Kapitel 10 - Alteration Tag
„Nitechore?“, fragte die junge blonde Frau, die ihm entgegentrat.
Samuel nickte knapp zur Bestätigung.
„Evelyn Warren. Sie kennen sicher meinen Vater, Jamie.“ Ihre Stimme klang sachlich.
Samuel nickte erneut. „Ja, freut mich, Sie kennenzulernen.“
Ohne weitere Umschweife setzte sich Evelyn in Bewegung. „Folgen Sie mir.“ Sie führte ihn zielstrebig durch das Gewimmel aus zahlreichen Section-Agenten und uniformierten Polizisten, die den gesamten Bereich abgeriegelt hatten. Am Rand der Absperrung drängte sich bereits die Presse. Kameras wurden in die Höhe gereckt, Reporter schrien durcheinander – alle in der Hoffnung, wenigstens einen kurzen Blick oder ein verwertbares Bild zu erhaschen.
Schließlich erreichten sie einen unauffälligen Überwachungsbus, dessen Inneres deutlich technischer wirkte als die schlichte Außenhülle es vermuten ließ. Evelyn führte Nitechore hinein, wo bereits Jamie Warren und Robert Ward mit angespannten, ernsten Mienen auf ihn warteten. Noch bevor eine förmliche Begrüßung stattfinden konnte, kam Warren direkt zur Sache.
„Schauen Sie sich das an.“
Nitechore trat näher an den Bildschirm heran, auf dem das Überwachungsvideo bereits abgespielt wurde. Die Blicke aller im Raum waren auf die flackernden Bilder gerichtet.
Die feierliche Veranstaltung fand direkt am Ort des Einschlags statt, jenem gewaltigen Meteoriten, der im Januar 2034 mitten in Chicago niedergegangen war und die Stadt für immer verändert hatte. Diese Katastrophe, so verheerend sie zunächst gewesen war, hatte auf paradoxe Weise etwas Historisches bewirkt: Sie brachte die zerstrittenen Nationen der Welt wieder an einen Tisch, zwang sie zum Dialog und mündete schließlich in einen brüchigen, aber bis heute anhaltenden Frieden. Nun, viele Jahre später, im Jahr 2052, wurde dieser Tag weltweit als Feiertag begangen – ein jährliches Ritual des Erinnerns und Innehaltens.
Zunächst war nichts Ungewöhnliches zu sehen: Menschen, die fröhlich feierten, lachten und sich unterhielten – ganz die normale, ausgelassene Stimmung eines solchen Gedenktages. Doch dann löste sich plötzlich eine Gestalt aus einer unscheinbaren Ecke des Bildes: ein Mann, knapp über fünfzig, mit vollem Bart und dunklem, ungepflegtem Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war und ihm ein raues, gezeichnetes Aussehen verlieh.
„Das ist Jack R. Cash, ein Sozialarbeiter der Stadt“, kommentierte Jamie mit ruhiger, aber angespannter Stimme. „Er ist in der Gemeinde äußerst beliebt, fast schon eine Art lokale Institution.“
Im nächsten Moment begann der Mann auf dem Video violett zu leuchten. Ein unnatürliches, pulsierendes Licht legte sich um seinen gesamten Körper, während er gleichzeitig vom Boden abhob. Er schwebte schwerelos, als würden die Gesetze der Physik für ihn plötzlich nicht mehr gelten. Aus der Menge löste sich daraufhin ein junger Mann mit braunen Haaren, der eilig auf ihn zulief und aufgeregt auf ihn einredete – offensichtlich in dem verzweifelten Versuch, ihn zu beruhigen.
„Das ist sein Adoptivsohn, Nathaniel Reed“, erklärte Jamie erneut, diesmal eine Spur leiser.
Doch die Worte des jungen Mannes schienen keinerlei Wirkung zu zeigen. Cash wandte sich abrupt seinem Sohn zu und holte ohne Vorwarnung zum Schlag aus. Das violette Leuchten um ihn herum schien sich zu verdichten und seine Bewegung mit einer Kraft zu verstärken, die weit über das hinausging, was ein menschlicher Körper eigentlich hervorbringen konnte. Nathaniel riss instinktiv die Arme schützend nach oben und versuchte, den Schlag mit den Unterarmen abzufangen. Doch in diesem Moment blitzte ein grelles Licht über den gesamten Bildschirm. Die Kamera fiel aus und das Bild erstarrte in einem letzten, verzerrten Standbild aus reinem Weiß.
„Was war das?“, fragte Nitechore plötzlich mit angespannter Stimme. Sein Blick war weiterhin gebannt auf den nun leeren, flackernden Bildschirm gerichtet, als könne er durch bloßes Anstarren noch mehr Antworten aus dem Standbild herauskitzeln.
„Der Kampf hat die Kamera zerstört“, begann Warren, seine Worte sorgfältig gewählt, als versuche er selbst noch, das eben Gesehene in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. „Im Endeffekt hat Cash violette Kräfte gezeigt. Flugfähigkeit, deutlich erhöhte Kraft, alles gleichzeitig und ohne jede erkennbare Vorwarnung. Er wirkte dabei wie im Wahn, völlig außer sich, als hätte er in diesem Moment jegliche Kontrolle über sich selbst verloren.“ Warren rieb sich kurz über die Stirn, bevor er fortfuhr. Offensichtlich war er noch immer schwer beeindruckt von dem, was die Aufnahmen preisgegeben hatten. „Und dann, mitten im Geschehen, fing auch Nathaniel plötzlich an zu leuchten. Er konnte ebenfalls fliegen, genau wie sein Vater. Aus seinen Händen schossen regelrechte Lichtstrahlen, als hätte sich diese Kraft in Sekundenschnelle auf ihn übertragen.“ Er machte eine kurze, bedeutungsschwere Pause, bevor er den entscheidenden Teil seines Berichts hinzufügte. „Noch bevor dieser Vorfall überhaupt begann, wurde Cash von mehreren Passanten in Begleitung eines Fremden gesehen. Dieser Mann stellte sich selbst als Apex vor. Zeugenaussagen zufolge soll er zu Cash gesagt haben, dass er nun endlich erwachen müsse, da die Ernte beginne.“ Warren ließ diese letzten Worte bewusst im Raum stehen, als wisse er selbst nicht genau, was sie zu bedeuten hatten.
Nitechore stand langsam auf.
„Denkst du das Gleiche wie ich?“, fragte Ward, der sich nun ebenfalls vollständig zu ihm umdrehte.
„Wir müssen uns vorbereiten“, antwortete Nitechore knapp. Seine Stimme klang fest und ohne den geringsten Anflug von Zweifel. Er sah abwechselnd zu Warren und Ward, ehe er fortfuhr. „Ich glaube, unsere Probleme werden größer, und wir müssen uns ranhalten. Wie ist der Stand mit den Synect-Rüstungsträgern und den Deviants?“
„Ich glaube, unsere Probleme werden größer und wir müssen uns ranhalten“, sagte Samuel mit fester Stimme und ohne jeden Zweifel. „Wie ist der Stand mit den Synect-Rüstungsträgern und den Deviants?“
Hier ist die überarbeitete und ergänzte Fassung:
Ward schaute kurz auf den Boden, als müsse er die Informationen erst ordnen, bevor er sie aussprach. „Synect-Rüstungen kennen wir bislang nur von dir, von Neslund und von einem Unbekannten in Montevideo namens Redcoat.“ Er hielt kurz inne. „Dazu kommen drei uns bekannte Magieanwender in Europa. Takashi und Sinan werden morgen beide mit ihrem Training beginnen und zählen ab sofort offiziell als Deviants.“ Er atmete kurz durch, bevor er fortfuhr. „Als was Nathaniel Reed letztlich einzuordnen ist, wissen wir allerdings noch nicht genau. Wir haben ihn vorerst in eine Section-Shield-Anlage gebracht, zu der wir gleich gemeinsam mit dir hinfahren werden.“
Ward zögerte kurz, bevor er den letzten Punkt ansprach, fast so, als wisse er bereits, dass dieser Teil seines Berichts auf wenig Begeisterung stoßen würde. „Zu guter Letzt haben wir noch unsere Jackhammer-Truppe. Vier technisch verbesserte Einsatzkräfte – allerdings kann man sie beim besten Willen nicht als Helden vermarkten.“ Er zählte sie der Reihe nach auf, als ginge er eine interne Akte durch. „Bigball kämpft mit einer Stahlkugel an einer Kette – ein reines Nahkampfgerät, brutal, aber effektiv. T-Tons kann mühelos zwei Tonnen stemmen – reine Rohkraft ohne viel Finesse. Highfive schlägt mit der offenen Hand extrem stark zu und löst mit dem bloßen Klatschen seiner Handflächen spürbare Windstöße aus. Und Rush ist groß, schwer und läuft bis zu sechzig Kilometer pro Stunde – schnell genug, um bei einem Aufprall problemlos Stahlträger zu zerstören.“ Er machte eine kurze Pause. „Alles basiert auf Technik, die nach Kampfverletzungen direkt in ihre Körper eingesetzt wurde. Keine eleganten Lösungen, aber zuverlässige.“
Samuel ging ein, zwei Schritte durch den Raum und seine Rüstung knarzte dabei leise bei jeder Bewegung. „An die Magie muss ich mich ehrlich gesagt noch gewöhnen“, gab er zu, mehr zu sich selbst als an Ward gerichtet. Dann wurde sein Tonfall wieder sachlicher, zielgerichteter. „Gibt es noch mehr Soldaten weltweit, die man mit Synect-Rüstungen ausstatten und einsatzbereit machen könnte? Zum Beispiel Ronald Barton oder Mateo Alvarez. Jedes Land wird irgendwo Elite-Kämpfer haben, die für so etwas infrage kommen. Wir müssen global denken.“ Er sah Ward direkt an. „Ich kann über Pretorius Tech weltweit Menschen erreichen, das ist kein Problem. Natürlich nur inoffiziell.“




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