Kapitel 86 - Nun gut
Die Luft war erfüllt vom metallischen Geruch verbrannten Blutes. Markerschütternde Schreie sterbender Wesen und das Echo explodierender Geschosse durchzogen sie. Wesen, die aussahen, als hätte die Hölle ihre Tore geöffnet, fielen über die Stadt her. Section Shield war in voller Stärke im Einsatz. Bewaffnete Trupps in gepanzerten Exoanzügen kämpften Seite an Seite gegen die monströse Übermacht. Die Custodians schienen auf einmal wie eine segensreiche Entscheidung – zumindest in Samuels Augen.
Er selbst war mittendrin.
In seiner schweren, schwarzen Nitechore-Rüstung saß er auf seinem Skidbike. Das Fahrzeug, ein schlankes, schwebendes Ungetüm aus mattem Stahl, glich einem Pfeil, der durch das Chaos schnitt.
Rotes und violettes Blut klebte an seinem Vorderrad. Nicht alles davon war menschlich.
Er raste durch die brennenden Straßenschluchten, die von Trümmern, zerschossenen Drohnen und sich in Hauseingänge flüchtenden, schreienden Zivilisten gesäumt waren.
Für einen Moment übertönte das Geräusch seiner Triebwerke das gesamte Getöse.
In seinem Ohr knackte es.
Die Stimme von Jonah Cantina flammte trocken in seinem Helmsynect Add-on auf.
„Samuel, Marker 12A wird bereits von den Shenth eingenommen. Wir verlieren die Kontrolle über das Viertel. Wenn du etwas reißen willst, dann jetzt.“
Samuel antwortete nicht sofort. Seine Augen fixierten das Ziel vor sich. Es handelte sich um einen sogenannten Marker, einen Knotenpunkt, den die Shenth zu übernehmen versuchten.
Er duckte sich leicht nach vorne und hielt die Hände fest an den Griffen des Bikes.
„Verstanden“, murmelte er.
Dann drückte er das Gas weiter durch.
Der Energiemotor heulte auf, und ein greller Ruck ging durch den Rahmen, als das Skidbike auf über 300 km/h beschleunigte.
Zwischen ihm und dem Marker lagen nur noch drei Blocks – und ein ganzes Schlachtfeld.
Explosionen warfen Trümmer in den Himmel, Energiestrahlen rasten über seinen Helm hinweg. Ein Shenth sprang auf ihn zu, doch Samuel senkte das Bike und rammte das Wesen mit voller Wucht. Es explodierte in einem Schwall aus violettem Schleim.
Heute war kein Tag für Zweifel.
Am Horizont zeichnete sich ein gespenstischer Schatten gegen das glutrote Licht des brennenden Himmels ab.
Einer der Bohrköpfe der Shenth – ein kolossales, mechanisches Ungetüm, das von organischen Massen durchzogen war – schob sich mit bebender Entschlossenheit in Richtung Marker. Ein metallisches Dröhnen ging von ihm aus, als würde der Planet selbst unter seinen vibrierenden Zähnen erzittern.
Die Zeit arbeitete gegen ihn.
Er lenkte sein Skidbike scharf nach links, schoss durch eine geborstene Sicherheitsbarriere und wich einem explodierenden Hovertruck aus. Plötzlich leuchtete ein hellblauer Schein in seinem peripheren Sichtfeld auf.
Ein Skidcar schoss rechts neben ihn. Es war tiefgelegt und gepanzert und die Energieachsen knisterten im Takt der Beschleunigung.
Samuel warf einen kurzen Blick hinüber.
Hinter der getönten Scheibe sah er zwei ihm bekannte Gesichter.
Tavin saß wie immer regungslos und ernst wie eine Maschine am Steuer, während Theresa auf dem Beifahrersitz saß. Ihre Augen waren wach und fokussiert und ihre rechte Hand lag bereits auf dem Griff ihrer Plasmakanone.
Tavin drehte den Kopf leicht, als er Samuel erkannte. Seine Stimme kam über das gemeinsame Funknetz, klar und sachlich:
„Nitechore haben aufgeschlossen.“
Samuel nickte im Helm.
„Sehr gut“, antwortete er mit rauer Stimme. „Bitte kümmert euch um die Menschen im westlichen Quadranten. Es gibt Zivilisten, die keine Chance hatten zu fliehen. Holt sie raus.“
Nach einem kurzen Zögern kam Theresas Stimme hinzu:
„Verstanden. Und du?“
Samuel blickte wieder nach vorne. Der Bohrkopf war inzwischen bedrohlich nah.
„Ich hole mir ihren Anführer“, sagte er leise, fast mehr zu sich selbst als zu ihnen.
Tavin warf ihm einen letzten zustimmenden Blick zu.
Dann zogen sie hart nach links, und das Skidcar glitt elegant über das zerstörte Pflaster. Es verschwand in einer Seitengasse, in der bereits die ersten Shenth-Kreaturen auf sie lauerten.
Samuel sah noch, wie die beiden ausstiegen. Theresa rollte sich geschickt aus dem Wagen, hob ihre Waffe und feuerte auf ein schattenhaftes Wesen mit zuckenden Gliedmaßen. Auch heute hatte Theresa ihre normale Waffenwahl angepasst – heute würde niemand verschont. Tavin folgte ihr wie ein Schatten. Kühl, tödlich.
Dann war er allein.
Allein mit dem Sturm, dem brennenden Himmel und dem dröhnenden Herz aus Metall, das sich immer näher zum Marker schob.
Samuel griff fester an die Griffe seines Bikes. Die Zielerfassung in seinem Helm aktivierte sich automatisch, und sein Blick glitt über das sich nähernde Massiv aus Fleisch, Stahl und Verderben.
Er beschleunigte.
Er erreichte eine provisorische Absperrung aus verformten Fahrzeugwracks und zusammengeschweißten Schutzelementen. Rauch stieg in dünnen Schlieren vom Asphalt auf, das Licht der brennenden Gebäude flackerte auf seiner Nitechore-Rüstung.
Er stoppte sein Skidbike mit einem kurzen, mechanischen Zischen und stieg ab.
Ein bewaffneter Kämpfer mit schwerem Brustpanzer und Helm trat aus dem Schutz einer zerstörten Drohne hervor. Auf seiner Schulter prangte das Emblem von Section Shield, darunter frische Blutspritzer.
„Nitechore“, sagte der Mann knapp und trat ihm entgegen.
Samuel nickte wortlos, seine Schritte fest und zielgerichtet, als er an dem Mann vorbeiging.
Doch dieser ließ sich nicht abschütteln.
Er folgte ihm ein paar Meter, dann sprach er weiter, die Stimme etwas lauter, aber kontrolliert:
„Die kleinen Viecher haben wir im Griff. In den Gassen, an den Straßenecken … Wir säubern sie Stück für Stück.“
Samuel sagte nichts, aber sein Blick verriet, dass er auf weitere Informationen wartete.
„Das Problem ist etwas anderes“, fuhr der Mann fort, während er sein Synect aktivierte, ein holografisches Projektionsmodul am Unterarm.
Ein blaues Licht flammte auf, und ein flimmerndes Video erschien in der Luft zwischen ihnen.
„Da gibt es eine“, sagte er. „Eine Gegnerin. Nicht wie die anderen. Sie benutzt … Magie. Oder etwas, das zumindest so aussieht.“
Samuel beobachtete die Projektion.
Eine in Schwarz gekleidete Gestalt bewegte sich mit erschreckender Eleganz durch die Ruinen. Mit einer Geste hob sie mehrere Trümmerbrocken gleichzeitig in die Luft, als wären sie federleicht, und schleuderte sie mit enormer Wucht in verschiedene Richtungen.
Im nächsten Moment schossen schleimige, violett leuchtende Tentakel aus ihrem Rücken oder dem Boden selbst, rissen zwei Custodians von den Füßen und schleuderten sie gegen eine Wand, die unter dem Aufprall zerbrach.
Der Mann kommentierte trocken: „Unsere normalen Einheiten haben keine Chance. Wir haben inzwischen nur noch Custodians auf sie angesetzt, aber selbst die verlieren reihenweise.“
Samuel sah sich das Video in aller Ruhe an.
Dann deaktivierte der Section-Shield-Mann das Hologramm. „Was auch immer das ist, sie scheint nicht allein zu kämpfen. Ihre Präsenz zieht Shenth an wie Licht die Motten.“
Samuel nickte nur. Kein Wort. Kein überflüssiger Kommentar.
Er ging weiter.
Das Lager bestand aus notdürftig errichteten Versorgungsstationen, ausgebrannten Rettungswagen, zusammengebundenen Planen und Dutzenden Kämpfer:innen, die zwischen Verletzten, Ausrüstung und Hoffnungslosigkeit hin- und herliefen.
Auf einer Holotafel wurde auf einem provisorischen Kommandopunkt eine Karte von Saint Veronika mit roten Blinkpunkten angezeigt.
Samuel ließ den Blick schweifen und erstarrte für einen kurzen Moment.
Zwischen den Leuten vom SVPD, die gerade eine verletzte Frau abtransportierten, stand Sabine.
Sie trug ihre Uniform, das Haar war zurückgebunden und ihr Gesicht war vom Ruß gezeichnet.
Er richtete sich unbewusst etwas auf und veränderte seinen Gang leicht.
Nicht langsamer, aber bewusster.
Er ging unauffällig an ihr vorbei. Er tat so, als wäre sie eine weitere Figur in diesem Kriegschaos.
Aber sein Herz schlug schneller.
Sabine drehte sich nicht um. Vielleicht hatte sie ihn nicht gesehen.
Je näher Samuel dem nördlichen Ende des improvisierten Lagers kam, desto unruhiger wurde der Boden unter seinen Stiefeln, und das Zittern kam in Schüben.
Und dann sah er es.
Die Custodians, diese Elitekämpfer, die selbst im urbanen Feuersturm kaum ins Wanken gerieten, wurden wie nutzlose Puppen durch die Luft geschleudert. Ihre Körper prallten gegen Wände, Fahrzeuge und aufgerissene Straßenränder. Manche bewegten sich danach nicht mehr.
Die Szene wirkte grotesk und unwirklich, als hätte eine unsichtbare, chaotische Macht die Schwerkraft außer Kraft gesetzt.
Samuel blieb stehen, sein Blick ruhig und analytisch.
Ohne Eile, aber präzise, aktivierte er zwei kleine Drohnen, die bislang eng an seinen Schulterblättern geruht hatten. Mit einem leisen Surren lösten sie sich von seiner Rüstung, glitten in die Luft und schwenkten auf Beobachtungsposition.
„Aktiviere Taktikmodus“, sagte er leise in sein Synect. „Zuweisung: Luftüberwachung, Mustererkennung, Zielverhalten analysieren.“
Die Drohnen bestätigten mit einem leisen Signalton.
Samuel tippte auf die seitliche Schnittstelle seines Helms. „Tavin, ich teile dir jetzt die visuelle Lage mit. Zugriff wird geöffnet.“
Nach einem kurzen Knistern meldete sich Tavins Stimme kühl und nüchtern: „Empfangen. Wir analysieren. Theresa fährt.“
„Wunderbar“, murmelte Samuel, während er die Umgebung weiter abscannte.
Dann zögerte er einen Moment. Ein Anflug von Humor durchbrach seine Konzentration.
„Sag mal, hat sie überhaupt einen Führerschein?“
Die Antwort kam nicht von Tavin, sondern in einem überraschend lebhaften Ton aus dem Hintergrund:
„Nein, aber ganz ehrlich, ist das heute nicht scheißegal?“
Samuel schmunzelte, obwohl der Moment dafür denkbar ungeeignet war.
„Tavin, du bist eine KI. Warum überlässt du jemandem ohne Lizenz die Kontrolle über ein Hochgeschwindigkeitsfahrzeug in einem Kriegsgebiet?“
Tavins Antwort war so trocken wie eine Maschinenanalyse: „Sie hat darauf bestanden.“
Samuel nickte kaum merklich. „Wunderbar. Dann hoffe ich, du hast wenigstens die Sicherheitsprotokolle deaktiviert.“
„Schon längst geschehen.“
Ein letztes, tiefes Einatmen durch das Atemventil seines Helms. Dann schaltete Samuel seine Waffensysteme auf „bereit“ und fixierte das Zentrum des Chaos, in dessen Mitte sich die violett pulsierende Gestalt seiner Gegnerin bewegte.
Eine Aura aus Energie vibrierte um sie herum und deformierte mit jedem Schritt den Raum.
Seine Stimme wurde zu einem Flüstern: „Zeit zu tanzen.“
Ohne zu zögern sprintete er los. Seine Schritte waren schwer, aber kontrolliert. Wie eine schwarze Klinge schnitt seine Silhouette durch Trümmer und Rauch.
Er näherte sich dem Epizentrum des Schreckens und war bereit, sich der Quelle dieser übernatürlichen Gewalt zu stellen.
„Oh, der nächste Spielzeuggegner.“
Die Stimme klang fremd. Samuel blieb stehen. Der Staub legte sich, die Trümmer bewegten sich kaum, doch dann trat sie hervor.
„Bist du auch nur ein weiterer Android?“, fragte sie spöttisch.
Samuel schüttelte langsam den Kopf. Seine Stimme war tief, gefasst und beinahe ruhig: „Nein. Ich bin ein Mensch.“
Die Frau, wenn man sie überhaupt noch so nennen konnte, kam näher. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und raubtierhaft, doch sie berührte den Boden kaum.
Ihre Haut wirkte unnatürlich. Sie war grau mit einem violetten Schimmer, als wäre sie von etwas durchdrungen, das nicht in diese Welt gehörte. Kurze schwarze Haare umrahmten ein Gesicht, das einst menschlich gewesen sein musste, jetzt aber fremdartig wirkte.
Aber es waren ihre Augen, die Samuel am meisten beschäftigten.
Schmale, gelbe Pupillen wie bei einer Echse, die einen nur ansieht, um zu prüfen, wie viel Energie der eigene Körper wohl liefern könnte.
Dazu kamen spitze Zähne, die sichtbar wurden, als sie breit grinste.
Samuel sah sie ruhig an. „Nett, nett“, sagte er trocken mit einem schwer einzuordnenden Unterton. „Was bist du?“
Die Kreatur blieb stehen. Ihr Blick bohrte sich in seinen.
„Das ist nicht mehr von Bedeutung“, flüsterte sie. Ihre Stimme vibrierte nun dunkler und tiefer, beinah zweistimmig.
„Ich war vieles. Einmal war ich jemand. Jetzt bin ich nur noch Teil des Stroms.“
Dann hob sie die Hände leicht.
„Ich bin nun ein Shenth.“
Die Tentakel, die zuvor wie tote Schlangen an ihr gehangen hatten, begannen, sich zu bewegen und zu winden, als hätten sie einen eigenen Willen.
„Nennt mich Sivaz.“
Ein Donnergrollen ertönte in der Ferne, als hätte die Welt selbst darauf reagiert.
Samuel sagte nichts.
Er sah zu, wie ihr menschlicher Körper langsam von den Tentakeln erfasst wurde – nicht brutal und nicht ruckartig, sondern wie von liebkosenden Schatten, die sich ihrer Beute sicher sind. Sivaz ließ sich tragen und schwebte schließlich mehrere Meter von ihm entfernt, als sei sie ein zeremonielles Wesen.
Samuel atmete langsam durch. Seine Synect begann, Warnungen auszugeben, doch er schaltete sie ab.
Hier war keine Analyse mehr nötig.
Nur Klarheit.
Nur Kampf.

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