Kapitel 8 - Klassentreffen
Das Motorrad kam am Lewis and Clark Historic Park in Kansas City zum Stehen – zumindest an dem, was von dem Park noch übrig war. Die Bäume standen nur noch als kahl und grau leuchtende Skelette da und der Rasen hatte längst der nackten Erde weichen müssen. Neslund stieg ab, ließ den verbeulten Helm diesmal am Lenker hängen und ging durch den Eingang, vorbei an all dem, was einst grün gewesen war.
Er musste nicht lange suchen. Er sah direkt den Pavillon, zu dem er gewollt hatte: klein und windschief zwischen den toten Bäumen, aber immer noch stehend. Er ging zielstrebig darauf zu und bemerkte schon von Weitem, dass die anderen bereits eingetroffen waren.
„Cross One ist vollständig“, sagte er, als er den Pavillon erreichte. „Zumindest zum Teil“, bemerkte er.
In einer kleinen Runde saßen sie bereits. Daniel Adam, der Bogenschütze des Teams, war wie immer ruhig. Neben ihm saß Sebastian Scott, der Hacker, dessen Finger selbst im Sitzen unruhig wirkten.
„Du bist betrunken, John“, stellte Daniel mit seinem Westküsten-Akzent fest, der seine Worte etwas schwerer klingen ließ, als sie gemeint waren.
„Ist er immer“, fügte Sebastian trocken hinzu, ohne aufzublicken.
„Ja, ich weiß“, sagte John und hob kurz die Hände, fast entschuldigend. „Ich habe euch zusammengerufen ...“
„Um unsere Zeit zu verschwenden“, unterbrach ihn Daniel und verschränkte die Arme. „Ich bin Lehrer und habe eine Tochter, John.“
„Hört mir doch einfach erst mal zu, Leute“, entgegnete John und setzte sich hin. Er warf die Karte auf den kleinen Holztisch in der Mitte des Pavillons, wo sie zwischen ihnen liegen blieb. Sebastian griff als Erster danach, drehte sie kurz im Licht und studierte die Zeilen darauf. „Das sind Koordinaten“, sagte er schließlich. „Die liegen in der Arktis.“
„Du bleibst gruselig“, warf Daniel ihm harsch dazwischen und richtete seinen Blick auf Sebastian.
„Er liest nur Koordinaten“, fügte Neslund hinzu, lehnte sich zurück und lachte leise in sich hinein, als wäre das hier nur ein weiterer gewöhnlicher Abend unter ihnen.
„Was bedeutet die graue Fahne?“, fragte Sebastian laut und hielt dabei die Karte in der Hand.
„Kommt mit“, sagte John mit ruhigerer Stimme. „Diejenigen, die mir die Karte gegeben haben, wurden angegriffen und haben es nicht überlebt.“
Sebastian stand auf, die Karte fest umklammert. „Wenn die versucht haben, dich zu erwischen, dann ...“
„Dann sind wir die Nächsten“, vervollständigte Daniel den Satz, dessen Stimme deutlich ernster klang als noch Sekunden zuvor.
„Wie kommen wir in die Arktis?“, fragte jemand in die Runde.
„Ich kenne einen reichen Typen“, antwortete Sebastian. „Vielleicht kann er helfen.“
John nahm einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann, ließ die Flüssigkeit kurz im Mund kreisen und lachte.
„Ihr bleibt so berechenbar“, sagte er und ließ seinen Blick über die Gesichter der anderen wandern. „Ich vermute, dass wir von Kopfgeldjägern der Greys Probleme bekommen. Allerdings sind sie nur stumpfe Söldner. Erstmal sollten wir herausfinden, was sie tun, nachdem sie uns getötet haben“, analysierte Sebastian. „Beim besten Willen, ihr seid meine Brüder, aber ich muss zurück nach San Francisco. Ich bin nur ein langweiliger Lehrer“, sagte Daniel Adam ganz klar, während er die beiden anderen ansah.
Neslund schaute auf den Boden. „Ist schon gut. Du weißt nun wenigstens Bescheid. Du kannst dich ja verteidigen.“ Dann schaute er Sebastian an. „Bist du noch aktiv als Doctor Echo?”
Er lachte nur.
„Ja, bin ich.”




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