Kapitel 2 - Berlin




In seinem Ohr knackte es leise. „Der Kontakt sollte jeden Moment an deiner Bar auftauchen“, meldete sich Warren. Er saß zu diesem Zeitpunkt mehrere Kilometer entfernt in einem Überwachungsfahrzeug. Doch dank des Synect-Systems in Samuels Arm konnte er alles sehen.
„Takashi sichert den Bereich vor dem Club“, fügte Warren nach einer kurzen Pause hinzu. „Bis jetzt keine Auffälligkeiten.“
Samuel ließ seinen Blick weiter über die Bar wandern. Einige Gäste diskutierten lautstark über die Musik, andere flirteten miteinander oder starrten gebannt auf ihre Smartphones, als gäbe es außerhalb der kleinen Displays nichts Interessantes. Auf einem Barhocker saß Mateo, der den eigentlichen Einsatz für die letzten paar Minuten offenbar vollständig vergessen zu haben schien. Gerade hob er sein Glas und leerte einen doppelten Rum in einem einzigen, geübten Zug.
Samuel schüttelte innerlich den Kopf. Mateo behauptete zwar bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, Alkohol würde seine Reaktionsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigen, doch im gesamten Team glaubte ihm das niemand.
„Cross Seven?“
Die Stimme kam plötzlich von rechts, ruhig und beherrscht, kaum lauter als nötig, um die Musik zu übertönen.
Samuel drehte den Kopf. Vor ihm stand ein Mann Mitte dreißig, ein Meter fünfundachtzig groß, athletisch gebaut und auffallend gepflegt. Sein hellblondes Haar war sorgfältig frisiert, und sein maßgeschneiderter, dunkler Anzug ließ ihn eher wie einen erfolgreichen Geschäftsmann auf dem Weg zu einem wichtigen Termin wirken als wie jemanden vom Nachrichtendienst, der mitten in der Nacht in einem Club auftauchte.
Samuel musterte ihn einen Moment lang, bevor er antwortete. „Adam Blake?“
Der Mann nickte knapp. „Ja.“ Seine Stimme blieb dabei vollkommen ruhig und kontrolliert, ohne jede unnötige Betonung. „Die EID ist jetzt vor Ort. Wir können König einen Besuch abstatten.“
Samuel bemerkte sofort die professionelle Art dieses Mannes. Er gab Mateo ein kurzes, unmissverständliches Zeichen. Dieser stellte sein inzwischen leeres Glas ab und erhob sich sichtlich widerwillig vom Barhocker, als würde es ihn Überwindung kosten, die warme, laute Atmosphäre der Bar zu verlassen.
„Schon vorbei?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen.
„Du wirst es überleben.“
„Das hoffe ich doch sehr.“
Gemeinsam verließen sie die Bar und folgten Blake durch den dicht gefüllten Club. Der Weg führte quer durch die Menschenmenge. Feiernde drängten von allen Seiten gegen sie, während die Musik noch lauter wurde, als sie an der Tanzfläche vorbeigingen. Stroboskoplichter zuckten durch die Dunkelheit und verwandelten die gesamte Umgebung in eine Folge abgehackter, kurzer Momentaufnahmen, in denen Gesichter und Bewegungen immer wieder wie eingefroren wirkten.
Samuel blieb dabei die ganze Zeit über aufmerksam. Seine Augen wanderten fast automatisch über die Gesichter der Gäste, die Eingänge und die erhöhten Plattformen entlang der Wände.
Schließlich erreichten sie einen abgesperrten Bereich am hinteren Ende des Clubs. Eine breite Treppe führte in ein oberes Stockwerk, das auf den ersten Blick deutlich luxuriöser wirkte als der Rest der Icebox: gedämpfteres Licht und spürbar weniger Trubel. Vor dem Zugang zu diesem Bereich stand ein Türsteher, dessen bloße Erscheinung ausreichte, um jeden Zweifel an seiner Aufgabe zu beseitigen. Der Mann war gewaltig, über zwei Meter groß, mit breiten Schultern und Armen, die eher an Baumstämme erinnerten als an menschliche Gliedmaßen. Sein schwarzes Hemd spannte sich sichtbar über der massiven Muskulatur.
Als sich die kleine Gruppe näherte, verschränkte der Türsteher die Arme vor der Brust und sagte: „Hier beginnt der VIP-Bereich.“ Seine tiefe Stimme klang dabei wie eine unmissverständliche Warnung. „Privater Zugang.“
Mateo warf einen Blick hinauf zu dem Mann und schien von dessen schierer Größe beeindruckt zu sein. „Du könntest auch einfach ‚Guten Abend‘ sagen“, bemerkte Blake trocken.
Der Türsteher ignorierte ihn jedoch und richtete seinen starren Blick auf Blake, der einen Schritt vortrat.
„Wir haben eine Einladung“, sagte er. Anschließend zog er langsam seinen Dienstausweis hervor und hielt ihn deutlich sichtbar hoch. Für einen Moment musterte der Türsteher das Dokument aufmerksam, dann wanderte sein Blick zu Samuel und schließlich zu Mateo. In diesem Augenblick veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Der Mann sagte nichts mehr, sein Gesicht blieb weiterhin vollkommen regungslos. 
Nach wenigen Sekunden trat der Hüne schließlich zur Seite. „Dritte Tür links.“
Adam Blake nickte knapp. „Danke.“
Gemeinsam betraten sie den VIP-Bereich. Wenn Blake mit seinen Informationen recht behielt, würden sie dem König in wenigen Minuten direkt gegenüberstehen. 

Adam Blake führte sie durch einen schmalen Korridor hinter dem VIP-Bereich. Am Ende des Ganges führte eine schmale Treppe hinunter in einen abgeschirmten Bereich des Gebäudes. Dort wartete bereits Michael König. Der Mann wirkte dabei erstaunlich gelassen, fast so, als hätte er mit diesem Besuch längst gerechnet. Er trug einen teuren, dunklen Anzug, sein Haar war sorgfältig frisiert, und er musterte die kleine Gruppe mit einem höflichen Lächeln auf den Lippen.
„Guten Abend“, sagte er freundlich und beinah beiläufig. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Blake antwortete nicht. Stattdessen zog er wortlos den Durchsuchungsbefehl hervor und hielt ihn Michael König direkt vor das Gesicht. Königs Lächeln verlor in diesem Moment merklich an Stärke.
Blake hob die Hand und gab ein kurzes, knappes Signal. Die Reaktion darauf erfolgte augenblicklich. Mehrere Türen wurden gleichzeitig aufgestoßen, und Agenten der EID strömten aus allen Richtungen in das Gebäude. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte sicherten die Korridore, durchsuchten systematisch die Räume und kontrollierten sämtliche Ausgänge. Über Funk überschlugen sich die Meldungen.
„Bereich eins gesichert.“ – „Ostflügel sauber.“ – „Drei Personen in Gewahrsam.“ „Serverraum lokalisiert.“
Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der einst so exklusive Rückzugsort in einen regelrechten Tatort verwandelt. König blickte sich hastig um, und zum ersten Mal verschwand die Gelassenheit vollständig aus seinem Gesicht. Samuel beobachtete ihn dabei genau. Er erkannte weder Angst noch Panik in Königs Zügen.
Minuten vergingen, in denen Agenten durch die Korridore liefen, Türen öffneten, Dokumente beschlagnahmten und Computer sicherstellten. Dann ertönte plötzlich eine aufgeregte und drängende Stimme aus einem der Nebenräume.
„Sir! Sie sollten sich das ansehen!“
Blake und Samuel warfen sich einen kurzen, wissenden Blick zu, bevor sie der Stimme sofort folgten. Ein Agent stand vor einer massiven Wandverkleidung aus dunklem Holz. Offenbar hatte er dort etwas entdeckt.
„Hier“, sagte er und zeigte auf einen kaum sichtbaren Schalter. Er war fast unmöglich zu erkennen, wenn man nicht gezielt danach suchte.

Mit einem leisen Klicken betätigte er den Mechanismus. Für einen kurzen Moment geschah zunächst gar nichts. Dann setzte sich ein Teil der Wand langsam in Bewegung. Dabei rieselte Staub aus den alten Fugen, und dahinter erschien nach und nach ein bislang völlig verborgener Raum. Adam Blake drehte sich langsam um und blickte direkt auf Michael König. Das höfliche Lächeln des Clubbesitzers war inzwischen endgültig verschwunden.
„Festnehmen“, sagte Blake. Die Anweisung kam ruhig.
Zwei Agenten reagierten sofort. Sie packten König, drehten ihn ohne Umschweife herum und drückten ihn innerhalb weniger Sekunden zu Boden. Handschellen klickten hörbar.
Samuel betrat derweil den versteckten Raum. Zuerst traf ihn der Geruch: eine unangenehme Mischung aus Schweiß, kaltem Metall und abgestandener Luft. Sie signalisierte ihm, dass hier seit langer Zeit niemand mehr für frischen Durchzug gesorgt hatte. Dann sah er die Konstruktion.
Mitten im Raum stand ein metallisches Gestell, in dem ein Mann fixiert war. Sein Kopf hing erschöpft nach vorne, seine Haut war auffällig blass und ein dichter, dunkler Vollbart bedeckte einen Großteil seines Gesichts. Seine Kleidung war verschmutzt und wirkte, als hätte er sie seit vielen Tagen ununterbrochen getragen. Der Mann hatte eindeutig südländische Wurzeln, doch das war in diesem Moment nicht entscheidend.
Samuel erkannte das Gestell sofort. Vor Jahren hatte er während einer Spezialschulung Aufnahmen solcher Konstruktionen gesehen, jedoch nie mit der Vorstellung, so etwas jemals mit eigenen Augen zu erleben. Es handelte sich um psychologische Folter: keine offensichtlichen Verletzungen, keine Schläge, keine sichtbaren Wunden – und dennoch äußerst effektiv, geradezu perfide in ihrer Wirkung.
Die Konstruktion nahm dem Opfer jede Orientierung. Die Arme und Beine waren in unnatürlichen Positionen fixiert, sodass der Körper den Kontakt zu einem festen Standpunkt dauerhaft verlor und das Gleichgewichtssystem des Gehirns vollständig aus dem Takt geriet. Stunden wurden zu Tagen, Tage zu einer endlosen Abfolge von Verwirrung, Erschöpfung und Orientierungslosigkeit, bis der Verstand schließlich nachgab. Die Menschen verloren so ihr Zeitgefühl, ihre Sicherheit, ihre Identität und schließlich auch ihren Widerstand.
„Verdammte Scheiße“, murmelte einer der Agenten leise, kaum in der Lage, diesen Anblick zu verarbeiten.
Samuel trat näher heran. Der Gefangene hob langsam den Kopf. Seine Augen waren stark gerötet, übernächtigt und erschöpft.
„Lösen Sie ihn“, befahl Blake knapp.
Sofort machten sich zwei Agenten an den Verschlüssen des Gestells zu schaffen. Mehrfach klickte es, die Halterungen öffneten sich nacheinander und der Mann sackte beinahe augenblicklich in sich zusammen. Samuel konnte ihn im letzten Moment auffangen. Offensichtlich waren seine Muskeln über Stunden, vielleicht sogar Tage hinweg, kaum bewegt worden. Jede Anspannung schien ihm die letzte Kraft zu rauben.
„Ganz ruhig“, sagte Samuel leise, während er den Mann stützte.
Der Gefangene blinzelte mehrmals gegen das grelle Licht und wandte seinen unsicheren Blick zwischen Samuel und Blake hin und her. Er schien einen Moment zu brauchen, um die veränderte Situation zu begreifen. Dann blieb sein Blick an den EID-Abzeichen hängen, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich spürbar. Nur für einen kurzen Augenblick war Erleichterung zu erkennen, dann verschwand sie ebenso schnell wieder. Danach blickte er über Samuels Schulter hinweg direkt auf den mittlerweile gefesselten Michael König, und die Wut kehrte augenblicklich mit noch größerer Härte zurück.
„Ihr hättet früher kommen sollen“, sagte er mit rauer, brüchiger Stimme.
Im Raum wurde es für einen langen Moment vollkommen still. Samuel hatte das unangenehme Gefühl, dass dieser Mann weit mehr wusste, als sie bisher angenommen hatten.

Wenige Stunden später stand Samuel im Korridor des EID-Komplexes und beobachtete, wie die Sanitäter den Mann auf einer Trage an ihm vorbeischoben. Die Rollen quietschten dabei leise auf dem makellos sauberen, glänzenden Boden. Mehrere Ärzte begleiteten die Trage in dichter Formation und überprüften fortlaufend die Anzeigen ihrer mitgeführten Geräte, ohne den Blick auch nur einen Moment lang von den Werten abzuwenden.
Der stechende Geruch von Desinfektionsmitteln lag schwer in der Luft, wie in jedem Krankenhaus, das Samuel je betreten hatte. Hinter den großen Panzerglasscheiben zu beiden Seiten des Korridors waren weitere Sicherheitsbereiche zu erkennen. Türen öffneten und schlossen sich nur nach erfolgreicher biometrischer Freigabe. Bewaffnete Sicherheitskräfte standen reglos an strategischen Punkten des Gebäudes verteilt. Die gesamte Anlage wirkte auf Samuel wie eine seltsame Mischung aus Militärbasis, Forschungseinrichtung und Hochsicherheitsgefängnis – alles unter einem einzigen Dach vereint.
Samuel räusperte sich. Die letzten vierundzwanzig Stunden hatten spürbar ihre Spuren hinterlassen.
„Wie ist der Plan?“, fragte er schließlich mit leicht heiserer Stimme.
Adam Blake verschränkte die Arme und blickte der Trage nachdenklich hinterher. „Der Mann wird in die Vereinigte Republik verlegt.“
„Direkt?“
„Direkt.“
Samuel nickte langsam. Das überraschte ihn nicht sonderlich. „Dort befinden sich die einzigen Anlagen, die mit jemandem wie ihm dauerhaft umgehen können“, erklärte Blake sachlich, während sie den Korridor entlanggingen. „Nach dem Chinesisch-Japanischen Krieg ist die gesamte asiatische Infrastruktur praktisch kollabiert. Die politischen Nachfolgestaaten kämpfen bis heute mit den Folgen dieses Zusammenbruchs. Forschungseinrichtungen wurden zerstört oder vollständig aufgegeben. Die meisten der früheren Programme existieren schlicht nicht mehr.“
Hinter ihnen verschwanden die Ärzte mit dem Mann hinter einer schweren Sicherheitsschleuse.
„Und Europa?“, fragte Samuel nach.
Blake lachte kurz und humorlos auf. „Europa hat andere Probleme.“
Samuel musste nicht weiter nachfragen, denn allen in diesem Korridor war klar, was damit gemeint war. „Interne Machtkämpfe. Nationale Blockbildungen. Wirtschaftliche Krisen. Rechtsextremisten“, zählte Blake auf und seine Stimme wurde dabei zunehmend nüchterner. „Und währenddessen haben die ehemaligen Vereinigten Staaten und Russland jahrzehntelang beharrlich ihre eigenen Interessen verfolgt, ohne echte Rücksicht auf den Rest der Welt.“
„Das klingt wie ein diplomatischer Bericht“, bemerkte Samuel trocken.
„Das ist die höfliche Version.“
Mateo grinste breit. „Die unhöfliche Version würde wahrscheinlich einen ganzen Aktenordner füllen.“
„Mindestens zwei“, fügte Blake mit einem kaum sichtbaren Lächeln hinzu.
Sie erreichten eine große Glasfront, die einen weiten Blick auf den Innenhof der Anlage freigab. Mehrere Hubschrauber standen startbereit auf den Landeflächen. Techniker arbeiteten konzentriert an verschiedenen Fahrzeugen. Überall herrschte geschäftiges, aber geordnetes Treiben. Samuel beobachtete die Szenerie einige Sekunden lang schweigend, bevor er den Blick wieder auf Blake richtete.
„Hat niemand nach ihm gesucht?“, fragte er schließlich.
Blake blieb stehen, und seine Antwort wirkte zum ersten Mal merklich nachdenklicher. „Doch.“
Samuel hob fragend eine Augenbraue.
„Mehrere Gruppen sogar“, ergänzte Blake.
„Und?“
„Die meisten wussten nicht einmal, wonach sie eigentlich genau suchten.“ Blake zog ein Tablet hervor und öffnete mit routinierten Fingerbewegungen einige Dateien. „Der Mann ist kein gewöhnlicher Deviant. Seine Akte taucht seit Jahren immer wieder an den unterschiedlichsten Orten auf. Mal in Nordafrika, mal auf dem Balkan, dann wieder in Südamerika. Und jedes Mal verschwinden Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld. Terrororganisationen, Geheimdienste und private Militärunternehmen interessieren sich für ihn.“
„Und trotzdem landet er im Folterkeller eines Berliner Clubbesitzers“, stellte Samuel fest.
„Genau das macht uns erhebliche Sorgen“, gab Blake zu.
Mateo verschränkte ebenfalls die Arme. „Weil das schlichtweg keinen Sinn ergibt.“
„Richtig“, bestätigte Blake und vergrößerte ein Foto auf seinem Bildschirm, das Michael König zeigte. „König war kein Spieler auf diesem Niveau, das steht fest.“
„Dann hatte er Hilfe“, folgerte Samuel.
„Davon gehen wir mittlerweile aus.“
Für einige lange Sekunden herrschte betretenes Schweigen zwischen ihnen.
„Und was passiert, wenn er wieder bei Kräften ist?“, wollte Samuel wissen.
Blake schaltete das Tablet aus. „Dann beginnen die Befragungen.“
„Freiwillig?“
„Das hängt ganz davon ab, wie kooperativ er sich zeigt.“
Mateo schnaubte leise. „Großartig. Wir jagen monatelang einen einzigen Mann quer über zwei Kontinente, befreien ihn schließlich aus einem geheimen Verlies, und jetzt kommt erst der eigentlich unangenehme Teil.“
Samuel blickte durch die Glaswand auf die startbereiten Transportmaschinen hinaus. 

„Seine Schwester Adaja Allaoui sagte, dass er vor viereinhalb Jahren einen Abschiedsbrief hinterlassen hat“, erklärte Blake, während sie den Korridor entlanggingen.
„Gar nichts?“
„Nichts Belastbares, jedenfalls nicht das, was wir bisher in Erfahrung bringen konnten.“ Blake aktivierte erneut sein Tablet.
„Bei der Untersuchung des Wissenschaftszentrums haben wir lediglich unkommentierte Videoaufzeichnungen gefunden. Darauf sind die ersten Kontakte mit dem Lumpanid dokumentiert und man sieht außerdem die ersten Veränderungen und die daraus entstandenen Fähigkeiten.“
„Wer hat die Aufnahmen gemacht?“
„Unklar, bislang jedenfalls.“
„Und Ton?“
Blake schüttelte den Kopf. „Kein Ton, keine Interviews, keine Protokolle, keine weiteren Personen im Bild. Nur der Mann, von dem wir vermuten, dass er es ist.“
Mateo verzog sichtlich das Gesicht. „Das klingt für mich entweder nach wissenschaftlicher Nachlässigkeit oder nach jemandem, der ganz bewusst Spuren beseitigt hat.“
„Unsere Analysten tendieren mittlerweile deutlich zur zweiten Möglichkeit“, gab Blake zu.
Samuel dachte kurz nach, während sie weitergingen. 
Im selben Moment überschlugen sich mehrere Stimmen.
Samuel blieb sofort stehen, jeder Muskel angespannt. Auch Blake reagierte augenblicklich, sein Körper straffte sich merklich.
„Was war das?“, fragte Samuel scharf.

Samuel, Blake und Mateo setzten sich sofort in Bewegung, ohne ein weiteres Wort zu wechseln. Innerhalb von Sekunden rannten sie die Treppen hinauf, während bereits Agenten aus verschiedenen Korridoren herbeiströmten und mehrere Sicherheitskräfte ihre Waffen zogen. Alle waren bereit für alles.
Als sie die obere Ebene erreichten, wurde das Ausmaß des Chaos sofort sichtbar. Das eigentliche Zentrum der Unruhe lag jedoch unmittelbar vor dem Haupteingang.
Samuel drängte sich energisch durch die Menge, bis er schließlich Takashi Ito entdeckte. Der Agent lag auf dem Boden, sein gesamter Körper zuckte dabei vollkommen unkontrolliert. Seine Arme und Beine schlugen hart gegen den Asphalt. Diese Bewegungen wirkten fundamental falsch, ganz und gar nicht wie gewöhnliche Krampfanfälle. Mehrere EID-Agenten versuchten, deutlichen Abstand zu ihm zu halten. Ihre Gesichter waren von unverhohlenem Entsetzen gezeichnet.
„Jemand hat auf ihn geschossen!“, rief einer der Umstehenden panisch.
Samuel kniete sich sofort neben Takashi und erkannte auf den ersten Blick die Einschussverletzung an dessen Schulter. Doch etwas anderes ließ ihm in diesem Moment das Blut in den Adern gefrieren. Takashis rechter Arm bewegte sich plötzlich viel zu schnell und viel zu unnatürlich. Es war kein gewöhnliches Muskelzucken, sondern es wirkte, als würde der Arm einzelne Bilder einer Videoaufnahme überspringen. Dann verdrehte sich sein Handgelenk in einem vollkommen unmöglichen Winkel, der jeder anatomischen Logik widersprach.
Mehrere Agenten wichen erschrocken zurück. „Verdammt“, murmelte Mateo leise neben Samuel.
Auch Takashis Beine begannen zu zucken und seine Bewegungen wurden dabei zunehmend hektischer und schneller, als würde sein gesamtes Nervensystem in diesem Moment vollständig außer Kontrolle geraten. 
Blake erkannte es offensichtlich im selben Moment. „Satoshi!“, rief er, und seine Stimme durchschnitt den allgemeinen Lärm wie ein scharfes Messer. „Sofort herkommen!“
 Satoshi kam sofort und reagierte ohne jede erkennbare Verzögerung. „Bereich räumen! Sofort!“
Mehrere Mediziner rannten daraufhin unverzüglich heran. Einer von ihnen öffnete bereits im Laufen einen Koffer mit hochspezialisierter Ausrüstung. Samuel beobachtete fassungslos, wie Takashis Bewegungen immer extremer wurden. Seine Finger trommelten innerhalb einer Sekunde dutzende Male gegen den harten Boden und seine Muskeln arbeiteten mit einer Geschwindigkeit, die biologisch eigentlich unmöglich sein sollte.
„Herzfrequenz steigt!“, rief jemand. „Neurologische Aktivität explodiert!“ „Wir verlieren die Kontrolle!“
Isagi kniete sich sofort neben Takashi. „Medi-Kokon. Sofort!“
Innerhalb weniger Augenblicke wurde ein länglicher Behälter herangeschafft, der wie eine seltsame Mischung aus Rettungskapsel und medizinischer Notfallausrüstung aussah.






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