Kapitel 115 - Fischgeruch
Der penetrante Geruch von Fisch lag schwer in der Luft und legte sich wie ein unsichtbarer Schleier über den Hafen von Massilia. Zwischen den alten Kais und den schwankenden Booten hallten gedämpfte Geräusche wider, vermischt mit dem Kreischen entfernter Möwen. Über das unebene Kopfsteinpflaster bewegte sich eine einzelne Person gleichmäßig und zielgerichtet, als würde sie den Weg gut kennen. Die graue Jacke war schlicht und wettergezeichnet, darüber lag ein schwarz-goldener Schal, locker um den Hals gelegt. Dazu trug die Person Leggings und schwarze Sneaker, praktisch und unauffällig. Wo andere Haare getragen hätten, war der Kopf kahl. Der Hinterkopf war hingegen vollständig tätowiert. Feine Linien und Muster zogen sich über die Haut und wirkten trotz der Umgebung erstaunlich präzise. Ohne zu zögern bog die Person von der Hafenstraße ab und blieb vor einem heruntergekommenen Geschäft stehen. Die Fassade war verblasst, das Schaufenster trüb vor Schmutz und Zeit. Nach einem kurzen Blick auf die Tür betrat die Person das Geschäft und verschwand im Halbdunkel des Ladens.
„Jes Holm. Was für eine Ehre.“
Der bärtige Mann musterte die Person aufmerksam, während ein schiefes Lächeln unter seinem dichten Bart erschien. „Hat dich der Aureonigrum-Orden geschickt?“ Jes begegnete dem Blick ruhig. Der Mann vor Jes hatte dunkelbraune Haut und Dreadlocks, die ihm in schweren Strähnen fast einen Meter über die Schultern fielen. Sein genaues Alter ließ sich kaum einschätzen, der Bart verbarg jede klare Linie seines Gesichts, als hätte die Zeit selbst beschlossen, keine Spuren zu hinterlassen.
„Franklin Dubois“, erwiderte Jes gelassen. „Schön, dich wiederzusehen. Nein, nein, diesmal nicht. Ich bin wegen einer eher unerwarteten Situation hier.“
Franklins Augenbrauen hoben sich leicht und sein Interesse war sofort geweckt. Noch bevor er etwas sagen konnte, legte Jes einen kleinen Beutel auf den Tisch und schob ihn langsam in seine Richtung.
„Der gehört dir“, sagte Jes ruhig, „wenn du mir hilfst.“
Franklin griff nicht sofort danach. Stattdessen beobachtete er Jes einen Moment lang. Dann öffnete er den Beutel vorsichtig und sah hinein. Seine Miene veränderte sich schlagartig. Noch bevor er reagieren konnte, breitete Jes eine Weltkarte auf dem Tisch aus und glättete sie mit einer Hand.„Hier“, fuhr Jes fort und tippte mit einem Finger auf die Karte. „Du markierst mir alle Lumpanispitzen, die jemals festgestellt wurden. Jede einzelne.“
Franklin setzte zu einer Antwort an. „Was kannst du …“
Er brach ab, als sein Blick erneut auf den Inhalt des Beutels fiel.
Ein leises Lachen entwich ihm. „Oh“, sagte er schließlich, nun deutlich entspannter. „So viel illegaler Glimmer. Das nenne ich überzeugend.“
Er zog den Beutel zu sich heran und nickte.
„Ich danke dir. Und natürlich mache ich dir die Karte fertig.“

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