Ort passte. Samuel drehte den Kopf leicht und sah in den Spiegel.
Das Glas war blind geworden, seine Oberfläche war von feinen Kratzern durchzogen, doch es reichte aus, um sich selbst zu erkennen. Sein Blick wanderte über seinen Oberkörper. Die deutlich ausgeprägten Muskeln waren das Ergebnis von Jahren konsequenten Trainings, das ihm Struktur gegeben hatte. Narben durchzogen seine Haut. Sie stammten von den Einsätzen als Nitechore, von Kämpfen, die er kaum noch auseinanderhalten konnte, und von den Jahren im Gefängnis, die auf ihre eigene Weise Spuren hinterlassen hatten.
Er hielt einen Moment inne und betrachtete sich, als würde er prüfen, wer ihm da eigentlich gegenüberstand. Dann wandte er sich ab.
Der Schrank in der Ecke war schlicht und funktional, kaum mehr als ein Metallkasten. Samuel öffnete ihn und nahm den Anzug heraus. Der Stoff war sauber und sorgfältig gepflegt. Als er das Hemd überstreifte, spannte es sofort über seinen Schultern. In den letzten fünf Jahren hatte sich sein Körper verändert. Mehr Training, mehr Disziplin, weniger Ablenkung. Das Jackett folgte, ebenso eng. Er zog den Stoff glatt und richtete den Kragen, bis alles saß.
Für einen kurzen Moment blieb er stehen, atmete ruhig durch und ließ die Hände sinken. Dann drehte er sich zur Tür und sah auf die Uhr darüber. Die Zeiger bewegten sich langsam, aber unaufhaltsam.
Die Tür öffnete sich mit einem gedämpften Zischen. Dahinter stand Karin Beck und wartete bereits auf ihn. Sie schenkte ihm ein Lächeln. In den vergangenen fünf Jahren war sie mehr als nur seine Ärztin gewesen. Sie waren Freunde geworden. Er war ihr dankbar, dass ihre Tochter und ihr Sohn für ihn arbeiteten.
Samuel erwiderte das Lächeln nur leicht. Dann wanderte sein Blick nach rechts in den langen, sterilen Gang, dessen kaltes Licht jede Kontur zu scharf zeichnete. Dort erkannte er sofort die ihm vertrauten, ungesunden Rundungen von Corbin, der sich mit überraschender Behändigkeit auf ihn zubewegte. Er trug dieses eigenartige Lächeln im Gesicht, das weder freundlich noch feindlich wirkte.
Corbin blieb vor ihm stehen, griff nach den metallenen Handschellen, die schwer und alt aussahen. Ohne Hast legte er sie Samuel um die Handgelenke. Nicht hinter dem Rücken, wie es Vorschrift gewesen wäre, sondern vorne, knapp vor seiner Hüfte. Diese kleine Abweichung war für Außenstehende kaum sichtbar, doch Samuel bemerkte sie sofort.
„Palmer, wir gehen“, sagte Corbin schließlich mit ruhiger Stimme. Samuel setzte sich in Bewegung und passte unbewusst sein Tempo an Corbins Schritt an, sodass sie fast synchron durch den Gang gingen. Ihre Schritte hallten leise auf dem glatten Boden wider, begleitet vom fernen Summen der tief in den Wänden verborgenen Anlagen.
„So freundlich heute“, sagte Samuel nach einigen Sekunden, ohne den Blick nach vorn abzuwenden. „Danke. Du hast mir und meiner Sache mehr geholfen, als dir wahrscheinlich bewusst ist.“
Corbin schnaubte leise. „Ich bin ungern Teil von etwas, das darauf abzielt, jemanden falsch zu behandeln“, antwortete er und ließ seinen Blick kurz durch den Gang schweifen, als wolle er sichergehen, dass niemand zuhörte. „Sabine und ich haben unseren Job gemacht, so wie man es von uns erwartet hat. Aber wenn die Grundlage manipuliert ist, wenn Spuren gelegt werden, die nie existiert haben, dann steht man im ersten Moment ziemlich verloren da.“
Er machte eine kurze Pause, als würde er die richtigen Worte abwägen, bevor er weitersprach. „Man folgt dem, was vor einem liegt, und merkt oft erst zu spät, dass der Weg absichtlich falsch gebaut wurde.“
Samuel nickte langsam. „Ich weiß“, sagte er leise, und in diesen zwei Worten lag mehr Verständnis als in einem längeren Gespräch.
Sie gingen weiter, tiefer in den Komplex hinein, vorbei an Türen ohne Beschriftung und an Kameras, die jede Bewegung registrierten, ohne jemals zu blinzeln. Die Luft wurde kühler und trockener, und mit jedem Schritt schien die Welt außerhalb dieses Ortes ein Stück weiter entfernt. „Corbin, ich bin ehrlich froh, dass Section Shield euch im Endeffekt nicht abgelöst hat.“ Corbin nickte. „Ich auch. Ich traue dem Haufen nicht. Ich bin auch froh, dass das PSB noch bestehen geblieben ist.“
Schließlich erreichten sie den nächsten Raum. Die Tür glitt auf und gab den Blick auf eine Umgebung frei, die sich deutlich von den bisherigen unterschied. Der Raum war größer, die Decke höher und entlang der Wände standen Reihen von speziellen Behältern und verschlossenen Einheiten, die jeweils gesichert waren. „Ich auch. Auch wenn sie Takashi und Hinata abgeworben haben.“
Ein schwaches, pulsierendes Licht durchzog den Raum. Samuel blieb für einen kurzen Moment stehen, bevor er weiterging.
In der ersten Zelle saß Janus „Fizzle“ Vile. Er saß zusammengesackt auf seinem Stuhl, nicht einfach dort. Sein Blick war starr und abwesend, als hätte er einen Ausweg im Kopf, den nur er sehen konnte. In der folgenden Zelle befand sich Edmond „Ratchetclaw“ Putch, dessen Körper selbst im Sitzen eine unruhige Spannung ausstrahlte. Metallische Prothesen schimmerten unter dem kalten Licht und gaben bei jeder Bewegung ein leises, kratzendes Geräusch von sich.
Samuel kannte beide nicht nur aus Akten oder Berichten. Er hatte ihnen gegenübergestanden und sie schließlich mit Theressas Hilfe überwältigt.
Nach ihnen folgten nur noch Gegner, die ursprünglich Theressa gegolten hatten – aus einer anderen Zeit. Heute nannte sie sich Talon, und allein dieser Name hatte begonnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Zuerst kam Idris „Velvet Prince“ Al-Khaled. Selbst hinter den Sicherheitsfeldern bewahrte er eine seltsame Eleganz, als wäre Gefangenschaft für ihn nur ein weiterer Zustand, den man mit Stil ertragen konnte. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick ruhig.
Danach folgte der Unbekannte, den sie nur Squint the Snake nannten. Über ihn gab es kaum gesicherte Informationen, nur Fragmente, Gerüchte und widersprüchliche Berichte. Selbst hier, eingesperrt und überwacht, wirkte er wie ein Fehler im System, etwas, das nicht vollständig erfasst werden konnte. Sein Blick war schmal und abschätzend, und er bewegte sich kaum, als würde jede unnötige Regung ihn angreifbar machen.
„Hast du Sibbi gesehen?“, fragte Corbin schließlich, als sie weit genug gegangen waren, sodass die Kameras zwar noch jedes ihrer Worte aufzeichneten, aber keine neugierigen Ohren mehr in der Nähe waren.
Samuel sah ihn kurz von der Seite an. „Nein. Und du, Corbin?“
Corbin schüttelte den Kopf und ein leises, fast überraschtes Schmunzeln entwich ihm. „Weißt du, Samuel“, begann er und ließ sich einen Moment Zeit, als würde er überlegen, wie viel er sagen wollte. „Du und Sibbi seid die Einzigen, die mich Corbin nennen. Für alle anderen bin ich einfach Dick. Richard, offiziell, aber das interessiert hier niemanden.“
Er atmete einmal tief durch, bevor er weitersprach, und seine Stimme verlor dabei einen Teil ihrer gewohnten Distanz. „Sie hat mehr durchgemacht, als man ihr ansieht. Sie hat dich verloren, ihre Schwester verloren und durfte dann nicht einmal ihre eigene Nichte aufnehmen. Als wäre das nicht genug, hat sie auch noch ihren Job verloren.“ Er machte eine kurze Pause, während ihre Schritte durch den Gang hallten und sich die nächste Sicherheitstür langsam vor ihnen aufbaute.
„Jetzt ist sie bei Section Shield“, fügte er hinzu, „und auf dem Papier läuft es wohl ganz gut. Neue Struktur, klare Aufgaben, bessere Ressourcen. Aber das sagt nichts darüber aus, wie es ihr wirklich geht. Sie hat sich komplett zurückgezogen. Es ist, als hätte sie beschlossen, alles hinter sich zu lassen.“
Samuel sagte zunächst nichts. Die Worte hingen zwischen ihnen, schwerer als das metallene Gewicht an seinen Handgelenken. Er nickte schließlich, kaum merklich.
Die nächste Sicherheitstür glitt mit einem tiefen, mechanischen Klang auf und gab den Weg in einen weiteren Abschnitt der Anlage frei. Dahinter lag ein Bereich, der noch abgeschotteter wirkte und noch weiter von allem entfernt war, was man als normal bezeichnen konnte. Ohne stehen zu bleiben, gingen sie hindurch und die Tür schloss sich hinter ihnen.
„Gehst du zu ihr?“, fragte Corbin nach einer Weile, ohne Samuel direkt anzusehen. Seine Stimme war leiser geworden, beinah vorsichtig, als würde er ein Thema betreten, das leicht kippen konnte.
Samuel ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine Schritte blieben gleichmäßig, doch sein Blick glitt für einen Moment über den Boden, als suchte er dort nach einer einfacheren Version der Wahrheit. „Ich denke, ich muss erst einmal selbst klarkommen“, sagte er schließlich. Die Worte klangen nüchtern. „Zu viel hat sich verändert. Zu viel ist passiert, während ich … nicht da war.“
Er hob den Kopf und seine Stimme gewann an Schärfe. „Erik ist jetzt Bürgermeister. Allein das hätte ich früher für unmöglich gehalten.“ Ein kurzes, trockenes Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es verschwand ebenso schnell wieder. „Und trotzdem ergibt es Sinn, wenn man sich ansieht, wie sich alles entwickelt hat.“
Corbin warf ihm einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts. Also sprach Samuel weiter, als hätte er seine Gedanken schon zu lange mit sich herumgetragen.
„Ich glaube wirklich, dass er an allem Schuld ist, was meine Situation angeht. Ich hole mir alles zurück“, fuhr er fort, nun deutlicher und klarer. „Die zerstörten Mauern, die überall auftauchenden Deviants, diese neue Ordnung, in der Menschen mit Fähigkeiten plötzlich mitten unter allen anderen leben können, als wäre es schon immer so gewesen.“ Er machte eine kurze Pause, während sie weitergingen, vorbei an den letzten Abschnitten des Komplexes, in denen sich die Luft bereits anders anfühlte, weniger kontrolliert und steril.
„Und dann sind da noch die Konzerne“, fügte er hinzu. Mit ihren sogenannten Maverick-Gruppierungen. Jeder von ihnen beansprucht, die Welt zu retten, und jeder spielt sich als Held auf. Aber in Wahrheit verfolgen sie ihre eigenen Interessen, und das scheint niemand infrage zu stellen.“ Seine Stimme wurde leiser, beinah nachdenklich. „Es ist zu viel auf einmal passiert. Zu schnell. Und nichts davon fühlt sich stabil an.“
Sie näherten sich dem Haupteingang, dessen massive Struktur sich deutlich von den inneren Bereichen abhob. Hier wirkte alles robuster und greifbarer, als hätte man bewusst versucht, den Übergang zwischen Innen und Außen zu markieren. Durch die verstärkten Scheiben fiel gedämpftes Tageslicht herein, das nach all den künstlichen Lichtquellen fast fremd wirkte.
„Du bist erstaunlich gut informiert, Samuel“, bemerkte Corbin schließlich und ließ ein kurzes Lachen hören, das die Schwere des Gesprächs für einen Moment aufbrach.
Samuel zuckte leicht mit den Schultern. „Ich hatte Zeit“, sagte er trocken.
Corbin grinste schief. „Man unterschätzt die Gefangenen.“
Sie erreichten die große Eingangstür. Für einen Moment blieben sie stehen, während das System sie identifizierte und freigab. Dann öffnete sich die Tür langsam und ein Schwall kühler Außenluft drang herein, vermischt mit den Geräuschen einer Welt, die nie stillstand. Draußen wartete bereits der Gefängnistransport. Das Fahrzeug wirkte schwer und funktional, es war für Sicherheit gebaut, nicht für Komfort. Seine dunkle Oberfläche reflektierte das Licht nur schwach. Ohne ein weiteres Wort traten sie hinaus und gingen auf den Transporter zu.

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