Kapitel 6 - Nachtschicht
Samuel stieg die Treppen des Nebenturms hinauf, jenes älteren Bauwerks, das seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Pretorius war und sich wie ein steinerner Schatten an den modernen Hauptturm schmiegte. Während die gläserne Fassade des neuen Gebäudes weithin sichtbar über die Skyline von Boston ragte, kannte kaum jemand außerhalb der Familie diesen älteren Teil, der längst keinen praktischen Nutzen mehr hatte und nur noch als Wahrzeichen diente – ein steinernes Relikt. Der Geruch nach feuchtem Stein wurde mit jeder Stufe intensiver, während Samuel die enge Wendeltreppe emporstapfte. Die Wände waren kühl und leicht rau unter seinen Fingern. Das gedämpfte Licht, das durch schmale, hoch gelegene Fenster fiel, tauchte den Aufgang in ein diffuses, fast unwirkliches Halbdunkel.
Nach einer Weile erreichte er ein schmiedeeisernes Gitter mit einer kleinen Gittertür, die, wie es sich für einen Ort gehörte, der nicht für jeden zugänglich sein sollte, verschlossen war. Samuel trat heran, griff nach dem Tor und führte eine Bewegung aus, die trotz der vergangenen Jahre sofort wieder vertraut wirkte, als hätten seine Hände die Handgriffe nie verlernt. Ein kurzes, metallisches Klacken ertönte und das Tor öffnete sich widerstandslos.
„Es hat sich nichts geändert“, murmelte er leise vor sich hin. Dann setzte er seinen Weg die Treppe hinauf fort, Stufe für Stufe, bis er schließlich vor einem weiteren Tor stand, das diesmal offen war. Dahinter erstreckte sich eine schmale Brücke aus Stahl und Glas, die den alten Turm mit dem modernen Hauptgebäude verband und einen deutlichen architektonischen Kontrast zu dem jahrhundertealten Gemäuer bildete, aus dem Samuel gerade gekommen war.
Diese Ebene, das wusste Samuel, führte direkt in die Forschungsabteilung, jenen Teil des Unternehmens, der stets mit besonderer Geheimhaltung behandelt wurde und zu dem nur wenige Zutritt hatten.
Samuel trat an die Tür heran und setzte ein kleines, schwarzes, magnetisches Kästchen mit einer Präzision an den Rahmen, die verriet, dass er diesen Handgriff schon oft geübt hatte.
„Echo, kannst du öffnen?“
„Ehrlich, Sam, willst du dir wirklich den Tatort ansehen? Das ist verdammt kriminell, Mann.“ Echos Stimme klang gedämpft.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen, mechanischen Summen.
„Ich weiß, was ich tue“, erwiderte Samuel knapp. „Lass mich das einfach machen. Warum musst du eigentlich immer erst alles absichern, bevor du zu hundert Prozent sicher bist? Komm mir nicht mit Bedenken.“
Echo antwortete nicht sofort, offenbar mehr aus stillem Protest als aus Zustimmung.
Samuel schlich durch die Anlage, die erschreckend genau so aussah, wie er sie aus früheren Zeiten in Erinnerung hatte: dieselben kalten Metallflächen, dieselbe sterile Beleuchtung. Er steuerte zielstrebig die Station für Synect Add-ons an.
„So etwas bräuchte ich eigentlich auch zu Hause“, murmelte er halb zu sich selbst. „Kannst du mir die Anlage hochfahren?“
Die Maschine erwachte summend zum Leben.
„Was machst du da?“, fragte Echo diesmal mit deutlich schärferem Unterton.
„Ich will mir einen Synect-Anzug erstellen. Für Situationen wie diese hier.“ Samuel tippte konzentriert auf dem Bedienfeld herum. Seine Finger flogen über die Oberfläche, als hätte er diese Abfolge schon hunderte Male durchgeführt.
„Du bist nicht mehr bei der Armee, Samuel. Und auch nicht mehr Teil der Cross-Special-Einheit. Wie stellst du dir vor, dass du überhaupt noch in solche Situationen geraten solltest?“
Samuel ignorierte den Einwand und lud seine Daten in sein Synect hoch. Während der Übertragung war zu beobachten, wie unzählige winzige Nanobots aus der Anlage traten, sich wie eine feine, flüssige Schicht über seinen Körper legten und innerhalb weniger Sekunden vollständig verschwanden, als hätten sie sich in seine Haut eingebrannt.
„Ehrlich? Ich bin gut in solchen Dingen. Erst kläre ich diesen Mord auf und dann sehen wir weiter. Auf das Leben eines Playboys habe ich jedenfalls keine Lust.“
Das Synect leuchtete grün auf – ein stilles Zeichen, dass der Vorgang erfolgreich abgeschlossen war.
„Du könntest stattdessen auch eine Familie gründen“, warf Echo beiläufig ein.
Samuel aktivierte den Anzug. „Nein.“
Der Anzug, der sich nun um ihn legte, war tiefschwarz mit dunkelgrünen Applikationen, die sich wie feine Adern über den Stoff zogen. Auf dem rechten Oberarm prangten lediglich die beiden Buchstaben „NC“, ansonsten gab es keine weiteren Kennzeichnungen. Der Helm war vollkommen glatt, beinahe unheimlich in seiner Schlichtheit, wie das Gesicht einer Porzellanpuppe. Kaum hatte sich der Helm vollständig geschlossen, erschien auf seiner Vorderseite ein animiertes, dämonisch anmutendes Gesicht. Es formte sich in feinen, digitalen Linien und übersetzte Samuels Mimik in eine deutlich bedrohlichere Erscheinung.
In die Anzugstruktur auf beiden Schultern waren kleine Drohnen integriert, die Videomaterial aufzeichnen, Situationen in Echtzeit analysieren und im Ernstfall auch als Elektroschocker eingesetzt werden können. Die Sohlen der Stiefel bargen eingebaute Energiemodule, die kraftvolle Sprünge ermöglichten. Der gesamte Anzug war so konstruiert, dass er eingehende Schläge nicht nur abfederte, sondern die dabei freigesetzte Energie in verstärkte eigene Bewegungen umwandeln konnte. An den Unterarmen befanden sich ausfahrbare Widerhaken, die sowohl zum Klettern als auch im Nahkampf praktisch waren, und der rechte Arm verfügte zusätzlich über einen ausklappbaren Enterhaken. An der Hüfte, unauffällig in den Anzug eingelassen, verbargen sich zwei Kampfstäbe, die im Notfall zum Einsatz kommen konnten.
Samuel verließ die Forschungsetage, indem er den Aufzug betrat, dessen Türen sich lautlos hinter ihm schlossen. Der Anzug leistete ganze Arbeit – niemand hätte ihn in diesem Moment erkannt. Im Inneren des Aufzugs trat er zum Nummernpad und gab einen Code ein, den er seit vielen Jahren auswendig kannte – so vertraut, dass seine Finger die Ziffern fast automatisch fanden. Der Code wurde akzeptiert und der Aufzug setzte sich in Bewegung – hinauf zur obersten Etage. Als sich die Türen wieder öffneten, stand Samuel unmittelbar vor dem Absperrband, das die Polizei rund um den Tatort gespannt hatte.
„Wofür steht eigentlich NC?“, fragte Echo unvermittelt und beiläufig, während Samuel bereits über das Band stieg.
Er aktivierte seine Schulterdrohnen, die sich sogleich in die Luft erhoben, um den Raum systematisch zu scannen und alles, was sie erfassten, aufzuzeichnen. „Weißt du, in der Armee haben alle immer behauptet, die Nachtschicht sei eine lästige Pflicht, die man am liebsten vermeiden würde. Ich dagegen habe sie immer gemocht.“ Er ging langsam durch den Raum, seine Bewegungen ruhig und methodisch. „Je mehr ich miterlebt habe, welche Entscheidungen die Regierungen trafen und was wir am Ende ausführen mussten, ohne selbst mitreden zu können, desto öfter kam mir der Gedanke, private Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Jetzt ist es endlich meine eigene Entscheidung. Und um mich dabei zu schützen, arbeite ich nach denselben Prinzipien wie damals bei der Cross-Einheit.“
Plötzlich hielt er inne. „Oh, das ist interessant.“ Zwischen den Fasern des Teppichs hatte er ein einzelnes Haar entdeckt, blond und eindeutig nicht von seinem Vater stammend. „Ich habe ein Haar gefunden. Das muss ich analysieren lassen.“ Er richtete sich wieder auf und fügte beiläufig hinzu: „Ach ja, ich gebe mir übrigens einen Decknamen. Nitechore. Quasi die lästige Nachtpflicht, nur eben meine eigene Version davon.“
Er trat zum zerstörten Fenster, dessen zersplitterter Rahmen noch immer die rohe Gewalt des Vorfalls erahnen ließ. Die Drohnen kehrten zu ihm zurück, setzten sich auf seine Schultern, verharrten jedoch nur einen Moment, bevor sie erneut aufstiegen – diesmal, um ihn zu tragen. Sanft wurde Nitechore aus dem zerbrochenen Fenster gehoben und schwebte langsam hinunter in Richtung des alten Pretorius-Turms, dessen jahrhundertealtes Gemäuer sich dunkel gegen den Nachthimmel abzeichnete.
„Pass auf dich auf“, sagte Echo noch leiser als zuvor. Mehr Worte folgten nicht, dann brach der Kontakt ab.




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