Kapitel 122 - Der Anwalt
Der Tag des finalen Verhandlungstags war windig. Böen zogen durch die Straßen von Saint Veronika. Die Stadt hatte sich stark verändert. Bereiche, die früher unter Wasser standen, waren nun trocken und neu bebaut. Auf die bestehenden Strukturen wurden weitere Ebenen aufgesetzt. Der Stadtkern wuchs in die Höhe und verlor dabei zunehmend seine Identität. Über den Hudson River und den East River wurden Brücken zwischen den Gebäuden gebaut, um zu Fuß die Seiten zu wechseln. Gefühlt blieben nur die Vororte Auburn im Norden und Gothridge im Süden in ihrem ursprünglichen Stil erhalten.
Während Corbin mit Samuel von der CIU zum Gericht unterwegs war, behielten Tavin und Talon aus der Höhe den Transport von Scott Hanley im Blick. Sie bewegten sich über die Dächer und achteten darauf, dass alles ruhig blieb.
„Tavin, was meinst du, wie Samuel auf die Veränderungen reagiert?“, fragte Talon, während sie über die Skyline blickte. „Es gibt keine überfluteten Stadtteile mehr. Alles wurde neu aufgebaut.“ Tavin sprang über eine breite Lücke zwischen zwei Gebäuden und landete sauber auf der anderen Seite. „Samuel kommt damit klar“, sagte er knapp. „Der war zehn Jahre weg. Ein paar Monate hier, dann wieder fünf Jahre im Gefängnis. Für ihn ist sowieso alles anders. Er hatte auch keine Zeit, hier wieder richtig anzukommen.“
Theresa, alias Talon, folgte ihm, sagte aber nichts mehr. In ihrem Kopf blieb der Gedanke hängen, dass Samuel sich trotzdem wieder für diese Stadt einsetzte, obwohl er so lange kein Teil von ihr gewesen war. Dann meldete sich Sebastian über Funk. „Samuels Transporter wurde angegriffen.“
Im selben Moment änderte sich unten auf der Straße alles. Das Taxi, in dem Hanley saß, bremste abrupt. Talon und Tavin konnten nicht einmal auf den Angriff auf Samuel reagieren. Sekunden später flog ein Auto wenige Meter vor ihnen durch die Luft und krachte auf die Straße. Funken sprühten, Trümmer rutschten über den Asphalt. Aus Beobachtung wurde innerhalb eines Augenblicks ein Einsatz.

Talon reagierte sofort. Sie sprang von der Kante, aktivierte ihre Gleiter und ließ sich kontrolliert nach unten tragen. Der Wind zerrte an ihr, doch sie hielt die Richtung und hatte die Kreuzung schnell im Blick. Unten beschleunigte das Taxi und der Fahrer versuchte panisch, aus der Gefahrenzone zu kommen.
„Ich folge dem Taxi, T.“, meldete Tavin knapp und setzte nach. Er blieb dicht dran, bewegte sich über die Dächer parallel zur Straße und verlor das Fahrzeug nicht aus den Augen. Talon landete hart auf dem Asphalt der Kreuzung, richtete sich schnell auf und blickte in die Richtung, aus der das Auto gekommen war. Für einen kurzen Moment war dort nur Bewegung und Staub, dann erkannte sie die Gestalt.
„Nein, das ist nicht dein Ernst“, rutschte es ihr heraus. „Howl?“
Sie spannte sich an, trat einen Schritt vor und schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kann wirklich nicht sein.“
Howl grinste nur kurz. Im nächsten Augenblick riss sie den Kopf nach hinten und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Die Druckwelle traf die Straße wie eine Explosion. Fensterscheiben barsten, Verkehrsschilder verbogen sich knirschend und der Asphalt platzte in langen Rissen auf. Talon reagierte instinktiv. Sie warf sich zur Seite, rollte über die Motorhaube eines verlassenen Wagens und spürte den Druck trotzdem noch an ihrem Rücken entlangziehen. Der Schallstoß schleuderte Trümmer durch die Luft und ließ eine Ampel umkippen. Kaum war Talon wieder auf den Beinen, folgte bereits der nächste Angriff. Howl bewegte sich überraschend schnell. Seine Schritte waren aggressiv, beinahe tierisch, und jedes Mal, wenn er Luft holte, spannte sich sein ganzer Körper an, als würde sich die nächste Welle in ihm aufbauen.
„Wenn ich das richtig auswerte, T.,“ meldete sich Sebastian erstaunlich ruhig über Funk trotz des Chaos, „Howls Schwachstelle sind die Kniekehlen. Setz dort deinen Schocker an. Ich konnte ihre Bewegungsmuster analysieren.“
„Natürlich habe ich das“, keuchte Talon und duckte sich unter einem weiteren Schallstoß weg.
Die Druckwelle raste nur Zentimeter über sie hinweg und zerfetzte die Reklametafel hinter ihr. Metallteile flogen quer über die Kreuzung. Theresa dachte kurz, dass nun wieder Platz für holografische Werbung war. Talon sprintete los, sprang über einen umgestürzten Wagen und zog dabei bereits eine Betäubungsnadel hervor. Howl bemerkte die Bewegung sofort. Mit einem wütenden Schrei schleuderte sie den nächsten Angriff direkt auf Talon zu.
Der Boden unter Talons Füßen brach auf.
Er verlor kurz das Gleichgewicht, fing sich aber noch im Fallen mit einer Hand am Asphalt ab und stieß sich wieder hoch. Ihr Herz raste. Sie wusste, dass ein direkter Treffer sie gegen die nächste Hauswand schleudern würde.
„Sebastian, bitte hör niemals damit auf, alles und jeden zu analysieren“, sagte sie zwischen zwei Atemzügen und warf die erste Nadel.
Howl wich zu spät aus.
Die Nadel traf ihn knapp unterhalb der Schulter. Ein scharfes Zischen war zu hören, dann spannte sich ihr Körper an. Der Schock zeigte allerdings keine Wirkung. Der nächste Schrei brach ab und wurde zu einem rauen Keuchen. Genau auf diesen Moment hatte Talon gewartet.
Sie setzte sofort nach.
Mit schnellen Schritten lief sie seitlich an Howl vorbei, zwang sie, sich zu drehen, und blieb dabei ständig in Bewegung. Howl riss wütend den Arm hoch und entließ eine unkontrollierte Schallwelle, die mehrere parkende Fahrzeuge erfasste und gegeneinander schleuderte. Alarmanlagen begannen gleichzeitig zu heulen.
Talon nutzte das Chaos.
Sie zog die zweite Betäubungsnadel, rutschte unter einem herumfliegenden Metallteil hindurch und kam tief vor Howl wieder hoch. Für einen Sekundenbruchteil öffnete sich die Deckung.
Der Wurf saß perfekt.
Die Nadel bohrte sich direkt in die Kniekehle, woraufhin ein kleiner Schock sie sichtlich durchzuckte.
Howl schrie vor Schmerz auf. Ihr Bein knickte sofort weg. Die Spannung verließ ihren Körper schlagartig und sie sackte nach vorne. Sie fing sich noch kurz mit den Händen ab, brach dann aber endgültig zusammen.
Talon blieb trotzdem nicht stehen. Sie wusste, dass Leute wie Howl oft gefährlich blieben, selbst wenn sie schon am Boden lagen.
Sofort griff sie nach ihrem Hakengeschoss, klinkte das Stahlseil ein und feuerte auf eines der Dächer über ihnen. Das Geschoss schlug mit einem dumpfen Krachen ein. Gleichzeitig befestigte sie die zweite Sicherung an Howls Körper.
Das Seil spannte sich ruckartig.
Beide wurden nach oben gezogen. Talon schoss zwischen den Häuserwänden empor, während die Kreuzung unter ihr kleiner wurde. Der Wind schlug ihr entgegen, zerrte an ihrer Kleidung und ließ die Geräusche der Straße verschwimmen.
Sekunden später, hunderte Meter höher, krachten sie auf die Dachfläche.
Howl schlitterte zuerst über den rauen Beton, knallte gegen eine Antenne und blieb liegen. Talon landete unsauber daneben, rollte sich mehrfach ab und blieb schließlich keuchend auf dem Rücken liegen. Über ihnen flatterten Laken und Kleidung im starken Wind, während irgendwo eine lose Metallstange gegen einen Mast schlug. Talon blieb einige Sekunden liegen und versuchte, ihren Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Jeder Atemzug brannte leicht in ihrer Brust. Erst als sie sicher war, dass Howl sich nicht mehr bewegte, richtete sie sich langsam auf.
Sie ging zu ihm hinüber, zog ein Paar Handschellen hervor und legte sie ihm an. Das Metall klickte sauber zu. In die Handschellen war ein kleiner Sender eingebaut, der direkt mit dem SVPD verbunden war.
Talon hielt den Daumen kurz über dem Aktivierungsknopf.
Dann stoppte sie.
„Ich habe den Sender noch nicht aktiviert“, sagte sie schließlich und sah Howl direkt an. „Warum hast du das getan?“
Howl hob langsam den Kopf. Mit einer ruhigen Bewegung schob sie sich die Haare aus dem Gesicht. Die junge Frau lächelte leicht.
„Mein ... mein Bruder hat Schulden“, sagte sie ruhig.
Talon blieb still, doch sein Blick veränderte sich. „Wie bitte?“
Howls Lächeln hielt, wenn auch jetzt angespannter. „Mein Bruder hat sich, nachdem er sich verletzt hatte, bei den falschen Leuten Geld geliehen.“ Sie machte eine kurze Pause, als müsste sie selbst sortieren, wie viel sie sagen wollte. „Und jetzt stecke ich da mit drin.“
Sie schluckte, richtete sich langsam wieder auf und wich einen Schritt zurück.
„Howl …“, setzte sie an, brach dann aber ab. Es gab nichts, was sie jetzt sagen konnte, das irgendetwas besser machen würde. Der Wind zog über das Dach, ließ die Wäscheleinen schlagen und füllte die kurze Stille zwischen ihnen.
„Ich muss los“, sagte Talon schließlich knapp und fast zu schnell.
Ohne auf eine Antwort zu warten, trat sie an den Rand des Daches und sprang. Ihre Gleiter griffen sofort, trugen sie vom Gebäude weg und hinein in die offenen Straßenschluchten.
„Hey, komm her, Theresa!“, rief Evelyn ihr zu. Evelyn streckte ihr die Hand entgegen und wartete vor dem Gerichtsgebäude, den Blick fest auf sie gerichtet.
Vor dem Eingang hatte sich bereits eine kleine Gruppe gebildet. Sicherheitskräfte standen verteilt, hielten Abstand und beobachteten die Straße. In der Tür selbst wartete Scott Hanley, angespannt und unruhig, jederzeit bereit, loszugehen. Sein Blick hing an der Zufahrt, als würde er den Transport mit reiner Willenskraft schneller erscheinen lassen. Es war der Tag der Urteilsverkündung nach wochenlangen Verhandlungen.
Dann bog der Gefangenentransporter um die Ecke.
Schon von Weitem war zu sehen, dass etwas nicht stimmte. Die Karosserie war beschädigt, eine Seite war eingedrückt und es zogen sich Rußspuren über das Metall. Das Fahrzeug fuhr langsamer als nötig, sehr vorsichtig, als würde jede Bewegung überprüft werden. Als es schließlich zum Stehen kam, öffneten sich die Türen und Corbin stieg sichtbar mitgenommen, aber auf eigenen Beinen aus. Neben ihm traten Vanguard und Paragon hervor. Zwischen ihnen wurde Samuel nach draußen geführt.
Sein Zustand war stabil, aber die Situation hatte Spuren hinterlassen.
Scott setzte sich sofort in Bewegung. Man konnte sehen, wie er gestikulierte und seine Stimme lauter wurde, auch wenn seine Worte im Durcheinander untergingen.
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