Kapitel 5 - Toffees









Samuel stand im Flur des Penthouses, in dem er mit seinem Vater Howard und seinem Assistenten Jarred lebte. Das Gebäude erhob sich mitten in Beacon Hill: ein Hochhaus im viktorianischen Stil, dessen Fassade noch immer etwas von der alten, gediegenen Würde des Viertels ausstrahlte. Drinnen jedoch fühlte sich alles anders an: kälter und fremder als in seiner Erinnerung. Samuel ging langsam durch die Räume. Sein Koffer rollte mit einem leisen, gleichmäßigen Rattern über den Parkettboden, bis er sein altes Zimmer erreichte. Kaum hatte er die Tür geöffnet, schlug ihm ein muffiger, staubiger Geruch entgegen, als hätte seit Jahren niemand mehr richtig gelüftet. 

An den Wänden hingen noch immer die alten Poster, verblasst, aber unverkennbar: der FC Everton, jener Fußballverein aus Liverpool, den er seit Kindertagen liebte. Er blieb einen Moment stehen und betrachtete sie. Sein Vater war damals mit ihm nach Liverpool gereist, nur um die Toffees einmal live spielen zu sehen. Es war eine dieser positiven Erinnerungen, die sich tief eingebrannt hatten. 
Er griff nach seiner Kulturtasche und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Er öffnete die Tür und in diesem Moment schien ihm die Luft aus den Lungen gepresst zu werden. Sein Brustkorb zog sich zusammen. Ihm wurde gleichzeitig heiß und kalt, ein Schauer lief ihm über den Rücken, während sein Herz zu rasen begann.
Dann waren die Bilder wieder da. Er sah das rote Wasser, das sich in dunklen Schlieren in der Badewanne ausbreitete und über den Rand auf die weißen Fliesen tropfte. Er sah die Klinge, die achtlos neben der Wanne auf dem kalten Boden lag; ihr Metall war stumpf vom getrockneten Blut. Und er sah die Frau. Sie lag reglos in der Wanne, ihre Haut war von einem fahlen, gräulichen Ton überzogen, der ihr jede Vertrautheit nahm. 

Erst nach einer Weile kam Samuel langsam wieder zu sich. Er bemerkte, dass er auf dem kalten Boden saß, den Rücken gegen den Türrahmen gelehnt und die Knie angezogen. Seine Hände zitterten leicht und für einen Augenblick wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. Schließlich rappelte er sich auf. Er legte die Kulturtasche achtlos zur Seite, warf einen letzten, fast widerwilligen Blick zurück ins Badezimmer und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Er kam ins Wohnzimmer und steuerte direkt die kleine Bar neben den staubigen Bücherregalen an. Er griff nach dem Gin, füllte das Glas mit Eiswürfeln, einigen Scheiben Gurke und Tonic auf, rührte kurz mit dem Finger um und ging zum Sessel hinüber, in den er sich fallen ließ. Der alte Ohrensessel war noch immer genauso bequem, wie er ihn in Erinnerung hatte. Er hielt das Glas in der Hand, drehte es langsam, ohne wirklich zu trinken. 

Da öffnete sich die Wohnungstür. Howard trat ein. Er war weniger muskulös als sein Sohn und hatte inzwischen fast vollständig ergrautes Haar, aber ansonsten war die Ähnlichkeit unübersehbar. Man sah auf den ersten Blick, dass die beiden Vater und Sohn waren.

„Samuel.“ Howards Stimme klang gedämpft und fast zögerlich.

Samuel blickte auf. „Vater.“

Sie standen sich einen Moment lang gegenüber.

„Was ist mit Albert passiert?“, fragte Samuel und stellte das Glas beiseite.

Sein Vater antwortete nicht sofort. Stattdessen ging er zum Bücherregal hinüber und ließ den Blick über die Buchrücken gleiten, als suche er dort nach den richtigen Worten. „Er ist aus seinem Büro gesprungen. Oder er wurde gestoßen. Man hat ihn tot aufgefunden.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. „Ich musste zum Vorstand. Wir haben Erik mehr Zugriffsrechte gegeben, damit im Unternehmen alles weiterläuft.“

Samuels Hand ballte sich zur Faust, seine Finger zitterten leicht vor unterdrückter Anspannung. Howard schien es nicht einmal zu bemerken; er war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft.

In diesem Moment flog die Tür erneut auf. Jarred Lee stürmte herein, offensichtlich in heller Aufregung. „Master, Howard …“ Weiter kam er nicht.

Hinter ihm drängten mehrere Polizisten in die Wohnung: drei uniformierte Streifenbeamte und zwei ranghöhere Vertreter des Boston Police Department. Einer von ihnen war ein korpulenter Mann mit schütterem Haar, dem trotz der Januarkälte der Schweiß auf der Stirn stand. Neben ihm stand eine mindestens 1,75 m große Ermittlerin mit langen, schwarzen, leicht gelockten Haaren, die ihr über die Schultern fielen. Sie musterte den Raum mit wachsamen Augen und lächelte schließlich.

„Howard Palmer. Wir nehmen Sie fest unter dem Verdacht, Albert Pretorius getötet zu haben.“

Sie wandte sich kurz den Streifenpolizisten zu, nickte ihnen knapp zu – ein stummes Zeichen, das sofort Wirkung zeigte. Howard versuchte, sich zu erklären, setzte mehrfach an, doch jeder Satz blieb unvollendet, erstickt von der Geschwindigkeit, mit der die Beamten handelten. Jarred reagierte als Erster. Er aktivierte sein Synect und wählte hastig die Nummer von Scott Hanley, dem Anwalt der Familie.

Während Jarred telefonierte, kam die Ermittlerin auf Samuel zu. Sie hielt ihm die Hand hin, und er ergriff sie.

„Sie sind Samuel Palmer?“, fragte sie. Doch noch bevor er antworten konnte, sprach sie bereits weiter. „Mein Name ist Sabine West. Könnten Sie in den nächsten Tagen zu uns kommen? Wir wissen, dass Sie bis vor Kurzem nicht in Boston waren, aber ein kurzes Gespräch wäre trotzdem hilfreich.“

Samuel nickte, noch etwas benommen von der Geschwindigkeit der Ereignisse. „Natürlich, ich komme vorbei.“

Sabine lächelte erneut, dieses Mal etwas länger. „Vielen Dank“, sagte sie und verließ die Wohnung mit denselben ruhigen, kontrollierten Schritten, mit denen sie gekommen war.

Samuel blieb reglos stehen, das leere Glas noch immer in der Hand, während Jarred hinter ihm weiterhin aufgeregt in sein Synect sprach.








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