Keystone Kapitel 8 - Ritterschlag

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Nachdem sie die verschachtelten Gänge des Slums hinter sich gelassen hatten, veränderte sich die Atmosphäre allmählich. Die feuchte, modrige Luft blieb Stück für Stück zurück und machte einer trockeneren Kälte Platz. Gleichzeitig gingen die engen Tunnel in stabilere Korridore über, die offensichtlich häufiger genutzt wurden. Je weiter sie gingen, desto deutlicher wurde das Licht des Raumhafens, das bereits schwach durch den Gang schimmerte und sich auf den dunklen Wänden spiegelte. Kodai war es schließlich, der die Stille brach. „Du bist echt ruhig, Geiger“, bemerkte er und warf ihm einen kurzen Blick von der Seite zu, während sie weiterliefen. „Also wirklich ruhig. Ich glaube, du hast seit einer halben Stunde vielleicht zehn Sätze gesagt.“ Geiger reagierte erst mit leichter Verzögerung, als müsste er die Bemerkung zunächst für sich einordnen. „Du hast mit mir niemanden gefunden, der viel redet“, antwortete er schließlich in seiner gewohnt sachlichen Art, ohne den Blick vom Weg vor ihnen abzuwenden. „Falls das deine Erwartung war, wäre es vermutlich besser gewesen, jemand anderen mitzunehmen.“

Kodai musste kurz lachen und strich sich durchs Haar.

„Nee“, sagte er locker. „Ganz ehrlich, ich glaube, genau das ist sogar ziemlich gut.“ Kodai schwieg einen Moment, bevor er erneut sprach, diesmal etwas ruhiger.

„Eigentlich habe ich dich auch nicht gefragt, weil du gut kämpfen kannst oder so“, sagte er und zuckte leicht mit den Schultern. „Du wirkst einfach ... als könntest du eine Familie gebrauchen.“

Geiger verlangsamte seinen Schritt kaum merklich. Sein Gesichtsausdruck blieb ruhig. Bevor Geiger allerdings antworten konnte, endete der Gang abrupt.

Das Licht des Raumhafens fiel direkt vor ihnen in den Tunnel hinein und tauchte den schmalen Ausgang in ein kaltes, weißes Leuchten. Doch noch bevor Kodai den ersten Schritt hinausmachte, bemerkte er die Gestalten, die bereits dort warteten.

„Der Doktor ... und der Verräter.“ Auric wartete bereits auf sie.

Der Kaiser saß nicht auf einem Thron, sondern auf einer seltsamen Plattform, die von zwei langen mechanischen Beinen getragen wurde. Die Konstruktion bewegte sich ruhig über den Boden und hob ihn mehrere Meter an, sodass er automatisch auf beide herabblickte. Das Metall seiner Maschine wirkte alt und schwer, aber stabil genug, um jede Form von Gewalt problemlos auszuhalten.

Neben ihm stand ein weiterer Mechanzug.

Die dunkle Panzerung wirkte massiv genug, um selbst Geschütztreffer auszuhalten. Im Inneren saß bereits eine von Aurics Wachen und wartete regungslos auf Befehle.

Kodai verzog leicht das Gesicht.

„Erich? Aua? Auric?“, sagte er und zeigte beiläufig auf den Kaiser. „Ganz ehrlich, ich habe immer noch keine Ahnung, wie du genau heißt.“ Aurics Grinsen wurde breiter.

Kodai verschränkte die Arme. „Aber eins weiß ich“, fuhr er fort und sah sich im Raumhafen um. „Du bist ein verdammt schlechter Herrscher.“ Für einen Moment wurde es still.

Dann begann Auric laut zu lachen, als hätte Kodai gerade einen besonders gelungenen Witz gemacht.

„Das ist interessant“, sagte er grinsend, während sich seine Plattform leicht bewegte. „Von jemandem, der meinen Planeten kaum kennt.“

Kodai hob nur leicht die Schultern. „Muss ich auch nicht“, antwortete er ohne zu zögern. „Ich habe den Slum gesehen. Kranke Leute, die einfach weggesperrt werden. Ärzte, die man einsperrt. Leute, die als unwertig bezeichnet werden. Das reicht mir ehrlich gesagt schon.“ Aurics Lächeln blieb bestehen, doch für einen kurzen Moment wirkten seine roten Augen deutlich schmaler.

Kodai ging inzwischen einfach an Geiger vorbei, als wäre die Situation längst entschieden, und stellte sich direkt vor den wartenden Mechanzug. Das seltsame Material an seinem Körper begann erneut leicht zu reagieren. Schwache Energie zog sich über seinen Arm.

„Wie wäre es mit einem Duell?“, fragte Auric plötzlich lachend und lehnte sich in seiner mechanischen Konstruktion entspannt zurück. „Der Gewinner darf gehen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Oder den Verlierer hinrichten.“

Kodai schnaubte kurz und lockerte die Schultern, als würde ihn diese Drohung kaum beeindrucken.

„Klar“, sagte er trocken. „Warum eigentlich nicht?“

Gerade als er sich bereitmachen wollte, hob Geiger plötzlich die Hand und trat ruhig an ihm vorbei.

„Ich mache das“, sagte er. „Danke, Kodai.“

Kodai blinzelte überrascht und sah ihm kurz hinterher.

„Äh ... okay“, sagte er schließlich und trat tatsächlich einen Schritt zur Seite. „Soll mir recht sein.“

„Oh“, sagte Auric amüsiert und sah auf Geiger herab. „Das könnte tatsächlich unterhaltsam werden.“

„Und los!“

Kaum hatte Auric die Worte ausgesprochen, setzte sich der gewaltige Mechanzug seines Wachmanns in Bewegung. Mit schweren, scheppernden Schritten raste die Maschine auf Geiger zu und ließ bei jeder Bewegung Metall auf Metall kreischen. Der Boden vibrierte unter dem Gewicht des Kolosses, während sich Staub aus den Fugen des Raumhafens löste. Kodai beobachtete die Szene mit verschränkten Armen, doch seine Haltung spannte sich leicht an.

Geiger dagegen wirkte beinahe unnatürlich ruhig.

Kein Schritt zurück. Kein sichtbarer Zweifel. Sein Blick ruhte vollkommen auf dem Gegner, als würde er nicht gegen einen bewaffneten Mech antreten müssen, sondern lediglich eine komplizierte Aufgabe lösen.

Der Wachmann holte aus.

Eine gewaltige Metallfaust schoss mit solcher Wucht nach vorne, dass die Luft kurz zu zittern schien. Im letzten Augenblick wich Geiger zur Seite aus – gerade weit genug, damit der Schlag knapp an ihm vorbeiraste und stattdessen mit brutaler Gewalt in die Hauswand hinter ihm krachte. Stein splitterte auseinander und Staub wurde in alle Richtungen geschleudert.

Doch der Gegner nutzte den Schwung geschickt aus.

Noch aus derselben Bewegung heraus drehte sich der Mech und schlug mit dem Handrücken nach Geiger, bevor dieser erneut Abstand gewinnen konnte.

Diesmal traf der Angriff.

Mit voller Wucht wurde Geiger quer über den Platz geschleudert und krachte gegen die Wand eines Hauses, die unter dem Aufprall sichtbar nachgab. Für einen kurzen Moment blieb er reglos im Schutt sitzen, während kleinere Steinstücke um ihn herum zu Boden fielen. Kodai machte sofort einen Schritt nach vorne.

„Geiger!“

Doch noch bevor er eingreifen konnte, bemerkte er etwas Seltsames. An den Stellen, an denen Geigers nackte Haut die beschädigte Wand berührte, begann der Stein langsam zu zischen. Der Wachmann schien davon nichts zu bemerken.

Mit schweren Schritten näherte er sich Geiger, griff ihn am linken Arm und zog ihn ohne sichtbare Mühe hoch, als wäre dieser kaum schwerer als ein Sack Metallteile.

Aurics Lachen hallte derweil laut durch den Raumhafen.

Er lehnte sich entspannt auf seiner mechanischen Plattform zurück und schien sich köstlich zu amüsieren.

„Das soll dein großer Doktor sein?“, rief er lachend zu Kodai hinüber. „Ich hatte ehrlich gesagt etwas Beeindruckenderes erwartet.“

Kodai antwortete nicht. Irgendetwas an Geiger sagte ihm, dass der Kampf noch nicht vorbei war. Und tatsächlich veränderte sich plötzlich die Luft um den Doktor.

Zunächst kaum sichtbar, begann ein dünner grüner Dampf aus seiner Haut aufzusteigen. Zunächst waren es nur feine Schwaden, doch innerhalb weniger Sekunden wurde daraus eine dichte, unruhige Wolke, die sich langsam um seinen Körper legte und selbst durch die kleinen Öffnungen des Mechanzugs drang.

Der Wachmann stockte.

Ein kurzes Husten.

Dann noch eines.

Sein Griff lockerte sich.

Plötzlich begann die schwere Maschine leicht zu schwanken, während aus dem Helm hektische Atemgeräusche drangen und der Soldat sichtbar nach Luft rang.

Geiger nutzte den Moment ohne zu zögern.

Kaum hatte der Gegner ihn losgelassen, stieß er sich mit überraschender Geschwindigkeit vom Boden ab und sprang direkt auf den Mech. Mit einer flüssigen Bewegung zog er die übergroße Spritze aus ihrem Halfter und rammte sie mit brutaler Präzision durch die Frontscheibe des Helms.

Das Glas zerbarst.

Noch bevor der Wachmann überhaupt reagieren konnte, betätigte Geiger den Mechanismus.

Die grüne Flüssigkeit schoss in den Helm.

Für einen kurzen Augenblick bäumte sich der Mech heftig auf, als würde der Körper im Inneren verzweifelt gegen die Säure ankämpfen. Dumpfe Schläge hallten aus dem Inneren der Rüstung, gefolgt von krampfartigen Zuckungen, die immer schwächer wurden, bis schließlich nur noch Stille blieb. Langsam sackte der gewaltige Mech zur Seite und schlug mit einem dumpfen Krachen auf dem Boden auf. Dadurch flogen erneut Staub und kleine Steinbrocken durch den Raumhafen.

Als sich der aufgewirbelte Schmutz langsam legte, stand Geiger bereits wieder aufrecht neben dem reglosen Metallkoloss.

Für einen langen Moment herrschte Stille im Raumhafen.

Der gewaltige Mech lag regungslos auf dem Boden. Aus den beschädigten Stellen stieg noch schwacher Rauch auf, während aus freigelegten Leitungen kleinere Funken sprühten. Geiger stand daneben, vollkommen ruhig wie zuvor, den Blick bereits wieder auf Auric gerichtet, als wäre der Kampf längst abgeschlossen und jede weitere Diskussion Zeitverschwendung.

Aurics Gesicht hatte sich dagegen sichtbar verändert. Das selbstgefällige Grinsen war verschwunden.

Dann räusperte sich Auric abrupt.

„Ja“, begann er und hob eine Hand, als müsste er die Situation erst neu ordnen. „Das war Glück.“

Sein Blick sprang zwischen Geiger und dem reglosen Mech hin und her.

„Und außerdem geschummelt“, fügte er schnell und deutlich lauter hinzu. „Der Doktor hat ein Hilfsmittel benutzt.“

Kodai starrte ihn kurz an.

„Bruder, der Typ ist Arzt“, sagte er trocken und zeigte auf Geigers riesige Spritze. „Natürlich benutzt er Hilfsmittel. Das ist ungefähr so, als würdest du einem Ritter verbieten, ein Schwert zum schlagen zu benutzen.“

Auric ignorierte ihn vollkommen. Um ihn herum hatten sich inzwischen mehrere Wachen enger zusammengestellt. Die Stimmung hatte sich verändert. Das nervöse Flüstern, die kurzen Blicke untereinander und die angespannten Haltungen wirkten plötzlich nicht mehr so, als würden sie sich auf Kodai und Geiger konzentrieren, sondern auf Auric.

Sondern auf Auric.

Kodai bemerkte es sofort.

„Äh“, murmelte er leise und sah kurz zu Geiger. „Bilde ich mir das ein, oder sieht das gerade nach einem ziemlich miesen Arbeitstag für den Kaiser aus?“

Noch bevor Geiger antworten konnte, trat einer der höherrangigen Soldaten nach vorne.

Er wirkte älter als die anderen, seine Uniform war deutlich aufwendiger verarbeitet und mehrere metallene Abzeichen zogen sich über seine Schulterplatten. Seine Haltung war aufrecht, kontrolliert und vollkommen frei von der Nervosität der übrigen Wachen.

Langsam ging er direkt auf Auric zu.

Aurics Gesicht verfinsterte sich augenblicklich.

„Was soll das?“, fragte er scharf.

Der General blieb wenige Schritte vor ihm stehen.

„Auric“, sagte er ruhig und ohne jede erkennbare Emotion. „Sie werden Ihres Amtes enthoben.“

„Was?“

Der General reagierte nicht auf den Tonfall. Stattdessen aktivierte er ein kleines Gerät an seinem Arm und zeigte seinen Leuten eine Projektion, die über seinem Handgelenk erschien. Sofort begannen mehrere Wachen, ihre Positionen zu verändern.

Einige traten unauffällig näher an Auric heran.

Andere blockierten mögliche Ausgänge.

„Wow“, murmelte er. „Das ging schneller als gedacht.“

Aurics Gesicht verlor zunehmend Farbe.

„Ihr wagt es ...“

„Die Entscheidung wurde getroffen“, unterbrach der General ihn ruhig. „Ihre Herrschaft hat zu Instabilität, Ressourcenverlust und internen Aufständen geführt. Die Unterstützung des Rates ist nicht länger vorhanden.“

Zum ersten Mal wirkte Auric sprachlos.

Während sich die Situation hinter ihm weiter zuspitzte, löste sich einer der Soldaten aus der Gruppe und ging direkt auf Kodai und Geiger zu.

„Kommt mit“, sagte er ruhig und nickte in Richtung der Hangars. „Ich bringe euch zum Shuttle.“

Kodai sah erst zu ihm, dann zurück zu Auric, dessen Welt gerade sichtbar auseinanderzufallen schien.

„Sicher?“, fragte er und deutete hinter sich. „Es wird gleich unruhig“, erklärte er knapp. „Und wenn ihr klug seid, geht ihr jetzt.“ Kodai grinste kurz. „Okay“, sagte er schließlich und klopfte Geiger locker auf die Schulter. „Klingt nach unserem Zeichen, Doktor.“


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