Kapitel 3 - White
Das kalte, weiße Licht der Deckenlampen legte sich über den Befragungsraum. Der Raum war funktional eingerichtet: ein Tisch aus gebürstetem Stahl, drei Stühle, eine Kamera in der oberen Ecke und eine Lüftung.
Michael König saß allein an dem Tisch. Seine Hände ruhten zunächst auf der Metallplatte, doch nach wenigen Sekunden begann er wieder, sie ineinander zu verkrallen und die Finger unruhig gegeneinander zu pressen. Dann lockerte er den Griff, nur um kurz darauf erneut damit anzufangen – ein Kreislauf, der sich immer wieder von selbst in Gang setzte. Sein Gesicht wirkte eingefallen, seine Haare waren nicht mehr so makellos wie noch im Club und von der glatten Selbstsicherheit des Mannes, der sie in Berlin noch so höflich begrüßt hatte, war inzwischen nur noch wenig übrig. Er starrte auf die Tischplatte, als könnte er dort eine Antwort finden, die ihn aus dieser Lage befreien würde.
Dann flog die Tür auf. Mateo trat ein. Er bewegte sich mit diesem kontrollierten, strammen Schritt, den Samuel an ihm kannte. Das Licht fing sich für einen Moment in seinem dunklen Haar, bevor die Tür hinter ihm wieder ins Schloss fiel.
Mateo hatte einen südländischen, hellbraunen Hautton, der seine Gesichtszüge weich erscheinen ließ. Sein schwarzer Dreitagebart verlieh ihm etwas Zugängliches, beinahe Freundliches. Menschen unterschätzten ihn in den ersten Minuten fast immer. Sie hielten ihn für die umgänglichere der beiden schlechten Optionen, für den Mann, mit dem man wenigstens reden konnte. Meist merkten sie erst deutlich zu spät, dass gerade das Mateo so gut machte. Seine Wangen waren etwas voller, als man es bei seinem sonst durchtrainierten Körper erwarten würde.
Er blieb einen Moment vor dem Tisch stehen und sah König einfach nur an. Keine Begrüßung, keine Vorstellung. König hob langsam den Kopf.
Noch bevor jemand etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür ein zweites Mal. Robert Ward betrat den Raum.
Ward war der Leiter von Section Shield und einer der wichtigsten Verbindungsmänner zwischen der Armee der Vereinigten Republik und den Nachrichtendiensten. In den Akten wurde er als Stratege beschrieben, als Mann für Sonderlagen, für jene Bedrohungen, die sich mit gewöhnlichen Mitteln längst nicht mehr kontrollieren ließen. Seine kurzen grauen Haare und der sauber gepflegte graue Vollbart verliehen ihm die Ausstrahlung eines Mannes, der in Vorstandsetagen ebenso glaubwürdig wirken konnte wie in einem Krisenstab des Militärs. Auf den ersten Blick hätte man ihn eher für einen Finanzexperten gehalten, für einen Analysten, der über Milliardenbudgets entschied und ausschließlich mit nüchternen Zahlen arbeitete.
Sein Blick glitt kurz durch den Raum, über König, über Mateo und die Kamera in der oberen Ecke. Dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich mit einer Gelassenheit, die ihm niemand abnahm.
„Herr König“, sagte er ruhig.
König schluckte hörbar. „Ich nehme an, Sie wissen, wer ich bin“, fuhr Ward fort, ohne die geringste Eile.
„Section Shield“, antwortete König mit belegter Stimme.
Ward nickte leicht. „Dann sparen wir uns den formellen Teil.“
Mateo setzte sich nicht. Er blieb neben dem Tisch stehen, leicht seitlich versetzt, sodass König ihn während des gesamten Gesprächs im Blick hatte.
Ward legte beide Hände ruhig auf den Tisch. „Sie hatten einen Mann in einem versteckten Raum gefangen gehalten. Sie haben ihn an ein Gestell gefesselt, das gezielt auf psychologische Zersetzung ausgelegt ist. Einer unserer Agenten liegt nach einem mutmaßlichen Kontakt mit einer Lumpanid-Munition in einer medizinischen Kapsel. Sie werden mir jetzt erklären, warum Ihr Club plötzlich zu einem Umschlagplatz für Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten geworden ist und warum einer unserer Leute bis in die Basis von EID verfolgt und angegriffen wurde.“
König versuchte, Haltung zu bewahren, doch seine Finger verrieten ihn erneut: Sie kneteten sich ineinander, pressten, lösten sich und fanden wieder zueinander. „Ich will einen Anwalt.“
Mateo lachte leise auf. Ward hingegen reagierte überhaupt nicht darauf. „Sie bekommen medizinische Versorgung, Wasser und eine faire Chance, Ihre Lage zu verbessern“, sagte er ungerührt. „Mehr sollten Sie im Moment wirklich nicht erwarten.“
König hob den Blick. „Ich habe niemanden gefoltert. Außerdem habe ich mit dem Angriff nichts zu tun. Sie haben mit ihrem Einsatz alles aufgemischt.“
Ward drehte den Kopf ein paar Grad zur Seite, gerade genug, um Mateo anzusehen. „Siehst du“, sagte er ruhig, „das ist immer der Moment, an dem Gespräche anstrengend werden.“
Mateo verschränkte die Arme. „Weil sie glauben, wir hätten die Beweise nur zum Spaß mitgebracht.“
Ward nickte knapp und richtete seinen Blick wieder auf König. „Wir haben den Raum gesehen. Wir haben den Mann daraus befreit. Wir haben Ihre Infrastruktur, Ihre Sicherheitsleute und Ihre gesamten Kommunikationswege beschlagnahmt. Sie können jetzt entscheiden, ob Sie uns weiterhin mit halbgaren Lügen aufhalten wollen oder endlich begreifen, dass wir längst den Punkt überschritten haben, an dem Sie noch bestimmen, worüber hier gesprochen wird.“
Zum ersten Mal wich König dem Blick des älteren Mannes aus. Hinter der Scheibe beobachtete Samuel, wie sich das Verhör bereits in den ersten Minuten spürbar zu verschieben begann.
„König“, sprach Ward den Namen ruhig aus. Er saß inzwischen nicht mehr am Tisch, sondern einige Schritte davon entfernt, an die Wand gelehnt, die Arme locker vor der Brust verschränkt.
„Sie haben Sinan Allaoui über Jahre hinweg in Ihrem Netzwerk verfolgt und ihn zuletzt gegen seinen Willen in Ihrem Keller festhalten lassen.“
Michael König hob den Blick nicht. Er starrte weiter auf die kalte Metallplatte vor sich, als könnte er sich darin verkriechen. „Nur drei Wochen“, murmelte er schließlich.
Mateo, der bis dahin schweigend neben dem Tisch gestanden hatte, schob sich langsam nach vorn und stützte beide Hände auf die Tischkante.
„Drei Wochen“, wiederholte Mateo mit einem leichten Lächeln. „Das ist Ihre Verteidigung?“
König schluckte. „Die Greys haben ihn zu mir gebracht.“
Im Beobachtungsraum hinter der Scheibe wechselten Samuel und Blake einen kurzen Blick. Das war schneller gegangen, als Samuel erwartet hatte. König war nervös, aber nicht gebrochen. Er redete, weil er hoffte, mit halben Wahrheiten davonzukommen.
Mateo blieb dicht über dem Tisch stehen. „Für wen?“
Die Frage kam leise, fast sanft. König hob jetzt tatsächlich den Kopf und sein Blick sprang zwischen Mateo und Ward hin und her.
„Er nennt sich Mister White“, sagte König schließlich. „Ich kenne seinen echten Namen nicht.“
Ward löste sich von der Wand und trat langsam einen Schritt näher. „Sie kennen ihn nicht“, wiederholte er nachdenklich. „Und trotzdem nehmen Sie einen gefesselten Mann von einer Terrorgruppe entgegen, halten ihn in einem Geheimraum fest und stellen dabei keine einzige Frage?“
„Ich habe Fragen gestellt.“
„Dann beantworten Sie jetzt unsere.“
Königs Finger arbeiteten wieder gegeneinander, kneteten, lösten und pressten in einem Takt der Unruhe, der längst verriet, wie sehr ihn der Raum unter Druck setzte. Ward blieb einfach stehen. „Beschreiben Sie ihn.“
König nickte sofort und wirkte sichtlich erleichtert, endlich auf etwas Konkretes ausweichen zu können. „Er trug einen weißen Anzug. Sehr sauber, fast schon zu geschniegelt für diese Art von Geschäft.“ König räusperte sich kurz. „Dazu ein blutrotes Hemd, aber keine Krawatte. Und eine Maske.“
Mateo zog die Augenbrauen leicht hoch. „Was für eine Maske?“
„Rot. Kreisrund. Glatt. Nur mit Aussparungen für die Augen.“ König hob die Hand und deutete vage vor sein eigenes Gesicht, als würde er die Form nachzeichnen. „Keine Verzierungen, keine Symbole. Einfach nur rot, wie lackiert.“
Samuel beobachtete hinter der Scheibe, wie sich Wards Haltung minimal veränderte.
„Weiter“, sagte Ward.
„Man konnte Haare unter der Maske sehen, weißblond, schulterlang.“ König atmete einmal tief durch. „Er war groß, sehr groß, schmal, aber nicht schwach. Eher …“ Er suchte einen Moment nach dem richtigen Wort. „Sehnig. Wie jemand, der nicht viel Masse braucht, um trotzdem gefährlich zu sein.“
„Akzent?“, fragte Mateo.
„Schwer zu sagen.“
„Versuchen Sie es trotzdem.“
König leckte sich nervös über die Lippen. „Er sprach ruhig, fast freundlich, ohne jede Hektik. Sein Deutsch war sauber, aber nicht ganz natürlich. Vielleicht osteuropäisch, vielleicht auch etwas ganz anderes. Ich kann es nicht genauer sagen.“
„Und die Greys haben einfach einen Mann wie Sinan Allaoui an ihn verkauft?“, fragte Ward.
„Nicht direkt an ihn.“ König schüttelte den Kopf. „An mich, zumindest formal. Ich sollte ihn zwischenlagern, bis White selbst entscheidet, was mit ihm geschieht.“
„Zwischenlagern.“ Mateo sprach das Wort aus, als schmecke es ihm regelrecht faul im Mund. „Sie reden über einen Menschen, als wäre er gewöhnliche Fracht.“
König antwortete nicht.
Ward zog den freien Stuhl heran und setzte sich diesmal direkt ihm gegenüber, langsam, ohne Hast, ohne auch nur zu versuchen, das leise Kratzen des Stuhls auf dem Boden zu vermeiden. Er verschränkte die Hände auf dem Tisch und musterte König, bis dieser schließlich den Blick senkte.
„Herr König“, sagte Ward dann ruhig. „Ich sage Ihnen jetzt, was ich glaube. Ich glaube, Sie verstehen noch immer nicht, in welcher Lage Sie sich tatsächlich befinden. Sie glauben immer noch, Sie könnten mit kleinen Informationshappen handeln und dafür auf Nachsicht hoffen. Aber das hier ist keine Steuerprüfung und kein gewöhnliches Drogendelikt. Es geht um eine transnationale Terrorstruktur, um Menschenversuche und um einen Mann, der nach allem, was wir bisher wissen, eine Schlüsselrolle in einem Vorgang spielt, den Sie nicht einmal ansatzweise überblicken.“ Er machte eine Pause, gerade lang genug, damit jedes einzelne Wort sacken konnte. „Deshalb stellen wir Ihnen jetzt die entscheidende Frage. Und ich rate Ihnen dringend, darauf eine brauchbare Antwort zu geben.“
König hob langsam den Blick. Ward beugte sich ein Stück vor. „Warum wollte Mister White Sinan Allaoui?“
Zum ersten Mal brauchte König spürbar länger, um zu antworten. Sein Kiefer arbeitete, seine Hände hörten auf, sich zu bewegen. Für ein paar Sekunden war nur das gleichmäßige Summen der Lüftung im Raum zu hören.
Dann sagte er leise: „Nicht wegen Sinan selbst.“
Im Beobachtungsraum richtete Samuel sich unwillkürlich auf. Ward blieb vollkommen reglos. „Sondern?“
König atmete flach. „Wegen dem, was in ihm zurückgeblieben ist.“
Mateos Blick wurde merklich härter. „Präzisieren Sie das.“
„White hat es nie direkt erklärt.“ König schluckte schwer. „Aber er hat einmal gesagt, dass Sinan nach dem Kontakt mit dem Lumpanid kein normaler Deviant mehr sei. Dass man ihn als reine Form sehen könnte.“ Er ist schnell, stark, regeneriert sein Leben und kann Stein kontrollieren. Er ist eine verdammte Massenvernichtungswaffe. Diese Stärke ist neu, und Mr. White wollte sie verstehen lernen. Er nennt ihn Rasun, das ist in seiner Kultur ein Name für Dämon.“
Im Raum wurde es vollkommen still. Samuel spürte, wie sich ihm unwillkürlich die Nackenhaare aufstellten.
„Was genau wollte er verstehen?“, fragte Ward.
„Ich weiß es nicht.“ König schüttelte hektisch den Kopf. „Ich schwöre, ich weiß es wirklich nicht. White war überzeugt, dass Amir Zugang zu etwas hat. Genau dafür brauchte er ihn lebend.“
Mateo richtete sich langsam auf. Sein freundlicher Ausdruck war inzwischen vollständig verschwunden. „Und deshalb haben Sie ihn festgeschnallt und psychologisch zerlegt?“
König schloss kurz die Augen. „Ich sollte ihn nur gefügig halten, mehr nicht. White sagte, wenn Amir zu früh stirbt, wäre alles verloren.“
Ward stand wieder auf.
„Wann kommt White zurück?“, fragte Ward.
König zögerte zu lange. Mateo beugte sich erneut über den Tisch. „Falscher Zeitpunkt für eine Denkpause.“
„Morgen“, presste König hervor. „Er wollte morgen wiederkommen, mit zwei Leuten. Mehr weiß ich wirklich nicht.“
Sie verließen den Befragungsraum und erst, als sich die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss gelegt hatte, fiel ein Teil der angespannten Stille von ihnen ab. Samuel hatte das gesamte Verhör hinter der verspiegelten Scheibe verfolgt und wartete bereits im Beobachtungsraum. Als Ward und Mateo eintraten, löste er sich von der Wand und warf noch einen letzten Blick durch das Glas auf Michael König, der noch immer allein am Metalltisch saß.
„Ganz schön gesprächig“, sagte Samuel.
Ward nickte knapp. „Ja, zu gesprächig.“ Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Bart und sah noch einmal durch die Scheibe in den Befragungsraum hinein. „Das bedeutet meistens, dass jemand seine eigenen Chancen sehr genau kalkuliert hat.“
Mateo schnaubte leise. „Oder dass er schlicht panisch ist.“
„Nein“, sagte Ward ruhig. „Nicht König. Der Mann ist kein Kämpfer, aber auch kein Idiot. Er weiß genau, dass er mit einem Teilgeständnis am Ende besser fährt als mit einer Mauer aus Schweigen.“ Sein Blick blieb auf Michael König liegen. „Wenn seine Anwälte etwas taugen und wir ihm keine direkte Beteiligung an den Experimenten oder dem Angriff auf Takashi nachweisen können, steht er in ein paar Wochen wieder draußen.“
Samuel verschränkte die Arme. „Das weiß er.“
„Natürlich weiß er das.“
Ward klang dabei nicht verärgert, sondern müde, als hätte er dieses Spiel bereits viel zu oft erlebt, um sich noch ernsthaft darüber aufzuregen.
Samuel nickte langsam. „Dann habe ich wohl Feierabend.“
Mateo warf ihm einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts dazu. Ward hingegen blieb mitten im Raum stehen. Für einen Moment wirkte es, als würde er abwägen, ob er überhaupt noch etwas sagen sollte. Dann drehte er sich ganz zu Samuel um.
„Du hörst wirklich auf, oder?“
Samuel antwortete nicht sofort.
Ward trat einen halben Schritt näher. „Ich meine es ernst, Samuel. Wenn du es dir noch einmal anders überlegst, komm zu mir.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Bei Section Shield bekommst du jederzeit einen Platz. Du kennst unsere Abläufe und die Leute. Du hast in den letzten Jahren oft genug bewiesen, dass du in Situationen, in denen andere längst aussteigen würden, einen kühlen Kopf behältst.“
Mateo hob leicht eine Augenbraue, sagte aber auch jetzt nichts dazu. Offenbar hatte selbst er nicht erwartet, dass Ward dieses Thema hier und jetzt tatsächlich ansprechen würde. Samuel sah den älteren Mann einige Sekunden lang schweigend an.
„Danke, Robert“, sagte Samuel schließlich. „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“
Ward nickte nur. Dann streckte Ward ihm die Hand hin. Samuel ergriff sie. Der Händedruck war fest und kurz.
„Pass auf dich auf“, sagte Ward.
Samuel ließ seine Hand los. „Du kennst mich.“
„Leider.“
Mateo grinste schwach. „Das war fast schon rührend.“
Samuel warf ihm einen kurzen Blick zu. „Fast.“
Damit war eigentlich alles gesagt.
Wenige Minuten später verließ Samuel das Büro von Section Shield in Miami. Der Kontrast zu den sterilen Fluren des Komplexes traf ihn jedes Mal aufs Neue, wenn sich die letzte Sicherheitstür lautlos hinter ihm schloss. Draußen schlug ihm feuchte Abendluft entgegen, warm, schwer und salzig vom nahen Atlantik. Die Sonne war bereits vor einer Weile untergegangen, doch die Hitze des Tages hing noch immer zwischen den Hochhäusern und spiegelte sich in den glänzenden Fassaden der Stadt.
Von der erhöhten Zufahrtsstraße aus konnte er die Lichter Miamis sehen: endlose Reihen aus Neonlichtern, Scheinwerfern und beleuchteten Fenstern, die sich bis hinunter zum Wasser zogen. Unten rauschte der Verkehr gleichmäßig und anonym über die breiten Straßen, als gäbe es in dieser Stadt nichts Dringenderes, als nach Hause oder in die nächste Bar zu gelangen.
Samuel zog den Ärmel seines Hemdes leicht zurück und aktivierte seinen Synect. Das Implantat reagierte augenblicklich: Ein kaum spürbares Vibrieren lief über die Innenseite seines Handgelenks, dann entfaltete sich das Interface als halbtransparentes Lichtfeld über seiner Haut. Schmale Linien und Datenfenster glitten in sein Sichtfeld. Nachrichten, Einsatzprotokolle, ein Dutzend verpasster Meldungen, biometrische Daten, Reiseoptionen, interne Verschlüsselungskanäle. Er ignorierte fast alles davon.
Das Synect war ein von Pretorius Tech entwickeltes, implantiertes Multifunktionsgerät, das im Unterarm eingelassen wurde und die zentralen Funktionen eines gewöhnlichen Smartphones übernahm. Es diente als Kommunikations-, Navigations- und Dateninterface in einem und verband den Träger direkt mit den digitalen Netzwerken der Welt. Darüber hinaus fungierte Synect als Steuer- und Kontrollmodul für Nanotechnik, indem es deren Systeme in Echtzeit überwachte, konfigurierte und bei Bedarf aktivierte.
Das holografische Interface reagierte sofort. Das blasse Licht spiegelte sich für einen kurzen Moment auf seiner Haut, bevor die Verbindung aufgebaut wurde. Zwei Töne später wurde der Anruf bereits angenommen.
„Hey, Jarred. Buch mir den nächsten Flug von Miami nach Hause.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
„Natürlich, Samuel“, kam die Antwort ohne jedes Zögern. „Wir freuen uns auf dich.“
„Wie schnell geht es?“, fragte Samuel schließlich.
Im Hintergrund hörte er leises Tippen. „In fünfeinhalb Stunden geht ein Direktflug.“
Samuel dachte nicht lange nach. „Nehme ich.“
„Schon erledigt.“
Samuel verzog leicht den Mund. Jarred hatte die Buchung vermutlich bereits abgeschlossen, noch bevor Samuel geantwortet hatte.
„Fahrzeug zum Flughafen?“
„Wird organisiert. Ich schicke dir die Daten aufs Synect. Terminalzugang, Gatefreigabe und Identpaket sind in etwa zwei Minuten bei dir.“
„Danke.“
„Kein Problem.“
Nach einer weiteren kurzen Pause wurde Jarreds Stimme spürbar ruhiger. „Ist wirklich alles durch?“
Samuel sah in die warme Nacht von Miami hinaus, auf die vorbeiziehenden Scheinwerfer und die dunklen Glasfassaden der umliegenden Hochhäuser. „Ich hoffe es“, sagte er schließlich.
Jarred antwortete nicht sofort. „Dann sorgen wir dafür, dass du erst einmal nach Hause kommst.“
„Melde dich, wenn sich etwas ändert“, sagte Samuel.
„Mach ich. Gute Reise.“
Die Verbindung brach ab. Das Lichtfeld des Synect schrumpfte zusammen und blieb als schmale Statusanzeige über seinem Handgelenk zurück. Eine Sekunde später erschien die Bestätigung von Jarred: Flugnummer, Abflugzeit, Sicherheitsfenster und Fahrzeugkennzeichnung waren übersichtlich aufgelistet, wie man es von Jarred nicht anders erwarten konnte.
Samuel ließ den Arm sinken. Er hatte sein Ticket. In wenigen Stunden würde er in einer Maschine sitzen, Miami endgültig hinter sich lassen und zum ersten Mal seit langer Zeit nicht dem nächsten Ziel hinterherjagen, sondern schlicht nach Hause fliegen.




Kommentare
Kommentar veröffentlichen