Osterspecial - Ostermesse

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Nach dem Ende der Ostermesse füllten sich die breiten Gänge zwischen den Kirchenbänken mit Menschen und gedämpften Stimmen. Die Menschen erhoben sich langsam, griffen nach ihren Mänteln und Taschen und begannen, sich in kleinen Gruppen in Richtung Ausgang zu bewegen. Der feine Geruch von Kerzenwachs und Weihrauch hing noch immer in der Luft und vermischte sich mit der kühlen Frische des Frühlings, die durch die geöffneten Türen hereindrang. Unter ihnen befand sich auch Marcus Hall. Der Mann mit den kurzen, blond geschnittenen Haaren verließ die Kirche mit ruhigen, beinahe mechanischen Schritten. Sein Blick war nach vorne gerichtet, als wolle er den Raum hinter sich möglichst schnell hinter sich lassen. Am Ausgang blieb der Pfarrer stehen, reichte den Gemeindemitgliedern die Hand und sprach ein paar freundliche Worte mit ihnen.

„Danke, dass du da warst, Marcus“, sagte er, als Marcus an ihm vorbeiging. Marcus nickte lediglich. Es war kein unhöfliches Nicken, sondern eines, das deutlich machte, dass er in diesem Moment nicht für Gespräche oder Höflichkeiten zu haben war. Ohne stehen zu bleiben, trat er hinaus ins Freie.

Vor der Kirche hatte sich bereits eine kleine Ansammlung von Gemeindemitgliedern gebildet. Einige genossen die Sonne, andere unterhielten sich angeregt über das Fest, über Familie, über Dinge, die an solchen Tagen gesagt wurden, weil sie gesagt werden mussten. Kinder liefen über den Vorplatz und ein leises Lachen lag über dem Gelände. Marcus ging an ihnen vorbei, hielt Abstand und ließ die Stimmen an sich abperlen. Er war beinahe am Ende des Kirchhofs angekommen, als eine Stimme hinter ihm erklang.

„Marcus Hall?“

Er blieb stehen und drehte sich um. Vor ihm stand eine ältere Dame mit einem schiefen Lächeln und wachem Blick. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, als prüfte sie, ob sie richtig lag.

„Du erinnerst dich doch an mich, oder? Miss Green?“, fragte sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Selbstverständlichkeit.

Marcus brauchte einen Moment, dann hellte sich sein Gesicht leicht auf.

„Ja, natürlich erinnere ich mich“, sagte er. „Ich habe bei Ihnen immer die besten Kekse bekommen.“

Die Dame lachte leise und zufrieden. Miss Green wirkte schrullig, aber herzlich.

„Das freut mich zu hören“, erwiderte sie. Dann rückte sie näher und senkte die Stimme ein wenig, als würde sie ihn in ein kleines Geheimnis einweihen. „Sag mal, könntest du mir eben helfen? Im Wohnzimmer steht noch eine Kiste, die runtergebracht werden muss.“

Sie musterte ihn offen.

„Du warst doch immer so ein netter junger Mann.“

Marcus atmete leise aus und warf einen kurzen Blick zurück zur Kirche. Die Gespräche liefen weiter, niemand schien es eilig zu haben. Schließlich nickte er.

„Ja“, sagte er ruhig. „Das kann ich machen.“

Miss Green lächelte zufrieden, deutete Richtung Seiteneingang und setzte sich bereits in Bewegung.

Gemeinsam betraten sie das Haus, dessen Innenräume im Vergleich zur hellen Kirche gedämpft und beinahe zeitlos wirkten. Die Luft roch nach alten Holzdielen, nach Staub und nach etwas Süßlichem, das Marcus sofort an frühere Besuche erinnerte. Miss Green ging ihm mit überraschend sicheren Schritten voraus und führte ihn durch einen schmalen Flur bis zu einer niedrigen Tür am Ende.

„Die Kiste steht im Wohnzimmer“, erklärte sie und öffnete die Tür zum Keller.

Marcus nahm die Kiste entgegen, die schwerer war, als sie aussah, und stieg vorsichtig die knarrenden Stufen hinab. Der Keller war kühl und staubig, das Licht schwach und gelblich. Bei jedem Schritt wirbelte feiner Staub in der Luft auf. Er stellte die Kiste an den gewünschten Platz, richtete sich auf, atmete einmal tief durch und trat dann den Weg zurück nach oben an. Als er wieder im Erdgeschoss war, wartete Miss Green bereits auf ihn. Sie stand mitten im Raum und hielt einen Teller mit ihren selbstgebackenen Keksen in den Händen, genau so, wie er sie aus seiner Jugend kannte. Ihr Blick ruhte erwartungsvoll auf ihm, freundlich, fast ein wenig stolz. Marcus blieb stehen und lächelte schwach.

„Da kann ich einfach nicht nein sagen“, sagte er, griff nach einem der Kekse und biss hinein.

Er biss hinein und für einen kurzen Moment war alles vertraut. Der Geschmack war genau derselbe wie früher: süß und warm. Er nickte unwillkürlich, während er kaute, als wolle er seine Zustimmung wortlos bestätigen. Doch noch während er den Keks herunterschluckte, veränderte sich etwas. Ein Schwindel setzte ein, erst kaum spürbar, dann stärker, als hätte jemand den Boden unter seinen Füßen verschoben. Sein Blick verlor an Schärfe, die Konturen des Raumes begannen zu verschwimmen und ein dumpfes Rauschen erfüllte seine Ohren. Marcus wollte etwas sagen, doch seine Zunge fühlte sich schwer an. Noch bevor er einen Schritt zurückmachen konnte, wurde es schwarz vor seinen Augen. Der Teller mit den Keksen blieb ruhig in Miss Greens Händen, während Marcus Hall das Bewusstsein verlor.

Als er wieder zu sich kam, fühlte sich sein Körper schwer und fremd an, als hätte er zu lange reglos gelegen. Kühle Luft strich über seine Haut, und der Geruch von feuchtem Beton lag in seiner Nase. Langsam öffnete er die Augen und brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo er sich befand. Er saß auf einem einfachen Stuhl in einer weitläufigen Halle aus grauem Beton. Die Wände waren glatt und roh, ohne Fenster und ohne erkennbare Markierungen. Das Licht kam aus unsichtbaren Quellen und leuchtete den Raum gleichmäßig, aber leblos aus. Seine Arme und Beine waren fest an den Stuhl gebunden, und die Fesseln schnitten unangenehm in die Haut, sobald er sich zu bewegen versuchte. Jeder Fluchtversuch erwies sich sofort als sinnlos. Noch während er versuchte, seinen Atem zu beruhigen, hörte er Schritte. Sie hallten langsam und bewusst durch die Halle und kündigten die Anwesenheit einer zweiten Person an. Ein Mann trat aus dem Schatten zwischen zwei Betonpfeilern hervor. Er trug eine lange, rote Tuchrobe, deren schwerer Stoff über den Boden schleifte und bei jedem Schritt leise raschelte. Sein Gesicht war vollständig hinter einer schwarzen Maske verborgen, über der ein rotes Tuch wie ein Schleier lag und jede Spur von Haut verdeckte, wodurch er etwas Unnahbares erhielt.

Der Mann blieb in einiger Entfernung stehen und neigte den Kopf leicht.

„Hallo, Marcus“, sagte er ruhig und beiläufig, als würden sie sich unter harmlosen Umständen begegnen.

Marcus spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

„Warum?“, fragte er mit heiserer Stimme. „Und wer bist du?“

Der Mann reagierte nicht sofort. Er stand einfach da, reglos, und ließ die Stille zwischen ihnen schwer werden. Schließlich begann er zu sprechen, ohne die Frage zu beantworten, als hätte sie für ihn keine Bedeutung.

„Du wirst Breakbeat genannt“, sagte er. „Du kannst explosive Schübe erzeugen und dich für kurze Zeit mit extremer Geschwindigkeit bewegen. Das ist eine seltene Fähigkeit, die schwer zu kontrollieren ist.“

Marcus’ Blick verengte sich, während der Mann langsam um ihn herumging.

„Du bist als Held noch völlig unbedeutend“, fuhr er fort, sachlich und fast analytisch. „Kaum bekannt, kaum verstanden, leicht zu formen. Doch genau deshalb bist du für uns interessant.“

Er blieb hinter Marcus stehen, nahe genug, sodass dieser den Stoff der Robe hören konnte, wenn der Mann sich bewegte.

„Ein Objekt mit Potenzial“, sagte er leise. „Mehr noch nicht.“

Ein kurzes Schnipsen durchbrach die Spannung. Im selben Augenblick vibrierte der Boden unter Marcus' Füßen. Noch bevor er begreifen konnte, was geschah, öffnete sich direkt unter dem Stuhl eine Luke. Der Beton verschwand, kalte Luft schlug ihm entgegen und dann riss es ihn nach unten. Stuhl und Körper fielen gemeinsam in die Tiefe. Ein Wasserbecken schlug über ihm zusammen, verschluckte ihn mit einem dumpfen, erstickten Geräusch und schnitt jedes Licht ab. Die Kälte raubte ihm den Atem, während er unter der Oberfläche versank und die Halle über ihm verschwand.


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